Der Regen fällt nach unten

Wunderbar, wie das Fachmagazin für Businessversteher hier schon im Teaser die nicht zu hinterfragende conditio sine qua non klarstellt:

Ein gewichtiger Bourgeoisvertreter wie der Chef des größten deutschen Versicherungskonzerns lehnt nicht (aus Sorge um das Geschäftsergebnis) Schadenzahlungen seines Ladens ab, BEHAUPTET also an diese Stelle zunächst mal die Zahlungsunwilligkeit des Konzerns, den er führt – sondern ERKLÄRT, warum die Allianz nicht zahlen KANN. So wie man einem dummen Schulbuben erklärt, dass Regen nach unten fällt.

Presseschau: der „Spiegel“ warnt mal wieder vor der Gelben Gefahr

Die FREIE WELT hat natürlich auch die FREIESTE PRESSE des bekannten Universums. Dank dieser sind wir immer umfassend aufgeklärt, wer in dieser Schlacht gegen das „chinesische Virus“ (der US-Präsident) die Guten und wer die Bösen sind.

In diesem soliden Stück Relotius-Gedächtnis-Journalismus macht das Hamburger Fachblatt für Feindaufklärung gleich im letzten Satz der Einleitung klar, an WEM wegen seiner Zahlenangaben, vor allem aber wegen seiner (trotz höchst erfolgreichem kapitalistischen Wirtschaftens) grundsätzlich kommunistischer Umtriebe verdächtigen Gesamteinstellung, ernste Zweifel bestehen: natürlich am Chinamann!

Will man als geneigter Leser Näheres erfahren, läßt einen das Flagschiff seriöser Qualitätsinformation nicht im Stich und führt seinen begründeten Anfangsverdacht gegen die Gelbe Gefahr mit genau EINEM Satz aus, der allerdings über jeden Zweifel erhaben ist, denn er gibt die Einschätzung des bekannten Virologen D.T. wieder, der im Nebenberuf US-Präsident ist.

Beruhigt über die Welterklärung der demokratischen Edelfedern von der Elbe lehne ich mich im Sessel zurück und bin mal wieder froh, in dieser besten aller alternativloseste Welten leben zu dürfen.

„Ein Volk, eine Regierung, ein Virus!!“

Fünf Minuten öffentlich-rechtliches Fernsehen und ich bin überwältigt von soviel Volksgemeinschaft und Heldentum.

Ein Land, das sowieso schon zu den Besten der Welt gehört, wächst in der Krise zusammenhaltsmäßig über sich hinaus, steht astrein da und hat im Grunde trotz kleinerer Engpässe alles voll im Griff. Natürlich dank seiner entschlossen zupackenden Politiker, die in dieser Stunde der Not keine Parteien mehr kennen, sondern nur noch die deutsche Wirtschaft, also uns alle, die wir von deren Wachstum abhängig sind.

Am schönsten aber die vielen Beispiele aufrechter Volksgenossen, die vorbildlich die nationale Gemeinschaft mit Initiative, Tatkraft, Selbstlosigkeit und Hilfsangeboten aller Art bereichern. Man möchte Schluchzen vor Rührung über derart zahlreiche Beispiele patriotischer Größe und Opferbereitschaft.

Die öffentlich-rechtliche Erbauungssendung erreicht schier kirchenfunkmäßige Dimensionen, als am Beispiel eines Krankenhauses das deutsche Gesundheitssystem besichtigt wird, und außer sauberen Fluren, leeren Betten und wunderbar beruhigenden Zahlenbeispielen („nur 100 von 10.000 freien Intensivstationsbetten mit Corona-Patienten belegt!!“) nur die wahrhaft makellose Güte der nationalen Rundum-Versorgung des Volkskörpers gefeiert wird.

All diese guten Nachrichten leuchten auch dem stets dienstbereiten und gehorsamen Volk schwer ein; es honoriert sie medial vermittelte Qualität seiner Wirtschaft und Infrastruktur und die einsame Klasse der politischen Macher, die erstere kommandieren, mit satten Zustimmungsraten.

Am Ende dieser paar Minuten Qualitätsmedienkonsum widerstehe ich gerade noch so dem Impuls, stramm zu stehen und in den Ruf „Ein Volk, eine Regierung, ein Virus!!“ auszubrechen.

Kapitalistische Ethik auf der Höhe der Zeit

Oh, die Sorgen der kapitalistischen Ethikspezialisten um sachgerechtes Abwägen zwischen dem notwendigen Wirtschaftswachstum und den dabei in Normalzeiten schon nicht zu knapp, jetzt aber gehäuft anfallenden Leichen!

Wie exquisit die Problemstellung, wie allseitig der das Für und Wider balancierende Gedankengang der ideellen Hüter unserer alternativlosen Ordnung!

#hanau #rassismus #offizielleheuchelei

Es muss da jetzt neuerdings diesen “Hass” geben.

