Parkspaziergang V: Begegnung mit Aliens

Nachdem ich eine zeitlang Ruhe vor den extratemporalen Phänomenen hatte, die sich zuletzt in zunehmender Häufigkeit auf den Parkspaziergängen mit dem Hund ereignet hatten, war es heute wieder soweit – und zwar mit Wucht. Wir (der Hund genauso wie ich, wie ich an seinem auf einmal zeitlupenmäßig verlangsamten Gang sah) bemerkten es, als wir schon fast wieder aus dem Park – der Feldmühlepark, wie fast immer bei diesen Begebenheiten – heraus waren.

Aus dem Nichts, oder besser aus einem plötzlich einsetzenden Zeitstrudel manifestierten sich die Raumschiffe der Zeitreisenden. Zu meiner Überraschung kamen sie diesmal nicht vom Himmel, quasi im Landeanflug, sondern erschienen wie eine unvermittelt auftauchende Fata Morgana, als bereits gelandete, ruhig daliegende, bunker- oder panzerähnliche Gebilde auf der herbstlichen Parkwiese.

Aus ihnen kamen Wesen, die den typischen Vorstellungen entsprachen, die man sich von Aliens, also Extraterrestriern macht: großer Kopf, grünlich, lange, schlanke Gliedmaßen und Finger, anscheinend unbekleidet- oder steckten sie in einem körperähnlichen Exoskelett? Ich vermochte es nicht zu sagen; eigentlich kamen sie auch nicht aus den Raumschiffen, sondern waren einfach da. Zwei von ihnen näherten sich mir – gingen sie auf mich zu? Schwebten sie? Ging ich in ihre Richtung?

Wie mir von solchen Begegnungen nun schon bekannt, schienen Raum und Zeit und meine gewohnte Wahrnehmung temporal gedehnt – alles schien gleichzeitig statt linear stattzufinden – und auf fast erheiternde Weise transparent. Zwischen uns und um uns herum schwebten semi-transparente metallene Flugobjekte ohne erkennbare Richtung oder Zweckbestimmung.

Eine Weile standen wir so da. Wie lange, konnte ich unmöglich feststellen, da Raum und Zeit wie gesagt in einem gänzlich fremdartigen Rhythmus abliefen, fast so, als liefe die Zeit rückwärts und faltete den Raum bis hinunter auf die Subraum-Ebene in immer kleinere Teile, bis diese so unendlich und unbeschreiblich winzig wurden, dass der ganze Prozess sich wie von alleine umkehrte. Es war, wie wenn ein Handschuh umgestülpt wurde; ein Etwas, das dasselbe ist und bleibt, aber sein Innerstes nach außen kehrt und umgekehrt…

In diese Betrachtungen, oder besser: Erfahrungen, versunken standen die Besucher und Hund und ich uns gegenüber. Zwischen oder über uns wurde (vermutlich von den auf der Wiese liegenden Raumschiffen) das Hologramm eines metallenen Herzens projiziert, das bläuliche Lichtstrahlen aussandte. Ich studierte, schon aus künstlerischem Interesse, aufmerksam die sich bewegenden und verändernden Muster auf der schimmernden Oberfläche des Objektes. Oder waren es die Muster auf meiner Netzhaut? Allein diese Frage erschien mir das Rätsel des Daseins und den Grund der Existenz zu offenbaren – wenn ich sie denn beantworten könnte.

Ich fühlte mich wie vor einer Tür, zu der ich den Schlüssel hatte, diesen aber aus Schusseligkeit verloren hatte. Beschämt sah ich auf meine Schuhe hinab, neben denen es sich der Hund bequem gemacht hatte. Ihn focht die außergewöhnliche Raumzeitdilatation offensichtlich nicht an, er leckte sich die Pfoten und tat ganz so, als würde sich hier die normalste und natürlichste Sache der Welt abspielen.

Als ich wieder hoch blickte, war die Erscheinung verschwunden. Nicht nur das metallene Herz, auch alles andere mit ihm: die Raumschiffe, die Aliens, die schwebenden mechanischen Flugobjekte. Hund und ich sahen uns an. Beide wussten wir, dass die normale Realität uns wieder hatte; zumindest ich jedoch wusste nicht, ob das soeben Erlebte wirklich passiert war oder nicht. Wir machten uns auf den Weg nach Hause.

