Geschichten die das Leben schrieb: Schreck in der Abendstunde

Abendrunde mit dem Hund: Wir treten aus dem Gartentor der Ferienwohnung, um zum Strand zu gehen, da kommt uns eine Gruppe von acht bis zehn merkwürdig wirkender Menschen entgegen: alle völlig un-urlaubsmäßig städtisch gekleidet, in den betont lässigen, aber höchstens durch ein weißes Hemd unterbrochenen dunklen förmlichen Outfits, in die junge urbane Erfolgsmenschen sich kleiden, um sich selbst und der Umwelt zu signalisieren, dass sie in all ihrer karrieremäßigen Angepasstheit ganz viel „Individualität“ besitzen. Einige tragen wichtige Aktentaschen, Laptop cases und Klemmbretter mit sich.

Macht die Kreissparkasse einen Betriebsausflug? Sind die Mitarbeiter der lokalen Gemeindeverwaltung auf Inspektionstour?

Nicht ganz. In der Mitte der an diesem Ort völlig deplatziert wirkenden Truppe läuft niemand anders als Corona-Karlchen, der Bundesminister für Klinikschließung und Pharmakapitalprofite. Offensichtlich kommt er samt Entourage aus der direkt neben unserer FeWo gelegenen „Barkasse“, dem besten (hauptsächlich Fisch-)Restaurant am Platz.

Man bleibt noch nicht mal im Urlaub von diesen Figuren verschont! Sowas wie Mietminderung kann ich wohl beim Ferienhausvermieter nicht geltend machen, oder?

Geschichten die das Leben schrieb: der Ersatzmann

Die Frau und ich unterhalten uns anlässlich des Geburtstages eines jungen Verwandten über dessen Eltern. Seine Mutter hatte sich noch im Vorschulalter des Sohnes vom biologischen Vater getrennt und ihr neuer Partner fand sich zwangsläufig in einer Vaterrolle wieder, die er bereitwillig annahm und erfüllte. Der junge Mann ist inzwischen in seinen Zwanzigern und lebt und studiert im Ausland.

Die Liebste, nach dem Austausch von allerlei familienhistorischem Klatsch und Tratsch, sinniert vor sich hin: „Ja, die hat sofort einen Ersatzmann zur Hand gehabt…. Ich hab keinen…“

Ich horche auf: „Und wenn ich morgen tot umfalle? Suchst du dir dann keinen anderen?“

Sie: „Bloß nicht. Nie wieder. Da bin ich alleine ja besser dran!“

Ich weiß jetzt nicht, ob ich das als schmeichelhaftes Kompliment oder als vernichtendes Urteil werten soll und sage lieber nichts mehr.

Geschichten die das Leben schrieb: Auf der A1

Auf der Autobahn zwischen Lübeck und Hamburg, auf dem Weg zum Urlaubsdomizil. Bei einer der Ausfahrten gelangt man laut Schild zu einem Ort namens Luschendorf. 

Ich muss lachen und sage zu meiner Beifahrerin: „Auweia, Luschendorf – da möcht ich nicht wohnen.“

Die Liebste so: „Da passt du aber gut hin.“

Da hilft – gleich nach Ankunft am Ziel – nur eins:

Geschichten die das Leben schrieb: Im Bardo hört dich keiner schreien

Die Psychologie des gesamten siebten Lebensjahrzehntes (und zwar umso stärker, je weiter es voranschreitet) ist geprägt vom Schwanken zwischen zwei mentalen Mustern, die eher komplementäre Pole sind als Gegensätze: 

Zum einen die Erkenntnis des unerbittlichen Verfalls von Körper und Geist, sowie das Hadern mit diesem progressiven Nachlassen all der Kräfte und Fähigkeiten, deren Besitz und Ausübung man bis hierher für selbstverständlich gehalten hatte.  

Zum anderen der Versuch, sich in das Unvermeidliche zu fügen und zu akzeptieren, dass von nun an alles nur noch weiter bergab geht.

Pausen von dieser gnadenlosen Abwärtsspirale gibt es kaum; Trost besteht einzig in der Einsicht, dass die Zeit dahin rast und bald, sehr bald, das Ende des irdischen Gastspiels erreicht ist. Und, in lichten Momenten, dass man vielleicht ein paar nützliche Dinge gemacht, einige Leute inspiriert und Menschen nicht ausgenutzt und ausgebeutet hat.

