Geschichten aus dem Pflegeheim: Thälmann ist niemals gefallen

Die Zeitungsschau – ein Format, in dem ausgewählte Artikel (meist aus der lokalen und regionalen Umgebung), lustige bis merkwürdige Meldungen sowie Artikel mit Bezug zur Erlebniswelt der Bewohner vorgestellt und besprochen werden – wird unregelmäßig angeboten und gerne von den orientierteren Heimbewohnern besucht.

Tagespolitische Meldungen lasse ich dabei in der Regel weg, außer sie enthalten gleichzeitig einen humoristischen oder bizarren Aspekt.

Artikel zu geschichtlichen Ereignissen, Jubiläen, Jahrestagen u. dgl. dagegen sind beliebt und werden gern gehört und diskutiert – sicher auch aus dem Grund, dass viele davon die eigene Vergangenheit und Erinnerungen der Zuhörer berühren.

Heute, am 17. August, eröffne ich die Runde mit dem Hinweis, dass sich an diesem Tag zum 75. Mal der Todestag eines Mannes jährt, der zu den legendärsten Gestalten der jüngeren deutschen Geschichte gehört. Ratlose Gesichter schauen mich an.

Ich lese Ihnen jetzt mal ein Zitat vor”, beginne ich. “Vielleicht kommen Sie dann drauf, wen ich meine.”

Ich lese das Zitat vor und frage in die Runde: “Und? Wer hat das gesagt, bzw. geschrieben?”

Frau S., Jahrgang 1930, schaut auf und fragt: “Adolf Hitler?”

Aus der anderen Ecke meldet sich Herr T.: “Nee, nee, das war der andere, dieser… na, der Kommunistenführer…”

Wie “der Kommunistenführer” aber hieß, will keinem einfallen. Als ich den Namen Ernst Thälmann in die Runde werfe, ertönt ein vielfaches “Achja…” und “Achso, der…”.

Gehört hat man in dieser Runde wohl schon von ihm, aber da es sich um einen “Kommunistenführer” handelte, ist wohl weder seine Bedeutung für die deutsche Geschichte, besonders für die der deutschen Arbeiterbewegung, noch seine Ermordung auf persönlichen Befehl Hitlers etwas, was der Erinnerung lohnt. Jedenfalls bei diesen alten Leuten nicht, die durchweg in der BRD sozialisiert und den Anti-Kommunismus als Staatsreligion inhaliert haben.

Wie anders wäre dasselbe Gedenken an meiner vorigen Arbeitsstelle in Weimar verlaufen! Dort hätte schon die Eingangsfrage verständnislose Blicke höchstens deswegen ausgelöst, weil man den Fragesteller für historisch ungebildet und ahnungslos gehalten hätte. Die meisten dort hätten die Zeilen des Thälmann-Liedes mitsingen können: “Thälmann ist niemals gefallen, Stimme und Faust der Nation…”

Ich erzähle meinen Zuhörern noch ein wenig von Wolfgang Otto, dem Thälmann-Mörder des SS-Kommandos 99, den die BRD-Justiz erst ganz in Ruhe ließ und dann mit Samthandschuhen behandelte, ganz so, wie es zur Kontinuität von “Drittem Reich” und westdeutschem Kalter-Krieg-Frontstaat passte. Keiner äußert sich, aber den Gedankenblasen ist zu entnehmen, dass es ja schliesslich ein Kommunist war, der da umgebracht wurde, somit also ein minder schweres Vergehen, rein politisch betrachtet.

Ich unterlasse den Versuch weiterer politischer Aufklärung und gehe über zu den Meldungen aus Neuss und Umgebung.

Geschichten aus dem Pflegeheim: PDM für die Bewohner

Heute im Frühdienst auf Schicht mit der einzigen Thüringer Kollegin hier im Westen. In der Zigarettenpause sprechen wir und eine weitere Kollegin über die Bewohner unseres Wohnbereiches.

Dabei erwähnt die ostdeutsche Kollegin mehrfach diejenigen, “die PDM erhalten” würden.

