Geschichten, die das Leben schrieb: Ein bißchen Verschnitt ist immer

Häusliche Debatte über Medienkonsum und abendliche Bildschirmalternativen an diesem ersten kalten, regnerischen und ungemütlichen Novembertag.

Frau so: „Kuck mal, was es im Fernsehen gibt. Ich brauch was Leichtes zur Ablenkung…“

Ich (alarmiert): „O nee, aber nicht irgendsoeinen Volksverblödungsscheiss von der Degeto-Stange! Es gibt genügend gute Filme auf Netflix oder Prime oder YouTube, es muss doch nicht das staatliche Massenmedium sein…“

Frau (unbelehrbar): „Nee, ich kann mit diesem Serienkram und Ami-Filmen nichts anfangen. Ich will leichte Unterhaltung! Auf deutsch!“

Ich (schon resigniert): „Du bist unverbesserlich, was cineastische Rezeption und Zugang zu guten Filmen betrifft…“

Frau so (grinsend): „Ja, du hättest dir ja so eine Intellektuelle zulegen können, die mit dir deine komischen Filme kuckt. Dafür kann sie dann nicht kochen. Ein bißchen Verschnitt ist halt immer.“

Geschichten, die das Leben schrieb: Heimische Kunstkritik

Nach einer Runde Zeichnen in der WLAN-entferntesten Ecke der Wohnung will ich die Resultate als PSD Dateien exportieren, damit ich sie später drucktauglich aufbereiten kann.

Frau so: „Was machst du?“

Ich: „Ich bring das Tablet in die Nähe der WLAN-Quelle, damit die Bilddateien schneller hochgeladen werden.“

Frau, unbeeindruckt: „Interessiert sich eigentlich jemand dafür? Bestellt das jemand?“

Ich: „Ich zeichne doch nicht, damit das jemand kauft… ich zeichne, weil ich es gern tue; mir doch egal, ob es verkäuflich ist… Das wäre ja so, als ob ich dich fragen würde, ob das Essen, das du kochst, irgendjemand bestellt hat und dafür bezahlt…“

Frau so: „Das isst du ja immerhin, und dir schmeckt‘s!“

Geschichten, die das Leben schrieb: sexuelle Belästigung

Einmal die Woche geht die Frau abends in Neuss zum Yoga. Danach fährt sie mit der Straßenbahn zurück nach Oberkassel.

Diesmal berichtet sie von folgender Begebenheit: am Neusser Hauptbahnhof wartet sie, begleitet von einer Freundin, auf die U75 nach Düsseldorf. Die beiden stehen am Ende des Bahnsteigs und unterhalten sich, weitere Wartende stehen ca. 20m entfernt.

Ein Jugendlicher oder junger Mann, ca 20 Jahre alt, spricht sie an mit den Worten: „Ey deutsche Frau, ich will mit dir reden!“

Die Frau so: „Ich aber nicht mit Dir“.

Der Jungspund wiederholt seine Forderung mit mehr Nachdruck. Jetzt mischt sich die Freundin ein: „Siehst du nicht dass wir uns unterhalten? Wir wollen nicht mit dir reden!“

Daraufhin setzt der Belästiger zu einer Beschimpfungskanonade an, die sich gewaschen hat. Es fallen Worte wie „Ihr Scheiss-Schlampen“ und zahllose mit als Schimpfwort intendierten Nennungen weiblicher Sexualorgane. Das Ganze zieht sich über etliche Minuten hin, die beiden Frauen versuchen, den Belästiger zu ignorieren, keiner der anderen Wartenden greift ein.

Am selben Tag erfährt man aus der Zeitung, dass der Polizei ein Fahndungserfolg im Fall einer 51-jährigen Düsseldorferin gelungen ist, die von mehreren Jugendlichen in den Stadtpark gelockt und dort vergewaltigt, beraubt und verletzt wurde. Alle Täter Ausländer, zwei davon sogenannte Intensiv-Straftäter (weshalb die Polizei ihre DNA bereits in den einschlägigen Datenbanken hatte, was jetzt zur Festnahme führte).