Ganz klar ein Naturphänomen, genau wie “Arbeitslosigkeit”, “Altersarmut”, “Mietpreisexplosion” und andere leider so unvermeidliche wie naturgegebene Erscheinungen wie Regen, Schnee und Wind, die einzeln und wahllos an verschieden Stellen der Erdoberfläche auftreten.

Da all diese Phänomene aus dem Nichts auftauchen, jedesmal völlig überraschend sind und “der Mensch”, also “wir alle”, rein gar nichts dagegen tun kann, ist angesichts allfälliger Opfer jedesmal ganz viel Trauerbekundung und Kerzenhalten angesagt.

Mehr kann man nicht tun – das aber ganz ausgiebig und medial begleitet von einem Tsunami aus Sondersendungen, Betroffenheitsbekundungen und Aufrufen zum “Zusammenstehen!” und “Sich nicht spalten lassen!”.

Dass der 100-jährige Verschluss der NSU-Akten, die faschistischen Netzwerke in Polizei, Armee und Justiz, der staatsoffizielle Umgang mit Fremden (von den Nützlichkeitserwägungen für “die Wirtschaft” bis zur Asylgesetzgebung für Unerwünschte) etwas mit solch rätselhaften Geschehnissen wie oben beschrieben zu tun haben könnten – das würden nur unverbesserliche Verschwörungstheoretiker, oder schlimmer noch: Kommunisten, behaupten.

Deutschland-Trend: Jeder zweite dumm wie Brot?

„Deutschland-Trend: Jeder zweite findet Lebensmittel zu billig“ wird per Laufschrift im Fernsehen eingeblendet.

Ich warte gespannt auf weitere Informationhäppchen ähnlicher Art:

„Lohnarbeits-Trend: Jeder zweite findet sich überbezahlt“

oder

„Zahnmedizin-Trend: 75% der Patienten finden Betäubung bei Wurzelbehandlungen und Zahnextraktion unnötig“.

Mein Favorit wäre allerdings:

„Umfrage-Trend: Jeder zweite findet Umfrageergebnisse zur Stützung weiterer Raubzüge gegen die Arbeiterklasse erstunken und erlogen.

Die andere Hälfte hält sie für Propaganda der herrschenden Klasse.“

Werd‘ ich wohl noch drauf warten müssen.

Propagandabeobachtung: Kinderzeitung meckert über Netflix-Serie

Das Kindermagazin „Bento“ der Hamburger NATO-Gazette „Spiegel“ ist alarmiert: auf Netflix läuft eine neue norwegische Serie an, die sich mit Umweltproblemen und Klimawandel beschäftigt und dabei anscheinend „Kapitalismuskritik“ übt.

Das ruft die Volkserzieher unseres demokratischen Meinungsführerfachblattes auf den Plan, denn wie Kapitalismuskritik zu gehen hat, weiß der „Spiegel“am besten:

„Ragnarök“ will gern eine Parabel auf aktuelle Klimaprobleme und deren Verursacher sein. Das wird aber leider mit Thors Vorschlaghammer vermittelt: Arm gegen Reich, Gut gegen Böse – es gibt keine Zwischentöne.“

Für die Zwischentöne weiß sich der „Spiegel“ im Bunde mit der Ikone der Klimabewegung, deren „Wasch mir den Pelz aber mach mich nicht nass“-Harmlosigkeit in Bezug auf jeden echten Kampf gegen die Naturzerstörung durch den globalen Kapitalismus sie bekanntlich zur begehrten Dialogpartnerin der Big-Time-Naturzerstörer und ihrer politischen Handlanger gemacht hat:

„Kapitalismuskritik ist gut und wichtig, wird in “Ragnarök” aber leider auf eine so platte und naive Art praktiziert, dass es einen glatt aus den von Kinderhand produzierten Sneakern haut. Das ist nicht nur schade, sondern gefährlich. Die reale Greta Thunberg redet nicht nur mit den Eliten, sondern ist mahnendes Vorbild für ihre und andere Generationen, die gemeinsam durch ihr Konsum- und Wahlverhalten die Klimakatastrophe mitverantworten.“

Puh, das war knapp: fast wären jugendliche Netflix-Konsumenten jetzt einer FALSCHEN Kapitalismuskritik aufgesessen. „Bento“ bzw. „Spiegel“ erteilen einem gewissen Unbehagen über die Schlechtigkeit der Welt zwar ihren gönnerhaften Segen („… Kapitalismuskritik ist gut und wichtig“), stellen aber klar, dass solche Kritik auf keinen Fall zu verwechseln ist mit einer, die die kritisierten Schäden durch Entmachtung der Schädiger beendet.

