Geschichten aus dem Pflegeheim: Die abwesende Anwesende

„Tagesgruppe Demenz“: morgens zwischen 7:30 und 8:00 treffen nach und nach die Teilnehmer ein, manche alleine, manche begleitet vom Pflegepersonal.

Um 8:15 sind fast alle anwesend; ich habe inzwischen den Tisch eingedeckt, den Frühstückswagen aus der Kantine geholt, den Leuten die Kleiderschutze umgebunden, alle einzeln begrüßt, schon mal Kaffee ausgeschenkt und begonnen, die Brote und Brötchen für diejenigen zu schmieren, die‘s nicht mehr selber können.

So, jetzt kann’s losgehen!“, verkünde ich der Runde, „nur Frau M. fehlt noch.“

Ich auch!“ lässt sich Frau H. vernehmen.

Frau H. ist in letzter Zeit morgens oft extrem durcheinander, weil sie zunehmend Schwierigkeiten hat, Traum- und Wachzustand auseinander zu halten.

Wieso, Sie sind doch da..“ sage ich.

Wo denn?“ fragt Frau H. zurück.

Na hier, direkt vor mir!“, entgegne ich und fasse sie an der Schulter, um sie durch den körperlichen Kontakt vielleicht in die Realität des normalen Wachzustandes zu holen.

Sie stutzt. „Das hat mir ja wieder keiner gesagt!“ ist ihre Antwort.

Wir beschließen gemeinsam, dass erstmal eine Tasse Kaffee getrunken werden muss, bevor die Frage ihrer An- oder Abwesenheit endgültig geklärt werden kann.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Weihnachtsfeier

Dritte Wohnbereichs-Weihnachtsfeier in dieser Woche. Der große Speisesaal ist festlich geschmückt und gefüllt mit Bewohnern, Angehörigen und Heim-Personal. Heute hält ein katholischer Pfarrer die Andacht und salbadert affektiert und auf Wirkung bedacht seine auswendig gelernt wirkenden frommen Sprechblasen daher.

“Gott ist Mensch geworden, das Wort ist Fleisch geworden, der Erlöser ist geboren” usw. Wenn es überhaupt einen vielleicht allegorischen, symbolischen oder subtilen Sinn hinter dem christlichen Wunder- und Märchenglauben geben sollte: dieser Kirchenvertreter hat ihn jedenfalls nicht erfaßt, so platt, dahergeleiert und leblos kommt seine Rede daher.

Zum Glück habe ich meine dementen und hochbetagten Schützlinge, die mich wieder mal aus einer Situation quälender Fremdscham befreien.
Ein paar Tische entfernt von mir sitzt die 103-jährige Frau H., der der Auftrieb ohnehin zu viel ist und die mitten in die salbungsvolle Andacht hinein immer wieder mit einem lauten “Schäbig!” zu vernehmen ist, abwechselnd mit Geräuschen, die keine Verbalisierungen sind sondern sich wie ein Knarzen oder Zischen anhören. Vermutlich ist ihr unbequem – sie hält alles was außerhalb ihres Zimmers stattfindet höchstens eine halbe Stunde aus – und hat irgendeine Beschwerde über ihre Sitzgelegenheit, die Lautstärke um sie herum oder das Essen. Mir egal, ich genieße die professionell maskierte betretene Miene des Gottesmannes und grinse mir einen.

Auch die gediegen demente Frau P. lässt mich nicht im Stich. Da ihre Hörgeräte nur nach dem Zufallsprinzip funktionieren, versteht sie sowieso nur Bruchteile des Gesprochenen, fingert an ihren Hörgeräten rum und redet in der extrahohen Lautstärke von schwerhörigen Leuten mit ihrer Tochter.

Leider ist letztere, wie die übrige umgebende Normalgesellschaft, beflissen bemüht, mit “Psst!” und Zeigefinger-vor-den-Mund-halten die Störer zum Schweigen zu bringen, so dass mein Unterhaltungserlebnis geschmälert (wenn auch nicht ganz unterbunden) wird.

 

Geschichten aus dem Pflegeheim: Die Weihnachtsgeschichte

Weihnachtsfeier vom Wohnbereich 2. Der Pfarrer der nebenan gelegenen Kirche stellt mithilfe von indoktrinierten Kindergartenkindern „die Weihnachtsgeschichte“ nach und „erklärt“ sie.

