Geschichten aus dem Pflegeheim: Corona-Alarm II

Das Virus breitet sich im Heim aus wie die böse Krätze. Im Wohnbereich 3 sind mittlerweile bis auf drei Bewohner alle positiv getestet. Auch die Pflegekräfte sind massiv infiziert; immer mehr fallen aus, weil sie in Quarantäne müssen, der laufende Betrieb wird mit Zeitarbeitskräften aufrechterhalten. Die bisherigen beiden Corona-Toten der Einrichtung kommen aus diesem Wohnbereich.

Die anderen Wohnbereiche sind jetzt noch mehr abgeschottet, um eine Ausbreitung der Infektion zu vermeiden. Die Bewohner sind auf ihre Zimmer verwiesen und drehen alle am Rad. Die Isolierung, der Wegfall der Gruppenangebote, das Alleinsein auf dem Zimmer macht allen schwer zu schaffen.

Ich bin der einzige Mitarbeiter der Einrichtung, der per Ausnahmegenehmigung überhaupt noch Gruppenangebote machen darf. Heute ist wieder die Mal- und Kreativrunde dran. Die Wohnbereichsleiterin bittet mich, die Gruppe diesmal im Speisesaal statt im gewohnten Gruppenraum zu machen. Letzterer ist ihr „zu nahe an Wohnbereich 3 dran“.

Ich mache mich also ans Aufbauen, Material heranschaffen, Musikanlage einrichten (gehört in meinen Kursen wesentlich zur kreativen Atmosphäre) usw. und verwandle gut anderthalb Stunden vor Angebotsstart den Raum in ein Künstler-Atelier. Ich achte darauf, dass die einzelnen Arbeitsplätze den vorgeschrieben Abstand haben und lege die Mappen der fünf Teilnehmer (mehr dürfen zur Zeit nicht mitmachen) auf die Plätze.

Womit ich nicht gerechnet habe ist, wie ausgehungert die Bewohner nach Gemeinschaft, nach Zusammensein und nach Austausch sind. Dass sich in dem seit über einer Woche brachliegendem Speisesaal (alle Mahlzeiten müssen einzeln auf den Zimmern eingenommen werden) etwas tut, spricht sich in Windeseile herum und die ersten Neugierigen tauchen auf; Leute, die sich sonst im Leben nicht in einer Kunstgruppe blicken lassen würden, die aber von der Aussicht auf ein Gruppenangebote magisch angezogen werden.

Eine halbe Stunde vor Angebotsbeginn habe ich meine Kursteilnehmer plus 5 weitere Bewohner erwartungs- und freudevoll im Raum sitzen, weitere Bewohner strömen herbei, angezogen wie die Motten vom Licht von der Hoffnung auf Abwechslung, Unterhaltung und Geselligkeit.

Die Wohnbereichsleiterin steckt die Nase zur Tür hinein, erfreut und berührt, dass endlich mal etwas gegen die kurz vor der Depression stehenden Monotonie und Langeweile der Bewohner unternommen wird und weist mich auf die Teilnehmerbegrenzung hin – allerdings mit den Worten “ Das darf da unten (sie meint den Sitz der Einrichtungsleitung) keiner wissen!’.

Ich sage meinen Leuten, dass wir eigentlich gar nicht machen dürfen, was wir hier machen, dass wir aber wohl alle auch gerne ein bißchen Abwechslung erleben möchten und deswegen – wenn wir schon die Höchstzahl an Personen im Raum überschreiten – wenigstens die Abstände einhalten müssen. Das verstehen auch die Dementen, alle sind bester Stimmung, keiner will sich den überraschenden geselligen Nachmittag verderben.

Die Malgruppen-Teilnehmer widmen sich ihren Bildern, die anderen sitzen dabei und genießen die Geselligkeit, singen die Lieder mit und unterhalten sich. Partyatmosphäre kommt auf, immer weitere Neugierige erscheinen.

Frau L., eine an Depression leidende Krebspatientin, schiebt ihren Rollator herein, setzt sich auf einen Stuhl und genießt lächelnd die gelöste Stimmung. Nach einer Weile sagt sie zu mir: „Frau H. will auch wissen, was hier los ist!“ Frau H. Ist ihre Zimmergefährtin, dement und auf den Rollstuhl angewiesen. Sie sitzt im Zimmer gegenüber, hört die Musik, die Stimmen der anderen und hält es kaum noch aus, nicht dabei zu sein.

Mir ist mittlerweile alles egal, ich schiebe sie in den Speisesaal in eine Ecke mit ausreichendem Abstand zu den anderen. Vor Freude über die lang vermißte Gemeinschaft mit den anderen Bewohnern laufen ihr die Tränen übers Gesicht und sie singt mit Inbrunst die Schlager und Chansons mit, die wir als Begleit- und Inspirationsmusik auflegen.

Frau H., Teilnehmerin der „Tagesgruppe Demenz“ (die jetzt schon seit zwei Wochen nicht mehr stattfindet), hat sich inzwischen ein Blatt Papier geschnappt und legt mit Ölpastellkreiden los. Dabei kommentiert sie ausgiebig ihr Werk, spricht aber zwischendurch auch munter und aufgekratzt mit den anderen. „Wohnen Sie schon lange hier?“, fragt sie Frau S., die ihr seit zwei Jahren in der „Tagesgruppe Demenz“ gegenüber sitzt.

Von ihrem Bild ist sie sehr angetan und erklärt mir, was es damit auf sich hat: „Das sind die Wellen des Meeres, die alles forttragen… da in der Ecke, die Striche, das sind welche auf Krücken, die haben sich die Beine gebrochen, und da kommen die Toten.“

„Die Toten?“ hake ich nach, neugierig geworden, „was machen die denn im Meer?“

„Na, die werden fortgespült!“ erläutert sie mir und ich schäme mich fast für meine dumme Frage.

