#hanau #rassismus #offizielleheuchelei

Es muss da jetzt neuerdings diesen “Hass” geben.

Ganz klar ein Naturphänomen, genau wie “Arbeitslosigkeit”, “Altersarmut”, “Mietpreisexplosion” und andere leider so unvermeidliche wie naturgegebene Erscheinungen wie Regen, Schnee und Wind, die einzeln und wahllos an verschieden Stellen der Erdoberfläche auftreten.

Da all diese Phänomene aus dem Nichts auftauchen, jedesmal völlig überraschend sind und “der Mensch”, also “wir alle”, rein gar nichts dagegen tun kann, ist angesichts allfälliger Opfer jedesmal ganz viel Trauerbekundung und Kerzenhalten angesagt.

Mehr kann man nicht tun – das aber ganz ausgiebig und medial begleitet von einem Tsunami aus Sondersendungen, Betroffenheitsbekundungen und Aufrufen zum “Zusammenstehen!” und “Sich nicht spalten lassen!”.

Dass der 100-jährige Verschluss der NSU-Akten, die faschistischen Netzwerke in Polizei, Armee und Justiz, der staatsoffizielle Umgang mit Fremden (von den Nützlichkeitserwägungen für “die Wirtschaft” bis zur Asylgesetzgebung für Unerwünschte) etwas mit solch rätselhaften Geschehnissen wie oben beschrieben zu tun haben könnten – das würden nur unverbesserliche Verschwörungstheoretiker, oder schlimmer noch: Kommunisten, behaupten.

Deutschland-Trend: Jeder zweite dumm wie Brot?

„Deutschland-Trend: Jeder zweite findet Lebensmittel zu billig“ wird per Laufschrift im Fernsehen eingeblendet.

Ich warte gespannt auf weitere Informationhäppchen ähnlicher Art:

„Lohnarbeits-Trend: Jeder zweite findet sich überbezahlt“

oder

„Zahnmedizin-Trend: 75% der Patienten finden Betäubung bei Wurzelbehandlungen und Zahnextraktion unnötig“.

Mein Favorit wäre allerdings:

„Umfrage-Trend: Jeder zweite findet Umfrageergebnisse zur Stützung weiterer Raubzüge gegen die Arbeiterklasse erstunken und erlogen.

Die andere Hälfte hält sie für Propaganda der herrschenden Klasse.“

Werd‘ ich wohl noch drauf warten müssen.

Thüringen: Abwahl von Ramelow und die Illusionen der PdL

Die sogenannte „Linke“ hat sich für den Platz an den Fleischtöpfen des bürgerlichen Parlamentarismus nach und nach aller Reste irgendeiner sozialistischen Programmatik entledigt und sich bis zur Kenntlichkeit entstellt zu einer weiteren bürgerlichen Partei, deren Anliegen die bessere Verwaltung des nationalen Kapitalstandortes ist.

Sie hat unter der Riexinger-Kipping-Mobbokratie konsequent jede Widerlichkeit des bürgerlichen-parlamentarischen Politbetriebes übernommen, imitiert oder im Schielen auf Machtbeteiligung berechnend mitgemacht: vom DDR-Bashing über Privatisierungen, von Russophobie bis zum Frieden mit der NATO/Gegnerschaft zur Friedensbewegung (Ausnahmen ausgenommen).

Der Preis dieser Anpassung ist nicht etwa die Aufnahme der PdL in den Zirkel der etablierten Sachwalter der Klasseninteressen der Bourgeoisie; sie gilt immer noch als „SED-Nachfolger“ und damit als Schmuddelkind der großdeutschen BRD-Demokratie.

Die Parteien, in deren selbstverständliche Rotation der staatlichen Administrationsämter die PdL so gerne aufgenommen werden würde, bleiben im Prinzip unter sich und honorieren die Selbstentblößung und Sozialdemokratisierung der „Linken“ bestenfalls berechnend und mit dem oberlehrerhaften Hinweis, für „Regierungsfähigkeit“ und „Verantwortungsübernahme“ in Deutschlands erfolgreichem Kapitalismus müssten sich die linken Schmuddelkinder noch viel mehr um die Entsorgung sämtlicher Reste irgendwie antikapitalistischer und anti-NATO-Positionen entsorgen.

