„Socialism with Chinese Charakteristics“ by Roland Boer

Ein Genosse, der sich ob dieser Tat unsterbliche Verdienste errungen hat, besaß die Freundlichkeit, mir ein PDF-Exemplar des Buches „Socialism with Chinese Characteristics – A Guide for foreigners“ von Roland Boer (ein australischer marxistischer Wissenschaftler, der in China lebt) zukommen zu lassen.

Eben dasselbe Buch, das ich beinahe für den unverschämten Preis von knapp 100 Euro erworben hätte, nur weil ich nach der Lektüre von Auszügen dieser und ähnlicher Werke von Boer von der Tiefe und Genauigkeit seiner Beschreibungen und Analysen überzeugt genug war, eine solche Ausgabe zu wagen.

Bereits nach dem Vorwort halte ich das Buch für Pflichtlektüre für alle, die sich für den chinesischen Weg des Sozialismus interessieren und ihn in kritischer Solidarität begleiten – und erst recht für diejenigen, die von ihrem westlichen Lehnstuhl aus (unter Berufung auf angelesene „Kriterien“, die ein ihrer Auffassung nach richtiger Sozialismus zu erfüllen hätte) China die (Selbst-)Bezeichnung als sozialistisch absprechen bzw. nicht gönnen. Und warum nicht? Weil sie an ihren Dogmen kleben, wie Sozialismus zu beschaffen sein hat, damit er vor ihren Augen Gnade findet.

„(…) if you are like me, having been brought up and educated in one of the few Western countries, then you may well need to engage in a process of washing your brain so as to be able to understand socialism with Chinese characteristics, or sinified Marxism. Another way of putting it is ‘liberating thought’, a term that became a central feature of Deng Xiaoping’s tenure and crucial in the launching the Reform and Opening-Up. For Deng, liberating thought entailed liberation from old dogmas (…)“

https://www.springer.com/gp/book/9789811616211

Geschichten aus dem Pflegeheim: Bundestagswahl entschieden!

„Tagesgruppe Demenz“: nach dem Frühstück unterhalten wir uns, wie wir den gemeinsamen Vormittag gestalten wollen. D.h. ich frage – mehr aus rhetorischen Gründen – meine Truppe, wonach ihnen heute zumute ist. Meistens kommen dann Antworten wie „uns unterhalten“ oder „singen“. Alles andere ist zu weit „draußen“, außerhalb des Zugriffs eines dementiell veränderten Gehirns, und muß, wenn schon, als Anregung von mir kommen.

„Wir könnten ja mal wieder ein schönes Märchen lesen. Oder eine Zeitung…“, beginne ich, und frage gleich in die Runde, wer von den Anwesenden überhaupt Zeitung liest. Tatsächlich ist eine Dame dabei (allerdings die einzige ohne „offizielle“ Demenz-Diagnose), die sogar die „Rheinische Post“ abonniert hat und täglich Stunden mit dem darin enthaltenen Kreuzworträtsel verbringt.

Das würde sie aber so nicht ohne weiteres zugeben; auf meine Nachfrage, was sie in der Zeitung so liest und warum sie das Blatt abonniert hat, erhalte ich zur Antwort: „Ja, um mich über das Geschehen in der Welt zu informieren, die Nachrichten und so…“.

Schon haben wir unser heutiges Vormittagsthema gefunden und ich frage mal nach, ob jemand weiß, was für ein besonderes politisches Ereignis im September ansteht. Frau N., die RP-Abonnentin, weiß auch wirklich Bescheid und verkündet stolz, dass dann Bundestagwahlen sind.

Damit haben wir einen schönen Aufhänger für weitere Gedächtnistrainings- und Erinnerungsaktivierungs-Einheiten. Da ich lauter westdeutsch sozialisierte Leute vor mir habe, frage ich sie nach den Kanzlern der BRD seit 1949.