Frau H. ist spürbar aufgeputscht durch die Gruppenatmosphäre, auch die übrigen Anwesenden sind gelöst und bester Laune. Als ich kurz zum Klo gehe, höre ich beim Zurückkommen den lauten Gesang der ganzen Gruppe über die Flure schallen und freue mich, dass wenigstens heute mal die Tristesse des coronabedingten Stubenarrests gebrochen ist.

Nach anderthalb Stunden – 30 Minuten länger als für das Angebot eingeplant – muß ich die Runde beenden, abbauen und die Leute zurück auf ihre Zimmer befördern oder (sofern sie mobil sind), auffordern, sich dorthin zu begeben.

Nun wird es erst recht lustig. Meine beschwingte Truppe begibt sich zwar erstmal in Richtung Flur und des jeweiligen Zimmers, aber schon nach wenigen Minuten, während ich die diversen Utensilien und Gerätschaften abbaue und verstaue, sind sie alle wieder da.

Da ich die Gewohnheit habe, währende des Abbauens die Musik weitere laufen zu lassen, wollen und können sie sich nicht trennen von der Quelle der Geselligkeit und des gemeinsam verbrachten Nachmittags. Ich versuche es mehrere Male, leite die Leute immer wieder auf ihren Weg zu ihren Zimmern, aber offensichtlich folgen sie mir nur aus Freundlichkeit, gehen zwar tatsächlich in ihre Zimmer, kehren aber von dort schnurstracks wieder zurück in den Speisesaal.

Schließlich muss ich mir eine Kollegin herbeiholen, da ich die Situation anders nicht beaufsichtigt und geregelt kriege und ich eine weitere Person brauche, die die Bewohner aus dem Raum und auf ihre Zimmer bringt.

Das ist nötig, weil ich nicht nur aufräumen, Material verstauen und dokumentieren, sondern obendrein auch noch einen erneuten Corona-Antigen-Schnelltest machen muß, da ein weiterer Kollege des Sozialen Dienstes positiv getestet wurde (Antigen und PCR) und mit Corona-typischen Symptomen in häuslicher Quarantäne liegt. Der Kollege ist halb so alt wie ich – Jugend schützt vor Infektion und Erkrankung nicht, sei an dieser Stelle den Covidioten ins Stammhirn geschrieben.

Testergebnis übrigens negativ. Morgen geht’s weiter. Und übermorgen. Und jeden weiteren Tag.

Bild: Frau H. und ihr Meer mit den fortgespülten Toten

Geschichten aus dem Pflegeheim: Corona-Alarm

Nachdem nach den ersten Corona-Fällen letzte Woche das Gesundheitsamt in der Einrichtung war und sämtliche Bewohner durchgetestet hat, stellt sich heraus, dass die bis jetzt ca. 10 Infizierten auf alle Wohnbereiche verteilt sind. Auch zwei Pflegekräfte von zwei verschiedenen Wohnbereichen sind positiv getestet worden.

Seit dem Wochenende sind weitgehende Einschränkungen für die Bewohner verhängt: die Leute sollen in ihren Zimmern bleiben und dort auch die Mahlzeiten einnehmen, Gruppenangebote finden nicht mehr statt, die „Tagesgruppe Demenz“ ebenfalls nicht.

Das ist für die Teilnehmer besonders hart, denn gerade die Dementen verstehen nicht, was das alles soll und wieso sie jetzt plötzlich nicht mehr aus dem Zimmer dürfen. In der Praxis erweist es sich als ein Ding der Unmöglichkeit.

Frau H., eine kleine, freundlich-ängstliche Frau mit Hinlauftendenz („Weglauftendenz“ ist als Ausdruck verpönt, da er andeutet, die Person würde aus Gründen weglaufen wollen, die bei der Einrichtung liegen), läuft wie immer die Flure auf und ab. Ihr Zimmer findet sie in den seltensten Fällen wieder; sie will aber auch gar nicht dort sein, sie KANN gar nicht länger als 5 Minuten am Stück IRGENDWO sein. Selbst in der „Tagesgruppe“ steht sie alle naselang auf und stiefelt los, weshalb ich sie kurzerhand zur offiziellen Kundschafterin der Tagesgruppe ernannt habe.

Ihr Auftrag lautet, uns regelmäßig zu berichten, was auf den Fluren und Gängen so los ist. Sie erfüllt ihre Kundschafterpflichten mit Disziplin und Hingabe und berichtet jedesmal, dass es nicht Neues gäbe. Jedenfalls ist sie durch ihre neue Position um einiges entspannter geworden, da sie wohl das Gefühl hat, etwas Nützliches beizutragen und nicht mehr getadelt oder mit genervten Kommentaren bedacht zu werden, wenn sie mal wieder unterwegs ist.

Kurzum, bei Frau H. ist es völlig zwecklos, es mit irgendeinem Zimmerarrest zu versuchen. Das Maximum was möglich ist: darauf zu achten, dass sie wenigstens den Wohnbereich nicht verlässt.

Ein anderes Mitglied der „Tagesgruppe“, Frau H.2, hat eine geniale Methode gefunden, den Stubenarrest zu umgehen: sie hat einen Toilettenstuhl direkt in ihre geöffnete Zimmertür gestellt und betrachtet von dort aus das Geschehen – immerhin ein kleiner Ersatz für die fehlenden Interaktion mit den anderen Bewohnern und den Mitarbeitern.