Die Betrachtung der Welt

Hermes: „Was lachst du, Charon? und was bedeutet es, dass du deinen Kahn im Stich gelassen hast und heraufgekommen bist, du, der bis auf diesen Tag so wenig gewohnt war, sich in die Angelegenheiten der Oberwelt einzumengen?“

Charon: „Es ist mich eine Lust angekommen, Hermes, zu sehen, was es mit dem Leben für eine Bewandtnis habe, was die Menschen darin treiben, und was für Dinge das sein können, deren Verlust sie alle beweinen, wenn sie zu uns kommen; denn noch habe ich keinen mit trockenen Augen überfahren sehen.

Ich bat mir also, wie jener thessalische Jüngling, auf einen einzigen Tag Urlaub vom Hades aus, meine Fähre zu verlassen, und so bin ich denn nur eben ans Tageslicht heraufgestiegen.

Es ist sehr glücklich für mich, dass ich dich hier antreffe; denn ich hoffe, du wirst dich’s nicht verdrießen lassen, mich in diesem fremden Lande zurecht zu weisen, und, da du hier wie zu Hause bist, mir alles Sehenswürdige zu zeigen.“

Lukian aus Samosata: Charon oder die Betrachtung der Welt

Charon: in der griechischen, später auch römischen Sage der Fährmann, der die Toten/die Seelen der Toten über einen Fluss zum Eingang in die Unterwelt bringt

Parkspaziergang IV: Webfäden der Erscheinungswelt

Die gemeinsamen Parkspaziergänge, die der Hund und ich unternehmen, führen uns fast unweigerlich in den Feldmühlepark, der der erste und größte der Oberkasseler Parks ist. In letzter Zeit jedoch versuchen wir (d.h. ich, dem Hund scheint es egal zu sein), diesen Abschnitt unserer Runde zu vermeiden – zu oft gerieten wir gerade dort in merkwürdige temporale Verzerrungen bzw. Risse im Raum-Zeit-Kontinuum, die offenbar den Eintritt von außerirdischen Entitäten in unsere Welt ermöglichten und uns regelmäßig in Bewusstseinszustände jenseits des Alltäglichen beförderten. Mich jedenfalls, obwohl mir auch der Hund nach solchen Begebenheiten auf eine Weise verändert schien, die ich zwar nicht genau definieren, aber auch nicht leugnen kann.

Nun sind exaltierte und fremdartig-mysteriöse Bewusstseinszustände nichts, was mich schrecken könnte. Im Gegenteil, früher habe ich dergleichen förmlich gesucht und machte weder vor Drogen noch vor Gurus aller Art Halt bei dem Versuch, aus der Haut der Normalität heraus- und in das Magische Königreich der neuronalen Zwischenwelt hineinzuschlüpfen.

Heute, als gestandener Realist mit solider kommunistisch-materialistischer Weltanschauung, strebe ich weniger nach besonderen inneren Zuständen, dafür mehr nach einem friedlichen und anständigen Leben – und zwar für alle (deswegen Kommunismus).

Um den Faden wieder aufzunehmen: auf der heutigen Morgenrunde gelangten Hund und ich durch eine Reihe erratischer Zufälle und Umstände doch wieder in besagten Feldmühlepark. Wie vermutet, befand sich dieser immer noch in einer extra-temporalen Dauerschleife raumzeitlicher Divergenz, was sich in einem plötzlichen Anstieg der Wahrnehmungsintensität äußerte:

HINTER den Erscheinungen wurden, kaum dass wir den Park betreten hatten, strukturelle Muster sichtbar, die sich in pulsierenden Rhytmen bewegten und sich zu immer neuen Formen fügten. Manche dieser Formen zerflossen und zerronnen sofort wieder, andere schienen eine gewisse Stabilität zu erlangen, aufgrund derer dem Eindruck nach eine Zeitschleuse geöffnet wurde, aus der sich konkretere Formen, Erscheinungen und Wesen manifestierten.

