Auf dem Kalten Berg

登陟寒山道

寒山路不窮

谿長石磊磊

澗濶草濛濛

苔滑非關雨

松鳴不假風

誰能超世累

共坐白雲中

Besteigst du den Kalten Berg,
so nimmt der Weg kein Ende.

Entlang der Bäche aufgetürmt die Felsen,
die Flüsse breit, das Gras von Nebel bedeckt.

Das Moos ist rutschig, doch gab es keinen Regen,
die Kiefern singen, auch ohne Wind.

Wer kann lassen die Bande der Welt und
mit mir sitzen, inmitten der weißen Wolken.

(Han Shan)

„Niemand weiß, woher Hanshan stammte. Es gibt noch alte Leute, die ihn gekannt hatten: sie sagen, er wäre ein armer Mann gewesen, ein verrückter Geselle. Er lebte allein an einem Ort, genannt Hanyan, Kalter Felsen, siebzig Li westlich des Tangxing-Bezirkes von Tiantai. Oft stieg er hinunter zum Guoqing-Tempel, wo Shide lebte, der für den Speisesaal zuständig war. Manchmal bewahrte dieser Essensreste für Hanshan auf und verbarg sie in einem Bambusrohr. Hanshan kam dann und nahm sie mit. Langsam ging er den langen Gang entlang, rufend, lärmend und die Leute neckend, oder er sprach vor sich hin ins Leere und lachte. Einmal folgten ihm die Mönche und fingen ihn, um ihm eine Abreibung zu verpassen. Er blieb stehen, klatschte in die Hände, lachte eine Weile laut – Ha, Ha! – und entfernte sich dann.“

(aus dem Vorwort zu den Gedichten des Hanshan, von Lü Qiuyin, Leiter der Präfektur Tai)

Europäische Intellektuelle belehren China über den wahren Weg zum Sozialismus

„Die in 100 Jahren nationaler Emanzipation, existentieller Bedrohungen, zahlreicher Rückschläge, an Bürgerkriegskämpfen, zahllosen Diskussionen, etlichen Kursanpassungen, mehrfachen „Sich-selbst-neu-Erfindens“ und unendlichen Lernens hindurch gereifte KPCh hat die europäischen, US-amerikanischen und japanischen Kolonialismen sowie die Kuomintang-Soldateska überwunden; sie hat Hungersnöte, feindlich Interventionen, Isolations- und Sanktionsregime überstanden, die Entwicklung Chinas in schwierigen Phasen mehrfach neu ausgerichtet und ein Land geschaffen, dass völlig neue Wege geht, die die Menschheit so noch nie gegangen ist.

Einer solchen politischen Kraft (darf) man getrost zutrauen und zumuten, selbst definieren zu können, was für sie selbst und ihr Land „der richtige Weg zu. Sozialismus“ ist.

Da (bedarf) es keiner europäischen Intellektuellen, die selbst vielfach in der europazentrierten Denktradition von Staatssozialismus gefangen sind, die nun oft ebenfalls vor-urteilen, bevor sie verstehen und die glauben, besser zu wissen, was der „wahre“, „wirkliche“, „echte“ und „ideale“ Sozialismus für China wäre.“

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Die Elite des neo-feudalen Kapitalismus (Anmerkung zu einem Posting von Markus Gelau)

Viel interessanter als die offensichtliche (und auch von Markus Gelau hier mal wieder skandalisierte), aber branchenübliche schmierige „Eine-Hand-wäscht-die-andere“-Karriereplanung von Heiße-Luft-Figuren wie Schuster in ihren Bullshit-Job-Revenuequellen ist das so wunderbar nichtssagende wie gleichzeitig aussagekräftige Wording, mit dem der Werdegang dieser grinsenden Charaktermaske beschrieben wird:

Die „Position“, die Schuster die Pfründe sichert, „wurde neu geschaffen“, also extra erfunden um Luschen wie ihn mit Geld zu versorgen.