Als sie meiner ansichtig wird, winkt sie mich erfreut herbei und sagt „Meine Güte, ich bin ja so froh dass du da bist, du ahnst ja gar nicht, was hier schon wieder passiert ist…“

Ich erwarte eine ihrer wilden Geschichten über nächtliche Besuch ihres Vaters oder anderer längst verstorbener Verwandter, oder – sehr häufig bei ihr – aufgeregte Meldungen über russische Truppen, die eingerückt sind (oder kurz davor sind einzumarschieren), weshalb man jetzt unbedingt Hals über Kopf das Weite suchen müsse… Diesmal ist aber der Auslöser ihrer Besorgnis die Coronanotstandsrealität des Heimes, die sie zwar nicht versteht, aber in ihren Wirkungen auf ihren gewohnten Tagesablauf natürlich spürt. Sie vermischt die neue Situation mit Erinnerungsbruchstücken ihrer Jugend und berichtet mir eine sehr inkohärente Geschichte über Leute, die alles auf den Kopf gestellt und sie in diesen Raum gesperrt hätten.

Ich weiß gar nicht mehr, was hier los ist!“, stoßseufzt sie. „Wenn du jetzt hier bist: versprichst du mir, dass du mich nachher nach Hause bringst?“ Dass ihr Zimmer im Pflegeheim ihr Zuhause ist, entspricht vielleicht der äußeren Realität, ganz sicher aber nicht ihrem inneren Empfinden in diesem Moment.

Na klar!“, antworte ich ihr. „Ich bin heute den ganzen Tag hier und werde immer mal wieder nach dir schauen. Ich kümmere mich darum, dass du nachher nach Hause kommst…“

Das ist einerseits wahr (sie IST ja nun mal hier zuhause), andrerseits unwahr (ich weiß ja, dass sie etwas ganz anderes mit „zuhause“ meint als das Zimmer im Pflegeheim). Meine Antwort erfüllt aber ihren Zweck, Frau H.2 bleibt den Tag über vergnügt auf ihrem Beobachtungs-Toilettenstuhl sitzen und winkt oder zwinkert mir jedesmal fröhlich zu, wenn ich mit verschiedene Aufgaben den Flur hoch oder runter gelaufen komme. Zeit für ein paar Worte und einmal eine kurze Rauchpause ist immer und im Rahmen der besonderen Umstände haben wir für sie das Beste aus dem Tag rausgeholt.

Eine andere Teilnehmerin der „Tagesgruppe“ hatˋs heute besonders schwer. Schon bei Schichtbeginn fängt mich die verantwortliche Pflegefachkraft ab und fragt, ob ich mal zu Frau S. gehen könnte, die würde in ihrem Zimmer sitzen und weinen und wäre „ganz schlecht drauf“.

Frau S. sitzt tatsächlich wie ein Häufchen Elend auf ihrem Bett, Tränen laufen ihr über die Backen (gleich noch ein paar mehr, als ich reinkomme), aber sie strahlt, als sie mich sieht und sagt „Ach wie schön! Mir geht’s heute ganz schlecht, aber als ich gehört habe, dass Sie da sind, war ich gleich ein bißchen erleichtert.“

Sie erzählt mir, dass sie schlimme Rückenschmerzen hat und sich ganz furchtbar alt fühlt – worauf sie lachen muss und sagt „Na, bin ich ja auch mit fast Neunzig!“. Am schlimmsten für sie ist, dass unsere „Tagesgruppe“ nicht stattfindet, das es keinen Kontakt mit den anderen gibt und dass es heißt, die Leute sollen die Zimmer nicht verlassen. Das ist für Frau S., die noch mobil ist und jeden Tag und bei fast jedem Wetter ihre Runden im Garten dreht, die Höchststrafe.

Zusammen mit einem Mitarbeiter allerdings sind Spaziergänge ok, und so biete ich ihr an, sie in den Garten zu begleiten. Das muss ich ihr nicht zweimal sagen. Wir machen einen kleinen Ausflug in den sonnendurchfluteten, aber kalten Garten des Heimes, schauen uns die jetzt völlig entlaubte Riesen-Eiche und den Fischteich an und sind beide froh, nach 10 Minuten wieder im Warmen zu sein.

Der kurze Ausflug reicht aber, um Frau S. mit dem Tag und den Umständen zu versöhnen. „Das ist jetzt wie Weihnachten für mich!“ erklärt sie. Später am Tag berichtet sie mir noch zweimal, dass sie mit ihrem Sohn (der täglich anruft) über dieses tolle Erlebnis gesprochen hat und bedankt sich ein ums andere Mal für den Ausflug.

Um die Mittagszeit komme ich an der Rezeption vorbei und sehe dort eine Kerze brennen. Das bedeutet, dass jemand gestorben ist. Ich schaue mir den bei solchen Anlässen aufgehängten Rahmen mit Namen des Verstorben und irgendeinem christlichen Segensspruch an. Es ist ein Bewohner, der bei den anderen Bewohnern nicht besonders beliebt war (eher im Gegenteil) weil er oft verbal grob und provokant – besonders Frauen gegenüber – auftrat. Bei den Mitarbeitern galt er als „schwierig“, denn er lag meistens im Bett, duschte nicht und. ließ sich ungern waschen, was seinem Zimmer einen leichten Raubtierkäfiggeruch verlieh. Zu mir hatte er allerdings einen guten Draht (oder ich zu ihm). Mir war erstens sein Gestank ziemlich egal und zweitens hatte ich keine Hemmungen, ihm auch zu sagen, dass er stinkt. Vor allem aber hörte ich ihm zu, behandelte ihn nicht wie ein lästigen Störenfried und fuhr gelegentlich mit ihm zum ALDI, was ihm viel bedeutete.

