Geschichten aus dem Pflegeheim: Der Lesbier beim Duschen

In der „Tagesgruppe Demenz“ beschwert sich Frau H. über Begleitumstände des Duschens vom vorigen Abend.

Ich musste da völlig nackt in die Dusche! Der hat mich einfach ausgezogen und unter die Dusche gestellt!“

„Wer jetzt?“, frage ich nach.

Na, einer von den Langen!“, lautet die Antwort, womit sie die männlichen Pfleger meint.

Ich so: „Sind Sie denn noch nie von einem der Pfleger geduscht worden, Frau H.? Haben das immer die Schwestern gemacht? Sie können sagen, wenn sie nicht von Männern, sondern nur von Frauen geduscht und gepflegt werden wollen…“

Frau H., die trotz ihrer Demenz schlagfertig und nicht konfliktscheu ist, schaut mich verschmitzt an und berichtet: „Weißt du, was ich dem am Ende gesagt habe? Das hat richtig gesessen! Ich hab dem gesagt: Sie sind wohl ein LESBIER!!“

Zufrieden mit der Erinnerung an diese brillante Replik grinst sie mich an und zündet sich eine Zigarette an.

#Pflegeheim #dementabernichtdoof

Geschichten aus dem Pflegeheim: Drei Aquarelle meiner Schützlinge aus der Kunst- und Kreativrunde

Die ersten beiden von Herrn H., dessen starke Demenz ihn nicht daran hindert (ihn vielleicht erst dazu befähigt), einen ausgiebigen sinnlichen Genuss aus der Haptik von Wasser, Farben und Papier zu ziehen. Oft verbringt er bis zu einer halben Stunde mit nur einer Farbe an einem Fleck des Aquarellpapiers. Manchmal auch auf der darunter liegenden Pappe, was für ihn keinen Unterschied macht. Er ist glücklich über die Farbigkeit der Farben und scheint den „Geschmack“ und die „Sattheit“ eines Farbtons zu fühlen.

Das dritte Bild ist von dem 71-jährigem Herrn K., der in seiner mentalen Entwicklung etwa auf dem Stand eines Siebenjährigen steckengeblieben ist. Zusätzlich ist er sprach- und körperbehindert und scheint jetzt auch eine dementielle Veränderung zu erfahren. Er ist der fröhlichste in unserer Runde, begrüßt stets jeden mit Handschlag und produziert 5 Bilder, während die anderen noch ihre Pinsel sortieren.

Heute machte er sich eine Tüte Gummibärchen auf, die ihm aufs Blatt purzelten. Als ich ihn fragte, ob er die Gummibärchen essen oder sie in sein Bild integrieren wollte, sagte er sofort „Ins Bild!“.

Gesagt, getan, und mit etwas Kleber haben wir nun das erste Gummibärchenbild der Runde (es gibt schon ein Kaffeebild einer Dame, die den Pinsel immer in die Kaffeetasse statt in den Wasserbecher tunkte).

Geschichten aus dem Pflegeheim: Uhrentest und Juckreiz

Meine Neugierde und Faszination mit den Funktionsweisen des menschlichen Geistes erfährt durch den täglichen Umgang mit dementiell veränderten Menschen eine Vertiefung und Erweiterung, die mich selber manchmal überrascht.

In all dem kommt nie der Humor zu kurz, weil gerade Demente neben Musik und Bildsprache sehr empfänglich für Humor sind.

Heute mussten wir bei zwei Teilnehmerinnen unserer “Tagesgruppe Demenz” den “Uhrentest” durchführen. Dabei wird der Person eine Uhr ohne Ziffernblatt und Zeiger vorgelegt, auf der die Zahlen eingetragen und eine bestimmte Uhrzeit mit den Zeigern markiert werden soll.

Frau K., die mir schon immer schlauer vorkam als sie in der Gruppe tat, löste die Aufgabe problemlos und schnell.