Ich überlege mir, ob das ein mir unbekanntes pflegerisches Kürzel ist, vielleicht “Prophylaktisches Durchführungsmaterial” oder “Pflegerische Dienstmaßnahme”, komme aber zu keinem schlüssigen Ergebnis und frage schliesslich die Kollegin nach der Bedeutung der Abkürzung.

Na, PDM eben!”, antwortet sie, “Pedäubungsmiddel!!”

Jetzt fällt bei mir der Groschen und ich bin versucht, sie für diesen astreinen thüringischen Buchstabendreher (à la “Bekleidung” für BEGLEITUNG oder “Preude” für BRÄUTE) abzuküssen.

Nach zwei Jahren im kapitalistischen Ausland bin ich des Ostdeutschen schon so entwöhnt, dass ich es nicht mehr erkenne bzw. dass seine Klänge automatisch durch den westlichen Hochdeutschfilter laufen – und merke in solchen Situationen, wie sehr ich es vermisse.

Erstmol eene roochen!

Geschichten aus dem Pflegeheim: Willst du meine Frau werden?

Frau H. aus der “Tagesgruppe Demenz” kommt beinahe jeden Tag mit einer neuen Hiobsbotschaft zu mir. Mal haben unbekannte Diebe ihr das Geld gestohlen, die Handtasche kaputt gemacht oder die Zigaretten versteckt, dann wieder haben “die Chefs” ihr angekündigt, dass sie evakuiert werden muss und ihr Zimmer im Heim verliert. Auch aus der eigenen Verwandtschaft droht ihr Ungemach: ein zusätzlicher Sohn, den sie bis gestern noch nicht hatte (sie hat zwei Töchter und einen Sohn, alle mir persönlich bekannt), hätte jetzt ihr Haus verkauft und sie auf die Straße geworfen. Die Schreckensnachrichten, die sie überbringt, sind Ausdrucksformen der großen Ungewissheit und Verunsicherung durch die dementielle Veränderung, die sich in ihrem Geist vollzieht.

Bei einer Rauchpause auf dem Balkon sieht sie mich an und fragt: “Bist du auch manchmal so isoliert? Ich kenn mich überhaupt nicht mehr aus…” Sie fasst sich an den Kopf. “Mein Kopf fühlt sich an, als ob der mit heißem Wasser übergossen wird…”

“Nicht wegen der Verbrennung, sondern wegen des Gefühls, dass sich alles zusammenzieht und zusammenschrumpft, oder?” frage ich nach.

“Ja, genau!”, erwidert sie, “Ich fühle mich so alleine und will dann nur noch den Kopf anlehnen und die Nähe von jemandem suchen… Ich fühl mich ganz verrückt… Wenn ich dich nicht hätte, würde ich nur noch verrückt sein…”

Wir rauchen schweigend unsere Zigaretten zu Ende und gehen wieder in die Gruppe zurück. Trotz der soeben mitgeteilten Gefühle – oder vielleicht WEIL sie sie mitgeteilt hat – wirkt Frau M. plötzlich munter und gutgelaunt.

Wir spielen ein paar alte Schlager, von denen sie jeden einzelnen mitsingen kann. Als “Ganz in weiß” von Roy Black erklingt, stimmt sie mit Inbrunst ein und wendet sich anschließend an den neben ihr sitzenden Herrn J. Sie streicht ihm über die Wange und fragt zärtlich: “Willst du meine Frau werden?”

Herr J. meint wohl, er hätte nicht recht gehört und fragt nach: “Wie bitte!?”

“Du hast schon richtig gehört, ich hab dich gefragt, ob du meine Frau werden willst!”

Herrn J. ist es scheinbar egal, dass er gar keine Frau ist; er beantwortet Frau M.s Ansinnen mit einem brummigen “M-m” und schüttelt kurz den Kopf. Damit ist die Sache für ihn erledigt. Frau M. nimmt’s ihm nicht übel; sie hat trotz Demenz ordentlich den Schalk im Nacken und hat die Anfrage ohnehin wahrscheinlich als Scherz gemeint. Da steckt die Friseurin den Kopf zur Tür herein und ruft Frau M. in den Friseursalon, und dieser Termin ist wichtiger als Hochzeitspläne und mysteriöse Diebe.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Tag der Befreiung

Auf der Arbeitsstelle.