Dieser am heutigen Morgen verstorbene 70-Jährige ist das erste Corona-Opfer der Einrichtung. Er war am Wochenende wegen Atemproblemen ins Krankenhaus eingeliefert und in ein künstliches Koma versetzt worden. Vorerkrankungen wie Arthrose und Diabetes waren vorhanden, gestorben ist er laut Information des Krankenhauses aber an multiplem Organversagen als direktes Resultat der Virusinfektion.

Die Einrichtungsleitung ist jedenfalls aufs Höchste alarmiert, das Gesundheitsamt sitzt dem Heim im Nacken und für alle heißt es jetzt erstmal, mit der Situation einigermaßen zurechtkommen und das Beste draus machen. Wer wirklich unter den Maßnahmen leidet, sind natürlich die Bewohner. Schon ein oder zwei Tage ohne die gewohnten Abläufe, ohne wenigstens die Gemeinschaft mit den anderen beim Essen oder bei den Angeboten des Sozialen Dienstes, und ziemlich viele drehen am Rad.

Ich schnappe mir den Einrichtungsleiter und die PDL und mache ihnen klar, dass es bei EINEM positiv Getesteten (auf „meinem“ Wohnbereich) nicht logisch und geradezu kontraproduktiv ist, jetzt alle Angebote zu streichen. Mit etwas Überredung erhalte ich die Konzession, wenigstens die Kunstgruppe stattfinden lassen zu können – mit der Auflage, dass nicht mehr als 5 Personen teilnehmen, ausreichend Abstand gewahrt und regelmäßig gelüftet wird. Außerdem solle ich versuchen, die Teilnehmer dazu zu bewegen, einen Mund-Nasenschutz aufzusetzen.

Ich sage alles zu, halte mich aber nur an die Abstandsregeln und Teilnehmerbegrenzung. Das Lüften vergesse ich, mit den Masken komme ich meinen Leuten gar nicht erst. Von den Fünfen sind zwei dement, und auch die Orientierten würden sich bedanken für eine solche Zumutung. Außerdem sitzen sie alle im Abstand von 2 Metern, so dass meiner laienhaften Einschätzung nach für Infektionsschutz ausreichend gesorgt ist, zumal bei Leuten, die vor wenigen Tage alle negativ getestet wurden.

Nach der Kunstgruppe räume ich auf, verstaue die Materialien in einer alten Kommode auf einer Empore zwischen den Wohnbereichen. Von dort aus kann ich ein Gespräch mithören, dass zwei gediegen demente Männer – aus zwei verschiedenen Wohnbereichen, was eigentlich gar nicht passieren dürfte – miteinander führen. Sie sitzen in den Sesseln im Foyer, mit ausreichendem Abstand voneinander und unterhalten sich.

D.h. eigentlich spricht nur einer, der joviale und äußerst redselige Herr K., der in dem ebenso jovialen, aber eher schweigsam-freundlichem Herrn K.2, den perfekten Zuhörer für eine seiner unwahrscheinlichen und höchst unterhaltsamen Monologe gefunden hat.

Ich hab ja selber gesungen und Musik gemacht. Für Karneval, für Vereine, für Kirchenchöre, für alles!“, holt Herr K. aus. „Die haben schon zu mir gesagt, Sie sind wohl der zweite Mozart… ja, das war damals, als wir jünger waren. Als wir jung waren, da gab es nicht nur den Mozart, da gab’s noch andere wie den Bach oder den Schiller. Der Schiller war ja ein Dichter! Und wie der dichten konnte, das kann heute keiner mehr!“

So geht es in einer Tour. Ich schaue kurz über die Brüstung und sehe Herrn K. dozieren, während Herr K.2 in seinem Sessel sitzt und sich anscheinend aufs Beste unterhalten fühlt. Leider kann ich dem interessanten Stegreif-Vortrag nicht weiter folgen, bzw. eigentlich glücklicherweise, denn ich hab Feierabend nach acht Stunden im Heim – und bin ehrlich gesagt froh, für heute dem Corona-Hotspot entronnen zu sein.

Geschichten aus dem Pflegeheim: der (bei Amtseinführung) älteste Präsident der USA ist interessant, aber nicht so interessant wie Schlagerraten

Während die facebook‘sche Schlaumeierei angesichts irgendwelcher Wahlen im Amiland Purzelbäume des Besserwissertums schlägt, muß die werktätige Bevölkerung, also ich, auch (wieder mal) am Wochenende lohnarbeiten gehen.

Mein Klientel im Pflegeheim interessiert bis auf wenige Ausnahmen nicht, wer beim Ami Präsident ist oder wird; die meisten haben keine Ahnung, wer wer ist – auch wenn sie den Amtsinhaber irgendwie schon mal im Fernsehen gesehen haben und irgendwie merkwürdig finden.

Gerade demente Menschen haben ein feines Gespür dafür, wenn hinter der Fassade von Lug und Trug ein narzisstisch -psychopathisches Nichts steckt (Mr Trump) oder ein bis ins Knochenmark in die imperialistische Weltherrschaftsmafia der US-Oligarchie eingebetteter Berufspolitiker.

Beeindruckt hat sie allerdings das ALTER des Wahlgewinners. Dass ein 77-Jähriger demnächst Chef in Amerika wird, finden alle beachtlich. Vermutlich stellen sie sich die eigene Person als Präsident(in) vor.

Nachdem also eine Pflegekraft die Neuigkeit von Bidens Wahlsieg rausgeblökt hatte, wenden wir uns wieder wirklich bedeutsamen Dingen zu, nämlich dem Liederraten und -singen.