An Adenauer kann sich auch jeder erinnern („Adenauer war der Beste!“, stellt Frau Sch. im Ton endgültiger Gewissheit fest, und ringsum erschallt zustimmendes Gemurmel), an Ludwig Erhard grad noch so (ich muss nachhelfen mit dem Hinweis „Der Dicke mit der Zigarre!“), aber den Rest außer der derzeitigen Kanzlerin kennt keiner mehr auf Anhieb. Bei Nennung der jeweiligen Namen fallen ihnen die Kanzler von Kiesinger bis Schröder dann aber doch wieder ein, und es wird sich an das eine oder andere anekdotische Detail erinnert.

Da wir nun schon mal beim Thema sind und Rate-, Gewinn- und Abstimmspiele bei meinen Schützlingen ohnehin beliebt sind, beschließen wir, die Bundestagswahl einfach vorzuziehen und direkt in der Tagesgruppe den nächsten Kanzler (oder die Kanzlerin) zu ermitteln.

Meine Leute sind erfreut über die Aussicht eines hochoffiziellen Wahlvorganges, da sie sonst höchstens Briefwahl machen (de facto nur eine einzige von ihnen, die besagte Frau N.). Ich erstelle also höchst professionelle Wahlzettel mit den drei Kandidaten, nachdem wir vorher aus der Kandidatenfrage wieder ein Ratespiel gemacht haben.

Laschet kennen alle, wohl weil er Ministerpräsidemt in NRW ist und man hier ständig irgendwas von ihm sieht oder hört. Von Baerbock haben ein oder zwei der Teilnehmer schon mal gehört, Scholz dagegen kennt scheinbar keiner.

Ich erkläre also, was sie mit den Wahlzetteln machen müssen, vor allem natürlich, dass diese nach der Wahl zusammengefaltet werden müssen, da es schließlich eine demokratische Wahl ist und damit die Wahl hinterher nicht angefochten werden kann.

Nach einer Weile und etlichen Mühen sind dann alle acht Wahlzettel beisammen und es kann an die Auswertung gehen. Ich verwandle mich flugs in Jörg Schönenborn und kommentiere beim Auszählen der Stimmen bereits aufs Demokratisch-Medialste den Trend und die Wählerwanderungen sowie Rückschlüsse und Koalitionsmöglichkeiten, bedanke mich aber auch namens der Politiker bei allen Wählern; betone, dass bei der Besetzung der Posten selbstverständlich Sachthemen vor Parteienproporz gehen wird und gebe dann „zurück nach Berlin“!

Mein Wahlvolk ist fasziniert und erwartet gebannt die Verkündung des vorläufigen amtlichen Endergebnisses. Drei der acht Teilnehmer geben trotz meiner Erläuterungen ungültige Stimmzettel ab, entweder weil sie von den Auswahlmöglichkeiten überfordert sind und vorsichtshalber bei jedem Kandidaten ein Kreuz machen, oder weil sie nicht wissen, wenn sie wählen sollen.

Frau P., die den gesamten Vormittag gewohnheitsmäßig in ein- und derselben Position dasitzt und vor sich hinstarrt, kriegt alles mit und überrascht manchmal durch plötzliche Einlassungen, die es in sich haben. Als der Wahlzettel vor ihr liegt und es ans Ausfüllen geht, sagt sie indigniert: „Was soll ich mit dem Blödsinn? Ich hab noch nie gewählt und tu es auch jetzt nicht!“

Das Wahlergebnis selbst ist dann eine handfeste Überraschung. Womit keiner gerechnet hat, tritt ein, und der unbekannteste Kandidat, ein Herr Scholz von der Kleinpartei „SPD“, wird mit klarem Vorsprung neuer Bundeskanzler der BRD!

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das jetzt alten Parteipräferenzen und Wahlgewohnheiten zuzuschreiben ist, oder ob es einfach daran liegt, dass Olaf Scholz ganz unten auf dem Wahlzettel steht und damit für die meisten am einfachsten anzukreuzen ist.