Die volldemente Frau M., nachdem sie sich das eine Weile angesehen und zugehört hat, schüttelt den Kopf und wendet sich an die neben ihr sitzende FSJlerin:

„Woher kommt der Kerl und was redet der für einen Unsinn?!“

#religioten
#dementabernichtdoof
#makesmyday

Geschichten aus dem Pflegeheim: Keiner da, drinnen wie draußen

Auf dem Gang vor seinem Zimmer treffe ich Herrn J.

Er sitzt in seinem Rollstuhl und versucht, das Namensschild mit seinem Vor- und Nachnamen zu lesen, das neben der Tür befestigt ist. Er winkt mich heran: „Können Sie mir mal helfen? Ich muss nachsehen, ob der zuhause ist…“

Einen kurzen Moment lang überlege ich, ob er mich jetzt veräppeln will, aber der tägliche Umgang mit dementen Menschen hat mich eins gelehrt: die Auflösung des Ich-Bewusstseins, von spirituellen Suchern im Rahmen meistens östlicher Weisheitslehren angestrebt, passiert bei Dementen oft krankheitsbedingt und ist volatil und situationsbedingt, für die Betroffenen oft verwirrend und verstörend.

Ich öffne also die Zimmertür, schaue hinein und rufe Herrn J. zu. „Keiner da!“

Diese Information nimmt er zur Kenntnis, denkt kurz nach und erklärt mir dann: „Ich war doch die letzten beiden Tage zu Hause, in der Eifel, in meinem Heimatort bei Gerolstein. Da muss ich mich ja jetzt zurückmelden, damit ich wieder eingetragen bin.“

Dieser Logik kann ich mich nicht entziehen, versuche es aber zunächst mit einer „normalen“ Antwort:

Herr J., Sie sind doch jetzt hier. Sieht ja jeder und weiß auch jeder. Damit ist alles in Ordnung!“

Das genügt Herrn J. allerdings nicht; er will sich unbedingt „zurück melden“, „registrieren“, seine Rückkehr offiziell bestätigen lassen.

Ok“, gehe ich auf ihn ein, „warten Sie bitte hier, ich gehe vor und trage Sie in das Anwesenheits-Register ein!“ Ein solches habe ich soeben erfunden, gehe den Gang hoch, verschwinde kurz im Schwesternzimmer und kehre dann zu Herrn J. zurück mit der guten Nachricht, dass er jetzt wieder offiziell eingetragen ist.

Herr J. lächelt zufrieden, lässt sich von mir in sein Zimmer schieben und wirkt rundum zufrieden, dass nun wieder alles seine Ordnung hat.

Geschichten aus dem Pflegeheim: sediertes Lamento

Frau M. aus der „Tagesgruppe Demenz“ ist nach einem Sturz, bei dem sie sich den Arm brach, schlecht beieinander und klagt immer wieder über Schmerzen (einer OP haben ihre Töchter nicht zugestimmt, aus Angst, dass die Mutter nicht mehr aus der Narkose aufwacht).

So wehklagt und lamentiert Frau M. fast unablässig über ihr schweres Los, wobei sie in einen melodiösen, aber monotonen Singsang verfällt, der durch ihren rumäniendeutschen Akzent noch besondere Eindringlichkeit gewinnt.

Demente Menschen empfinden in ihrer orientierungslosen Bedrängnis (gerade, wenn sie in psychisch angespannte Situationen geraten) oftmals die unverständliche, nicht mehr durchschaubare Umwelt als Quell des Übels und Ort vielfältiger Boshaftigkeiten. Insbesondere vermuten sie bei jedem verlegten Gegenstand, bei jeder Desorientiertheit bei der Lokalisierung irgendwelcher Dinge, diebische Aktivitäten und rufen in ihrer Hilflosigkeit nach Polizei, Strafe und Vergeltung.

Bei Frau M. fällt alles in eins: ihr Sturz, der gebrochene Arm, die folgende nahezu komplette Desorientiertheit kann ihr dementer Verstand sich nur so erklären, dass feindliche Mächte ihr Böses wollten:

Diese Schweine! Wenn ich die erwische, die mir das angetan haben, dann werde ich sie alle der Polizei übergeben!“, deklamiert sie; dabei erhebt sie sich mit einiger Mühe von ihrem Stuhl und schwingt ihren Krückstock durch die Luft.