Danach war unsere “Demenzkönigin” Frau S. dran. Diese kleine, gutmütige Frau aus Westpommern hat in den letzten paar Monaten mehr und mehr inneren Boden unter den Füßen verloren und wirkt in der Welt ihrer dementiellen Isolierung oft wie Alice im Wunderland, allerdings ohne ein Kaninchen, das sie aus dem Bau führen könnte. Zudem macht sie das innere Erleben der zunehmenden Fragmentierung ihrer Wahrnehmungen und Erinnerungen manchmal aggressiv. Sie wird dadurch zur Gefahr für sich und andere und erhält deshalb seit einiger Zeit starke Psychopharmaka.

Als ich mit dem Uhrentest zu Frau S. komme und ihr in sehr einfachen Worten erkläre, worum es geht (ich nehme sogar die Wanduhr unseres Gruppenraumes ab und zeige ihr, wie eine Uhr normalerweise aussieht), schaut sie mich mit großen Augen an. Um es nicht zu kompliziert für sie zu machen, frage ich sie, ob sie mir zeigen kann, wo die Uhrzeiger stehen, wenn es zwölf Uhr ist.

“Nein, das kann ich nicht”, antwortet Frau S. und schüttelt den Kopf. “Ich war doch nicht dabei!”, fügt sie an, und wirkt wie jemand, der einem Schulbuben Selbstverständliches erklären muss.

Ich belasse es bei dem Versuch und denke mir, dass sie gar nicht so unrecht hat. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die Einteilung und Messung des Zeitablaufes sind Konzepte, die (abgesehen von den frühen Erinnerungen an Kindheit und Jugend, die auch bei schwerer Demenz nie ganz verblassen) für Frau S. keine Bedeutung mehr haben.

Frau K. hat sich indessen lautstark und fordernd immer wieder über einen Juckreiz an der Hüfte beschwert. Glaubt man ihrem Wehklagen, steht sie kurz vor dem Exitus. “Warum hilft mir den keiner?!” jammert sie und beklagt ausgiebig das fiese Jucken. Den naheliegenden Vorschlag, sich doch mal an der Stelle zu kratzen, tut sie ab: “Das hilft nicht”, wehklagt sie. “Kratz du mich mal, Liebchen!” (Liebchen sind bei ihr alle Pflege- und Betreuungskräfte).

Ich tue ihr den Gefallen, weil ich weiß, dass sonst erst mal für 20 Minuten Juckalarm in der Gruppe ist und keiner zur Ruhe kommt.

Damit hat mich Frau K. allerdings auch auf eine Idee gebracht und schon haben wir ein Thema für die anstehende “Bunte Runde”: die verschiedenen Arten von körperlichen Beschwerden und Schmerzen – ein Thema, das allen GruppenteilnehmerInnen bestens vertraut ist.

Schon ist ein Blatt des Flipcharts vollgemalt und die Runde debattiert, welche Schmerzen die lästigsten sind. Auch Frau K. beteiligt sich mit Leidenschaft an der Debatte – der Juckreiz ist vergessen – und stimmt wie die Mehrheit der Anwesenden der Ansicht zu, dass der schlimmste Schmerz doch der Herzschmerz sei.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Lohnsklaventum – Es geht immer noch ein bißchen billiger

In einem Pflegeheim gibt es drei Säulen, drei Professionen, die den Betrieb aufrecht halten: Pflege, Sozialer Dienst/Betreuung, Hauswirtschaft.

In dem Heim, in dem ich (im Sozialen Dienst) tätig bin, wird der Küchendienst auf den Wohnbereichen von FSJlern erledigt (17 – 18jährige, die ein „Freiwilliges Soziales Jahr ableisten, das Äquivalent zu den früheren Zivildienstleistenden).

Grund: die Servicekräfte aus dem Hauswirtschaftsbereich wurden Arbeitgeber-intern in eine GmbH ausgegliedert, wodurch man Ihnen leider den Mindestlohn zahlen muss. Um diese Unzumutbarkeit für einen kostenbewussten Arbeitgeber zu vermeiden, werden die Jugendlichen in ihrem FSJ für die Hauswirtschaft vernutzt. Da wird, ganz marktwirtschaftlich, eben auch vom konfessionellen Arbeitgeber auf die „betriebswirtschaftliche Rentabilität“ bzw. „Wirtschaftlichkeit“ des eigenen sozialen Ladens geachtet

Diese Art von Ausnutzung jugendlich-freiwilliger Billigarbeitskäfte spricht sich anscheinend in der Region rum; bisher liegen jedenfalls KEINE Bewerbungen für die Neubesetzung der FSJ-Stellen vor.