Ich erzähle das nicht, um Stimmung gegen Ausländer oder Flüchtlinge zu machen (solche Belästigungen können auch durch biodeutsche Jungmänner mit Hormonstau erfolgen), sondern als Beispiel der Verrohung der Sitten in der Konkurrenzgesellschaft. Der öffentliche Raum ist für Frauen kein sicherer Ort, jederzeit müssen sie mit sexualisierter Gewalt (wozu auch verbale Anmache und Beschimpfung gehört) rechnen.

Fazit: ab sofort hole ich die Frau abends nach dem Sport mit dem Auto ab. Sicher ist sicher.

Geschichten, die das Leben schrieb: Konkurrenz um Almosen

Beim Einkaufen im Düsseldorfer High-End-Stadtteil Oberkassel.

Vorm Rewe sitzt heute die “rechtmäßige” Inhaberin des Bettler- und Obdachlosenzeitungsverkäufer-Platzes, eine biodeutsche Arbeiterin, die sich nach eigener Aussage in 45 Jahren Akkordarbeit die Knochen ruiniert hat. Sie sitzt auf einem sehr guten mobilen behindertengerechten Elektromobilroller, ihr Hündchen in eine Decke eingepackt im Fussbereich des Gefährtes, und verkauft die Düsseldorfer Obdachlosenzeitung “Fifty-Fifty”.

Ihre Standplatzkonkurrentin, eine etwa gleichaltrige Frau aus Tschechien, hat sich angesichts der unbestreitbaren Platzhirschrechte der E-Mobilrollerfahrerin zwanzig Meter weiter in Richtung der Marktbuden vor der St. Antonius-Kirche verzogen.

Ich begrüße die eindeutig gesundheitlich beeinträchtigte Zeitungsverkäuferin mit einem scherzhaften “Na, wieder die Konkurrenz vom angestammten Platz verscheucht?”.

Daraufhin erklärt sie mir erst mal die Sachlage, jedenfalls aus ihrer Sicht:

Die weiss genau, dass das hier mein Platz ist! Die kommt ja auch gerade aus dem Urlaub… Hab ich doch gesehen, wie die sie hier gerade abgesetzt haben… Die hat übrigens eine Eigentumswohnung in Neuss: ist kein Wunder, dass die hier bettelt und nicht in Neuss…” usw.

Das mit dem Urlaub kann ich schon mal anhand eigener Anschauung widerlegen, da die Tschechin seit Wochen und Monaten jeden Tag vorm Rewe zu sehen ist (ausser ihre deutsche Konkurrentin taucht auf). Daher erscheinen mir auch die anderen Behauptungen eher auf Gerüchten, Neid und übler Nachrede zu beruhen und ich frage die “Fifty-Fifty”-Verkäuferin, woher sie das wisse. Die Antwort bleibt aus, dafür klärt mich die Elektrorollstuhlfahrerin über ein paar Gepflogenheiten ihres Gewerbes auf, die die tschechische Konkurrentin tatsächlich nicht einhält, wie z.B. Leute ansprechen.

Grundregel der Zeitungsverkäufer ist nämlich , die Leute nicht anzusprechen. “Fifty-Fifty”-Verkäufer haben sich mit dem Blatt einfach nur hinzustellen und auf aktive Ansprache durch interessierte Käufer zu warten. Sie tragen einen Ausweis sichtbar bei sich, der sie als berechtigte Zeitungsverkäufer kennzeichnet. Dieser Ausweis, so erfahre ich von meiner Gesprächspartnern, wird natürlich gern gefälscht. Die tschechische Konkurrentin hat allerdings, im Gegensatz zu den rumänischen Wettbewerbern, die ebenfalls bei Rewe (allerdings am Hinterausgang) und gegenüber vor der Post, auf Kundschaft warten, einen echten “Fifty-Fifty”-Ausweis. “Den benutzt die aber nicht, das Zeitungsverkaufen bringt der nicht genügend ein”, informiert mich meine Gesprächspartnerin. Es folgt noch eine Tirade von Anschuldigungen und Unterstellungen über die anderen Deklassierten, vorzugsweise aus anderen EU-Staaten, die sich aus ihrer Sicht hier alle unberechtigterweise in den Konkurrenzkampf um Almosen begeben und – sofern sie jung genug sind – sowieso “lieber arbeiten gehen sollten”