Ich so: “Dass man am 8. Mai hierzulande überhaupt arbeiten muss, statt zu feiern, ist schon mal scheisse…“

Kollegen so (ahnungslos glotzend): „?“

Ich: „Leute! TAG DER BEFREIUNG VOM FASCHISMUS! Schon mal davon gehört, dass an diesem Tag die faschistische Wehrmacht und der ganze Nazi-Spuk endgültig besiegt war?“

Kollegen unisono: „Achso, murmel, murmel, jaja, schon gut“ (Gedankenblasen: „Jetzt fängt der schon wieder mit seinen linksradikalen Agitation an, seufz“).

Ich: „Ihr seid echt die Ahnungslosen. In der DDR war das ein Feiertag, und selbst heutzutage wird es – zum Beispiel auf meiner vorigen Arbeitsstelle in Weimar – als besonderer historischer Tag gewürdigt…“

Junger Kollege, gerontopsychiatrische Fachkraft und nicht dumm: „Ja, aber das war doch nur wegen der Russen und der DDR da ein Feiertag. Für die Deutschen war das doch eine Niederlage.“

Ich so, innerlich: „Ich will hier weg!“

Geschichten aus dem Pflegeheim: der GOLDENE FLOH und die Schwester im Spiegel

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Heute war mal wieder Lieder-Raten dran in der “Tagesgruppe Demenz”. Das geht so: ich illustriere irgendeinen Schlager oder ein Volkslied am Flipchart, und währenddessen raten die Leute drauflos. Zeichnerisch kann ich dabei nicht immer sehr präzise oder ausführlich sein, weil es vergleichsweise schnell gehen muss – schon um die begrenzte Aufmerksamkeitsspanne meiner dementen Schützlinge nicht  überzubeanspruchen.

Wenn die richtige Antwort gefallen ist, spielen wir den Song per Spotify über einen Bluetooth Speaker ab (nebenbei: lauter Endgeräte von mir, die ich selber mit zur Arbeit bringe).

Als Anreiz gab es für die Gewinnerin heute den GOLDENEN FLOH, was gleichzeitig eine schöne Gelegenheit bot, über den Floh als solchen, Flohzirkusse und die Kunst des Flöhe-Fangens zu sprechen.

Musik ist bei der Betreuung von Dementen ein Schlüsselelement; die Verschaltungen im Gehirn sind offenbar so angelegt, dass die Regionen, die musikalische Erinnerungen speichern, zu den ältesten und dauerhaftesten Gedächtnis-“Datenbanken” gehören (deshalb können auch hochdemente Menschen immer noch die Wiegen- und Kindheitslieder aus ihrer frühesten Vergangenheit erinnern und mitsingen). Es kann passieren, dass die Erinnerung an Lieder und Klänge auch andere scheinbar nicht mehr zugängliche Erinnerungen wachruft oder anstößt.

Die Verbindung von visuellen Eindrücken – z.B. einer Zeichnung – zu akustischen ist allerdings eine andere Herausforderung, die vergleichsweise viel an logischer Verknüpfungsleistung und Abstraktionsfähigkeit erfordert. Von daher bin ich nicht verwundert, dass nur zwei Damen wirklich aktiv bei dem Ratespiel mitmachen. Die übrigen Teilnehmer verfolgen das Geschehen ebenfalls interessiert, können aber den Zusammenhang zwischen Bild und Lied(-erinnerung) einfach nicht herstellen, bzw. brauchen längere Zeit dafür.

So wetteifern Frau H. und Frau K. um den GOLDENEN FLOH, der letztlich an Frau H. geht, die 6 von acht Songs richtig bestimmt.

Frau H., meine gelegentliche Rauchpausen-Partnerin, wirkt heute insgesamt etwas durcheinander. Nach der Rate-Runde sitzt sie eine Weile still da und beschwert sich über das wiederholte Weinen unserer hochdementen Frau S.
Als es ans Mittagessen geht und wir den Tisch eindecken, beugt sich Frau H. plötzlich vor, dreht den Kopf in Richtung Geschirrschrank (eine alte Vitrine) und betrachtet aufmerksam und fast gebannt das Spiegelbild in den Glasscheiben.