Jetzt ist der thüringische Ministerpräsident Ramelow, ein durch und durch sozialdemokratischer Politprofi, durch eine demokratisch formell astreine parlamentarische Intrige abgewählt und durch den Chef einer 5%-Partei ersetzt worden ist, der sich von den im Thüringer Landtag vertretenen Faschisten (mit-)wählen läßt.

Ohne allzu große Sympathie mit diesem linken Vertreter des BRD-Besatzungsregimes auf dem Gebiet der DDR zu haben: der Mann ist reingelegt worden, er ist zum Opfer derselben Machenschaften, Intrigen und Mauscheleien geworden, die bürgerlichen Parlamentarismus ausmachen und die die PdL nach Kräften idealisiert, indem sie über die knallharten Gegensätze und Machtverhältnisse einer Klassengesellschaft die Illusion schürt und nährt, mit den richtigen, also „linken“, Teilhabern an der Verwaltung des Kapitalismus wäre irgendwie dessen Verbesserung drin.

Wer mit dem Teufel tanzt, muß sich nicht wundern, wenn er nach Schwefel riecht.

Propagandabeobachtung: Kinderzeitung meckert über Netflix-Serie

Das Kindermagazin „Bento“ der Hamburger NATO-Gazette „Spiegel“ ist alarmiert: auf Netflix läuft eine neue norwegische Serie an, die sich mit Umweltproblemen und Klimawandel beschäftigt und dabei anscheinend „Kapitalismuskritik“ übt.

Das ruft die Volkserzieher unseres demokratischen Meinungsführerfachblattes auf den Plan, denn wie Kapitalismuskritik zu gehen hat, weiß der „Spiegel“am besten:

„Ragnarök“ will gern eine Parabel auf aktuelle Klimaprobleme und deren Verursacher sein. Das wird aber leider mit Thors Vorschlaghammer vermittelt: Arm gegen Reich, Gut gegen Böse – es gibt keine Zwischentöne.“

Für die Zwischentöne weiß sich der „Spiegel“ im Bunde mit der Ikone der Klimabewegung, deren „Wasch mir den Pelz aber mach mich nicht nass“-Harmlosigkeit in Bezug auf jeden echten Kampf gegen die Naturzerstörung durch den globalen Kapitalismus sie bekanntlich zur begehrten Dialogpartnerin der Big-Time-Naturzerstörer und ihrer politischen Handlanger gemacht hat:

„Kapitalismuskritik ist gut und wichtig, wird in “Ragnarök” aber leider auf eine so platte und naive Art praktiziert, dass es einen glatt aus den von Kinderhand produzierten Sneakern haut. Das ist nicht nur schade, sondern gefährlich. Die reale Greta Thunberg redet nicht nur mit den Eliten, sondern ist mahnendes Vorbild für ihre und andere Generationen, die gemeinsam durch ihr Konsum- und Wahlverhalten die Klimakatastrophe mitverantworten.“

Puh, das war knapp: fast wären jugendliche Netflix-Konsumenten jetzt einer FALSCHEN Kapitalismuskritik aufgesessen. „Bento“ bzw. „Spiegel“ erteilen einem gewissen Unbehagen über die Schlechtigkeit der Welt zwar ihren gönnerhaften Segen („… Kapitalismuskritik ist gut und wichtig“), stellen aber klar, dass solche Kritik auf keinen Fall zu verwechseln ist mit einer, die die kritisierten Schäden durch Entmachtung der Schädiger beendet.

Wirkliche Kritik in der Welt, die den „Spiegel“ und „Bento“ Journalisten ihr Gehalt bezahlt, wendet sich nämlich nicht an die Urheber der kritisierten Zustände (und wenn, dann nur als Bittsteller und um „mit den Eliten“ zu „reden“), sondern macht die Geschädigten verantwortlich: DIE sollen gefälligst ihr Konsumverhalten ändern, den Gürtel enger schnallen, die Richtigen wählen – denn dann können „Unternehmen … ihre klima- und umweltschädlich hergestellten Produkte und Dienstleistungen einfach einpacken“.