Eine Reihe monströser, tentakelbewehrter Raumschiffe – Zeitmaschinen? – schwebten über den zum Park hinausgehenden Gärten der Häuser in der vornehmen Leostrasse (eine der begehrtesten und teuersten Adressen in Oberkassel) und verdrängten oder verdeckten diese teilweise. Wie bei den vorigen Phänomenen ähnlicher Natur gingen von den Flugkörpern hochfrequente Strahlen aus (wenn es denn Flukörper waren; sofern sie durch die Zeit reisten, wäre die Bewegung ja eine temporale, keine physische, so das man nicht unbedingt von einem „Flug“ sprechen kann).

Genau diese Strahlen waren es, oder schienen es zu sein, die die gesamte Szenerie in eine Aura von Unwirklichkeit und schwer zu benennender „Zeitlosigkeit“ tauchten. Einem Traum gleich, wirkte alles wie verwandelt und Dinge geschahen gleichzeitig in Zeitlupe und in unerhörter Geschwindigkeit. 

Auf der Parkwiese fand gerade ein Yoga-Kurs statt. Die Teilnehmer bemerkten ganz offensichtlich überhaupt nichts von den Verschiebungen der Raumzeit und den erstaunlichen Veränderungen ringsum. Sie machten ungerührt weiter mit ihren Verrenkungen und ließen sich weder von einem abgerissenen alten Gaukler stören, der hinter ihnen ihre Bewegungen persiflierte, noch von meinem Hund, der sich auf der Wiese zwischen ihnen niedergelassen hatte und in einem Buch las.

Letzterer Umstand allerdings machte mich stutzig und veranlaßte mich, meine verbleibenden mentalen Kapazitäten auf das vage Gefühl konzentrieren, dass hier mal wieder etwas Grundlegendes in den Webfäden der Erscheinungswelt nicht stimmte. Seit wann können Hunde lesen? Von meinem jedenfalls war mir nichts dergleichen bekannt.

Auch dass leicht bekleidete Leute Anfang November in einem sichtbar von keinem Herbst heimgesuchten Park auf einer grünen Wiese Yoga machten, fiel mir plötzlich als anachronistisch und in höchstem Maße bizarr auf.

Zum Glück hatte ich auch diesmal wieder die Spezialbrille meines Großvaters dabei, die dieser in den langen Jahren, die er in Gefangenschaft einer hochtechnoiden und mystischen Alienrasse war, angefertigt hatte. Er war dort in einem extemporalen Straflager in einer subdimensionalem Zeitfalte inhaftiert, wo er freundlich behandelt wurde und Zugang zu der Alien-Technologie hatte. Auf diese Weise konstruierte er die Brille, die mir heute eine so praktische Hilfe ist. Überflüssig zu erwähnen, dass mein Großvater natürlich wusste, dass niemand ihm seine zugegebenermaßen fantastische Geschichte geglaubt hätte, weshalb er es von vornherein für weiser hielt, zu erzählen, er hätte all die Jahre „in russischer Kriegsgefangenschaft“ verbracht.

Dank der Brille und des stets aktiven Residuums von Restverstand am Grunde meines inneren Universums gelangte ich so unbeschadet aus der Zone der Zeitverschiebung. Diesmal, so versprach ich mir selber, wäre aber vorläufig das letzte Mal, dass wir diesen Park besuchen würden. Zu anstrengend (wenn auch aufregend und spannend) die jeweiligen Begegnungen der dritten, vierten oder wievielten Art auch immer, die dort auf uns warteten. Als ich diesen Entschluss dem Hund mitteilte, stutzte dieser nur kurz und antwortete dann „Egal, Hauptsache ich kann irgendwo kacken!“. Das machte wiederum mich stutzig, ja beinahe besorgt. Sollte etwa doch eine dauerhafter Auswirkung dieser Parkrunden beobachtbar sein? Wieso sonst würde der Hund mit mir sprechen? War es überhaupt der Hund oder fand all das nur in meiner Einbildung statt?

Ich blickte den Kameradin an und fragte: „Hast du eben mit mir gesprochen? Hast du das wirklich gesagt?“. Als Antwort erhielt ich ein verhalten freudiges Schweifwedeln und einen Stupser mit der kühlfeuchten Hundenase. Alles war wieder wie immer und der Tag konnte weitergehen.

