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Die Rheinpatrouille

Wenn mein Hund OSKAR zusammen mit seinem Hundekumpel HARALD morgens in den Rheinauen unterwegs ist, lassen die beiden keine Zweifel darüber aufkommen, wer oberkasselweit die Chefs im Ring sind.
Besonders der Mops-French Bulldog-Mischling Harald stiefelt breitbeinig und eindruckschindend wie ein Polizist auf Streife durchs Revier. Mein zotteliger rumänischer Strassenköterr wirkt daneben wie der etwas saloppe, aber gutaussehende Charmeur, ein bißchen wie Don Johnson (Sonny Crockett) in „Miami Vice“.
Harald dagegen mit seinem kurzen nachtschwarzen Fell ist eindeutig der „Bad Cop“ in dem Duo, und verhält sich – artgerecht – auch eher so. Andere Hunde, die aufdringlich werden, aber auch Krähen, Kinder und andere Störenfriede, werden schon mal kurz und streng zurechtgewiesen, wobei Harald meistens der Anstifter ist und Oskar sich mehr als Friedensstifter und Ausgleichsfaktor zeigt.
Jedenfalls sinnierten Harald-Halterin und ich über das Potential einer Hunde-Copserie „Harald & Oskar – Die Rheinpatrouille“. Die Pilotfolge verlege ich aber erstmal in den Wald:

Alter werden/sein: Nachteile und Vorteile

Nachteile:
- Körperlicher Verschleiß/Verfall
- Weniger Sex
- Räumlicher Radius wird kleiner/begrenzter
- Weniger/schlechterer Schlaf
- Keine Toleranz mit/ keine Geduld für Smalltalk, dumme Leute und Menschen, die einen benutzen wollen
- Abnehmende Konzentrationsfähigkeit, nachlassendes Kurzzeitgedächtnis
- In der Regel weniger Geld
Vorteile:
- Weniger Sex (nicht mehr mit dem Do-or-die Impuls verknüpft)
- Freiheit von allen Unternehmungen und Bestrebungen, die aufgrund Partnersuche, Fortpflanzung, Nistbau und Brutpflege betrieben werden
- Individueller „Erfolg“ wird unwichtig
- Verständnis für eigene und fremde Schwächen und Fehler
- Vertiefte Einsicht in gesellschaftspolitische, kollektive Zusammenhänge
- Anfälligkeit für ideologische und spirituelle Heilsversprechen verringert sich deutlich und verschwindet schließlich ganz
Fazit:
„They had no pity, they never lend a hand
I can’t sing a song that I don’t understand
Goodbye, Jimmy Reed, goodbye, good luck
I can’t play the record ‚cause my needle got stuck“
(Bob Dylan)
bzw.
„Youth is wasted on the young“
Auf dem Ozean nachts um halb eins

„Auf dem Ozean nachts um halb eins
Ob du‘n Budget hast oder auch keins
Ämüsierst du dich
Denn du hast ja nicht
Solche Geldsorgen wie unsereins.
Wer noch niemals in lauschiger Nacht
Eine Ampelregierung gemacht
Ist ein armer Wicht
Denn er kennt ja nicht
All die Pfründe und Boni der Macht“
Wenn der DHL Mann zweimal klingelt