Unterm Strich stelle ich fest: wenn ein Status-Quo-Gehirnwäscheblatt wie der „Spiegel“ soviel Einwände gegen eine Netflix-Serie hat, muß ich mir die mal ansehen. Samstag Nachmittag bis zum Topspiel der Bundesliga gerettet!

https://www.bento.de/tv/ragnaroek-auf-netflix-wenn-greta-versagt-muessen-die-goetter-es-richten-a-c3606714-0460-4018-a638-dccb33259175

Geschichten aus dem Pflegeheim: Zigarettchen und die Sieben Aschenbecher

Eine äußerst schläfrige „Tagesgruppe Demenz“ lässt mich heute an meinen Fähigkeiten zweifeln: die Hälfte schläft oder döst vor sich hin, die anderen beschweren sich über die Kälte im Raum (nachdem morgens zum Lüften ein Fenster offen war: Höchststrafe für stets fröstelnde alte Leute) oder über den Krach beim Tischeindecken. Frau S., die dementeste und gleichzeitig freundlichste der Runde, schläft – direkt nachdem die Pflegekraft sie in den Gruppenraum gebracht hat – schon wieder tief und fest ein und wird nicht einmal wach, als ich versuche, ihr das Frühstück anzureichen.

Hier sind eindeutig drastischere Maßnahmen gefragt, um meine demente Runde wach zu bekommen und ihrer Aufmerksamkeit einen gemeinsamen Fokus zu geben. Wobei auch das kein Selbstzweck ist; manchmal ist es einfach nötig, den Dingen ihren Lauf zu lassen und mit den drei, vier wachen Personen den Vormittag zu gestalten.

Andrerseits lasse ich ungern die Teilnehmer in ihren Sitzen oder Rollstühlen zusammengesackt schlafen – dann hätten sie auch gleich im Bett bleiben können. Hintergrund: Die zwei oder drei Pflegekräfte pro Wohnbereich haben rund 20 Bewohner zu versorgen. Damit alle bis spätestens 9:00 am Frühstückstisch sitzen und die Pflegekräfte selber ihre Pause um 9:30 einhalten können, beginnen sie oft schon ab 7:00 morgens, die Leute zu wecken, aus dem Bett zu holen, „frisch zu machen“ und in den Speiseraum bzw. in unserem Fall in den Tagesgruppen-Raum zu bringen. Klar, dass etliche ziemlich verschlafen zum Frühstück erscheinen und besser im Bett geblieben wären (wofür ich in manchen Fällen umgehend sorge und die Leute schnurstracks wieder in ihre Zimmer bringe oder bringen lassen, wenn ich merke, dass ihnen ein erholsames Ausschlafen im Bett besser täte als ein unbequemer Schlaf im (Roll-)Stuhl).

Heute belasse ich aber alle im Gruppenraum und versuche erstmal mit Musik, die morgendliche Stimmung zu heben. Dank Spotify kann ich auf den gesamten Fundus abendländischer U- und E-Musik zugreifen; heute muss es die Playlist „Wiener Walzer“ richten. Das ist schwungvoll, aber keine Radau-Musik und wirkt in der Regel innerhalb von Minuten. Und richtig, zu den Klängen von Straußens „An der schönen blauen Donau“ kommt Leben in die Runde, einige bewegen sich im Rhythmus der Musik, Frau S. summt mit und die Gesamtlage stellt sich alsbald als deutlich munterer dar.

Zum Ende der üblichen Frühstückszeit, das flexibel zwischen 9:00 und 9:30 liegt, sitzt Frau C. noch immer vor ihrer Kaffeetasse und einem ihrer beiden Milchbrötchenhälften mit Marmelade. Meine heutige Assistentin, eine Pflegehelferin ohne viel Einfühlungsvermögen und Erfahrung im Umgang mit Demenz, müht sich, Frau C. mit lautem und grenzwertig jovialem Zureden zum Verzehr ihres Frühstücks zu bringen. Frau C. lässt sich aber nichts erzählen und wehrt alle Versuche ab. Mir scheint es so, als hätte sie einfach keinen Hunger mehr.

Um die aufkommende Hektik und das etwas paternalistische Gehabe der Kollegin – die Frau C. (und die anderen Gruppenteilnehmer) für meinen Geschmack zu sehr wie unmündige Kinder behandelt – zu unterbinden, greife ich mir Flipchart und Zeichenstifte und skizziere schnell eine Szenerie, in der Frau C. vor einem Tisch sitzt, auf dem sich alle Gegenstände ihres Frühstücks auf und davon machen.

