Geschichten die das Leben schrieb: es gibt noch Hoffnung

Die ausstehende Bezahlung einer von mir gestellten Rechnung veranlasst mich zu einem Anruf bei der Rechnungsabteilung des Kunden.

Ich spreche mit der mir bekannten Verwaltungsfrau, die bisher immer für eine sehr prompte Überweisung meiner Rechnungen sorgte.

Auch diesmal versichert sie mir, dass der Betrag bereits überwiesen und bis Ende der Woche auf meinem Konto sei.

Wir plaudern noch ein wenig über den Stand der Dinge, Corona, Lockdowns und die Auswirkungen von all dem auf die schutz- und lobbylosesten Bevölkerungsgruppen wie Alte und Kinder.

An einer Stelle unseres Gesprächs sagt sie unvermittelt: „Ich hoffe, dieser Kapitalismus geht irgendwann demnächst unter!“

Mein Vertrauen in die Menschheit ist für den Rest des Abends wiederhergestellt.

Domenico Losurdo: Stalin – Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende. Kapitel 7: Das Stalinbild zwischen Geschichte und Mythologie

„Die zunächst von Trotzki und später von Chruschtschow gelieferte karikaturistische Darstellung Stalins genießt im Ganzen keinen guten Ruf mehr.

Aus den Forschungen bedeutender Historiker, die nicht der Nachsicht mit dem “Personenkult” verdächtigt werden können, geht heute das Bild Stalins als eines Politikers hervor, der aufsteigt und sich an der Spitze der UdSSR durchsetzt, weil er “all seine Mitstreiter um ein Vielfaches überragte“, was die Einsicht in das Funktionieren des sowjetischen Systems betraf; ein Führer von „außergewöhnlichen politischem Talent“ und „enorm begabt“;

ein Staatsmann, der die russische Nation vor der Dezimierung und Versklavung rettete, zu der das Dritte Reich sie bestimmt hatte, und das nicht nur dank seiner umsichtigen militärischen Strategie, sondern auch dank seiner meisterhaften „Kriegsreden“, manchmal wirkliche „Bravourstücke“, die es in tragischen und entscheidenden Augenblicken fertig brachten, den nationalen Widerstand anzuspornen; eine Persönlichkeit, der es auch auf theoretischer Ebene nicht an Begabung fehlte, wie es unter anderem der „Scharfsinn“, mit der er die nationale Frage in der Abhandlung von 1913 behandelt und die „positive Wirkung“ seines „Beitrags“ über die Linguistik bewiesen.

Gewiss wird gleichzeitig und mit Recht betont, dass diese Anerkennung kein freisprechendes moralisches Urteil sei, doch es stellt sich heraus, dass die *Geheimrede* vollkommen unzuverlässig ist. Es gibt darin kein Detail, das heute nicht beanstandet würde. Man denke an den Bericht über den angeblichen psychologischen Zusammenbruch Stalins in den ersten Tagen nach dem Beginn des Unternehmens Barbarossa: nach der schon zitierten Analyse zweier russischer Historiker (eindeutig antistalinistischer Orientierung) handelt es sich um eine „Episode“, die „vollkommen erfunden“ sei und die – so hakt ein französischer Historiker nach – in vollem Widerspruch zu den Zeugnissen und Dokumenten stehe, die nach und nach auftauchen.

Auch was die so genannte Verschwörung der Ärzte betrifft: „Chruschtschow verdrehte grob und vorsätzlich die Tatsachen“.

Es stimmt, „mit der Wahrheit hat er sich nicht weniger Freiheiten heraus genommen“. Die gemachte Beobachtung hinsichtlich der „Kriegsführung Stalins“ hat allgemeinen Wert: „Um die Wahrheit zu begreifen, muß man sowohl über die westlichen Polemiken des Kalten Krieges als auch über die Umstände der Entstalinisierung in der Sowjetunion hinaus blicken“.“

(Domenico Losurdo: Stalin – Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende. Kapitel 7: Das Stalinbild zwischen Geschichte und Mythologie)

Teil III und Schluss meiner morgendlichen Presseschau: Dümmlichkeit hat einen Namen

Nämlich INFLUENCER, bzw. Laschet. Gleich viermal hämmert uns das Hamburger Boulevardblatt aus dem Hause Relotius in der kurzen Meldung diesen Deppenbegriff aus dem Marketing-Hohlsprech (der zu Recht an eine Infektionskrankheit erinnert) um die Ohren.