Das bedeutet, dass der Soziale Dienst des Pflegeheims für hauswirtschaftlichen Aufgaben wie Küchendienst herangezogen wird (falls sich nicht noch ein paar gutwillige Teenager einfinden, die ihr Soziales Jahr auf diese Weise verbringen möchten), da die Planstellen für Servicekräfte in der Hauswirtschaft alle schon belegt sind.

Die Betreuung der alten Menschen im Heim bleibt dadurch natürlich teilweise auf der Strecke, aber das Primat der betriebswirtschaftlichen Rechnungslegung ist gewahrt – und darauf kommt’s schließlich an, auch beim allerchristlichsten Arbeitgeber.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Im Oster-Gottesdienst

Der Sonntagsdienst besteht heute aus der Begleitung der HeimbewohnerInnen zum evangelischen Gottesdienst in die auf demselben Gelände gelegenen Kirche. Zwölf Heiminsassen wollen dabei sein, die meisten in Rollstühlen, die Mehrheit dement.

Ich nehme zum ersten Mal an einer solchen religiösen Zeremonie teil und harre neugierig der Dinge, die da kommen.

Die Pfarrersfrau setzt sich zu Beginn der Veranstaltung eine rote Kappe auf, nimmt ein überdimensionales „Taschentuch“ zur Hand und beginnt, auf laienhaft-übertriebene schauspielernde Art die Maria zu geben, die am Grab Jesu trauern will, dann aber von einer Stimme beim Namen gerufen wird. Wie sich herausstellt, bzw. wie sie kindergartenpädagogisch erklärt, soll diese Stimme die von Jesus sein (kleine Kinder in der ersten Sitzreihe antworten ihr auf die Suggestivfrage, wessen Stimme das wohl sei, mit einem lauten „Jesus!!“).

Ihre Stimme ist etwas quieckend und schwer zu ertragen, das Mikrofon weiß sie nicht richtig zu handhaben und die Gemeinde versteht kaum ein Wort dieser Darbietung.

Meine dementen Begleiterinnen sitzen einigermaßen gebannt da; meine Sitznachbarin Frau S., die nur dabei ist, weil sie zu jedem Angebot mitkommt, schaut sich die Vorstellung an, schaut dann mich an und sagt nur: „Oh Gott.

Der Rest der Veranstaltung besteht im Singen von Liedern, deren erschreckend debile Texte („Je-Je-Jesus ist besser, Je-Je-Jesus ist größer, Je-Je-Jesus ist stärker“) zu den Schlager-artigen Softpop-Melodien passen wie der Becher zum Henkel; außerdem noch aus dem Hersagen von Glaubenssätzen, die wirken wie affirmative Kühlschranksprüche: man möchte gerne dran glauben, weil die ZWEIFEL so riesig sind, dass man sie immer wieder mit der Beschwörung einer weder selbst erfahrenen noch irgendwie greifbaren „Wahrheit“ vertreiben möchte.

Alles in allem bin ich erschüttert über das Niveau und frage mich, ob das hier vielleicht hat ein Kindergottesdienst ist. Insgesamt komme ich mir nämlich eher vor wie im Kindergarten als in einem Ort der Einkehr, der Besinnung oder gar der Meditation; von einer würde- und weihevollen Feier eines Ereignisses, dass sich immerhin um Leben, Tod und Wiedergeburt/Auferstehung dreht, ist nichts zu spüren.

Der religiöse Anlaß der Feier wird gnadenlos infantilisiert und seines spirituellen Gehaltes und damit seiner Botschaft beraubt – zugunsten einer krampfhaft auf modern getrimmten Show auf Vorschulniveau, die nur ein Vehikel darstellt für die Propagierung von Dogmen und Sprechblasen der Rechtgläubigkeit.