Im ersten Bild musste ich die ersten zwei Worte des Titels hinschreiben, ehe jemand drauf kam.

Bild 2, eine Sequenz aus drei Bildchen, besteht rätselmäßig nur aus der ersten Zeichnung, der Rest entwickelte sich als spontane Story. Obwohl das Bilderrätsel eine vergleichsweise schwierige Abstraktionsanstrengung des Denkens erfordert, wurde der Titel erraten: „Man müsste Klavier spielen können“ von Johannes Heesters. Die Fortsetzung des Textes („… dann hat man Erfolg bei den Frauen“) ergab die übrigen Zeichnungen: der Klavierspieler hat zwar Erfolg bei den Frauen und kann auch nach dem Konzert eine abschleppen, aber zuhause wartet seine eigene Frau mit dem Nudelholz – womit er nicht gerechnet hatte, denn sie wollte eigentlich zur Schwiegermutter nach Grevenbroich fahren.

Die Songtitel, die die Bilder drei und vier darstellen sollen, wurden nach ein paar Minuten von meiner sangesfesten und textsicheren Runde erraten. Wer tut es ihnen gleich?

Geschichten aus dem Pflegeheim: Im Frühtau zu Berge

Die „Tagesgruppe Demenz“ hat sich personell verändert: vier Teilnehmer, deren Demenz so weit fortgeschritten ist, dass sie nicht mehr in der Lage sind, dem Angebot zu folgen und die lediglich – mehr oder weniger vor sich hin dämmernd – teilnahmslos in ihren Pflegerollstühlen sitzen, sind ausgeschieden; die freien Plätze nehmen jetzt vier Damen mit leichter bis mittelschwerer Demenz ein. Diese Einstufung ist auch, laut Konzept der „Tagesgruppe“, die Voraussetzung für eine Teilnahme.

Damit hat sich die gesamte Atmosphäre der Gruppe verändert; die Stimmung ist deutlich aktiver und fröhlicher. In der neuen Zusammensetzung findet wieder mehr Interaktion zwischen den Teilnehmern statt und Spiele-, Rate-, Sing- und sonstige Runden finden bei der deutlichen Mehrheit der Anwesenden ein begeistertes und engagiertes Echo.

Beim Frühstück summt eine der neuen TeilnehmerInnen die Melodie „Im Frühtau zu Berge“ vor sich hin, zwei weitere fallen ein und schon haben wir den schönsten Morgengesang am Tisch. Der strahlende Sonnenschein dieses herrlichen Frühsommertages scheint die Gemüter empor zu heben, und die Runde beginnt von sich aus, sich über Wanderungen in Wald und Gebirgen zu unterhalten.

Frau P., wann sind sie denn das letzte Mal gewandert?“, frage ich eine 92-Jährige, die ebenfalls erst seit kurzem in der Gruppe ist. „Ach, das ist lange her..“, sinniert sie. „Das war beim BDM!

Ein paar Anwesende lachen und bestätigen, dass auch für sie die Wanderungen und Naturerlebnisse beim „Bund Deutscher Mädel“ mit schönen Erinnerungen verknüpft sind. Frau S. aus Westpreußen erinnert sich ebenfalls an viele Wanderungen und Abenteuer „beim Jungvolk“, denkt aber ebenso gerne an Wanderungen mit ihrem Vater zurück, bei denen dieser lauthals Lieder schmetternd mit ihr durch die Buchheide bei Stettin zog.

Flugs ist eine geeignete Playlist bei Spotify gefunden („Wanderlieder zum Mitsingen“) und in der Fantasie verwandelt sich die ganze Tagesgruppe in eine Wandergruppe auf dem Weg in die Berge. Die passende Bebilderung male ich derweil ans Flipchart, wobei ich Vorschläge aus der Runde aufgreife. „Ja, genau so einen Wanderhut hatte mein Vater!“ höre ich von Frau F., und „Das könnte ich mit meinem Opa sein!“ kommt aus einer anderen Ecke.

Wir singen, malen, erzählen und verbringen einen Vormittag in den Bergen, obwohl wir alle in einem eher kleinen Raum an vier Tischen sitzen. Besonders die kleinen Details auf dem Bild faszinieren meine Schützlinge: das rosa Kaninchen zum Beispiel, das natürlich viel schlauer ist als der Fuchs, der weiter oben auf die Gelegenhet wartet, dem Kaninchen das Fell über die Ohren zu ziehen. Oder die Ameisen, die von ihrem Hügel neben dem Kilometerstein zu der Bananenschale hin- und hermarschieren, um mit dem halb vergammelten Fund ein Festmahl zu feiern.

Auf Wunsch einer weiteren Teilnehmerin baue ich noch einen Mitbewohner in das Bild ein, der zwar nicht an der „Tagesgruppe“ teilnimmt, dafür aber wohnbereichsweit bekannt ist für seine dauernden Klagen, dass ihm so schwindlig sei. Dabei schwankt er in der Regel demonstrativ hin und her, wie ein Seemann bei Windstärke 10 und starkem Wellengang – ein hervorragender Anlaß, um einen kleinen musikalischen Abstecher in das weite Feld der Seemannslieder zu machen, so dass nun die ganze Runde „Junge, komm bald wieder“ intoniert.