Mein Einwand, dass Lohnarbeit heutzutage nicht so einfach verfügbar sei, kontert sie marktwirtschaftlich adäquat mit der finalen Bemerkung: “Wer arbeiten will, findet auch eine Arbeit!”

Dass das auf sie selbst schon altersbedingt nicht mehr zutrifft, ist mir klar, aber wie um mich auf die rechte Spur zu bringen, schickt sie noch hinterher “Ich hab mein Leben lang gearbeitet, 45 Jahre, jetzt hab ich die Knochen kaputt und kann hier ‘Fifty-Fifty’ verkaufe…”

Ich verabschiede mich und gehe meiner Wege, dabei über die Verhältnisse sinnierend, in denen selbst die Verarschten und Deklassierten sich gegenseitig nicht die Butter aufs Brot gönnen.

Geschichten, die das Leben schrieb: Der Rotwein mit der Goldmedaille

Feierabendliche Küchenszene: Frau bringt vom örtlichen Weinhändler unseres Vertrauens zwei Flaschen Daõ (kräftiger portugiesischer Rotwein aus der Region Beira) mit, zusammen mit einem 5-Liter-Weißweinschlauch.

Ich will mal den portugiesischen Wein probieren, der hat eine Goldmedaille“, verkündet sie.

Ich (tudo entusiasmado com essa perspectiva gratificante) entkorke professionell die Flasche und kredenze jedem ein Glas.

Frau kostet und setzt ihr Feierabendritual – das Putzen des Küchenfußbodens – fort. Sie trinkt ihr Glas leer und kommt ins Philosophieren:

Also Rotwein ist doch irgendwie schwerer als Weißwein. Der macht müde…“

Ich (drogenerfahren): „Ja, das ist wie bei Haschisch und Marihuana. Gras mach high, wach und munter, Haschisch macht dich eher schwer und langsam… ist aber irgendwie profunder, gewissermaßen fundamentaler. So wie Rotwein im Vergleich zu Weißwein.“

Frau so (putzt weiter): „Nee, ich trink lieber Weißwein. Rotwein macht müde, das beeinflußt meine Putzqualität.“

Geschichten die das Leben schrieb: Weihnachtliches Drama um Widerworte gegen wohltätige Bourgeois

Die wohlhabende Verwandtschaft (Ärzte und Klinikbetreiber) der Frau ist unter ihresgleichen bestens vernetzt und spendet dank der Bekanntschaft mit einem örtlichen Keksfabrikanten dem Pflegeheim, von dem ich meinen Niedriglohn beziehe, zwei Umzugskisten mit allerlei Weihnachtsgebäck.

Seit ich wieder im Leben meiner Herzensdame aufgetaucht bin und dann auch noch mit ihr zusammen eine Wohnung bezogen habe, lassen sich gelegentliche Treffen mit diesen wohlbestallten Oberschichtsbürgern nicht vermeiden (auch wenn ich das versuche). Bei jeder dieser Begegnungen spüre ich die Herablassung und soziale Verachtung, mit der die Leistungsträger der Klassengesellschaft diejenigen betrachten, die in der Berufe- und Einkommenshierarchie so weit unter ihnen angesiedelt sind wie ich.