Zurück zu meinen dementen Schützlingen:

Am Ende des Gottesdienstes geht die Pfarrerin reihum, gibt jedem die Hand und sagt dabei „Frohe Ostern! Jesus ist wahrhaftig auferstanden!“

Als sie bei meiner Sitznachbarin angekommen ist, lässt sich diese bereitwillig die Hand schütteln, hört sich den Spruch an und schaut die Kirchenfrau neugierig an. Dann antwortet sie: „Gut! Kann ich mitkommen?

Geschichten aus dem Pflegeheim: Wann fängt der Film an?

Die Kino-Nachmittage im Heim sind beliebt bei den BewohnerInnen.
Im Gegensatz zu meiner vorigen Arbeitsstelle, an der wir cineastische Schonkost verabreichten und aus Rücksicht auf Aufnahmekapazität und Ausdauer vor allem der dementeren HeimbewohnerInnen nur Geo- oder Natur-Dokus bzw. alte TV-Serien von maximal 45 Minuten zeigten, kommen an meiner jetzigen Wirkungsstätte vor allem Filmklassiker der 1930er- 1960er-Jahre zur Aufführung.

Diesmal steht “Liebe will gelernt sein” auf dem Programm, die Verfilmung eines Theaterstückes von Erich Kästner, zu der Kästner selbst das Drehbuch geaschrieben hatte. (Nebenbei bemerkt ein Film, dessen peinliche, teilweise grottig sexistische Darstellung von Geschlechterrollen und Moralvorstellungen derart von überkommenen Klischees strotzt, dass man sich in gottseidank längst vergangee Zeiten zurückversetzt fühlt – Zeiten, nach denen sich bekanntlich AfD-Spacken und andere Heimatfreunde gerne sehnen).

Im Wohnbereich 2 frage ich die gottesfürchtige Frau M. (ihre Lieblingsbeschäftigung ist das monotone Hersagen des Vaterunsers), ob sie
zur Kinovorstellung mitkommen möchte. “Ja, fahr mich mal hin!”, erhalte ich zur Antwort.

Zeitsprung in die ca. 60. Minute des Films:
Frau M. wird zusehends unruhig, ein paar andere Kinobesucher ebenso; ich ergreife die Gelegenheit und unterbreche, um denjenigen, die nicht mehr bleiben wollen oder können, die Möglichkeit zum Verlassen des Saales zu geben.

Ich frage Frau M., ob ich sie zurück in den Wohnbereich bringen soll. “Ja, ja… das ist ja eine Scheiße hier! Wann fängt denn der Film an?!” kriege ich von der sichtlich missgelaunten Frau zu hören.
Ich so: “Äh… Frau M., den kucken wir hier seit einer Stunde…”
Frau M.: “Ja, egal, fahr mich nach hause!”

Ich bringe sie durch die langen Flure zurück auf ihren Wohnbereich und kehre zurück, um einen weiteren “Abbrecher” desselben Wohnbereiches zu holen. Als ich mit diesem im Gemeinschaftsraum ankomme und ihn auf seinen Platz bugsiere, wird Frau M., die gerade mal wieder Fragmente des Vaterunsers vor sich hin gemurmelt hatte, plötzlich munter. Vermutlich ausgelöst durch mein Erscheinen fällt ihr ein, dass das Nachmittagsangebot ansteht.

“Wann fängt denn nun dieser Film an?”, fragt sie mich in einer Ahnungslosigkeit und Unschuld, die mir deutlich machen, dass Frau M. nicht weiss, wo sie die letzte Stunde verbracht hat. Gleichzeitig kommt in ihrer Frage die Vorfreude auf Abwechslung im öden Heimalltag zum Ausdruck; jedenfalls bringe ich es nicht übers Herz, ihr mit Fakten Zeiten und Zahlen zu kommen und antworte freundlich: “Den zeigen wir nächste Woche, Frau M.!”

“Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.”

Geschichten aus dem Pflegeheim: Die Eltern der fast Hundertjährigen

Die 99-jährige Frau B. ist vergleichsweise rüstig, aber räumlich wie zeitlich oft desorientiert. Nachdem ich ihr im Speisesaal das Essen gebracht habe (sie isst selbständig und mit Appetit) bedankt sie sich für die leckere Mahlzeit und möchte nun „nach Hause gehen“.