Dan wendet sie sich an mich: “Sag mal, die Frau da, die zweite Frau von hinten – ist das meine Schwester? Die wohnt ja in Hamburg, dann ist die jetzt doch mich besuchen gekommen…”

Ich bin an “Alice hinter den Spiegeln” erinnert, und auch erstmal verdutzt über die offensichtliche Unfähigkeit von Frau H., zwischen Personen vor und hinter dem Spiegel zu unterscheiden. Vielleicht, denke ich, verwechselt sie ja ihr eigenes Spiegelbild in der ungewohnten Reflexion des Geschirrschrankes mit dem Bild ihrer Schwester, die ihr ja vermutlich ähnlich sieht.

Ich antworte ihr: “Das ist die Spiegelung von uns allen hier, in der Glastür, Frau H. Das sind SIE, und die anderen, die hier am Tisch sitzen!”

Das akzeptiert sie aber nicht als Antwort. “Nee, ich meine nicht mich, ich kann mich schon selber erkennen! Ich meine die Frau da hinten!! Das ist doch meine Schwester! Dann hat die das doch endlich geschafft, mal herzukommen!”

Ich merke, dass hier kein Beharren auf Wahrnehmungskonventionen des “normalen” Verstandes möglich ist, und versuche es anders. Zunächst mal akzeptiere ich Frau H.s Version, dass sich in der Realität hinter den Spiegeln eine Person manifestiert, die in ihrer Erinnerung eine große Rolle spielt (allerdings meine ich mich auch zu erinnern, dass sie die in ihrer Familie die einzige Überlebende ihrer Generation ist). Ich frage: “Lebt ihre Schwester denn überhaupt noch?”

“Ja klar!”, kommt sofort die Antwort, „Die ist doch gerade erst nach Hamburg gezogen, weil sie da geheiratet hat…!”

Das verschafft mir Klarheit darüber, dass in Frau H.s Wahrnehmung eine zeitliche Verschiebung stattfindet, denn ihre Schwester – wenn sie überhaupt je in Hamburg geheiratet hat – hat dies wohl eher vor 50 oder 60 Jahren gemacht und nicht “kürzlich”. Gleichzeitig gewinnt die Realitätsverschiebung eine sozusagen magische Dimension durch den Raum, in dem Frau H. sie stattfinden sieht: das geheimnisvolle Land hinter dem Spiegel, dessen Lichtreflexe, Schemen und unscharfen Konturen sicher eine gute Analogie zum inneren Erleben eines dementen Menschen darstellen.

Letztlich löst sich alles von alleine: der Essenswagen wird aus der Küche hochgebracht und der Geruch von Reibekuchen erfüllt den Tagesgruppenraum. Frau H. kümmert sich nicht weiter um ihre Schwester und vertilgt mit großem Appetit die leckeren Reibekuchen mit Apfelmus.

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Geschichten aus dem Pflegeheim: Krieg der Sterne

Auf Wunsch der Bewohner (EINIGER Bewohner, muss ergänzt werden) wurde in der wöchentlichen Filmvorführung diesmal “Star Wars Episode 1” gezeigt.

Am Montag hatten sich einige Bewohner beschwert, dass “immer nur alte Filme” gezeigt würden und auf meine Nachfrage, was sie denn mal gerne sehen würden, bekam ich vom Sprecher des Bewohnerbeirates zu hören: “Science Fiction Filme!” Eine Abstimmung unter den anwesenden 12 Teilnehmern der Sitzgymnastik-Runde, in der das Thema aufkam, erbrachte eine solide Mehrheit für “Krieg der Sterne”.

Außer zwei oder drei hatten die Kinogäste noch nie von dem Epos gehört, so daß ich einleitend und vorsichtshalber ein paar einleitende Worte zu dem märchenhaften und ungewohnt schnellen und manchmal kriegerischen Charakter der nun folgenden Bilder sagte.