Unvermittelt verfällt sie dann in ein Lamento der tragischen Art, wobei sie die Regeln der Grammatik souverän missachtet: „Ich arm und krank! Mein Arm hängt nur noch an einem Faden, ich habe immer Schmerzen…Die behaupten, ich habe sie bestohlen! Ich schwöre bei Gott (sie zeigt mit dem Krückstock gen Himmel), das ich nie einen anderen Menschen belogen oder bestohlen habe!

„Die“ sind keine definierten Personen, sondern stehen stellvertretend für die riesigen unverständlichen Abgründe, die sich in ihrem dementen Geist auftun.

Inzwischen wird es den anderen Tagesgruppen-Teilnehmerinnen, die sich seit einer Weile Frau M.s Deklamationen zunehmend genervt angehört haben, zu bunt, und ihre Sitznachbarin, die 90-jährige Frau M., holt aus und verpasst ihr mit Schwung einen Schlag auf den ihr zugewandten (gebrochenen) Arm:

„Gib jetzt mal Ruhe!“.

Die Sitznachbarin ist sonst eine sehr freundliche und ausgeglichene Dame, aber diesmal ist ihr offensichtlich der Kragen geplatzt.

Von gegenüber tönt die ebenfalls maximal genervte Frau K.: „Jetzt HALT endlich das Maul, du blöde Kuh!“

Frau M. (mit dem gebrochenen Arm) ist für ein paar Sekunden perplex. Dann beginnt sie, noch weinerlicher, ein neues Lamento: „Was machen Sie da? Fassen Sie meinen Arm nicht an! Den haben sie mir abgeschnitten!! Ich blute überall….“

An dieser Stelle sehe ich, das ich trotz der proportional ansteigenden Situationskomik eingreifen muss und setze mich zu Frau M. (mit dem gebrochenen Arm), nehme sie (vorsichtig) in den Arm, spende ihr Trost und sage den anderen, das Frau M. es gerade nicht leicht hat. Da ich nicht mit der Einsichtsfähigkeit der anderen Gruppenteilnehmer rechnen kann, nehme ich Frau M. aus der Gruppe raus, bringe sie auf auf ihr Zimmer und versuche, ihr ein Gefühl von Aufgehobensein und Verständnis zu vermitteln.

Die desorientierte und von ihrem gesundheitlichen Zustand zusätzlich verwirrte alte Dame ist froh, der Gruppe und den vielfältigen konfusen Eindrücken entkommen zu sein. Da ich wieder zurück in die Gruppe muss, verabschiede ich mich erst mal von ihr; sie schaut mich hilflos an und fragt „Kommst du wieder?“

Natürlich sage ich ja, obwohl ich nicht weiß, ob ich das im Laufe des Morgens schaffe. (Ich sehe sie an diesem Morgen nicht wieder.)

Später erzählt mir die Wohnbereichsleiterin, die ich auf Frau M. anspreche: „Die wird jetzt sediert.“ Obwohl ich kein Freund chemischer Ruhigstellung bin, muss ich einsehen, das es in diesem Fall für die Bewohnerin selber und für die Gruppe das Beste ist.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Muckefuck

Beim Frühstück in der Tagesgruppe Demenz.

Ich frage Frau M., ob sie noch eine Tasse Kaffee möchte; mit einer abschlägigen Antwort rechnend, da sie in der Regel kaum die erste Tasse leer trinkt.

Zu meiner Überraschung sagt sie „Ja bitte“, was ich mit einem erstaunten „Echt jetzt?“ quittiere.

Frau M. mustert mich, als ob ich nicht ganz zurechnungsfähig wäre und sagt mit einem Grinsen: „Ja. Unecht gibt’s ja nicht, oder?

Nee, das wäre dann ja Muckefuck“ fällt mir als Antwort noch ein.

Sehen Sie!“ stellt Frau M. abschließend fest und freut sich über ihre gelungene Replik.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Der Lesbier beim Duschen

In der „Tagesgruppe Demenz“ beschwert sich Frau H. über Begleitumstände des Duschens vom vorigen Abend.