Zwischendrin gibt’s noch ein paar Worträtsel zum Thema „Berge und Wandern“ als Gedächtnistraining – auf diese Weise kann ich auch überprüfen, wie es um die kognitiven und assoziativen Fähigkeiten meiner Truppe bestellt ist. Hier tut sich Frau F. hervor, auch eine von den Neuen: eine 90-Jährige, die ansonsten eher still ist und meistens gütig lächelt. Diese Übungen jedoch machen ihr Spaß, sie erfaßt die zu vervollständigenden Wörter sofort und platzt schon mit der richtigen Antwort heraus, während die anderen noch lesen. Frau F. ist räumlich ziemlich desorientiert; sie findet oft den Weg in ihr eigenes Zimmer nicht – umso erstaunlicher, dass sie auf dem Gebiet der Worterkennung und -Verknüpfung keinerlei Probleme hat.

Schon naht die Mittagszeit. Dem Thema des Vormittags entsprechend, ist uns allen jetzt eher nach einer Brotzeit mit Schinkenbroten und Radler als nach dem Kaiserschmarren mit Kompott, der heute auf dem Speiseplan steht. Aber der Hunger treibt‘s runter, schmecken tut‘s auch einigermaßen und die Höhenluft des Vormittags hat die Teilnehmer so müde gemacht, dass alle zufrieden und satt sich in ihre Zimmer zum verdienten Mittagsschlaf zurückziehen.

Geschichten aus dem Pflegeheim: die evangelischen Tabletten

Heute bin ich nicht in der Tagesgruppe Demenz eingeteilt, höre aber im Vorübergehen einen erregten Disput zwischen Teilnehmerin Frau M., deren dementer Geist sowohl Wach- und Traumzustand wie auch Erinnerung und Aktualität schwer auseinander halten kann, und einer Pflegekraft. Ich höre, wie die Kollegin Frau M. erklärt, dass man nicht so ohne Weiteres die Religion wechseln kann und „einmal evangelisch“ gleichbedeutend mit „immer evangelisch“ sei. Mal abgesehen davon, dass das natürlich Unsinn ist, sehe ich keine Veranlassung, mich einzumischen.

Etwas später helfe ich nach der Mittagszeit in der Tagesgruppe aus und registriere den aufgewühlten emotionalen Zustand von Frau M. Sie berichtet mir sofort und ungefragt, dass mal wieder einen unglaubliche Sauerei passiert sei, die sie sich aber keinesfalls bieten lassen würde, das wäre ja noch schöner; das sollten die ja versuchen, die würden schon sehen, mit wem sie sich da anlegen usw.

Da ich das gefüllte Pillendöschen an ihrem Platz stehen sehe (die Medikamente soll sie vor dem Essen nehmen), frage ich sie, was mit den Pillen ist.

Das ist es ja!“ legt Frau M. los, „die wollen mich hier katholisch machen! Diese Pillen sind für Katholiken, aber ich bin evangelisch und das ändere ich auch nicht!“

Ich bin ganz Ohr und äußere Zustimmung: „Na klar, Frau M., keiner erwartet, dass Sie als Protestantin katholische Pillen schlucken. Soll ich mal losgehen und die evangelischen Pillen holen?“

Frau M. ist jetzt aber auf Krawall gebürstet und entschlossen, erstmal durch Widerstand zu zeigen, dass sie sich solche Machenschaften nicht gefallen lässt: „Nee, die können mich mal. Ich nehm jetzt gar nichts mehr!“

Stattdessen geht sie eine Zigarette rauchen und ist dank ihrer Standhaftigkeit der Katholisierung entronnen. Wenn’s doch immer so einfach wäre.

Zu Gast bei „Demenzforschung Düsseldorf – Erkenntnisgewinn: Forschung für Entwicklung von Medikamenten gegen Demenz – nur wenn sich’s lohnt!

Eine als Dialog zwischen Wissenschaftlern und Bürgern (Betroffene, Angehörige, Interessierte) gedachte Veranstaltung bringt – inmitten einer Menge teilweise nützlicher, teilweise hanebüchener Informationen über den Stand der Demenzforschung – die Crux des Themas auf den marktwirtschaftlichen Punkt: „Die Firmen verdienen erst, wenn sie die Mittel VERKAUFEN!“, erklärt ein in der Medikamentenentwicklung forschender Universitätsprofessor die sehr zögerliche Investitionsbereitschaft der Pharmabranche auf dem Gebiet der Antidementiva.

Die langen Entwicklungszyklen solcher Medikamente (10 – 15 Jahre bis zur „Marktreife“) sind ein Investitionshindernis. Diese lange Dauer kommt allerdings unter anderem deshalb zustande, WEIL die auf diesem Fachgebiet eingesetzten Gelder nicht gerade üppig fließen. Der Professor antwortet auf eine entsprechende Frage aus dem Publikum, dass sich dieser Zyklus sehr wohl mit mehr Personal in der Forschung, also mit mehr Geld, abkürzen ließe.

Vorläufig könne man nur jedem raten, ein einigermaßen gesundes Leben mit viel Bewegung zu führen, das sei noch die beste Demenz-Vorbeugung.

Ende vom Lied: die Heilung bzw. Linderung einer die gesamte Gesellschaft betreffenden Krankheit (die in den kommenden Jahre eher noch größere Bevölkerungsteile treffen wird; Stichwort „Überalterung“ und „Bewegungsmangel der Smartphone-Generation“) ist zu 100% abhängig von den Gewinnkalkulationen privater Unternehmen.

Nochmal zum Anfang:

Der Satz „Die Firmen verdienen erst, wenn sie die Mittel VERKAUFEN!“ ruft weder Kopfschütteln noch Erstaunen, weder Widerspruch noch Kritik hervor – so sehr ist diese marktwirtschaftliche Grundweisheit JEDEM Beteiligten in Fleisch und Blut übergegangen. Sie ist die conditio sine qua non alles Waltens und Schaltens in der besten aller Welten, auch und erst recht, wenn es um elementare Anliegen menschlichen Zusammenlebens wie Gesundheit und Krankheit geht. Der Satz wird als faktische Feststellung der Kategorie „So ist das Leben“ gehört und verbucht; genauso könnte man sagen „Der Tau verdunstet erst bei Tagesanbruch“.