Er kommt von einem andern Pharmamafialaden, wo er „seit Juli 2019 Manager Government Affairs war“, sprich: Lobbyist, der sich darum zu kümmern hat, dass die Anliegen seines Zahlmeisters bei den politischen Entscheidungsträgern entsprechend Berücksichtigung finden.

Es ist einfach zu schön, wie die Sprache solcher „Lebensläufe“ – wobei bei diese Figuren kein LEBEN läuft außerhalb der persönlichen Bereicherung durch engagierten Einsatz für die Interessen der Herrschenden – die tatsächlichen Verhältnisse einer neo-feudalistischen bürgerlichen Gesellschaft im Endstadium verrät.

Genauso wie umgekehrt der Versuch der VERSCHLEIERUNG derselben (Herrschafts-)Verhältnisse durch Sprache (Gender-Ideologie, „Anti-Faschismus“ der Herrschenden als moralisierendes Instrument der gesellschaftlichen Gleichschaltung, etc) offenbart, wie verkommen und am Ende der ganze imperialistische Laden mittlerweile ist: je brutaler, zynischer und unverhohlener die korrupten Gaunereien bei der Herrschaftsausübung abgewickelt werden, umso sensibler, empfindsamer, zarter und „woker“ werden die Sprach- und Stilblüten, mit denen diese Herrschaftsausübung maskiert werden soll.

Dagegen war die großzügige Gabe von reichlich Parfüm, die sich die französische Noblesse des Ancien Régime über die ungewaschen, stinkenden Körper schüttete, gar nichts.

Antikommunismus als raison d‘etre des west-(heute wieder groß-) deutschen Imperialismus

ist ja ein alter Hut.

Interessant ist jedoch, dass auch die Lohnschreiber und -denker der herrschenden Ideologie inzwischen scheinbar nicht umhin kommen, Ulbrichts NÖP („Reformen“) als Ursache seiner Absetzung durch Honecker zu charakterisieren.

Natürlich bleibt Ulbricht „DDR-Diktator“, „gnadenloser Apparatschik“, „Machtmensch“, der „die Welt“ belog (frecherweise nicht nur über die Mauer, sondern auch noch „über sein Privatleben“) – soviel antikommunistischer Geifer ist das freie Fernsehen der demokratischen Öffentlichkeit schuldig.

Kleines Detail aus der Doku: seine Adoptivtochter wurde von mehreren Parteigängern von Freiheit und Marktwirtschaft gruppenvergewaltigt, jedesmal mit Kommentaren wie „Das ist für die Mauer!“, „Das ist für die Stasi!“ und ähnlichem. Für die Filmemacherin kein Anlaß, einmal nach dem GRUND für den gewalttätigen Antikommunismus der demokratischen Sexualstraftäter zu fragen, sondern gleich wieder Anlaß, dem „DDR-Diktator“ Vorwürfe zu machen: „Warum nutzte Ulbricht nicht seine Macht, um die Täter zu fassen?“ usw.

Krokodilsträne des Monats

„Warum musste die fünfjährige Nahla sterben?“, fragt ausgerechnet das NATO-Blatt „Spiegel“, das seit Jahren nichts unversucht läßt, eingebettet in den westlichen Terrorkrieg gegen Syrien dort unten die Freiheit herbeizubomben.

Nahla musste sterben, weil Drecksblätter wie der „Spiegel“ unter dem Banner „Assad muß weg!“ und mit propagandistischen Dauerfeuer über „Schlächter Assad“, „Diktator Assad“ usw. die öffentliche Meinung bearbeitet haben, bis die NATO-Kriegsparteien samt ihren Söldnertruppen aus Halsabschneiderbrigaden dem Publikum als „Aufständische“ und Freiheitskämpfer untergejubelt werden konnten.

Für diesen Aufmacher jedenfalls wird der zuständige Redakteur in der Journalistenhölle der verlogensten Heuchler gleich neben Julian Reichelt und Josef Goebbels schmoren; dort, wo die Insassen zweimal am Tag die Fäkalien einer Großstadt mit Teelöffeln in Joghurtbecher füllen müssen, um sie anschließend wieder auszukippen.