Damit ist schon für Heiterkeit in der Runde gesorgt, und als die Tasse zum Milchbrötchen sagt: „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall!“, ist der weitere Kurs durch den Vormittag schon sichtbar: das Märchen muss her, in dem dieser Satz fällt! Bis wir gemeinsam das Märchen erraten haben, in dem so gesprochen wird, vergeht eine Weile, aber schließlich erinnert sich die Mehrheit an „Die Bremer Stadtmusikanten“ und ist sehr erfreut, als ich das dicke Märchenbuch aufschlage und die Geschichte noch einmal vorlese.

Das Thema Märchen gibt im Prinzip unendlich viel Stoff her. Erstens die Geschichten selber. Dann die damit verknüpften meist frühkindlichen Erinnerungen; ein Gedächtnisbereich, auf den auch demente Menschen in der Regel noch zugreifen können. Außerdem gibt es eine Reihe von Volksliedern, die Märchen der Brüder Grimm zum Thema haben usw.

Wir machen also eine Runde Märchen-Raten; um meinen Leuten das Raten zu erleichtern, schreibe ich die Titel unter Auslassung einiger Buchstaben an das Flipchart. Bei dem Wort SCHNEEWITTCHEN versteht Frau H., unsere Raucherin, „Zigarettchen“, was mich sogleich auf ein verschollen geglaubtes, soeben entdecktes  Märchen der Brüder Grimm bringt: Zigarettchen und die Sieben Aschenbecher.

Die Kurzfassung dieser erstaunlichen Geschichte geht so: ZIgarettchen steigt morgens aus einem Bettchen und brennt so vor sich hin. Als es Zeit zum Ab-Aschen ist, streiten sich sieben Aschenbecher um die Gunst des Ascheabstreifens und stellen Zigaretten damit vor eine schwierige ethisch-moralische Frage. Schließlich löst Zigaretten die Frage aber, indem es JEDEM der sechs „normalen“ Aschenbecher gleiche Teile Asche gibt und zum Schluß in den dicken Drücke-Aschenbecher springt um sich selbst zu entsorgen.

So können alle Freunde bleiben und keiner kommt zu kurz, was voll und ganz dem Gerechtigkeitsempfinden meiner Schützlinge entspricht.

Das Ende von Zigarettchen ist kein absolutes, denn lauter neue Zigaretten stehen schon bereit, seinen Platz einzunehmen. An dieser Stelle meldet sich wieder Raucherin Frau H. Und fragt: „Woher kommen die denn jetzt?“.

„Aus der Zigarettenschachtel in deiner Handtasche!“, antworte ich ihr. Dieses Phänomen ist Frau H. tatsächlich bekannt, denn immer wieder dematerialisieren sich ihre Zigaretten auf mysteriöse Weise. Ich selber wurde vor wenigen Tagen Zeuge dieses Vorganges, als sie mir morgens gegen 10:00 zwei volle Zigarettenschachteln zeigte und mittags, keine zwei Stunden später, eine davon bis auf 4 oder 5 Zigaretten leer war (sie hatte in der Zwischenzeit meines Wissens nach den Raum nicht verlassen).

Insofern habe ich den Eindruck, dass meine Märchenversion Frau H. nicht weniger einleuchtet als ihre eigenen Berichte von in ihrem Zimmer plündernden „Russen“, verstorbenen Verwandten oder diebischen Pflegekräften oder völlig Unbekannten, die sie sonst für das Verschwinden von Gegenständen verantwortlich macht.

Schon naht die Mittagszeit, die uns heute Hausmanns-Sülze mit Remoulade und Bratkartoffeln beschert, nachdem mein Gesülze für die geistige und emotionale Nahrung gesorgt hat.

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Geschichten aus dem Pflegeheim: Das Kartoffel-Lied und die Königin

Ein weiterer Vormittag in der “Tagesgruppe Demenz” mit einem mehrheitlich wachen und munterem Publikum! Nach dem Frühstück lese ich eine kurze Geschichte aus einer eigens für demente Menschen zusammengestellten Textsammlung vor: “Als Oma und Opa auf den Stoppelacker gingen”. Diese Geschichten von höchstens anderthalb Seiten erfreuen sich großer Beliebtheit bei meiner Tagesgruppe; vor allem, weil sie in einfachen Worten Alltagserfahrungen und Erinnerungen an vergangene Zeiten beschreiben.