Gerade hatte ich mich zu einem gemütlichen Mittagsschläfchen hingelegt, als das hektische Klingeln eines Dienstleistungslohnarbeiters mich wieder in die Vertikale zwang. Ich drückte auf den Türsummer, der gleichzeitig die Gegensprechanlage aktiviert, und sprach mein übliches „Ja bitte?“ in den Hörer.
„DHL! Paket für Sie!“ erklang es von unten. Ich begab mich auf den Weg nach unten, und mit jeder der insgesamt 86 Stufen bis ins Erdgeschoss wurde mein Schritt langsamer und gleichsam schwebender – was ich meiner frühnachmittäglichen Müdigkeit zuschrieb. Gleichzeitig registrierte ich einen feinen Nebel oder Dunst, der sich im Treppenhaus ausbreitete. Für einen kurzen Moment dachte ich, ein Nachbar hätte ein Räucherstäbchen entzündet, oder der Paketbote würde rauchen (allerdings entsprach die Menge an „Rauch““ eher dem dichten Qualm eines Bahnhofswartesaals der 1950er Jahre). Beides hätte ich aber gerochen; dieser Nebel hier war jedoch völlig geruchlos.
Dafür schien er alles zu durchdringen, einschließlich meiner Lungen und – so wollte es mir scheinen – jede einzelne Hautpore und Körperzelle. Unten angelangt lichtete sich der Nebel und gab den Blick frei auf eine Szenerie, die nur noch entfernt mit Oberkassel und nichts mit unserem Treppenhaus gemein hatte. Das DHL-Auto stand in einiger Entfernung am Rheinufer, das Paket lag weiter unten auf der Straße an einer Ecke im Gras.
Aber auch die Straße war verwandelt, sie ähnelte jetzt einem alten Gartenpfad, und statt der Boutique an der Ecke sah ich Gräser und Blumenrabatten, zwischen denen das Paket lag. Bedruckt mit einem großen Fragezeichen lag es da am Boden. Der Paketbote, der derweil in der Ferne auf seiner Ladeklappe umherturnte, schien sich einen Spaß daraus zu machen, meine Überraschung mitzubekommen und womöglich mir beim Öffnen des rätselhaften Paketes zuzusehen.
Am merkwürdigsten aber waren zwei Hasen, die äußerst neugierig bei dem Paket standen, sich ihm immer wieder und aus verschiedenen Richtungen näherten, wieder zurücktraten und über Bewandtnis, Verpackung und Inhalt des Päckchens zu fachsimpeln schienen. Ja, sie unterhielten sich tatsächlich, sehr gestenreich, sehr angeregt und in einer mir fremden Sprache. Inzwischen war ich überzeugt, durch einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum in eine Parallelrealität gelangt zu sein, vermutlich ausgelöst durch den Nebel im Treppenhaus.
Dafür sprachen jedenfalls die eigenartigen Häuser ringsum, die mir zwar bekannt vorkamen, die aber allesamt auf flexiblen Stelzen standen und sich in der leichten Brise hin und her bewegten. Dabei erklang eine Musik, die so unwirklich war, dass ich erst recht überzeugt war, Opfer einer Diskontinuität des normalen Raumzeitgefüges geworden zu sein. Aus früheren Begebenheiten dieser Art wusste ich, dass der Versuch, sich in irgendeine gewohnte Realität zurück flüchten zu wollen, sinnlos wäre bzw. die halluzinatorischen Erscheinungen nur vervielfachen würde.
Von der Seite hörte ich ein Auto hupen; es war meine Liebste, die sonst nie Auto fährt, nun aber lässig aus dem Fenster lehnte und mir empfahl, doch mal das Päckchen zu öffnen. Steckte sie etwa dahinter? Hatte sie mir irgendetwas ins Essen gemischt, das diese Phänomene bewirkte? Wenn ja, würde ich von nun an öfter um dieses Menü bitten.
Ich beschloß nun, die beiden Langohren zu fragen, was es mit dem Päckchen auf sich hätte. Plötzlich war die Verständigung kein Problem mehr. Wir unterhielten uns in einer Sprache, die weder Deutsch noch Häsisch war, und die mir später von einem Amateurlinguisten als „Hasen-Portugiesisch“ erklärt wurde. Gescheite Antworten waren von den Hasen jedoch nicht zu bekommen. Im Gegenteil, als ich das Paket hochheben und öffnen wollten, raunzten sie mich rüde an und reklamierten Paket und Inhalt für sich.
Und tatsächlich stand außer dem Fragezeichen weiter nichts auf dem Päckchen, so dass ich nach einigem Hin und Her nachgab und es den frechen Gesellen überließ. Mein Hund unterdessen, der sonst jeden Vertreter der Gattung leporidae, dessen er aus hundert Metern Entfernung ansichtig wird, als natürlichen Feind und Beute betrachtet, wirkte während der gesamten Episode wie betäubt, er saß da bewegte den Kopf langsam von links nach rechts und wieder zurück und schaute in die Welt, als wäre sie aus Cellophan oder Glas.
Plötzlich klirrte es, der Hund schreckte auf und ich erwachte auf meiner Schlafstatt. Ich hatte im Traum – in WELCHEM, wusste ich jetzt! – ein Glas vom Nachttisch gefegt und dieses war auf dem Boden in tausend Stücke zersprungen. Die Flüssigkeit verteilte sich auf dem Fußboden, reagierte wohl auf irgendeine Weise mit dem Linoleum (oder woraus auch immer das Pseudoparkett, mit dem die Wohnung ausgelegt ist, besteht) und erzeugte einen Dunst, der dem Treppenhausnebel aus dem Traum nicht unähnlich war.
In diesem Moment klingelte es an der Haustür und als ich die Gegensprechanlage drückte, hörte ich zu meiner abgründigen Verwunderung: „DHL! Paket für Sie!“
(Fortsetzung oben, im zweiten Absatz)
Traum und Wirklichkeit: Waldkommunismus
Jedes Mal, wenn ich aus meiner Hütte trat, wollten die Waldtiere über Kommunismus reden. Nachdem ich mir das eine Weile angeschaut hatte, entschloss ich mich, sie mit einschlägiger Literatur und ein paar handfesten Tipps zu unterstützen, was sie dankbar annahmen und ausgiebig nutzten. Bald schon hub im Wald ein munteres Lernen, Studieren und Diskutieren an, und immer mehr Tierarten schlossen sich den revolutionären Lese- und Debattenzirkeln an.