Meine Leute jedenfalls wirken nicht besonders überrascht über das Endergebnis und finden, dass auch mit dem neuen Kanzler alles bestens geordnet ist. Ich kann mich allerdings des Eindruckes nicht erwehren, dass Interesse und Enthusiasmus meiner Gruppe bei der jede Woche einmal anstehenden Wahl der Mittagsmenüs für die kommende Woche deutlich ausgeprägter sind als bei einer letzen Endes doch irgendwie unbedeutenden Bundestagswahl.

Kurze Zeit später sitzen alle beim Mittagessen, und Frau S., die einen leeren Stimmzettel abgegeben hat, vereint sämtliche Anteile ihres Mittagessen zu einer Großen Koalition, indem sie Vorsuppe, Hauptgericht, Joghurt und Pudding kunstvoll durcheinander mischt und sich an den resultierenden Farbeffekten erfreut. „Sehr lecker!“, sagt sie und löffelt zufrieden weiter.

Freie Medien in der regelbasierten besten aller alternativlosen Welten: Wat den eenen sin Uhl, is den annern sin Nachtigall.

Gestern in den “Tagesschau”-Nachrichten:

Zwei Meldungen über protestierende Menschen in unterschiedlichen Ländern. Beide Demonstrationen richten sich dem Vernehmen nach gegen die prekäre wirtschaftliche Situation in dem jeweiligen Land.

In Land A sind die Demonstrierenden laut Sprecher normale Bürger, die bessere Versorgung und Freiheit fordern und dabei von der Regierung rigide unterdrückt werden.

Die schlechte Versorgungslage in Land A hat zwar auch irgendwie mit Sanktionen durch die nahegelegenen Supermacht zu tun, wird aber im Wesentlichen der lokalen Regierung angekreidet. Über die Anzahl der Demonstrierenden wird man nicht genau ins Bild gesetzt, man erfährt aber, das es „Gegendemonstrationen“ gab, die natürlich „von der Regierung gesteuert“, also quasi befohlen wurden.

Insgesamt schneidet die Regierung von Land A ziemlich schlecht ab; sie wird „autoritär“, „diktatorisch“ und „unterdrückerisch“ genannt. Der Regierungschef von Land A wird ein paar Sekunden lang eingeblendet; seine vierstündige Rede mit ausführlichen Erläuterungen der Lage des Landes und weitgehendem Eingehen auf berechtigte Anliegen der Bürger wird komplett ignoriert zugunsten eines darübergesprochenen Kommentars, der dem Mann unterstellt, sich an „die Macht“ zu klammern und dem Volk grundlos alle möglichen „Freiheiten“ zu verbieten.

In Land B sieht’s ähnlich aus, dort scheint die Situation aber eine gänzlich andere zu sein: die Protestierenden dort sind laut Auskunft der „Tagesschau“ Plünderer und Randalierer, ein wütender dunkelhäutiger Mob wird beim Abfackeln irgendwelcher Autos oder Supermärkte gezeigt und zur Beruhigung des erschreckten Zuschauers wird angefügt, das „die Sicherheitskräfte“ die Lage mittlerweile im Griff haben.

Mit ganz viel Verständnis für die Notwendigkeit, einen randalierenden Mob in die Schranken zu weisen, werden dann einem dortigen Amtsträger aus Polizei, Justiz oder Politik ganz viel Zeit eingeräumt, seine Einschätzung der Lage zum Besten zu geben. Diese ist klar: „die Randalierer missbrauchen die Freiheit, sowas können wir nicht zulassen, jetzt aber alles wieder ruhig.“

Land B, muss man wissen, ist eines irgendwie freiheitsfeindlichen Verhaltens seiner Regierung absolut unverdächtig, denn dort herrscht genau die Freiheit, auf die es ankommt: die des Geldes, sich zu vermehren. Und zwar in der Hand und auf den Konten der kundigen Experten dieser Kunst, die rein zufällig in den Konzern- und Regierungszentralen des freien Westens beheimatet sind.