Ich musste da völlig nackt in die Dusche! Der hat mich einfach ausgezogen und unter die Dusche gestellt!“

„Wer jetzt?“, frage ich nach.

Na, einer von den Langen!“, lautet die Antwort, womit sie die männlichen Pfleger meint.

Ich so: „Sind Sie denn noch nie von einem der Pfleger geduscht worden, Frau H.? Haben das immer die Schwestern gemacht? Sie können sagen, wenn sie nicht von Männern, sondern nur von Frauen geduscht und gepflegt werden wollen…“

Frau H., die trotz ihrer Demenz schlagfertig und nicht konfliktscheu ist, schaut mich verschmitzt an und berichtet: „Weißt du, was ich dem am Ende gesagt habe? Das hat richtig gesessen! Ich hab dem gesagt: Sie sind wohl ein LESBIER!!“

Zufrieden mit der Erinnerung an diese brillante Replik grinst sie mich an und zündet sich eine Zigarette an.

#Pflegeheim #dementabernichtdoof

Geschichten aus dem Pflegeheim: Drei Aquarelle meiner Schützlinge aus der Kunst- und Kreativrunde

Die ersten beiden von Herrn H., dessen starke Demenz ihn nicht daran hindert (ihn vielleicht erst dazu befähigt), einen ausgiebigen sinnlichen Genuss aus der Haptik von Wasser, Farben und Papier zu ziehen. Oft verbringt er bis zu einer halben Stunde mit nur einer Farbe an einem Fleck des Aquarellpapiers. Manchmal auch auf der darunter liegenden Pappe, was für ihn keinen Unterschied macht. Er ist glücklich über die Farbigkeit der Farben und scheint den „Geschmack“ und die „Sattheit“ eines Farbtons zu fühlen.

Das dritte Bild ist von dem 71-jährigem Herrn K., der in seiner mentalen Entwicklung etwa auf dem Stand eines Siebenjährigen steckengeblieben ist. Zusätzlich ist er sprach- und körperbehindert und scheint jetzt auch eine dementielle Veränderung zu erfahren. Er ist der fröhlichste in unserer Runde, begrüßt stets jeden mit Handschlag und produziert 5 Bilder, während die anderen noch ihre Pinsel sortieren.

Heute machte er sich eine Tüte Gummibärchen auf, die ihm aufs Blatt purzelten. Als ich ihn fragte, ob er die Gummibärchen essen oder sie in sein Bild integrieren wollte, sagte er sofort „Ins Bild!“.

Gesagt, getan, und mit etwas Kleber haben wir nun das erste Gummibärchenbild der Runde (es gibt schon ein Kaffeebild einer Dame, die den Pinsel immer in die Kaffeetasse statt in den Wasserbecher tunkte).

Geschichten aus dem Pflegeheim: Uhrentest und Juckreiz

Meine Neugierde und Faszination mit den Funktionsweisen des menschlichen Geistes erfährt durch den täglichen Umgang mit dementiell veränderten Menschen eine Vertiefung und Erweiterung, die mich selber manchmal überrascht.

In all dem kommt nie der Humor zu kurz, weil gerade Demente neben Musik und Bildsprache sehr empfänglich für Humor sind.

Heute mussten wir bei zwei Teilnehmerinnen unserer “Tagesgruppe Demenz” den “Uhrentest” durchführen. Dabei wird der Person eine Uhr ohne Ziffernblatt und Zeiger vorgelegt, auf der die Zahlen eingetragen und eine bestimmte Uhrzeit mit den Zeigern markiert werden soll.

Frau K., die mir schon immer schlauer vorkam als sie in der Gruppe tat, löste die Aufgabe problemlos und schnell.

Danach war unsere “Demenzkönigin” Frau S. dran. Diese kleine, gutmütige Frau aus Westpommern hat in den letzten paar Monaten mehr und mehr inneren Boden unter den Füßen verloren und wirkt in der Welt ihrer dementiellen Isolierung oft wie Alice im Wunderland, allerdings ohne ein Kaninchen, das sie aus dem Bau führen könnte. Zudem macht sie das innere Erleben der zunehmenden Fragmentierung ihrer Wahrnehmungen und Erinnerungen manchmal aggressiv. Sie wird dadurch zur Gefahr für sich und andere und erhält deshalb seit einiger Zeit starke Psychopharmaka.