Malocht bis ins Grab, Proletenpack (damit unsere fetten Volksvertreter-Altersbezüge gesichert sind)!

Die Drecksbande von privilegierten Abgreifern, die als Ruheständler alle mehrfach vierstellig absahnen, selbst wenn sie nur eine Legislaturperiode im Parlament gesessen haben (ganz zu schweigen von den üppigen Pfründen, die sie sich als Lobbyisten und Miethuren ihrer unternehmerischen Lieblingsbürger „verdienen“) gehört in einer besseren Welt sowas von in den Gulag zum Steineschleppen oder als Pfegehelfer – und zwar bis 68.

Und selbst für solche Frechheiten und direkten Angriffe auf Geldbeutel und Leben der Leute werden sich wieder genügend kapitalismussozialisierte Untertanen finden, die diesen Raubzug gegen die zukünftigen Rentner „nachvollziehen können“ und mit der marktwirtschaftsüblichen Sachzwanglogik verteidigen werden.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Das Rätsel der verschwundenen Zähne und der Fliegende Holländer

Die „Tagesgruppe Demenz“ ist heute wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen, bzw. erinnert an das Kinderlied von den Zehn kleinen Negerlein: einer muss mal, die nächste ist müde und will aufs Zimmer, der dritte wird vom Physiotherapeuten abgeholt, die vierte muss zum Blutdruckmessen oder zum Wiegen – von neun Leuten waren’s jedenfalls irgendwann nur noch vier.

Seit um 7:15 der erste Teilnehmer erscheint bin ich mit den Leuten zusammen. Als gegen 9:30 alle Anwesenden gefrühstückt haben, begleitet von ständigen Unterberechungen und einem dauernden Raus und Rein, ist die Energie im Raum chaotisch und zerstreut. Das Wetter trägt seinen Teil zum Stress bei; es ist drückend und stickig, wenn auch zum Glück nicht zu heiß.

Frau F. kommt mir heute optisch anders vor als sonst. Ihr Gesicht wirkt kindlicher und älter zugleich. Plötzlich geht mir ein Licht auf: sie hat ihre Zahnprothese nicht drin!

Es ist eigentlich Aufgabe der Pflegekollegen, die die Bewohner aufwecken, waschen und anziehen, auch dafür zu sorgen, dass Gebiß und Hörgeräte eingesetzt sind.

Ich schaue Frau F. an, die bereits ein ganzes Brötchen ohne sichtbare Probleme verzehrt hatte, und frage sie, ob sie nicht ihre Zähne vermissen würde. „Wie? Die Zähne? Wirklich??“ – sie greift sich in den Mund und stellt anscheinend zum ersten Mal heute fest, dass sich die Zähne nicht an ihrem üblichen Platz befinden.

Die labbrigen Gummibrötchen, über die sich die Bewohner in der Regel verärgert beschweren, scheinen diesmal einen positiven Effekt gehabt zu haben. Frau F. konnte sie problemlos auch ohne Zähne verspeisen. Ich rufe eine Pflegekraft herbei und frage, wieso die Frau heute keine Zähne im Mund hat. „Ja, irgendwie waren die nicht da… ich konnte die nirgends finden“, gibt die gestresste Kollegin an. Ich vermute, sie hatte einfach keine Zeit um zu suchen.

Fürs Erste müssen wir aber damit leben, dass Frau F.s Zähne verschwunden sind. Das ist natürlich eine spannende Geschichte, eine zwischen Kriminalfall und Abenteuerroman, die wir sogleich aufgreifen und ausspinnen: Haben sich die Zähne etwa selbständig gemacht? Sind sie auf der Flucht? Und wenn ja: warum? Was ist ihnen widerfahren?

Meine Schützlinge sind angetan von der Idee, dass die Zähne sich von alleine auf die Socken gemacht haben und auf eigene Faust die Welt erkunden. Das ist genau die absurde Situationskomik, die bei dementen Menschen gut ankommt. Gleichzeitig machen sie sich natürlich zusammen mit Frau F. Sorgen, dass den kleinen Kameraden Ungemach drohen könnte, jetzt, wo sie so allein und verloren in die große Welt geraten sind.