Der Zwischenzustand zwischen Geburt und Tod gleicht dem Tautropfen auf dem Grashalm bei Sonnenaufgang, oder den Wolken am windigen Himmel. Schnell naht die Zeit des Abschieds von allem, was man kennt. 

„Zur Zeit, da Körper und Geist sich trennen, geht dir die wahre Erscheinung des Seins-an-sich als subtil und klar, hell-strahlend, von Natur aus leuchtend und doch furchterregend auf, gleich dem Glitzern einer flimmernden Fata Morgana über einer hochsommerlichen Ebene.“

Darauf sich vorzubereiten, ist nicht verkehrt.

Geschichten die das Leben schrieb: wenn die Nacht am tiefsten

Nachts, wenn alles schläft, erhalte ich Besuch von Wesen aus der Zwischenwelt. Sie stehen meistens nur da und verschwinden so lautlos, wie sie erschienen sind.

Manchmal flimmern sie kurz, wie eine Störung im Fernseher, so als würden sich die Photonen, aus denen ihre Erscheinung besteht, neu ordnen. Einmal flüsterte einer: „Warum schläfst du nicht…“, worauf ich ins Bett ging.

Also auch in der Geisterwelt alles wie immer.

Geschichten die das Leben schrieb: fussballphilosophische Betrachtungen, die nichts mit Fußball zu tun haben (Folge 2)

Es ist mal wieder gemeinsamer Fußballabend angesagt. Da die Liebste entschieden hat, dass bis zum Urlaub im August kein Alkohol mehr getrunken wird, ein fast esoterisches Event bei Kräutertee und Duftkerze.

Das Spiel beginnt und Aussehen und Outfits der Spieler werden kritisch unter die Lupe genommen.

Die Frau so, beim Anblick von Sabitzer: „Wie sieht der denn aus?! Der könnte echt bei irgend so einem österreichischen Krimi mitspielen… aber als Verbrecher!“

Ich: „Hm, ja.. ich muss sagen, rein von der Optik her spielen bei der Türkei die attraktiven Männer als bei den Österreichern.“

Die Frau nickt zustimmend.
„Die Ösis sehen halt alle Scheiße aus“, sagt sie kategorisch bzw. kategorisierend.

Ich frage: „Hast du noch nie einen österreichischen Lover gehabt?“

Sie: „ Um Gottes willen! ich bin doch nicht bescheuert!“

Ich: „Naja, der Singsang, den die da unten sprechen, der klingt doch ganz sexy…“

Sie, gewohnt logisch: „Ja, das nützt mir aber nichts, wenn die nicht sexy aussehen..“

Jetzt wird der österreichische Torwart Pentz eingeblendet. „Boah, selbst der Torwart sieht scheiße aus!“ läßt sich die Liebste vernehmen.

Dann ist das Spiel aus, die Türkei hat ein wenig überraschend, aber verdient gewonnen, und meine Herzdame – die zu Beginn des Matches noch die Österreicher favorisiert hatte – freut sich mit den begeisterten Fans des Teams mit dem besser ausschauenden Männermaterial über den ehrlich erkämpften Einzug ins Viertelfinale. „Ich bleib noch ein bißchen auf und guck mir das an“, verkündet sie, „die feiern so schön!“

Geschichten die das Leben schrieb: Mein Freund Gernot im Bardo

Mit Gernot Hergenröder verbindet mich eine sehr lange, mindestens vierzigjährige Freundschaft und viele Jahre gemeinsamer Arbeit im Garten- und Landschaftsbau. Seit ich nicht mehr in Langen lebe oder gelegentlich mal dort zu Besuch bin, haben wir kaum noch Kontakt gehabt – doch vor einer Woche ungefähr erschien der plötzlich in meinen Gedanken und ich nahm mir vor, ihn endlich mal wieder anzurufen und zum treffen.

Das war genau der Zeitpunkt, an dem er gestorben ist. Am 26. Juni 2024 hat Gernot diese Welt verlassen und seine Reise durch den Zwischenzustand angetreten, auf den er sich hoffentlich in seiner buddhistischen Praxis der vergangenen zwanzig Jahre oder so gut vorbereitet hat.

Es fühlt sich so an, als wäre ein Verwandter gestorben.