Wirkliche Kritik in der Welt, die den „Spiegel“ und „Bento“ Journalisten ihr Gehalt bezahlt, wendet sich nämlich nicht an die Urheber der kritisierten Zustände (und wenn, dann nur als Bittsteller und um „mit den Eliten“ zu „reden“), sondern macht die Geschädigten verantwortlich: DIE sollen gefälligst ihr Konsumverhalten ändern, den Gürtel enger schnallen, die Richtigen wählen – denn dann können „Unternehmen … ihre klima- und umweltschädlich hergestellten Produkte und Dienstleistungen einfach einpacken“.

Unterm Strich stelle ich fest: wenn ein Status-Quo-Gehirnwäscheblatt wie der „Spiegel“ soviel Einwände gegen eine Netflix-Serie hat, muß ich mir die mal ansehen. Samstag Nachmittag bis zum Topspiel der Bundesliga gerettet!

https://www.bento.de/tv/ragnaroek-auf-netflix-wenn-greta-versagt-muessen-die-goetter-es-richten-a-c3606714-0460-4018-a638-dccb33259175

Eingebetteter Journalismus: wie die „Frankfurter Rundschau“ zum Verlautbarungsorgan der westlichen Weltordnungskriege verkommen ist

Sonntagmorgendliche Zeitungslektüre: diesmal überrundet die ehemals sozialliberale „Frankfurter Rundschau“ das Hamburger NATO-Kampfblatt in punkto imperiale Anmaßung und macht dabei ungewollt deutlich, wie lohnschreibende journalistische Hofnarren sich den Kopf ihrer Herrschaft zerbrechen und als Transmissionsriemen der obrigkeitlichen Sprachregelungen fungieren.

Dass es um „Europas“ (damit ist in solchen Blättern stets das deutsch-französisch dominierte Weltmacht-Projekt EU gemeint) „Einfluß in Syrien“ geht, ist sowieso klar für verständnisvolle schreibende Begleiter der Herrschaften, die tatsächlich mit Terroristenfinanzierung, Embargos, Bomben und Soldaten diesen Einfluss NEHMEN – wobei dieses Einflussnehmen im nächsten Satz schon wieder euphemistisch auf den Kopf gestellt und die fette Lüge erzählt wird, „deutsche, britische und französische Diplomaten“ wären „um eine Lösung“ bemüht, indem sie „weiter auf Diplomatie“ setzten.

Dass das politische Personal aus genau den Ländern, die in Syrien seit acht Jahren den Krieg finanzieren, organisieren und am Kochen halten, jetzt – nach der sich abzeichnenden Niederlage der westlich gesponserten Terrorgruppen und Söldner („gemäßigte Islamisten“) – schnell noch einen Rest ihres verlorenen Einmischungs- und Erpressungspotentials in Syrien retten wollen, indem sie zusätzlich zu den Sotschi- und Astanaformaten einen Genfer Gesprächsprozess auflegen (der von der syrischen Regierung entsprechend milde belächelt und realistischerweise als westliche Einmischung charakterisiert wird – siehe Interview mit Präsident Assad: https://sana.sy/en/?p=177331): davon kein Wort in dem Text der FR-Schreiberin.

Alles in allem wieder mal ein schönes Beispiel für den Niedergang und das reflektionsfreie Nachbeten amtlicher Regierungsverlautbarungen durch Zeitungen, die in vergangenen Jahrzehnten sich gelegentlich getrauten, die Obrigkeit zu kritisieren. Die Linke heute: der linke Flügel des Imperialismus.

„Spiegel online“ so: „Deutschland und die Welt verurteilen China!“ Die Welt so: „Hold my Beer…„

Achgottchen. Die Hamburger Experten für Menschenrechtsfragen, berichten über eine Resolution der UN in der Deutschland und „insgesamt 23 Länder“ China mal wieder anpissen.

„Die Staaten“ (nämlich ziemlich genau diejenigen westlichen Staaten, deren blutige Spur von Krieg und Terror von Lybien über Afghanistan, Irak und Syrien bis nach Venezuela führt) verurteilen die Volksrepublik dafür , dass sie dem von eben diesen 23 Ländern kräftig unterstützten und bewaffneten Terrorismus (tausende der westlichen „gemäßigten Rebellen“, die in Syrien in den Reihen der islamistischen Kopfabschneider kämpfen, kommen aus den muslimischen chinesischen Provinzen) konsequent den Nährboden entzieht. In den Augen der staatlichen Förderer des Regime-change-Terrorismus aus dem Wertewesten also ein schlimmes Vergehem.

Nicht umhin einräumen kann aber selbst das NATO-Sprachrohr von der Elbe, dass die gesamte Welt außerhalb der Zentren des Imperialismus Chinas Vorgehen UNTERSTÜTZT und begrüßt, nämlich mehr als 50 Staaten. Darauf wird verschämt mit „es gab auch Gegenstimmen“ hingewiesen.

Dass es bei all dem Zinnober um genau eine Sache NICHT geht, ist auch klar: um „das Schicksal der Uiguren“.

Manchmal ist es so offensichtlich wie dummerhaftig, wie die Frontpresse des Imperialismus ihre Propaganda strickt.