Politikersöhnchen „Joe“ Laschet verdient sein Geld mit dem Anziehen ausgeliehener Bekleidung einer Modefirma (und nicht – wie das Foro nahelegt – auf Wettbewerben für selbstzufriedene Gesichtsausdrücke). Mit den Leihklamotten posiert er dann für Bilder im Facebook-Minderjährigennetzwerk („Instagram“) und findet dafür an die hunderttausend gleichgesinnte volljährige Teletubbies („Follower“).

Need I say more?

Geschichten aus dem Pflegeheim: Corona-Alarm III

Der dritte Corona-Tote ist im Wohnbereich 3 zu beklagen. Von den Pflegern ist noch ein einziger übrig geblieben, der jetzt die betriebsfremden Zeitarbeiter anleiten muß, welche natürlich noch nicht mit den Abläufen des Hauses und der Wohnbereiche vertraut sind und die vor allem die Bewohner nicht kennen.

Ich unterhalte mich kurz mit ihm über die Situation in seinem Wohnbereich und erfahre so, dass die rasante Verbreitung des Virus auf ausgerechnet diesem Wohnbereich vermutlich auf eine Nachtschichtkollegin zurückzuführen ist. Diese hat wochenlang dort gearbeitet, sich aber – obwohl sie die Möglichkeit hatte – nicht testen lassen. Erst als es nicht anders ging und im Heim zur Vorschrift wurde, kam heraus, dass sie positiv ist. Vermutlich hat sie es geahnt, wollte es aber gar nicht so genau wissen, denn sie ist dringend auf das Geld angewiesen, das ihr die Nachtschichten bringen.

Und da die Nachtschichtkollegen definitiv mit ALLEN Bewohnern eines Wohnbereiches in Kontakt kommen (im Gegensatz zur Tagschicht, bei der sich die 2 – 4 Pflegekräfte die Zimmer bzw. die Bewohner aufteilen können), hat die betreffende Kollegin dann wohl als „Superspreader“ die gesamte Bewohnerschaft bis auf drei angesteckt. Soweit die Vermutung des komplett überarbeiteten Pflegekollegen von WB3.

Plausibel ist es jedenfalls: besagte Kollegin war früher in der Pflege, hat sich mit der schweren Arbeit aber den Rücken kaputt gemacht. Sie ist dann als Betreuungskraft in den Sozialen Dienst gewechselt, was mit einem Einkommensverlust von ca. 30% für sie verbunden war. Die – was die körperliche Arbeit betrifft – weniger anstrengenden Nachtschichten sind ein Mittel für sie, mit einem Zusatzeinkommen über die Runden zu kommen.

Ich denke über all diese Zusammenhänge nach, während ich Herrn K., unseren sehr wackeligen und sehr dementen Neuzugang, auf seinen Toilettenstuhl helfe, nachdem er eine Weile aus seinem Zimmer gerufen hat und kein Pfleger gekommen ist…

Zusammenhänge und Umstände, die im Grunde gar nichts mit dem Virus und der Pandemie zu tun haben, sondern mit der Lohnarbeit: ein Erwerbsmittel, das niemals für ein anständiges Leben ausreicht, das die Arbeiter ein Arbeitsleben lang in Unsicherheit und Ungewissheit über die geldmäßige Überlebensbasis versetzt, und das sehr oft dazu führt, dass die von Lohnarbeit Abhängigen unverantwortliche Risiken für sich selbst sowieso, aber auch für andere eingehen.

Herr K. weist mich unterdessen darauf hin, dass er „groß gemacht“ hat (was ich allerdings schon gerochen habe) und wirkt dabei stolz wie ein Huhn, das ein Ei gelegt hat.

Ich muß ihn jetzt vom Toilettenstuhl hochziehen, mit einem Arm halten und mit der freien Hand säubern und anschließend Vorlage, Unterhose und Hose hochziehen.

Pflegerische Tätigkeiten sind dem Sozialen Dienst im Grunde untersagt, zumal wenn der Mitarbeiter nicht wenigstens den Schein als Pflegehilfskraft erworben hat. Da aber weit und breit keiner der Pflegekollegen in Sicht ist (es gibt schließlich noch 27 weitere Bewohner zu versorgen), weil ich Herrn K. ersparen will, in die Hose machen zu müssen und weil mir ohnehin nichts Menschliches fremd ist, sorge ich eben an dieser Stelle für Ordnung bzw. Sauberkeit.

Herr K., der erfreulich schamfrei und natürlich mit seinen Ausscheidungsvorgängen umgeht, ist anscheinend zufrieden mit meiner Handreichung; möglicherweise auch, weil er lieber von einem Mann versorgt wird als von der resoluten Wuchtbrumme, die heute auf seinem Flur Dienst hat und eher burschikoser Natur ist („Stecken Sie aber Ihren Helmut auch mit rein!“, heißt es bei ihr, wenn sie dem Bewohner bedeutet, dass auch und vor allem sein edelstes Teil in die Öffnung des Toilettenstuhls hineinzuhängen ist).