Als ich mit dem Uhrentest zu Frau S. komme und ihr in sehr einfachen Worten erkläre, worum es geht (ich nehme sogar die Wanduhr unseres Gruppenraumes ab und zeige ihr, wie eine Uhr normalerweise aussieht), schaut sie mich mit großen Augen an. Um es nicht zu kompliziert für sie zu machen, frage ich sie, ob sie mir zeigen kann, wo die Uhrzeiger stehen, wenn es zwölf Uhr ist.

“Nein, das kann ich nicht”, antwortet Frau S. und schüttelt den Kopf. “Ich war doch nicht dabei!”, fügt sie an, und wirkt wie jemand, der einem Schulbuben Selbstverständliches erklären muss.

Ich belasse es bei dem Versuch und denke mir, dass sie gar nicht so unrecht hat. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die Einteilung und Messung des Zeitablaufes sind Konzepte, die (abgesehen von den frühen Erinnerungen an Kindheit und Jugend, die auch bei schwerer Demenz nie ganz verblassen) für Frau S. keine Bedeutung mehr haben.

Frau K. hat sich indessen lautstark und fordernd immer wieder über einen Juckreiz an der Hüfte beschwert. Glaubt man ihrem Wehklagen, steht sie kurz vor dem Exitus. “Warum hilft mir den keiner?!” jammert sie und beklagt ausgiebig das fiese Jucken. Den naheliegenden Vorschlag, sich doch mal an der Stelle zu kratzen, tut sie ab: “Das hilft nicht”, wehklagt sie. “Kratz du mich mal, Liebchen!” (Liebchen sind bei ihr alle Pflege- und Betreuungskräfte).

Ich tue ihr den Gefallen, weil ich weiß, dass sonst erst mal für 20 Minuten Juckalarm in der Gruppe ist und keiner zur Ruhe kommt.

Damit hat mich Frau K. allerdings auch auf eine Idee gebracht und schon haben wir ein Thema für die anstehende “Bunte Runde”: die verschiedenen Arten von körperlichen Beschwerden und Schmerzen – ein Thema, das allen GruppenteilnehmerInnen bestens vertraut ist.

Schon ist ein Blatt des Flipcharts vollgemalt und die Runde debattiert, welche Schmerzen die lästigsten sind. Auch Frau K. beteiligt sich mit Leidenschaft an der Debatte – der Juckreiz ist vergessen – und stimmt wie die Mehrheit der Anwesenden der Ansicht zu, dass der schlimmste Schmerz doch der Herzschmerz sei.

Von den Schönheiten der Marktwirtschaft

Kollegin, examinierte Pflegekraft, wechselt von der Pflege in die Betreuung, weil ihr Rücken nach 30 Jahren im Unternehmen (Diakonie) nicht mehr mitmacht.

Statt um die Betten, die Medikamente, die Hygiene und die Ausscheidungen der Heimbewohner kümmert sie sich jetzt um die kulturelle und soziale Betreuung der Leute.

Auf dem monatlichen Lohnzettel macht sich das mit 500 (Fünfhundert) Euro weniger bemerkbar, da sie von Lohngruppe 10 nach Lohngruppe 2 runtergestuft wird. Damit erhält sie immer noch etwa 150 Euro mehr als die anderen Betreuungskräfte im Sozialen Dienst der Einrichtung, weil es dem allerchristlichsten Arbeitgeber per Gesetz untersagt ist, Arbeitskräfte um mehr als acht Lohngruppen runterzustufen.

Gewollt hätten sie schon“, so die Kollegin (nämlich sie in die niedrigste Lohngruppe 1 einzusortieren), „aber sie dürfen halt nicht…“

Nach über 30 Jahren beim selben „Arbeitgeber“ in der Pflege tätig, im Dauerdienst den Rücken kaputt gearbeitet, hat sie jetzt noch weitere 15 Jahre für lausigen Niedriglohn vor sich.

Im Foyer und in den Fluren der Einrichtung hängen die Losungsplakate mit der christlichen Botschaft:

„Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus, 25/40)

#niedriglohnistausbeutungpur
#frommeheuchelei
#pflegeundbetreuungbesserbezahlen