Nach 5-sekündiger eingehender Nachforschung liegt der Tathergang klar vor mir: die Zähne haben sich gelangweilt und sind kantapper, kantapper in den Wald hinein, wie einst der dicke fette Pfannekuchen. Dort lauern allerlei Gefahren, vor allem vom schlauen Fuchs, der die Zähne dummerweise als Beute betrachtet. Der Hase dagegen lässt sich vom Geklapper der Zähne in die Flucht schlagen. Was werden die armen Zähne so ganz allein im Wald jetzt anstellen? Sie fürchten sich ein bißchen, denn es ist Nacht, und vom Himmel blinkt die bleiche Sichel des Mondes….

An dieser Stelle bricht die abenteuerliche Geschichte der Zähne abrupt ab, denn die Zeile mit der bleichen Mondsichel entstammt dem „Capri-Fischer“-Lied von Rudi Schuricke, das jeder hier auswendig kennt. Jetzt steht als erstmal eine Musik- und Gesangsrunde an.

Wir spielen und singen ein paar Schlager; Frau N. fragt nach irgendeinem Lied, von der ihr gerade eine Verszeile einfällt und nach zwei, drei Schlagern landen wir bei den Seemannsliedern von Freddy Quinn. Wir singen, erzählen, schwelgen in Erinnerungen an vergangene Zeiten, vor allem aber freuen sich die Teilnehmer, dass sie die Lieder kennen und die Texte mitsingen können. In all der Verlorenheit und Unerklärlichkeit des dementen Geistes ist es umso wichtiger, dass die Fragmente der Erinnerung, die erhalten geblieben sind, gepflegt und aktiviert werden.

Mit Musik geht das erfahrungsgemäß am besten – selbst Demente in den Endphasen ihrer Erkrankung erinnern sich an Melodien und häufig auch an Texte der ersten Lieder, die sie kennengelernt haben.

Durch die Seemannslieder inspiriert sprechen wir auch über Seemansgarn. Das wiederum führt uns direkt zum „Fliegenden Holländer“, wohl die bekannteste Seemanns-Sage. Da ich selber nicht ganz firm bin, was die Details dieser Story betrifft, lese ich meiner Runde einen kurzen Erklärtext vor. Darin heisst es über Bernard Fokke, das historische Vorbild für die Sagenfigur des Fliegenden Holländers, unter anderem:

“Die einen nannten ihn einen Zauberer. Andere sprachen von einem Bund mit dem Bösen und dergleichen. Dieser Glaube wurde noch gestärkt durch Fokke’s ganz ungewöhnliche Größe und Körperkraft, durch ein höchst abschreckendes Äußere und ein rohes zurückstoßendes Benehmen, so wie seine Gewohnheit, bei den geringsten Hindernissen fürchterlich zu fluchen.“

Meine Runde ist fasziniert. Um ihre Fantasie bildlich zu unterstützen, male ich ihnen den raubeinigen Kapitän aufs Flipchart und gebe ihnen ein paar Beispiel für kräftiges Fluchen, die ich hier keinesfalls wiedergeben kann und will. Das finden alle klasse, lachen und sind beeindruckt von Käpt’n Fokke, der auf meiner Zeichnung gerade den Kombüsen-Smutje Hein Mück zusammenstaucht, weil der die Kartoffeln zu dick geschält hat.

Nur Herr V., der ganz vorne, direkt neben dem Flipchart, sitzt, hat irgendein Problem. Während ich zeichne, zupft er mich am Hemd und versucht, seinen Einwand zu artikulieren. Da seine Aussprache kaum verständlich ist, ist das keine einfache Angelegenheit. „Holzschuh zu!“ höre ich schließlich raus, und er wiederholt diese Worte immer wieder, wobei er mich am Hemd zupft und auf die Tafel zeigt. Jetzt kapiere ich, was er meint: die Holzschuhe, die ich dem Käpt’n und dem Smutje gezeichnet habe, sind hinten offen. Die Original holländische Holzpantinen – die Klompen – sind hinten geschlossen!