Das landschaftlich herrlich in der Karibik gelegene Land A dagegen hat aus denselben Gründen eigentlich gar keine Regierung, die neutral und unschuldig „regiert“, sondern eine „herrschende Partei“. Dortzulande wird nämlich geherrscht statt regiert, und zwar „totalitär“.

Warum? Weil die Staatsdoktrin dort in der freiheitsfeindlichen Todsünde besteht, der freien Vermehrung von Geld und Kapital zugunsten der geplanten Wohlfahrt der Bevölkerung Grenzen zu setzen.

Dieses Vergehen zahlt ihm der freie Westen seit 60 Jahren auf eine Weise heim, die schon das nackte Überleben der dortigen Bevölkerung ziemlich anstrengend macht.

Land B, ganz unten in Afrika gelegen, macht dem wertebewussten Freiheitslager zum Glück keine solchen Schwierigkeiten, da es sich die regelbasierte Ordnung dieser menschheitsbeglückenden Weltordnung ganz zu eigen gemacht hat. So muß den auch dort anfallenden Aufmüpfigen und sonstigen Krawallmachern, die sich nicht an die Regeln halten wollen, gelegentlich eben gezeigt werden, wo der freiheitliche Frosch die Locken hat.

Wenn in Land B die dortigen Hungerleider gewalttätig werden, kann das nur an einer falsch verstandenen Auffassung der Freiheit liegen, die sie ja längst schon HABEN! Analoge Aktionen unzufriedener Bürger von Land A dagegen können nur ein einziger Aufschrei nach Freiheit sein, weil dort die Freiheit erst noch importiert werden muss.

All dies in zwei aufeinanderfolgenden „Tagesschau“-Meldungen von ca. 5 Minuten hinreichend deutlich ins Unterbewusstsein des Medienkonsumenten versenkt zu haben, ist schon eine Leistung. Aber eine, die das staatlich kontrollierte Fernsehen der BRD locker hinkriegt.

Dem Chinesen auf der verbrecherischen Spur: Plötzlich leuchteten Lichter!

Es geht immer noch eine Nummer absurder und debiler. Das sinophobe Schmuddelblatt aus Hamburg, das seinen Lesern wahrheitswidrig die Lügenmärchen des Adrian Zenz und anderer wertewestlicher Kriegshetzer über Xinjiang als Fakten auftischt, interviewt einen weiteren anti-chinesischen Kreuzzügler, der es mit seinen 23 Jahren immerhin schon zum Experten für imperialistische Propaganda gebracht hat.

Das Milchgesicht hat sich „in der Nacht aufgenommene Satellitenbilder angesehen“ und darauf erkannt, dass dort, wo es vorher dunkel war, nach einigen Jahren „plötzlich Lichter (leuchteten)“.

Solche messerscharfe Analytik führt den australischen Jungspund – vom „Spiegel“ als „der 23-Jährige, der die brutale Politik Chinas bewies“ vorgestellt – zu der hieb- und stichfesten Erkenntnis, dass die „Lichter“ irgendwie ja doch wohl eher „Autobahn-Checkpoints“ und „Gasfackeln aus der Rohstoffförderung“ seien, aber auf jeden Fall „ein Teil davon auch Lager“ gewesen sein müssen!

Damit hat der Mann seine Schuldigkeit getan, der „Spiegel“ mal wieder „die brutale Politik Chinas“ bewiesen und jeden Leser, der noch nicht seine Urteilskraft an der Garderobe wertewestlicher Psychose abgegeben hat, zu herzhaftem Lachen gebracht: wer diese selbst auf den oberflächlichen Blick erkennbar fabrizierten, notdürftigst zusammengelogenen Schnurren für seriöse Information hält, hat wohl auch den „Spiegel“ als Indormationsquelle verdient.

Erwischt!