Parkspaziergang III: Extra-temporale Strukturen und geisterhafte Erscheinungen

An eine schwer greifbare, merkwürdige Fluktuation im Raum-Zeit-Kontinuum, eine gewisse außerweltliche Stimmung auf den Parkspaziergängen mit dem Hund hatte ich mich in letzter Zeit bereits gewöhnt. Was jedoch heute in mein Bewusstsein drang, legte noch einmal eine Schippe drauf: 

Kaum hatten Hund und ich den uns gemeinhin gut bekannten Feldmühlepark betreten, verschob sich eine temporale Achse im Subraum und gab den Blick (?) frei auf etwas, das ich nur als schlagartige Veränderung des gesamten Bezugssystems von Wahrnehmung und Interpretationsmöglichkeiten bezeichnen kann – allerdings ohne dass der „Schlag“ auch nur im geringsten spürbar war. 

Auf einmal, aber als wenn es schon immer so gewesen wäre, hörte die Zeit auf zu existieren und ein lautloses Donnern, das das Universum bis hinunter auf die Quantenebene erbeben ließ, breitete sich in alle Richtungen aus. Wie aus dem Nichts erschienen extra-temporale Strukturen und geisterhafte Erscheinungen, deren Beschaffenheit und Realität unmöglich zu bestimmen war.  Ein geschnäbeltes Wesen – mangels anderer Erklärungsoptionen hielt ich es für einen Zeitreisenden aus einer Parallelrealität – richtet in einer mir unbekannten Sprache das Wort an mich.

Jedenfalls schien es mir so, denn er (ich hatte aus unbestimmten Ahnungen heraus den Eindruck, es wäre ein „Er“) richtete ein einem Laubbläser gleichendes Instrument auf mich, aus dem goldglänzende, unablässig fluktuierende schillernde Blasen quollen, die ich für Elemente einer unerhört subtilen submolekularen Kommunikation zu halten gezwungen war. Gezwungen, weil ich jedes Wort verstand und gleichzeitig nicht verstand.

Aber waren es überhaupt Worte? Honigsüß und hypnotisch klangen die Töne; meinem Gehirn deuchte es, als verstünde es zwar nicht den Sinn, aber erstaunlicherweise die Farbqualität des warmen, goldenen Vortrages des Wesens.

Allein, in meinem entrückten Zustand vermochte ich nicht zu sagen, ob dieses eigentümliche Wesen wirklich zu mir sprach. War es vielleicht nur der Herbstwind, der durch die Blätter wehte und raschelte? Der mir ohne Worte zuflüsterte und suggerierte, ich sei ein Teil eines einzigen gewaltigen Geschehens, dem ich nicht widerstehen konnte? 

Mit letzter Geistesanstrengung versuchte ich, einen klaren Gedanken zu fassen, mir auf die Natur der Erscheinung einen Reim zu machen, mich dem lockenden Sog der fremdartigen und gleichzeitig so nah und vertraut wirkenden Beschwörung zu entziehen. Denn nichts anders war es: eine Beschwörung, ein Ritual, das meine mentalen Abwehrkräfte untergraben und mich zum willenlosen Werkzeug des merkwürdig freundlichen kleinen Zeitreisenden machen sollte. Ich suchte Blickkontakt zu meinem Hund und gewahrte mit Erschrecken, dass es nicht mehr derselbe Vierbeiner war, den ich seit sechs Jahren an meiner Seite wusste. Ein fremder, deutlich größerer Canine schaue mich an, ebenso verdutzt über die Situation wie ich selbst. 

Aus irgendeinem Grund brach dieser Moment den Bann, dem ich mich ausgeliefert fühlte. Mein Hund (war es denn überhaupt mein Hund?!) begann zu bellen, die Erscheinungen lösten sich auf wie Frühnebel, wenn die Sonne aufsteigt und plötzlich standen Hund – jetzt wieder ganz der alte, also der RICHTIGE – und ich wieder auf dem uns vertrauten Parkweg. 

Morgendliche Einsicht

Nach einer nicht ganz einfachen Nacht geht es weiter beim endlosen Abstieg in die Hades-Party, die auf uns alle wartet. Ob Mensch, ob Tier, ob ganz oder heil – alle sind auf dem Weg dorthin. Wäre es da nicht weise, die verbleibende Zeit mit soviel Freundlichkeit, inspirierendem Austausch und klugen Gesprächen zu füllen wie es irgend geht?