Das Thema “Stoppeln” löst auch gleich lebhafte Reaktionen aus und die meisten haben eigene Erfahrungen beizusteuern. Besonders Herr J. kommt gar nicht mehr aus dem Erinnern raus und berichtet von all den Feld- und Baumfrüchten, die er seinerzeit zusammen mit seiner Familie in seinem Eifeldorf gesammelt hat.

Vorrangige Feldfrucht des Stoppelns war aber für alle die Kartoffel. In den Kriegs- und frühen Nachkriegsjahren war die “zweite Ernte” durch eine hungrige Bevölkerung mitunter überlebenswichtig.

Da nun die Kartoffel in den Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit getreten ist, bietet sich die Gelegenheit zu einer Erweiterung dieses Themengebietes. So entsteht ein Lied, dessen Strophen ich beim Zeichnen erfinde und sogleich meiner Truppe auf der Mundharmonika vorspiele – nach zwei Durchgängen können die Aufmerksameren das Liedchen mitsingen.

Zunächst scheinen einige Teilnehmer nicht sicher zu sein, was das nun soll – will ich sie veräppeln oder was? Seit wann brauchen Kartoffeln Pantoffeln? Zum einen sind sie aber alle von mir reichlich absurden und bizarren Quatsch gewohnt; vor allem jedoch haben gerade Demente einen ausgeprägten Sinn fur absurde Komik.

Frau K. am Kopf der Tafel hat den besten Blick auf das Flipchart und bemerkt trocken: “Die soll sich nicht so anstellen! Die steckt doch sonst nackt in der Erde!” Dem können die anderen nur zustimmen und der Schluss des Liedes, in dem die Kartoffel ihren einen Pantoffel weg kickt, stellt ja auch die natürliche Ordnung der Dinge wieder her und ist somit ganz nach dem Geschmack meines Publikums.

Frau S. allerdings, ansonsten eine der Aufmerksamsten, schenkt diesmal dem Geschehen am Flipchart keine Beachtung, weil sie seit dem Frühstück in ein Exemplar eines Regenbogenblattes vertieft ist. Immer wieder liest sie einzelne Überschriften laut vor, voller Verwunderung und ohne sie einordnen zu können, gleichzeitig aber stolz darüber, dass sie so gut lesen kann.

Noch beim Mittagessen ist sie so hingerissen von der Materie, dass sie sich zu ihrer Sitznachbarin Frau H. beugt, ihr das Heft hinhält und im Ton absoluter Wichtigkeit liest: “SIE WIRD KÖNIGIN” Gemeint ist die Gattin des britischen Thronfolgers, aber das weiß weder Frau S. noch Frau H.

Letztere fühlt sich aber durch die Ansprache belästigt und fertigt Frau S. kurzerhand ab: “Sie werden Königin?! Erzählen Sie mir doch keinen Unsinn! Essen Sie ihr Essen auf, alles andere interessiert hier nicht!

Frau S. registriert die Abfuhr aber gar nicht und widmet sich freudig weiter gleichzeitig ihrem Teller und dem bunten Blättchen.

Die Unentrinnbarkeit der Sklaverei

Ich verstehe jeden, den der Irrsinn der kapitalistischen Welt in den Wahnsinn, den Freitod, die Irrationalität oder in den ausgiebigen Drogenkonsum treibt.

Wo man hinschaut, ist alles, jede Lebensäußerung, jeder Atemzug, jede Information verknüpft, gespickt, vergiftet mit der conditio sine quasi non dieser Gesellschaft: GELD, und der überlebensnotwendigen und unerbittlichen Zwangslage, die es – namens und zum Nutzen der Reichtumsmehrung der besitzenden Klasse – dem gesamten menschlichen Inventar der Welt aufdrückt.

Keine Zeitung kann man aufschlagen, keine Website aufrufen, keinen Spaziergang machen (außer im tiefsten Wald), ohne daß diese Seuche einem permanent mit Kauf- und Aktivitätsaufforderungen auf den Pelz rückt.

Auch noch die letzte Einzelheit wird mit dem Stempel “Verkäuflich” gebrandmarkt, auch noch die Erinnerung an eines der übelsten Verbrechen der faschistischen Variante der Kapitalherrschaft garniert mit dem allgegenwärtigen Appell an den marktwirtschaftlichen Überlebensinstinkt der Sklaven der Freiheit.