Jedenfalls ergreift Herr K., der eine ausnehmend gute und rege Verdauung hat, nun jedesmal, wenn er meiner ansichtig wird, die Gelegenheit, mich um Hilfe bei der Verrichtung seiner natürlichen Bedürfnisse zu bitten – und so komme ich an diesem Vormittag noch ein zweites Mal zu der Ehre, Herrn K. in dieser Hinsicht behilflich zu sein. Ein drittes Mal blocke ich ab mit dem noch nicht mal gelogenen Hinweis, dass ich das Mittagessen vorbereiten müsse und benachrichtige eine Pflegekraft.

Nach dem Mittagessen ist zum Glück Dienstschluss für mich, und für heute bin ich froh, diesen derzeit so traurigen Ort hinter mir lassen zu können.

Foto: Antigen-Schnelltest bei Bewohnerin

Geschichten aus dem Pflegeheim: Corona-Alarm II

Das Virus breitet sich im Heim aus wie die böse Krätze. Im Wohnbereich 3 sind mittlerweile bis auf drei Bewohner alle positiv getestet. Auch die Pflegekräfte sind massiv infiziert; immer mehr fallen aus, weil sie in Quarantäne müssen, der laufende Betrieb wird mit Zeitarbeitskräften aufrechterhalten. Die bisherigen beiden Corona-Toten der Einrichtung kommen aus diesem Wohnbereich.

Die anderen Wohnbereiche sind jetzt noch mehr abgeschottet, um eine Ausbreitung der Infektion zu vermeiden. Die Bewohner sind auf ihre Zimmer verwiesen und drehen alle am Rad. Die Isolierung, der Wegfall der Gruppenangebote, das Alleinsein auf dem Zimmer macht allen schwer zu schaffen.

Ich bin der einzige Mitarbeiter der Einrichtung, der per Ausnahmegenehmigung überhaupt noch Gruppenangebote machen darf. Heute ist wieder die Mal- und Kreativrunde dran. Die Wohnbereichsleiterin bittet mich, die Gruppe diesmal im Speisesaal statt im gewohnten Gruppenraum zu machen. Letzterer ist ihr „zu nahe an Wohnbereich 3 dran“.

Ich mache mich also ans Aufbauen, Material heranschaffen, Musikanlage einrichten (gehört in meinen Kursen wesentlich zur kreativen Atmosphäre) usw. und verwandle gut anderthalb Stunden vor Angebotsstart den Raum in ein Künstler-Atelier. Ich achte darauf, dass die einzelnen Arbeitsplätze den vorgeschrieben Abstand haben und lege die Mappen der fünf Teilnehmer (mehr dürfen zur Zeit nicht mitmachen) auf die Plätze.

Womit ich nicht gerechnet habe ist, wie ausgehungert die Bewohner nach Gemeinschaft, nach Zusammensein und nach Austausch sind. Dass sich in dem seit über einer Woche brachliegendem Speisesaal (alle Mahlzeiten müssen einzeln auf den Zimmern eingenommen werden) etwas tut, spricht sich in Windeseile herum und die ersten Neugierigen tauchen auf; Leute, die sich sonst im Leben nicht in einer Kunstgruppe blicken lassen würden, die aber von der Aussicht auf ein Gruppenangebote magisch angezogen werden.

Eine halbe Stunde vor Angebotsbeginn habe ich meine Kursteilnehmer plus 5 weitere Bewohner erwartungs- und freudevoll im Raum sitzen, weitere Bewohner strömen herbei, angezogen wie die Motten vom Licht von der Hoffnung auf Abwechslung, Unterhaltung und Geselligkeit.

Die Wohnbereichsleiterin steckt die Nase zur Tür hinein, erfreut und berührt, dass endlich mal etwas gegen die kurz vor der Depression stehenden Monotonie und Langeweile der Bewohner unternommen wird und weist mich auf die Teilnehmerbegrenzung hin – allerdings mit den Worten “ Das darf da unten (sie meint den Sitz der Einrichtungsleitung) keiner wissen!’.

Ich sage meinen Leuten, dass wir eigentlich gar nicht machen dürfen, was wir hier machen, dass wir aber wohl alle auch gerne ein bißchen Abwechslung erleben möchten und deswegen – wenn wir schon die Höchstzahl an Personen im Raum überschreiten – wenigstens die Abstände einhalten müssen. Das verstehen auch die Dementen, alle sind bester Stimmung, keiner will sich den überraschenden geselligen Nachmittag verderben.