Am Ende des Sommers, als sich die Blätter schon verfärbten, riefen die Eichhörnchen – die aus welchen Gründen auch immer federführend bei der Exegese der aufrührerischen Schriften waren – dazu auf, die Macht im Wald in die eigenen Pfoten und Krallen zu nehmen. Der Anführer, den sie „Genosse Haselnuss“ nannten, erklomm einen Felsbrocken und hielt eine flammende Ansprache an die versammelten Waldtiere, unter denen sich zu meinem Erstaunen auch eine Delegation von scheinbar mit den Eichhörnchen verwandter Kängurus befand.
“Genosse Haselnuss” malte das Bild einer goldenen, immer mit ausreichend Futter und Schutz vor Unwetter versehenen Waldgesellschaft, zu der jedes Tier nach seinen Fähigkeiten betragen würde. Unter dem Symbol des Tannenzapfens, dessen zahlreiche Schuppen Seit‘ an Seit’ zusammen ein Ganzes bilden, würde das Leben der Waldtiere, versprach der Genosse Haselnuss, zukünftig ein einziges Fest und eitel Heiterkeit sein.

Die Aussicht auf gerechte Verteilung der Wintervorräte schien die anwesenden Tiere anzusprechen und zu motivieren; gemeinsam beschloß man die Ausrufung der „Demokratischen Tierrepublik Wald“, kurz DTRW. Schnell fanden sich Aktivisten und Unterstützer der soeben ausgerufenen Tierrepublik:
Der Bär brummte etwas von „Für die Verteidigung der jungen Republik gegen ihre Feinde sorgen“ und versprach, all seine Kraft für den Schutz des künftigen Tierparadieses einzusetzen. Ehe noch der stürmische Applaus, der seinen Worten folgte, abebben konnte, meldeten sich die Waldameisen, die in Bataillonstärke aufmarschiert waren, und schworen vieltausendmal den Eid auf die DTRW. Sie bekräftigten ihre feste Absicht, jedwede konterrevolutionären Aktivitäten zu infiltrieren und zum Einsturz zu bringen.
Nun ergriff wieder Genosse Haselnuss das Wort. „Wohl gesprochen, liebe Mittiere!“, rief er, „Natürlich müssen wir unsere Republik verteidigen. Aber unser Hauptaugenmerk muss jetzt, wo der Winter naht, auf der zuverlässigen Versorgung mit Nahrung liegen. Deswegen ernenne ich den Fuchs zum Futterkommissar und Verantwortlichen für unseren ersten Sechsmonatsplan!“
Beifälliges Gemurmel machte die Runde; jeder wußte, dass dem Fuchs in punkto Schlauheit niemand das Wasser reichen konnte. Eine Armada von Mäusekundschaftern machte sich auf, auf dem Rücken der Waldeulen die guten Nachrichten in alle Winkel des Waldes zu tragen und alle Tiere zur Unterstützung der Tierrepublik aufzurufen.
Nachdem so alle künftigen Angelegenheit der neuen Republik aufs Zufriedenstellendste geordnet waren, verloren die Waldtiere schnell das Interesse an langwierigen Debatten und verlangten, dass erstmal ein sieben Tage und Nächte langes Fest organisiert werden müsse, um die umwälzenden Ereignisse des heutigen Tages zu feiern.
Welche das waren, hatten sie weitgehend vergessen, denn Tiere haben ein kurzes Gedächtnis – bis auf den Elefanten, aber der lebte ja nicht im Wald. Die Tiere waren müde von all den Reden und den Ernennungen der zahlreichen Funktionsträger und Repräsentanten ihrer Republik. Darum hatte niemand mehr Lust, Verantwortung für die Organisation des großen siebentägigen Festes zu übernehmen, das dadurch ins Wasser fiel.
Inzwischen war es Abend geworden, bis auf die Nachttiere waren alle erschöpft und müde, und schließlich zerstreute sich die ganze Versammlung in alle vier Waldrichtungen. Am nächsten Tag war alles komplett vergessen, jeder machte sich auf seine Weise auf die Futtersuche und dachte nicht daran, irgendeinen Plan zur Bevorratung und Verteilung für alle einzuhalten. Auch ich erwachte leicht verkatert in meiner Hütte und war mal wieder nicht sicher, was Traum und was Realität war, oder wo die Grenzen zwischen beiden verliefen.