Der aufgeklärte demokratische Bürger hält sich sogar noch etwas zugute auf die eigene sachgerechte Lebensklugheit, die nüchtern von den Realitäten ausgeht.

Dass einfach die Leute, die Ahnung davon haben, mit den Ressourcen, die nötig sind, das Zeug entwickeln, was zur Heilung, Eindämmung oder Linderung einer Krankheit wie Demenz tauglich ist: auf sowas können nur utopische kommunistische Tagträumer kommen.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Die Mutter auf der Beerdigung

Morgens um 7:15 Uhr kommt mir schon die aufgeregte Frau H aus der „Tagesgruppe Demenz“ entgegen, sichtlich aufgewühlt (was allerdings ihr Dauerzustand ist seit einigen Monaten) und erkennbar selbst aufgestanden, also nicht vom Pflegepersonal geweckt und angezogen.

Wie nahezu jeden Tag hat sie eine wüste Geschichte parat über die ungeheuerlichen Begebenheiten, die ihr wieder passiert sind und deren unschuldiges – zum Glück aber nicht doofes – Opfer sie ist.

Du glaubst nicht, was mir wieder passiert ist!“, fängt sie übergangslos an zu erzählen. „Meine Mutter war da!“. Frau H wird demnächst 85, so dass es wenig wahrscheinlich ist, dass ihre leibhaftige Mutter im Pflegeheim auftaucht. Da ich weiß, dass Frau H. Traum, Erinnerungsrückblenden und Jetztzeit nicht auseinander halten kann, begleite ich sie erstmal nach draußen, wo sie zum Rauchen hinwollte.

Sie berichtet: „Jetzt pass auf! Die kam in mein Zimmer und hat da dein Bild gesehen. ‚Das wär der richtige Mann für dich!‘, hat sie mir gesagt. Das musste ich dir erzählen, da lachst du dich schlapp, hab ich mir gedacht. Und dann hat sie mir gesagt, ich muss meine Tabletten nehmen, sonst ist’s in einem halben Jahr zuende mit mir.“

Frau H. hat eine lange Geschichte von Verweigerung der Medikamenteneinnahme; Ärzte und Pflegekräfte haben immer wieder eine schwere Zeit, die resolute und selbstbewusste Frau zur Einnahme ihrer Medikamente zu bewegen. Die Intervention ihrer – längst verstorbenen – Mutter allerdings hat Frau H. offenbar überzeugt, dass sie sich nicht länger sperren soll: „‚Nimm deine Pillen, Kind!‘ hat sie mir gesagt, ‚ich komm sonst nicht zu deiner Beerdigung!

Frau H. nimmt einen tiefen Zug aus ihrer Zigarette, schaut mich an und sagt: „Ja, jetzt kuckst du mich an, als ob du mir nicht glaubst! Das war aber so! Was meinst du, was ich überrascht war, dass meine Mutter plötzlich rein kam…“

Geschichten aus dem Pflegeheim: Märchenstunde in der “Tagesgruppe Demenz”

Die Vormittage in der “Tagesgruppe Demenz” sind (jedenfalls, wenn ich dort Dienst habe) immer Spielwiese fur allerlei anarchisch improvisiertes Spontantheater mit Bild, Musik und wüsten Erzählungen, die ich mir *on the fly* ausdenke. Manchmal ziehe ich auch Vorlagen wie die Geschichten der Bruder Grimm heran. Die Jungs haben nämlich ausser “Hänsel und Gretel”, “Dornröschen” und “Schneewittchen” noch ein paar andere, weniger bekannte und potentiell sehr lustige bis merkwürdige Geschichten aufgezeichnet.

Die Märchenstunde in der Tagesgruppe geht so: Zuerst lese ich das Märchen aus dem Buch vor. Dabei schläft in der Regel die Hälfte meiner dementen Truppe ein und kaum einer kriegt was mit, ausser ich zeichne gleichzeitig Bilder aus der Story ans Flipchart. Anschließend erzähle ich die Geschichte anhand der Bilder nach, wobei ich in jede Rolle schlüpfe, die in dem betreffenden Märchen vorkommt. Das ist also schon eine Art Impro-Theater, kongenial von mir begleitet auf einer Mundharmonika. Damit ist mir die Aufmerksamkeit meiner Schützlinge gewiss, alle lauschen, hören und staunen mit offenen Augen und teilweise offenen Mündern und wir haben alle zusammen viel Spaß dabei.

Heute erwischten wir ein selten gehörtes Grimm’sches Märchen: “Der gute Handel” (die Auswahl des Märchens erfolgt, indem einer der Tagesgruppe-Teilnehmer das Buch aufschlägt und wir die Geschichte nehmen, die auf der betreffenden Seite steht). Es geht darin um einen ziemlich dummen Bauern, der sich aber letztlich als schlauer Kerl und Glückspilz entpuppt. Der Bauer hat nämlich in der Stadt seine Kuh für sieben Taler verkauft. Auf dem Rückweg, als er an einem Teich vorbeikommt, gerät er in eine Debatte mit den dort ansässigen Fröschen, die alle “Ak, Ak, Ak!!” rufen, was das Bäuerlein als “Acht” versteht. Er wird so zornig über die dummen. Frösche, dass er schliesslich sein Geld in den Teich wirft, damit die Frösche selber nachzählen können- was diese aber nicht tun und weiter “Ak, Ak, Ak!!” rufen.