Die Malgruppen-Teilnehmer widmen sich ihren Bildern, die anderen sitzen dabei und genießen die Geselligkeit, singen die Lieder mit und unterhalten sich. Partyatmosphäre kommt auf, immer weitere Neugierige erscheinen.

Frau L., eine an Depression leidende Krebspatientin, schiebt ihren Rollator herein, setzt sich auf einen Stuhl und genießt lächelnd die gelöste Stimmung. Nach einer Weile sagt sie zu mir: „Frau H. will auch wissen, was hier los ist!“ Frau H. Ist ihre Zimmergefährtin, dement und auf den Rollstuhl angewiesen. Sie sitzt im Zimmer gegenüber, hört die Musik, die Stimmen der anderen und hält es kaum noch aus, nicht dabei zu sein.

Mir ist mittlerweile alles egal, ich schiebe sie in den Speisesaal in eine Ecke mit ausreichendem Abstand zu den anderen. Vor Freude über die lang vermißte Gemeinschaft mit den anderen Bewohnern laufen ihr die Tränen übers Gesicht und sie singt mit Inbrunst die Schlager und Chansons mit, die wir als Begleit- und Inspirationsmusik auflegen.

Frau H., Teilnehmerin der „Tagesgruppe Demenz“ (die jetzt schon seit zwei Wochen nicht mehr stattfindet), hat sich inzwischen ein Blatt Papier geschnappt und legt mit Ölpastellkreiden los. Dabei kommentiert sie ausgiebig ihr Werk, spricht aber zwischendurch auch munter und aufgekratzt mit den anderen. „Wohnen Sie schon lange hier?“, fragt sie Frau S., die ihr seit zwei Jahren in der „Tagesgruppe Demenz“ gegenüber sitzt.

Von ihrem Bild ist sie sehr angetan und erklärt mir, was es damit auf sich hat: „Das sind die Wellen des Meeres, die alles forttragen… da in der Ecke, die Striche, das sind welche auf Krücken, die haben sich die Beine gebrochen, und da kommen die Toten.“

„Die Toten?“ hake ich nach, neugierig geworden, „was machen die denn im Meer?“

„Na, die werden fortgespült!“ erläutert sie mir und ich schäme mich fast für meine dumme Frage.

Frau H. ist spürbar aufgeputscht durch die Gruppenatmosphäre, auch die übrigen Anwesenden sind gelöst und bester Laune. Als ich kurz zum Klo gehe, höre ich beim Zurückkommen den lauten Gesang der ganzen Gruppe über die Flure schallen und freue mich, dass wenigstens heute mal die Tristesse des coronabedingten Stubenarrests gebrochen ist.

Nach anderthalb Stunden – 30 Minuten länger als für das Angebot eingeplant – muß ich die Runde beenden, abbauen und die Leute zurück auf ihre Zimmer befördern oder (sofern sie mobil sind), auffordern, sich dorthin zu begeben.

Nun wird es erst recht lustig. Meine beschwingte Truppe begibt sich zwar erstmal in Richtung Flur und des jeweiligen Zimmers, aber schon nach wenigen Minuten, während ich die diversen Utensilien und Gerätschaften abbaue und verstaue, sind sie alle wieder da.

Da ich die Gewohnheit habe, währende des Abbauens die Musik weitere laufen zu lassen, wollen und können sie sich nicht trennen von der Quelle der Geselligkeit und des gemeinsam verbrachten Nachmittags. Ich versuche es mehrere Male, leite die Leute immer wieder auf ihren Weg zu ihren Zimmern, aber offensichtlich folgen sie mir nur aus Freundlichkeit, gehen zwar tatsächlich in ihre Zimmer, kehren aber von dort schnurstracks wieder zurück in den Speisesaal.

Schließlich muss ich mir eine Kollegin herbeiholen, da ich die Situation anders nicht beaufsichtigt und geregelt kriege und ich eine weitere Person brauche, die die Bewohner aus dem Raum und auf ihre Zimmer bringt.

Das ist nötig, weil ich nicht nur aufräumen, Material verstauen und dokumentieren, sondern obendrein auch noch einen erneuten Corona-Antigen-Schnelltest machen muß, da ein weiterer Kollege des Sozialen Dienstes positiv getestet wurde (Antigen und PCR) und mit Corona-typischen Symptomen in häuslicher Quarantäne liegt. Der Kollege ist halb so alt wie ich – Jugend schützt vor Infektion und Erkrankung nicht, sei an dieser Stelle den Covidioten ins Stammhirn geschrieben.

Testergebnis übrigens negativ. Morgen geht’s weiter. Und übermorgen. Und jeden weiteren Tag.

Bild: Frau H. und ihr Meer mit den fortgespülten Toten