Geschichten die das Leben schrieb: die zerrissene Bettdecke und die Zumutungen der Lohnarbeit

Der Hund hat ein Loch in die Bett-Überdecke gekratzt. Wenn er es sich bequem machen will, kratzt er meistens hundemäßig mit den Vorderpfoten an seinem beabsichtigten Liegeplatz herum (manche sagen, das seien canine Instinkte aus Zeiten, als die wilden Hunde ihre Schlafstellen in der Natur von gefährlichen Insekten und ähnlichem befreien mussten).

Nichts Dramatisches, sicherlich stopfbar von einem geschickten Schneider (zum Beispiel dem sympathischen, freundlichen Türken um die Ecke, zu dem ich alle durchlöcherten Hosen und sonstige reparaturbedürftigen Klamotten bringe) aber die Frau ist aufs äußerste aufgebracht, gereizt und missmutig ob des Schadens:

„Also, du erlaubst dem Hund wirklich alles! Was soll der denn noch alles kaputtmachen?!“

Ich sage gar nichts, denn die Liebste kommt nach einem anstrengenden Tag von der Arbeit und hat gerade die letzten anderthalb Stunden in überfüllten, unklimatisierten öffentlichen Verkehrsmitteln verbracht. Wer hätte da kein Mitgefühl mit einer Lohnarbeitskraft, die zwar ausbildungs- und einkommensmäßig zur gehobenen Mittelschicht zählt, aber dennoch wie der letzte Hilfsarbeiter jedem Befehl ihres Arbeitgebers zu folgen hat – zum Beispiel der völlig unsinnigen Order, die ausschließlich am PC verrichtete Arbeit ein- bis zweimal pro Wiche physisch in einem 60 km entfernten Großraumbüro statt im heimischen Home Office zu verrichten.

Ich bleibe also gelassen sitzen, während aus dem Schlafzimmer weiteres verärgertes Schimpfen und Zetern zu vernehmen ist. Mein Schweigen wird mir jetzt allerdings als Komplizenschaft, wenn nicht sogar Mittäterschaft ausgelegt. „Für dich ist das alles egal, oder wie?“ kriege ich zu hören. „Nur ein bißchen Kratzi-Kratzi? Macht nichts? Sollen wir hier leben wie die Asozialen, mit lauter kaputten und geflickten Sachen?? Und dann deine Ruhe dabei! Du sitzt da einfach und sagst nichts…!!“

Ich überlege kurz, ob ich jetzt aufspringen und eine schauspielerische Einlage hinlegen soll, bei der ich in lautes und intensives Wehklagen über die eingerissene Tagesdecke einstimme. Ich entscheide mich dagegen, um nicht Öl ins Feuer zu gießen und versuche es stattdessen mit Diplomatie: „Das kann man doch stopfen! Ich nehme die Decke morgen mit zum Schneider, wenn ich meine Jeans abhole…“

Zu spät! „Ich hab die Scheissdecke jetzt ganz zerrissen!!“, höre ich vom anderen Ende der Wohnung. Die entnervte Liebste hat tatsächlich aus Ärger und Daffke die Decke endgültig terminiert, während sich der eigentlich Schuldige, mein zotteliger Kratzi-Kratzi-Kumpel, vorsichtshalber in seine bei uns so bezeichnete „Sprich-mich-nicht-an“-Hundehütte verkrochen hat.

Wobei, der EIGENTLICHE eigentlich Schuldige schein doch eder ich zu sein, denn ich hab‘s ja nicht verhindert. Was all solche Vorkommnisse, jedenfalls aber die emotional herausfordernde Reaktion darauf, mit dem Ausbeutersystem und dessen unerbittlichen Anforderungen an die Arbeitskräfte zu tun haben, was sie mit dem erbarmungswürdigenZustand des öffentlichen Nahverkehrs i. Deutschland und mit der Tatsche zutun hat, dass Leute wenige Jahre vor ihrer Verrentung in kaum zu bewältigende Arbeitsumgebungen gezwungen werden- all das spreche ich vielleicht mal zu einem geeigneten Zeitpunkt an, momentan aber auf gar keinen Fall.

Ich will schließlich in Ruhe heute abend Fußball gucken.