An dieser Stelle amüsieren sich meine Leute bereits königlich, was aber noch getoppt wird durch die nächste Begegnung des Bauern mit einem Hund. Dieser bellt unser Bäuerchen an mit “was! was!”, als dieser mit dem Fleisch einer geschlachteten Kuh in die Stadt will. Das versteht der Bauer als “Ich will was vom Fleisch!”, und da er den Hund als Hund des Fleischers kennt, gibt er ihm das ganze schöne Fleisch mit der Auflage, es dem Fleischer zu bringen und nach drei Tagen mit dem Geld zu ihm, dem Bäuerlein, zu kommen. Usw. usw.

Diese Art Geschichten passen offensichtlich genau in die mentale Struktur von dementiell veränderten Gehirnen – etwas abseitig, ziemlich komisch und auf gewisse Weise auch die Naivität aufgreifend, die ein dementer Menschen im Umgang mit der Umwelt oft zeigt. Jedenfalls war meine Truppe voll dabei, fühlte sich prächtig unterhalten und verwunderte sich über den Bauern, der den Fröschen und dem Hund so auf den Leim ging.

Zu guter Letzt geht sich der Bauer jedenfalls beim König beschweren über all die Unbill, die ihm widerfahren ist und bringt damit die Königstochter, “die ihr Lebtag nicht gelacht hatte”, zum Lachen. Der König, der seine Tochter dem versprochen hatte, der sie zum Lachen bringt, bietet sie nun dem Bauern als Gemahlin an und alle denken, hier hat die Geschichte ihr Happy End.

Ist aber nicht so, denn das Bäuerlein will sie gar nicht, da er bereits eine Frau zuhause hat, und die sei ihm schon mehr als genug… Diese Wendung der Geschichte erweckt nun erst recht das Interesse und das Erstaunen meiner Dementen und bestätigend und weise wird gekopfnickt und debattiert, dass es sich hier doch um einen besonders schlauen Bauern handelte, obwohl es anfangs gar nicht so aussah…

Damit haben wir den Vormittag schon wieder fast rumgekriegt und wir beschliessen die Runde mit dem Eindecken des Tisches für das freitägliche Mittagessen (Fisch natürlich – schliesslich sind wir in einer diakonischem. Einrichtung).

Geschichten aus dem Pflegeheim: Willst du meine Frau werden?

Frau H. aus der “Tagesgruppe Demenz” kommt beinahe jeden Tag mit einer neuen Hiobsbotschaft zu mir. Mal haben unbekannte Diebe ihr das Geld gestohlen, die Handtasche kaputt gemacht oder die Zigaretten versteckt, dann wieder haben “die Chefs” ihr angekündigt, dass sie evakuiert werden muss und ihr Zimmer im Heim verliert. Auch aus der eigenen Verwandtschaft droht ihr Ungemach: ein zusätzlicher Sohn, den sie bis gestern noch nicht hatte (sie hat zwei Töchter und einen Sohn, alle mir persönlich bekannt), hätte jetzt ihr Haus verkauft und sie auf die Straße geworfen. Die Schreckensnachrichten, die sie überbringt, sind Ausdrucksformen der großen Ungewissheit und Verunsicherung durch die dementielle Veränderung, die sich in ihrem Geist vollzieht.

Bei einer Rauchpause auf dem Balkon sieht sie mich an und fragt: “Bist du auch manchmal so isoliert? Ich kenn mich überhaupt nicht mehr aus…” Sie fasst sich an den Kopf. “Mein Kopf fühlt sich an, als ob der mit heißem Wasser übergossen wird…”

“Nicht wegen der Verbrennung, sondern wegen des Gefühls, dass sich alles zusammenzieht und zusammenschrumpft, oder?” frage ich nach.

“Ja, genau!”, erwidert sie, “Ich fühle mich so alleine und will dann nur noch den Kopf anlehnen und die Nähe von jemandem suchen… Ich fühl mich ganz verrückt… Wenn ich dich nicht hätte, würde ich nur noch verrückt sein…”

Wir rauchen schweigend unsere Zigaretten zu Ende und gehen wieder in die Gruppe zurück. Trotz der soeben mitgeteilten Gefühle – oder vielleicht WEIL sie sie mitgeteilt hat – wirkt Frau M. plötzlich munter und gutgelaunt.

Wir spielen ein paar alte Schlager, von denen sie jeden einzelnen mitsingen kann. Als “Ganz in weiß” von Roy Black erklingt, stimmt sie mit Inbrunst ein und wendet sich anschließend an den neben ihr sitzenden Herrn J. Sie streicht ihm über die Wange und fragt zärtlich: “Willst du meine Frau werden?”

Herr J. meint wohl, er hätte nicht recht gehört und fragt nach: “Wie bitte!?”

“Du hast schon richtig gehört, ich hab dich gefragt, ob du meine Frau werden willst!”

Herrn J. ist es scheinbar egal, dass er gar keine Frau ist; er beantwortet Frau M.s Ansinnen mit einem brummigen “M-m” und schüttelt kurz den Kopf. Damit ist die Sache für ihn erledigt. Frau M. nimmt’s ihm nicht übel; sie hat trotz Demenz ordentlich den Schalk im Nacken und hat die Anfrage ohnehin wahrscheinlich als Scherz gemeint. Da steckt die Friseurin den Kopf zur Tür herein und ruft Frau M. in den Friseursalon, und dieser Termin ist wichtiger als Hochzeitspläne und mysteriöse Diebe.