Das Hamburger Fachmagazin für die Gelbe Gefahr hat dem Chinesen auf die krummen Finger geschaut und mal wieder Übles entdeckt:

Der Chines‘, mittlerweile Nummer 1 nicht nur als Industrie- und Technologiemacht, sondern auch auf dem Gebiet der Ökologie, macht das alles nur – wir ahnen es – aus schierer Machtgier!

Umwelt, Lebensqualität, Emissionsreduktion, Rekultivierung von Wüsten und Steppen – all dies ist der kommunistischen Diktatur natürlich scheissegal, denn für sie ist „grüne Politik eine Machtfrage“!

Nein! Doch?! Oh…!!!

Hängen bleibt (und soll es auch): „Alles Schwindel beim Chinesen! Selbst beim Ökothema geht’s den Kommunisten dort nur um ihre MACHT!“

Bei uns hingegen ist grüne Politik bekanntlich ein zutiefst altruistischer Zug unserer weisen politischen Anführer, die sich aus lauter Sorge um unser gutes Leben besonnen haben, die Marktwirtschaft zu bändigen und endlich zum Wohle unseres Planeten und der zukünftigen Generationen gegen Klimawandel und Naturzerstörung angehen. Weiß jeder!

Böse Dinge wie Machtkämpfe und -fragen gibt es in unserer Demokratie im Grunde gar nicht, denn hier wird ja nicht geherrscht, sondern bloß regiert, und zwar zum Wohle aller. Politische Weichenstellungen, Entscheidungen, auch Wahlkämpfe, Kandidatenküren usw. sind also mitnichten „Machtfragen“, sondern lauter Gelegenheiten für ernsthafte Verantwortungsträger, sich im fairen Austausch Gedanken über die Richtung unserer besten aller Welten zu machen.

Beim Chinesen dagegen herrscht Diktatur, zudem noch eine kommunistische, und das ist schon mal per se ganz, ganz schlimm. Dort herrscht mit eiserner Faust der Diktator Xi Jin-Stalin als Alleinherrscher über 1.4 Milliarden bedauernswerte Chinesen – zwar vermittels einer Kommunistischen Partei, aber die ist ebenfalls voll unter seiner Fuchtel und sowieso (wiederum wegen Kommunismus) ein Ausbund diktatorischer Ideologie.

Deshalb kann alles, was der Chinese politisch so treibt, nur Ausdruck von Machtkampf, -streben und -fragen sein! All dies ist bei etwas gutem Freiheitundmarktwirtschaftswillen bereits der Überschrift und dem Foto zu entnehmen und jedem „Spiegel“-Leser sowieso geläufig, weshalb es gar kein Problem ist, dass der Artikel hinter der Paywall des norddeutschen Aufklärungsheftchens versteckt ist.

Nachschlag:

Wie korrekte, weil freiheitlich-demokratische und marktkonforme Umweltpolitik und Klimarettung geht, weiß der „Spiegel“ direkt unter dem Artikel über Chinas üble „Machtfrage“-Tour mit der „grünen Politik“ natürlich auch: der MARKT wird’s richten, und zwar in Form seiner einzig kompetenten Vertreter, der UNTERNEHMEN!

Der „Spiegel“-Leser lernt:

„Grüne Politik“ beim kommunistischen Chinamann: böse, weil Macht und so.

„Grüne Politik“ bei uns: gut, vor allem, wenn wir sie in den bewährten Händen der Firmen und Konzerne lassen!

Die Geier warten schon

Das hätten sie gerne:

imperialistische Hofberichterstattungspresse im Geifer-und-Sabber-Modus über Proteste in Kuba, die unvermeidlicherweise von den einschlägigen Diensten und Medien des zombifizierten Wertewestens zum konterrevolutionären „Volksaufstand“ zurechtdeliriert werden.

Gottseidank weiß die Mehrheit der Kubaner, wer Urheber der terroristischen Sanktionen gegen das Land ist.