Dass ihr Zimmer 15m entfernt um die Ecke desselben Wohnbereiches liegt, hat Frau B. nicht parat. Überhaupt ist sie mit einem Mal völlig ratlos inmitten eines Raumzeitgefüges, das sich ihr nicht erschließt.

„Wo bin ich denn hier eigentlich?“ fragt sie mich erstaunt, aber ruhig. „Ich muss doch nach Hause…“

Ich antworte „Sie sind hier im Alten- und Pflegeheim Sowieso-Haus, Frau B. Ihr Zimmer ist hier um die Ecke.“ (ich deute in Richtung Tür).

„Ah, das trifft sich gut! Da wohne ich nämlich“, fällt ihr wieder ein. „Aber wie komm ich denn dahin?“

Ich biete ihr an, sie zum Zimmer zu begleiten, was sie dankbar annimmt.

So ganz ist ihre Besorgnis aber noch nicht verschwunden, denn unterwegs erzählt sie mir:

„Ich muss wirklich nach Hause… Meine Eltern sind auch schon alt, denen geht es nicht so gut…“

Ich frage sie: „Wie alt sind SIE denn, Frau B.?“, um sie vielleicht darauf zu bringen, dass eine fast Hundertjährige kaum Eltern haben kann, die noch am Leben sind.

„Die sagen mir hier immer, ich bin fast 100“, antwortet meine Begleiterin, „aber das stimmt gar nicht. Ich bin Jahrgang Neunzehn.“

„Naja, Frau B., wir haben jetzt 2018. Demnach werden Sie nächstes Jahr tatsächlich 100 Jahre alt“, antwortete ich – hoffend, dass ich ihr jetzt nicht ein eventuelles jüngeres Eigenbild zerstöre.

Sie wirkt verdutzt, ist aber bereit, diese Information zu akzeptieren. „Also, wenn Sie das auch sagen, wird’s wohl stimmen…. Dann muss ich mich eben damit abfinden.“

Geschichten aus dem Pflegeheim: Ziviler Orden für die Küche

Bunte Runde am zweiten Weihnachtstag im Wohnbereich. Wie immer entsteht aus Zurufen und Anmerkungen der Anwesenden ein Bild, dazu entspinnt sich eine Geschichte. Ebenfalls wie immer kommen wir dabei vom Hölzchen aufs Stöckchen und landen schließlich über „Mal´ mal ´ne Eiche!“ beim Eichenlaub und dessen Verwendung in militärischen Rangabzeichen, Orden usw.


Ich schlage eine zivile Umwidmung vor, die nach einhelliger
Ansicht der BewohnerInnen an die Küche gehen muss. Im Gegensatz zu sehr vielen anderen Einrichtungen, die aus Kostengründen lieblos und billig
zusammengepantschtes Großküchenfutter anbieten, leistet sich mein diakonischer Arbeitgeber nämlich eine eigene Küche mit den nötigen Fach- und Servicekräften. Das wird von den Heimbewohnern sehr geschätzt und bis auf ganz seltene Ausnahmen sind alles des Lobes voll für die tägliche Verpflegung.

Es wird beschlossen, dass das so entstandene Bild der Küche übergeben werden muss. „Heimlich nachts aufhängen!“, schlägt Herr R. vor. Aber
da er das nicht selber übernehmen will und wir der Meinung sind, dass man sich mit Lob nicht verstecken muss, überreiche ich die Auszeichnung anschließend – im Namen der BewohnerInnen des Wohnbereiches – dem Küchenchef. Strahlende Augen und breites Grinsen bei ihm und seiner Truppe, die sich wirklich täglich den Arsch aufreißen, um für die Leute lecker Essen hinzustellen.

Geschichten aus dem Pflegeheim: “Los, mach weiter!”

Bei der Weihnachtsfeier des Wohnbereiches sitzt die 90-jährige Frau M. mit einer weiteren Bewohnerin an einem Einzeltisch. Offensichtlich haben die beiden keine Angehörigen oder Freunde zu Besuch bei dieser jährlichen Begegnungsfeier.

Frau M. ist dement, hat allerdings mitunter überraschend klare Momente. Sie nimmt kaum an Gemeinschaftsaktivitäten teil und verbringt die meiste Zeit im Rollstuhl im Speisesaal des Wohnbereiches, wo sie gerne und häufig das Vaterunser aufsagt.