Dieser darstellerische Lapsus hat Herrn V. dermaßen gestört, dass er mit all dem Nachdruck, zu dem er fähig ist, mich darauf aufmerksam macht. Ich korrigiere also meinen Fehler und bestätige vor der Runde, dass Herr V. selbstverständlich Recht hat.

Inzwischen betritt die Wohnbereichsleiterin den Gruppenraum, um mal nach dem dementen Teil der ihr anvertrauten Bewohnerschaft zu schauen. Sie erfährt von dem Waldabenteuer der Zähne und kommentiert: „Ach was! Die sind oben auf dem zweiten Regal in einer Plastikdose…“

Somit ist auch dieses Rätsel gelöst, wobei offen bleibt, ob die Zähne nie fortgelaufen waren oder ob sie nach bestandenen Abenteuern lieber wieder zurück in Frau F.s Zimmer geschlichen sind. Ein Praktikant wird nach den Zähnen geschickt und keine 3 Minuten später sind die ausgebüxten Racker wieder ordnungsgemäß im Mund von Frau F. – gerade rechtzeitig zum Mittagessen, das jetzt ansteht. Die weichen Kohlrouladen mit Hackfleischfüllung plus Kartoffeln allerdings, die heute auf dem Menüplan stehen, hätte sie auch ohne die Zähne locker weggefuttert.

Geschichten aus dem Pflegeheim: die Fronleichnamsprozession

Feiertagsdienst am katholischen Fronleichnam in einer evangelischen Einrichtung. Der Tag beginnt schon mit einer Art innerer Kreuzigung für eine meiner „Tagesgruppen“-Schützlinge, die 91-jährige Frau Sch. Während ich im Frühstücksraum die Lage sichte, Tische eindecke und die Anwesenden erstmal begrüße, öffnet sich die Tür zu Frau Sch.‘s Zimmer – es liegt direkt neben dem Speiseraum – und eine Pflegekraft verläßt den Raum mit den aufmunternden Worten „Und jetzt schön frühstücken gehen!“ an Frau Sch.

Ein paar Sekunden später taucht eine völlig verwirrte und konsternierte Frau Sch. auf und steckt den Kopf aus dem Türrahmen. „Was ist denn hier los? Sowas hab ich ja noch nie erlebt!!“ sagt sie, den Tränen nah. „So können die doch nicht mit mir umgehen! Ich weiß überhaupt nicht mehr, was los ist!“

Ich ahne, dass es hier nicht um ein etwaiges unangemessenes Verhalten der Pflegekraft geht, sondern um die inneren Abgründe von Frau Sch. Also nehme ich sie erstmal in den Arm und frage, was passiert ist – obwohl ich weiß, dass gar nichts passiert ist außer Erschrecken, Nicht-Begreifen und Verunsicherung über Frau Sch.s Verlorenheit in der eigenen inneren unbekannten, immer diffuseren Fremde an diesem Morgen.

Ich weiß gar nicht, wer ich bin! Ich glaube, ich brauch einen Psychiater. Was stimmt denn mit mir nicht?“ Sie schaut mich tränenüberströmt an. „Ich bin doch sonst eine fröhliche Person, aber heute stimmt gar nichts! Ich kann mich auch gar nicht wehren!“

Das kann ich gut verstehen“, versichere ich ihr. „Man fühlt sich wie ein winziger Tropfen in einem riesigen Ozean, der einen verschluckt…“

Jetzt schaut sie mich an und wirkt fast erleichtert. „Ja, genau!“, sagt sie, und bekräftigt: „Ich bin bloß eine alte Frau!“ – so als würde das alles erklären, weil eine einzige kleine alte Frau gegen die Gesamtheit eines komplett unverständlichen und ständig weiter zerbröselnden Universums ja sowieso nicht ankommt.