Der Jahrestag der Befreiung des faschistischen Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee ist dem Nachrichtenportal von T-Online zwar eine Meldung wert, aber gleichzeitig und zuvorderst wird der Leser daran erinnert, in was für einer Welt er lebt: nämlich in einer, in der die reibungslose Kapitalakkumulation mittlerweile zwar nicht mehr die Methoden der deutschen Faschisten erfordert, aber immerhin – ganz so wie damals – in krisenhaftem Ausmaße ins Stocken geraten ist.

Der Normalbürger, das für den Kapitalerfolg immer noch benötigte Menschenmaterial, weiß sich nämlich in jeder Hinsicht abhängig von den Kalkulationen derjenigen, denen die Quellen der Reichtumsproduktion GEHÖREN, und deshalb leuchtet sowohl ihm wie dem Nachrichtenportal („..am Thema Geld kommen die Menschen nicht vorbei“!) auf Anhieb ein, dass er seine paar privaten Schäfchen nur ins Trockene bringen kann, wenn er im Rahmen seiner bescheidenen Möglichkeiten irgendwie an der kapitalistischen Reichtumsvermehrung partizipieren kann.

Zu diesem Zwecke muss er sich, so legt ihm T-Online nahe, natürlich den Kopf seiner Herrschaft zerbrechen und sich umfassend über den generellen und aktuellen Stand professioneller Geldvermehrung sachkundig machen.

Insgesamt eine Kombination von redaktionellem Beitrag und (in diesem Fall: Eigen-)Werbung, die Auskunft gibt über eine Selbstverständlichkeit dieser Gesellschaft, die so gruselig ist wie das Thema des redaktionellen Beitrages, und gleichzeitig so unbemerkt und alltäglich im Bewusstsein der Informationskonsumenten verbucht wird wie die Teilhabe am faschistischen Massenmord für die seinerzeitige Expansion des deutschen Kapitals nach Osten.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Hugo Hörfehler und Dr. Ernst Hinterteil

Wenn mir gar nichts mehr einfällt, um einen Vormittag lang meine demente Truppe zu beschäftigen und zu unterhalten, kann ich immer noch auf spontan-anarchische, frei improvisierte Geschichten zurückgreifen, die mit Hilfe eines Flipcharts, Farbstiften und dem Hin- und Her zwischen mir und der Gruppe aus dem Nichts bzw. meinen Einfällen und den Reaktionen der Anwesenden entstehen.

Heute erscheint uns aus dem Reich der Phantasie der erstaunliche Hugo Hörfehler, der quasi alles mißversteht und in seinem Geist verdreht. Ein bißchen wie meine Schützlinge natürlich, die oftmals – sei es aus Hörschwierigkeiten, sei es aus Gründen ihrer Demenz – ähnliche Probleme haben. Jedenfalls können sie es alle gut nachvollziehen und lachen herzlich über die vielfältigen Wortspielereien und -missverständnisse, die sich aus dieser Ausgangssituation zwangsläufig ergeben.

Da wir nun schon mal beim Thema “Ohren” bzw. Hören sind, kommt es auch noch zu einem Bilderrätsel, bei dem die Anwesenden auf den Begriff “Ar*** mit Ohren” kommen sollten. Nach einigem Nachdenken kommt auch einer aus der Runde auf die Lösung, was wiederum zur verstärkten Erheiterung meiner Truppe beiträgt.

Fast ganz von alleine wird dann daraus das Porträt eines (mir jedenfalls) bekannten Politikers, der für die Deutsche Hinterteil-Partei im Bundestag sitzt und sehr patriotisch für Deutschlands Vorankommen in der Welt der Politik sorgt.  

Als ich in die Runde frage, wer dieser Politiker denn sein könne, antwortet Frau C. spontan: “Der Bundeskanzler!”

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Geschichten aus dem Pflegeheim: Das Schiff auf dem Meer geht unter

Frau H. aus der „Tagesgruppe Demenz“ verliert in letzter Zeit zusehends den Boden unter den Füßen. Ihre innere Welt scheint in solcher Auflösung begriffen, dass sie beinahe permanent eine Unruhe und Getriebenheit in sich hat, deren Ursache ihr nicht klar ist, die sie sich aber mit Machenschaften des Schicksals oder arglistiger Menschen zu erklären versucht.

Jeden Tag berichtet sie über ein anderes Ereignis, das wieder ihr Leben erschüttert und meistens mit Diebstählen, demnächst anstehenden unfreiwilligen Umzügen oder unfreundlicher Behandlung durch Andere zu tun hat.