Frau S. hatte schon beim Reinkommen über den Titel die Nase gerümpft. “Krieg? Vom Krieg hab ich genug, das muss ich mir nicht mehr ankucken!”

Episode 1 beginnt ziemlich abrupt mit einem Kampf zwischen zwei Jedi-Rittern und einer Horde Droiden, denen die beiden mit Laser-Schwerten zu Leibe rücken. Zwei Damen verließen daraufhin den Saal; eine davon machte mich mit ihrem Kommentarauf eine Tatsache aufmerksam, die ich überhaupt nicht berücksichtigt hatte: “Diese Blitze die ganze Zeit, das machen meine Augen nicht mit, da flackert alles vor meinen Augen…”

Nach ca. 45 Minuten begannen die ersten, den Raum zu verlassen (die Vorführungen sind auf 1 Stunde begrenzt, wegen der Aufmerksamkeitsspanne und der anschließenden Herrichtung des Raumes fürs Abendessen).

Etwa zwei Drittel der Anwesenden blieb bis zum Schluss (die Szene, wo Qui-Gon Jinn den Deal mit Watto über die Beteiligung Anakins am Pod-Race macht).

Ich frage in die Runde: “Und? Wie fanden Sie das? Wer möchte nächste Woche die Fortsetzung schauen?”

Zwei Personen heben die Hand.

Wir beginnen mit dem Rücktransfer der Leute auf die Wohnbereiche und dem Aufräumen des Großen Speisesaals. Eine Weile später kommt eine russische Kollegin hinein und sagt: “Sag mal, was hast du mit den Bewohnern gemacht? Die beschweren sich alle über den Film!”

Ich beschließe, die Fortsetzung eher in einer kleinen Runde eingeschworener Star Wars Cineasten zu zeigen und fortan wieder zu den bewährten alten Heinz-Rühmann-Schwarzweiss Filmen und ähnlichen Werken vergangener Unterhaltungskultur zu greifen. Ausnahmen ausgenommen 🙂

Geschichten aus dem Pflegeheim: Warum feiert man dieses “Osterfest”?

In einer diakonischen Einrichtung ist es unvermeidlich, die jahreszeitlichen christlichen Feiertage als Thema aufzugreifen. Es wird sogar erwartet vom Pflege- und Betreuungspersonal; folglich ist der Wochenplan voll von allen möglichen Angeboten rund um das Osterfest der Christen.

Auch an der „Tagesgruppe Demenz“ geht dieser Kelch nicht spurlos vorüber und ich sehe mich veranlaßt, das vormittägliche Beisammensein mit allerlei Schabernack rund um Begriffe wie „Ostereier“, „Osterhase“, „Kreuzigung“ und „Auferstehung“ zu bestreiten.

Zunächst will ich aber mal feststellen, inwieweit meine demente Truppe überhaupt Ostern als religiöses Fest auf dem Schirm hat. Ich frage also in die Runde: „Warum feiern wir denn eigentlich Ostern?“

Ratlose Gesichter schauen mich an. „Ostern“ als Begriff ist allen noch irgendwie bekannt, aber was da gefeiert oder begangen wird, fällt keinem ein.„Wegen den Kindern!“ ruft Frau H. plötzlich. Das öffnet die Erinnerungsschleusen auch bei ein paar anderen. „Damit die die Ostereier suchen können!“ und „Weil der Osterhase  die Eier bringt!“ höre ich.

Ich bin erfreut über die laizistische Einstellung meiner Gruppenteilnehmer, will es aber genau wissen (zumal ich weiß, dass fast alle jede Woche am Gottesdienst teilnehmen, obwohl die meisten da wohl aus Langeweile und Mangel an alternativen Freizeitangeboten hingehen):„Das ist ja ein christliches Fest“, beginne ich. „Weiß jemand, was der Anlass für diesen Feiertag ist?“
Schweigen im Walde.