Geschichten die das Leben schrieb: Betriebsrente finanziert Nobelfriseur

Die Frau hat zu meiner Freude beschlossen, „die Haare wieder wachsen zu lassen“, ist aber der Meinung, dass ab und zu die Spitzen geschnitten werden müssen. Sie kommt von ihrem Termin bei ihrem Leibfriseur zurück, dem sie diese verantwortungsvolle Aufgabe anvertraut hat.

Der Friseur, der zwei äußerst erfolgreiche Salons in Düsseldorf betreibt, ist ein furchtbar sympathischer Kerl, der nebenbei jedes Klischee über Friseure erfüllt: schwul, modisch extrem bewandert, kommunikativ bis zum Exzeß und scheinbar auch ein recht guter Geschäftsmann. Jedenfalls drängelt sich die wohlhabendere Oberkasseler Damenwelt, um bei ihm einen Termin zu bekommen.

Die Gattin betritt also mit frisch geschnittenen Spitzen die Küche und sieht mich erwartungsvoll an. Ich sage das Richtige, nämlich: „Sieht klasse aus!“ und frage: „Und? Quanto costa?“, wobei ich die Geldzählgeste mit Daumen und Zeigefinger mache.

„Hundertzwanzig“, antwortet meine sowieso gutaussehende, jetzt aber dank längerer Haare noch attraktivere Liebste beiläufig.

Ich bohre mir mit den Zeigefingern in den Ohren, als müsste ich dort Ohrstöpsel oder irgendwelche Ablagerungen von Ohrenschmalz entfernen und entgegne: „Ich hab eben tatsächlich ‚Hundertzwanzig‘ verstanden, irgendwas ist wohl mit meinen Ohren nicht in Ordnung…“

Die Frau bleibt unbeeindruckt und antwortet charmant: „Ja, ganz schön teuer, oder? Die Preise sind halt so…“

Damit lasse ich mich noch nicht abspeisen und hake nach: „Hat der dir jede Spitze einzeln berechnet oder wie?“.

„Schatzi, ich gehe einmal im Quartal zum Friseur, das sind vierzig Euro im Monat. Das ist doch nicht viel!“, kriege ich zu hören.

Ich geb‘s auf, da ich die Einstellung meiner Liebsten bezüglich die Lebensqualität steigernder Annehmlichkeiten genau kenne und weiß, dass sie – als archetypische Vertreterin der bürgerlichen Mittelschicht mit dem sehr soliden Mittelschichtseinkommen einer Controllerin bei einem großen internationalen Finanzdienstleister – ohne weiteres auch die Mittel hat, um sich den Genuss dieser Annehmlichkeiten zu gönnen.

Etwas später sitzt sie in ihrem Home Office Arbeitszimmer und ruft: „Komm mal gucken!“

Ich folge der Aufforderung und sie zeigt mir ein Dokument ihres Arbeitgebers auf dem Bildschirm. „Guck mal, alleine meine Betriebsrente ist höher deine gesetzliche Rente!“. Tatsächlich ist die Betriebsrente, die sie in wenigen Jahren aus der über vierzigjährigen Beschäftigung bei ihrem Arbeitgeber erhalten wird, um ca 50% höher als die Armutsrente, die ich beziehe. 

Die Frau, sicherheitsorientiert, vorsorgebewußt und finanzkapitalistisch mit allen Wassern ihres erlernten Berufes gewaschen, hat natürlich schon vor Jahrzehnten die drei soliden Säulen ihrer Altersvorsorge (gesetzliche Rente, Betriebsrente und Direktversicherung)  eingetütet – zu einer Zeit, als ich die Welt bereiste, zu Füßen des Gurus saß und mich nebenbei als Lohnarbeiter oder selbstausbeutender kleiner Selbständiger durchschlug.

Dabei liegt ihr jede Herablassung oder Arroganz fern; sie freut sich nur, dass wir dem Anschein nach auch im Alter ausreichende Einkommensquellen haben werden, um uns ein erträgliches Leben leisten zu können. Zwar machen wir im Grunde keine Trennung zwischen „dein Geld“ und „mein Geld“. Meine Erfahrung als Lohnarbeiter am unteren Ende der Einkommensskala hat mir aber eine gewisse Zurückhaltung bei „unnötigen“ Ausgaben beigebracht, die ich nach wie vor einhalte. Der Liebsten gönne ich ihre kleinen Ausflüge ins Luxusleben von Herzen, sie kann es sich leisten und braucht es wohl auch für ihr seelisches Gleichgewicht.