Sie redet und erzählt fast ohne Unterbrechung; oft durchaus kontextbezogen und als Beitrag zu in der Gruppe stattfindenden Gesprächen, oft aber auch in Form von spontanen Bemerkungen, Liedern und erratischen Erinnerungen an Verwandte, Freunde, Bekannte, Nachbarn usw., die sie aber alle durcheinander mischt und querbeet miteinander verwechselt.

Heute betrachtet sie eingehend die Deko-Banner an der Wand des Gruppenraumes, auf denen die 9 Teilnehmer der Gruppe abgebildet sind. Dann wendet sie sich an mich und fragt: „Wer ist denn dieser ältere Herr da auf dem zweiten Bild?“

„Der sitzt neben dir, M.“, antworte ich. „Das ist Herr J.!“

Sie wirkt ungläubig und mustert den Sitznachbarn genau. „Nee, da an der Wand, das ist doch der Schauspieler, dieser….“ Mehr fällt ihr aber nicht ein.

„Das sind die Bilder von allen, die hier in der Tagesgruppe sind“, sage ich. „Kuck mal das da (ich deute auf das Porträt von ihr); erkennst du das?“

„Natürlich, das ist meine Schwester!“, bekomme ich zur Antwort. Die Antwort ist relevant, weil sie ein Schlaglicht auf die (Selbst-)Wahrnehmung eines dementiell veränderten Geistes wirft. Ein Wiedererkennen findet statt, auch dass es sich um die eigenen genetische Familie handelt, wird gesehen. Andrerseits ist der Selbstentfremdungsprozess, das Nicht-Wiedererkennen im eigenen Inneren schon so weit vorangeschritten, dass selbst das eigene Bild das eines anderen zu sein scheint: so fremd ist man sich geworden.

Frau H. sitzt eine Weile nachdenklich auf ihrem Stuhl und sagt dann, mehr zu sich selbst als zu irgendjemandem: „Manchmal bin ich so weg von mir… ich fühl mich wie ein Schiff, das immer weiter abgetrieben wird. Und wenn ich die Augen zu mache, geht das Schiff unter…“

Wir beschließen, erst mal eine rauchen zu gehen. Draußen ist Frau H. schon wieder auf einer anderen inneren Umlaufbahn und plaudert munter drauflos von – so vermute ich – Leuten aus vergangenen Zeiten, die ich ihrer Einschätzung nach ja alle auch persönlich kenne und von deren Treiben sie mir berichtet, als seien diese sämtlich meine besten Freunde.

Nach der Zigarettenpause geht ihr Monolog mit anderen Themen weiter, bis eine andere Gruppenteilnehmerin sie unterbricht und aus irgendeinem Grunde fragt: „Wie alt bist du eigentlich?“.

„Ich bin tausend, in acht Wochen!“, verkündet die 85-jährige, wobei nicht ganz klar ist, ob sie das wirklich von sich denkt oder ob sie die Fragestellerin veräppeln will. Ihren Humor hat sie nämlich keineswegs verloren, auch wenn sie offensichtlich in den vergangenen Wochen und Monaten eine Art dementiellen Schub durchgemacht hat, der den Auflösungsprozess ihrer Erinnerung noch verstärkt und ihre Desorientiertheit vertieft hat.

Die Fragestellerin ist allerdings fast taub und versteht die Antwort sowieso nicht; sie lächelt aber zustimmend und fragt als nächstes, was es zu essen gäbe.

Denn jetzt ist Mittagszeit und damit ist alles andere unwichtig und die ganze Truppe freut sich mal wieder aufs Essen.

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Beknackte Weihnachtswünscherei

Scheisse, jetzt fängt wieder diese beknackte Weihnachtswünscherei an. Sogar Leute, denen man das Vorhandensein aller Latten am mentalen Zaun unterstellt hat, werden plötzlich sentimental und denken, sie müssten die Mitmenschen anlässlich irgendeines christlichen Feiertags mit guten Wünschen eindecken, zu denen sie sich sonst höchstens anlässlich eines Krankenhausbesuches aufraffen.

Bitte verschont mich mit dieser rituellen Konzession an den Massengeschmack, werte Facebookfreunde, sonst gibt’s dieses Jahr kein Geschenk.