Heute ist sie allerdings augenscheinlich ziemlich fit und genießt das weihnachtliche Programm des Nachmittags. Nur vom besonderen (und nach einhelliger Meinung der Bewohner und Besucher spitzenmäßig köstlichen) Essen scheint Frau M. nicht viel abgekriegt zu haben.

Ich frage sie, ob sie schon vom Hauptmenü abbekommen hat. „ Nee, sie hat nur etwas Gemüse bekommen“, wirft ihre Tischnachbarin ein.

„Ich brauch‘ Hilfe beim Essen!“, sagt Frau M. erklärend.

Ich vergewissere mich, dass Frau M. ihre Zahnprothese im Mund hat. Dann bringe ich ihr eine (kleine) Portion Wildragout mit Kartoffelklößen und Rotkohl, die ich ihr klein schneide und anreiche.

Frau M. ißt mit gutem Appetit; obwohl sie noch kaut, fordert sie mich nach jedem Bissen auf: „Mach weiter!“ oder: „Los, weiter!“

Es schmeckt ihr richtig gut, auch wenn sie mit dem Fleisch so ihre Probleme hat. Das, was sie nicht gekaut kriegt, befördert sie mit der Zunge wieder nach draußen, wo ich es gekonnt mit einer Serviette von ihrer Mundpartie absammle. Mitfühlend bemerke ich: „Gar nicht so einfach mit dem Fleisch, Frau M., oder?“

„Ja, das lässt du jetzt mal weg!“, erhalte ich zur Antwort, und gleich darauf: „Und jetzt mach weiter!“

Die restlichen Knödel samt Rotkohl sind im Nu weggeputzt und Frau M. hat nicht nur deutlich mehr als sonst zu sich genommen, sondern wirkt auch extrem zufrieden. „Vielen Dank!“, sagt sie zu mir, und wirkt in dem Moment überhaupt nicht dement.

Ich bringe ihr noch den Nachtisch (Mousse au Chocolat und Vanille-Schaumcreme), der für sie einfacher zu handhaben ist und den sie daher selber löffelt. Sie ißt eine Riesenschale fast leer. Mit den letzten Reste aus der Schale tut sie sich jedoch wieder schwer und bittet mich erneut um Hilfe.

Ich tue ihr den Gefallen, reiche ihr den Rest an und wische ihr die erweiterte Mundpartie ab, auf der ein beträchtlicher Teil des Nachtischs gelandet ist.

All das lässt sie mit einer Mischung aus Anmut und Gelassenheit mit sich geschehen, beinahe wie eine hochgestellte Persönlichkeit edlen Geblüts, die es gewohnt ist, das Essen serviert und gereicht zu bekommen.

Zum Schluß schaut sie mich mit klarem Blick an, bedankt sich nochmals und ich wundere mich aufs Neue über diese seltsame Gehirnveränderung namens Demenz, die von manchen Experten nicht als Krankheit bezeichnet wird.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Der deutsche Proletarier kennt keine Curry-Sauce

Kochen mit BewohnerInnen im Seniorenheim. Frau S., eine vergleichsweise fitte Mitt-Achtzigerin, bekannt für ihre scharfe Zunge, sitzt schon erwartungsvoll am Tisch der HelferInnen und fragt, was heute gemacht wird.

Ich antworte: “Sommerlicher Kartoffelsalat mit Klopsen und Eiern in Curry-Sauce”

Frau S., im Tonfall resoluter Zurechtweisung eines ahnungslosen Jungschnösels: “Curry? Wir sind hier deutsche Proletarier, wir brauchen keine Currysauce und exotischen Unsinn!”

Das kann ich natürlich nicht auf meiner internationalistischen Ehre sitzen lassen und ich entgegne einigermaßen schlagfertig: “Aber Frau S., der deutsche Proletarier kann sich doch im Geiste der Völkerfreundschaft die Kultur anderer Länder aneignen!”

DAS kennt Frau S. offensichtlich aus DDR-Zeiten.und lachend beginnt sie, Eier zu pellen.