Herr J. macht sich bemerkbar, indem er sich den Stoppelbart kratzt und den Kopf hin- und her wiegt. Die anderen schauen zu ihm hin, in der vagen Erwartung, dass der einzige männliche Gruppenteilnehmer ihnen nun Erleuchtung verschafft. Die Hoffnung trügt. „Da bin ich überfragt!“, sagt Herr J. kurz und trocken, im Tonfall eines Experten, der dem laienhaften Fragesteller signalisiert, dass die Frage soviel wert ist wie die nach der Anzahl der Sandkörner am Rhein.

Es hilft also nichts, ich muss meinem diakonischen Bildungsauftrag zur Vermittlung der christlichen Grundwerte und der einschlägigen Sagen und Fabeln nachkommen. Ich lese die Ostergeschichte vor, aus einem schon extrem simplifizierten Buch namens „5-Minuten-Geschichten für Menschen mit Demenz“ o.ä. Diese Geschichten sind gar nicht mal übel; in simpler, aber nicht die Zuhörer für dumm verkaufenden Sprache geschrieben.

Natürlich bleibt auch in dieser zusammengedampften Version der Kern des Christenglaubens unberührt: ein junger Jude – dessen Mutter (erste Absurdität) ohne Sex oder väterlichen Beitrag mit ihm schwanger wird – wird als Aufrührer von der römischen Besatzungsmacht und mit Unterstützung des einheimischen religiösen Establishments hingerichtet und steht drei Tage später wieder von den Toten auf.

Meine Zuhörer lauschen gebannt der Geschichte, die ihnen auch irgendwie bekannt vorkommt, sind aber – obwohl sie wohl alle christlich erzogen wurden – nicht restlos überzeugt. Ich hake nach: „Gibt’s das denn, dass ein Toter wieder lebendig wird?“Die Runde schaut mich an, als ob ich gefragt hätte, ob Fische reden könnten.

Jetzt will ich noch herauskriegen, inwieweit die christliche Prägung noch in den mehr oder weniger demenziell veränderten Gehirnen meiner Leute wirksam ist. „Das ist immerhin ein ganz wichtiger Punkt des christlichen Glaubens…“, sage ich.

Die Antwort ist eindeutig: „Das ist doch Quatsch!“, sagt Frau K. Ein paar andere schütteln die Köpfe. „Was ist denn das hier für ’ne Märchenstunde?“ wirft Frau M. ein. Die anderen grinsen zustimmend.

Das Schöne an der Wahrnehmung von dementen Menschen ist, dass sie meistens und im Wesentlichen im Moment leben. Die erlernten Konditionierungen und Gedankengebäude bröckeln, lösen sich auf, verflüchtigen sich – gelegentlich bis hin zu einem Zustand, in dem auf keinerlei soziale Konventionen mehr Rücksicht genommen wird, weil die Erinnerungsbasis für solche übereinkunftliche Verhaltensmuster nicht mehr existiert.

Das ist für die Betroffenen oft mit schmerzhaften (weil unverständlichen) Erlebnissen verbunden und für die Umgebung auch nicht immer einfach. Was die direkte, spontane Äußerung von Empfindungen betrifft – jedenfalls soweit die Demenz noch keinen Zustand erreicht hat, in dem auch die Sprachfähigkeit verschwindet – sind demente Menschen allerdings eine ergiebige Quelle schonungslos ehrlicher, oft sehr humorvoller bis drastischer Kommentare, Anmerkungen und Einsichten.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Die Alzheimer-Hände

Beim vorösterlichen Osterhasenbasteln in der „Tagesgruppe Demenz“ haben die Anwesenden (außer denen, die aufgrund von Müdigkeit oder Medikation eingenickt sind) viel Spaß. Allerdings können die wenigsten alle Bastelschritte mitmachen. Besonders die relativ genaue Handhabung einer Papierschere ist kaum einem Teilnehmer möglich.

Eine Ausnahme stellt unser neuestes Gruppenmitglied, Frau K., dar: die Mitt-Achtzigerin ist durch ihre Demenz verbal enorm verlangsamt; ihre Redebeiträge beginnen oft ganz normal, aber nach ein oder zwei Sätzen hat sie den Faden verloren, wird immer langsamer und weiß nicht mehr, womit sie die Rede begonnen hat. Sie erinnert an einen Film, der in normaler Geschwindigkeit beginnt, aber nach kurzer Zeit abrupt in Superzeitlupe übergeht. Haptisch allerdings ist Frau K. noch vergleichsweise fit. Sie erledigt den meisten Teil der Bastelei selber, während die anderen ohne Hilfe nicht weiterkommen.