Sie ist jetzt jedenfalls etwas entspannter und bittet mich, ihr die Tränen abzuwischen, weil sie nicht so verheult in den Speiseraum will. Gesagt, getan und den Rest erledigt ein leckerer Kaffee und die feiertäglichen Marmeladenbrote.

Als alle mehr oder weniger fertig gefrühstückt haben, stellt sich die Frage, wie wir den gemeinsamen Vormittag verbringen. Im Grunde habe ich meine wochentägliche „Tagesgruppe Demenz“ hier versammelt, erweitert um zwei oder drei Frühstücksgäste aus dem Wohnbereich.

Da Fronleichnam ist, bietet sich zum Einstieg das „Warum wird dieser Tag überhaupt gefeiert“-Ratespiel an. Das weiß natürlich keiner, auch die allerkatholischsten Leute nicht. Allerdings wissen sie das schon bei Weihnachten oder Ostern kaum oder gar nicht. Ich muss ihnen also auf die Sprünge helfen. Natürlich hat jeder schon mal den Begriff „Fron“ oder „Fronarbeit“ gehört, und was ein Leichnam ist, ist auch jedem klar. Sollte der Feiertag etwa bedeuten, dass jemand so lange Fronarbeit leisten muss, bis er tot zusammenbricht und als Leichnam liegen bleibt?

Diese auf den ersten Blick naheliegende Erklärung wird von meiner Runde nach kurzem Nachdenken verworfen, da man weiß oder ahnt, dass es mal wieder irgendwas mit Jesus zu tun hat, und der starb ja am Kreuz und nicht aus Erschöpfung von zu viel harter Arbeit. Ich löse das Rätsel und erzähle kurz und in einfachen Sätzen, worum es bei dem Feiertag geht und welches Ereignis des Neuen Testaments da begangen wird. Dass der Jesus mit seinen Freunden gerne aß und trank, leuchtet jedem ein; dass er angesichts seiner bevorstehenden Hinrichtung seine Jünger bat, in Zukunft beim Essen und Trinken an ihn zu denken, versteht auch jeder.

Wir haben zwar gerade gefrühstückt und das Brot somit schon „gebrochen“, und Wein gibt’s um die Uhrzeit natürlich erst recht nicht, aber wir prosten uns mit erhobenen Kaffeetassen zu und lassen uns und Jesus hochleben.

Nun fällt Frau N. ein, dass zu Fronleichnam immer Prozessionen stattfinden, bei denen Wald und Feld und Flur und Gemarkung gesegnet wird. Das ist ein super Hinweis, den ich gerne aufgreife. Ich verkünde meiner Truppe, dass wir aus Anlass des hohen Feiertages heute unsere eigene Prozession machen werden und frage in die Runde, was man für eine anständige Prozession so bräuchte.

In kürzester Zeit stehen diese Ingredienzen am Flipchart:

– Baldachin

– Kerze

– Kreuz

– Marienstatue

– Weihrauch

– Glocke

– Segnungs-Stab

Bis auf den Weihrauch haben wir tatsächlich alles im Haus. Ich schicke einen Kollegen los, einen Regenschirm besorgen: der wird unser Baldachin. Eine Kerze ist kein Problem; wir haben sogar einen verglasten Kerzenhalter – offenes Feuer geht aus Sicherheitsgründen nicht. Als Glocke muß uns die Stammtischglocke dienen, die ich mal für die Frühschoppen- und Stammtisch-Runden angeschafft habe.

Eine hölzerne Marienstatue von etwa 1,50 m Höhe steht tatsächlich im Keller der Einrichtung, seit die Besitzerin vor etwa 6 Monaten verstarb. Bleibt der Segnungs-Stab: ich meine mich zu erinnern, dass die Priester bei solchen Prozessionen mit irgendeinem Stab, an dem vorne ein Tuch oder ähnliches zum Wedeln befestigt ist, die Segnungen vornehmen. So greife ich mir den Gehstock eines Bewohners und schaue in Frau Sch.s Zimmer nach einem geeigneten Wedel-Utensil. Ein Damenstrumpf erfüllt den Zweck aufs Vorzüglichste.