Geschichten aus dem Pflegeheim: So war der Wilde Westen

Das neue Mitglied unserer „Tagesgruppe Demenz“, Frau B., kommt gerne mit Hut in die Gruppe. Sie ist eine kommunikative, aber wortkarge Dame. Sie redet wenig, beteiligt sich aber lebhaft und gestenreich an allen Aktivitäten und Unterhaltungen; besonders liebt sie es, wenn gesungen und geschunkelt wird oder wenn wir kleine gymnastische Übungen machen.

Ihr Hut jedenfalls gibt mir die Vorlage für einen Streifzug durch den Wilden Westen, wo ja bekanntlich alle mit Hüten unterwegs waren. Jedenfalls die Trapper und Cowboys.

Ich ergreife die Gelegenheit, die unglaubliche Geschichte von Trapper Toni zu erzählen (wie alle Geschichten dieser Art entsteht die Story beim Zeichnen). Trapper Toni, ein Vorfahre des nachmaligen FCB-Trainers Trappatoni, war bekannt wegen seines riesigen Hutes und seiner legendär schlechten Laune.

Wurde er auf seinen Riesenhut angesprochen oder dieser gar ins Verhältnis zu seiner kleinwüchsigen Erscheinung gebracht, sah er rot und ballerte wild um sich. Deswegen war er im ganzen Wilden Westen so berüchtigt, dass niemand auch nur wagte, seinen Namen auszusprechen. Genau aus diesem Grunde ist seine Geschichte auch weitgehend unbekannt geblieben.

Trapper Tonis einziger Schwachpunkt war seine unerfüllte Liebe zur Saloon-Sängerin Rosa Romero. Deren winziger Hut wurde von einem Gummiband auf ihrer üppigen schwarzen Mähne gehalten; das Hütchen war ihr Ein und Alles – sie trug sogar Lippenstift in der Farbe des Hutes.

Rosa Romero dachte allerdings nicht daran, auf das Werben des gelbgesichtigen Alten mit dem riesigen Hut einzugehen. Er war ihr zu alt, zu klein und zu jähzornig.

Wie die Geschichte ausging, weiß keiner. Sicher ist nur, dass Trapper Toni sich irgendwann selber ins Bein schoss und den Rest seines Lebens humpelnd verbrachte. Meine demente Truppe war beeindruckt und schwankte zwischen Mitgefühl und Schadenfreude – auch weil ich an dieser Stelle live vormachte, wie dieses tragische Ereignis vonstatten ging.

Rosa Romera dagegen wurde berühmt, als sie zusätzlich zu ihrem Hut die WILDE WESTE fand und anzog – ein Bekleidungsstück, nach dem (wie der Name schon sagt) immerhin der ganze Wilde Westen benannt ist. Die Wilde Weste war durch einen obskuren Magier mit einem Zauberspruch belegt worden und verführte denjenigen, der leichtsinnig genug war, sie anzuziehen, zu wüstesten Ausschweifungen, Parties ohne Ende und tage- bis monatelangen Gelagen.

Die versammelte Teilnehmerschaft stutzt kurz und ist sich nicht ganz sicher, ob DAS nun wirklich sein kann und ob der Wilde Westen wirklich nach der Wilden Weste benannt wurde. Man findet sich dann aber mit der logisch zwingenden Analogie der Ausdrücke ab, und ohnehin ist die Geschichte einfach zu absurd, um nicht auf gefällige Rezeption durch meine Schützlinge zu treffen.

Außerdem hatte ich schon kurz nach dem Frühstück ein paar Lügenmärchen der Brüder Grimm vorgelesen, so dass wir sozusagen im Thema geblieben sind. Alle sind’s zufrieden, wir singen noch ein paar Schlager und schon ist wieder Mittagszeit – das lange Sitzen ist anstrengend für die Leute, die nach fünf Stunden auch bester Unterhaltung froh sind, wenn sie nach dem Mittagessen in ihre Zimmer und ihre Betten können.