Frau K. versucht also, aus Fotokarton einen Kreis mit „Ohren“ (die Füße des Hasen) auszuschneiden. Sie gibt sich Mühe und probiert es immer wieder. Schließlich legt sie Schere und Karton beiseite und sagt: „Das wird nichts. Ich hab Alzheimer-Hände!“

Ob sie wirklich die Bedeutung des Begriffes erfasst? Ich bin mir nicht sicher und antworte ihr: „Sie meinen, die Hände haben vergessen, wie’s geht?“

Ja, so ähnlich…“ erhalte ich zur Antwort.

Ich helfe ihr mit dem Ausschneiden, lasse sie aber im Übrigen so viel wie möglich alleine machen.

Hinterher ist sie so stolz auf ihren Osterhasen, das sie nach Abschluß der Runde, als sie schon wieder zurück in ihrem Wohnbereich ist, einen Pfleger hinauf in den Tagesgruppenraum schickt, um „ihren Osterhasen“ zu holen.

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Geschichten aus dem Pflegeheim: Frühling

Der nicht mehr zu leugnende Frühling bestimmt auch in der “Tagesgruppe Demenz” die Themenwahl für unser vormittägliches Zusammensein.

Heute sprachen, sangen und malten wir Frühlingslieder und Lieder, die von den Vögeln handeln, die jetzt wieder überall zu hören sind. Und was legen die Vögel: Eier!

Und wer legt auch Eier? Genau: Reptilien, wie zum Beispiel das Krokodil. Da gerade das Volkslied “Auf der Lüneburger Heide” dran war, kam eins zum anderen und schon kamen wir auf das berühmte (wenn auch weitgehend unbekannte“) HEIDE-KROKODIl, das nur alle hundert Jahre einmal bei Vollmond erscheint (und auch das nur für die, die es sehen können). Zum Glück ist das Krokodil vegetarisch und frisst nicht die armen Heidschnucken auf, sondern ernährt sich von Heidekraut und Mondlicht. Ausserdem ist es ein Schelm und faucht nicht wie ein Krokodil, sondern ruft “Kuckuck!”, um die Vögel zu täuschen.

Ausserdem kommt in dem Lied die erstaunliche Zeile vor:

Ei du Hübsche, ei du Feine,
Ei du Bild wie Milch und Blut,
Unsere Herzen wolln wir tauschen,
Denn du glaubst nicht, wie das tut.
Valleri, vallera, und juchheirassa, und juchheirassa,
Bester Schatz, bester Schatz, denn du weißt, du weißt es ja.”

Zufällig ist der Refrain eines der wenigen Erinnerungsfragmente unserer in ihrer Demenz am weitesten fortgeschrittenen Teilnehmerin, Frau S.

DEN kann sie noch mitsingen; die Musik lässt die Sandbänke der Erinnerung sichtbar werden, die noch nicht vom Meer der Demenz überflutet wurden. Und schon hatten wir ein schönes Thema, um den Rest des Vormittags zu gestalten und über das Thema Nr. 1 zu fachsimpeln: die LIEBE!

Geschichten aus dem Pflegeheim: Hungrig wie eine Bergkatze

In der „Tagesgruppe Demenz“ geht es nach einem Vormittag voller Abwechslung aus Liedern, Geschichten und Bildern auf die Mittagspause zu. Frau H. (Vorname Margot) ist guter Dinge und freut sich schon aufs Mittagessen.

Sie hat in letzter Zeit immer häufiger die bei dementieller Veränderung typischen Wortfindungsschwierigkeiten, die sie aber meistens souverän überspielt, indem sie einfach irgendwelche Worte an die Stelle der ihrem Gedächtnis fehlenden Begriffe setzt.

Jetzt bricht es aus ihr heraus: „Hoffentlich gibt’s gleich Mittagessen, ich hab Hunger wie ´ne Bergkatze!“