Wir beratschlagen kurz und die Runde ist der Meinung, dass wir angesichts unserer echten Marienstatue ruhig auf das Kreuz verzichten können. Wir haben zwar eins unten im Großen Speisesaal, aber das ist zu schwer zum Rumtragen. Jetzt kann unsere Prozession beginnen!

Da die anwesenden Bewohner alle nicht mobil sind, müssen die Kollegen zum Prozessieren ran. Der zweite für heute eingeteilte Mitarbeiter des Sozialen Dienstes wird zum Kerzenträger, der muslimische Praktikant des Wohnbereiches wird als Statuenschieber und Baldachinhalter in christliche Gebräuche eingewiesen, ich bilde den Schluss der Prozession mit dem Segnungs-Stab. Die Glocke wird von der darüber hocherfreuten Frau N. geschlagen.

Dank Apple Music ist auch sogleich die passende Musik bei der Hand, und zu den Klängen von „Lauda Sion Salvatorem: Sequentia (Fronleichnam)“ drehen wir drei Runden durch den Speisesaal des Wohnbereiches. Der schöne gregorianisch anmutende Chorgesang ist wie geschaffen für meine Segnungen, die ich musikalisch versiert und melodisch akkurat allen und jedem spende.

Nachdem jeder Anwesende, das Haus selber, die Ortschaft sowie der gesamte Erdball meinen Fronleichnamssegen empfangen hat, wirken die Bewohner gelöst und beschwingt über das Zinnober, das ich keineswegs als religiöse Persiflage aufgeführt habe, sondern als unterhaltsames, aber ernstgemeintes Spektakel. Katholische Hardliner mögen so etwas als Blasphemie ansehen; ich selber billige meiner Pflegeheim-Prozession mindestens soviel Gültigkeit zu wie ihren „offiziellen“ Pendants.

Damit es nicht zu kirchlich wird, und weil es in Strömen regnet, wenden wir uns musikalisch aber wieder eingängigerem Liedgut zu und spielen und singen alle möglichen Songs, die mit Regen zu tun haben – schon wieder Gelegenheit für eine kleine Rate-Runde. Schon naht die Mittagsstunde und der Raum muss wieder anderen Zwecken gewidmet werden. Als ich die Marienstatue hinausschiebe, bemerke ich die anerkennenden und gut gelaunten Blicke vieler Anwesender – nicht mir geltend, sondern der schönen, fast lebensgroßen Holzfigur.

Frau Sch., morgens noch todtraurig und aufgelöst, wirkt jetzt munter und beglückt über die angenehme Abwechslung. Sie isst ihr Mittagessen mit Appetit und bedankt sich, als ich sie aufs Zimmer bringe und in ihr Bett lege, nochmal bei mir. Irgendetwas in ihr ist wieder „eingerenkt“, vielleicht sogar durch das Ritual in Harmonie mit der Situation gebracht worden. Morgen oder schon heute Nachmittag kann sich das bereits wieder ändern, aber in diesem Moment begibt sich eine zufriedene und sehr entspannte Frau Sch. zum Mittagsschlaf.

Spritpreiserhöhungen

Der „Spiegel“ berichtet über die bei Wählern unbeliebten Spritpreiserhöhungen (was dieselben Wähler nicht davon abhält, die Parteien, die ihnen das Leben teurer machen, immer wieder zu wählen). Die olivgrünen Ökoimperialisten planen natürlich auch eine kräftige Verteuerung, was ihnen in der Wählergunst gleich mal einen Absturz beschert (der einzig positive Nebeneffekt dieser Gesamtverarsche).

Interessant allein die Selbstverständlichkeit, mit der das Hamburger NATO-Magazin hier die Tatsache erwähnt, dass alle „grünen“ und „klimaschonenden“ politischen Maßnahmen natürlich auf keinen Fall die VERURSACHER der Naturzerstörung und Umweltschäden treffen dürfen, sondern kostenmäßig von diesen so lässig wie selbstverständlich weitergereicht werden an die lohnabhängige Bevölkerung.