Keine 24 Stunden nachdem die Kekslieferung (in meiner Abwesenheit) bei mir abgegeben wurde, erhalte ich eine Nachricht der Schwägerin, dass sie für diese gute Tat „schon ein Wort des Dankes verdient“ hätte, jetzt aber durch dessen Ausbleiben „enttäuscht“ sei.

Es entspannt sich innerhalb von wenigen Messages ein Dialog, in dem ich sie informiere, dass ich ihre Spende durchaus zu würdigen weiß, mich meine Arbeitsbelastung speziell um Weihnachten herum bislang aber daran gehindert hat, die gesellschaftlichen Höflichkeitskonventionen zu beachten.

Außerdem kann ich es mir nicht verkneifen, die villenbesitzende Bildungsbürgerin mit einem Seneca-Zitat vertraut zumachen: „Der Lohn einer guten Handlung liegt darin, dass man sie vollbracht hat“.

An dieser Stelle entgleist die Konversation, und meine Gesprächspartnerin zeigt sich empört über meine unbotmäßige Frechheit; sie fühlt sich bemüßigt, mir meine standesgemäßen Grenzen aufzuzeigen. „Überheblichkeit!“, „Das ist eine Ohrfeige!“, „Übers Ziel hinausgeschossen!“ erscheint auf dem Screen meines Telefons.

Erfreut über die Wirksamkeit meiner Anmerkung auf die wohltätigkeitige Selbstwichtigkeit meiner Schwägerin setze ich gleich noch einen drauf und erläutere ihr, dass das gute alte „Tu Gutes und rede drüber“ auch mir bekannt sei und ich verstünde, dass sie einen diesbezüglichen Hinweis nicht gerne hört.

Jetzt ist der Ofen aus bei meiner Chat-Partnerin und mit einem empörten „Es reicht!“ und der Nachfrage, für wen ich mich eigentlich halten würde, beendet sie die Konversation.

Dass SIE sich offenbar für jemanden hält, der nicht nur für seine Almosen (die sie noch nicht mal selbst gespendet hat) gefeiert werden möchte, sondern auch noch jeglichen Widerspruch gegen diese Milde-Gabe-Ego-Erhöhungs-Nummer als Unverschämtheit betrachtet, ist außerhalb ihrer Reflektionskapazität.

Damit ist die Geschichte jedoch nicht beendet. Als die Frau von diesem Dialog erfährt, platzt sie wütend heraus, ob ich es darauf anlegen würde, dass sie ihre Familie fortan nur alleine besucht oder diese nur noch komme, wenn ich nicht da wäre. Das war zwar keineswegs meine Absicht, aber wenn ich’s recht bedenke, ist mir diese Konsequenz sehr recht. Auf den Umgang mit arroganten Bourgeois, die sich etwas darauf einbilden, wenn sie mit ein bißchen Wohltätigkeit ihr soziales Gewissen beruhigen, lege ich tatsächlich keinen Wert.

Der ganze Vorgang zeigt (mir jedenfalls), dass die Grenzen innerhalb der Klassengesellschaft vor allen von denen gezogen werden, die oben in der sozialen Hierarchie angesiedelt sind; außerdem, dass die bürgerlichen Höflichkeits- und Benimmregeln vorrangig dazu da sind, diese Einteilung in Oben und Unten, in Besitzende und Besitzlose festzunageln und niemals anzutasten.

Ende vom Lied übrigens: bin exkommuniziert und darf den herrschaftlichen Villen-Bungalow nicht mehr betreten.

Ich kann mir schlimmere Sanktionen vorstellen.

Geschichten die das Leben schrieb: Altersarmut live

Begegnung am Düsseldorfer Hauptbahnhof: eine ältere Frau, keine „Pennerin“, eher Typ einfache Rentnerin, spricht mich und fragt, ob ich etwas Kleingeld für sie hätte. Ich gebe ihr einen Euro und frage, warum sie hier auf dem Bahnsteig bettelt.

Sie: „Ich sag Ihnen die Wahrheit: ich bekomme 730 Euro Rente, ich zahle 500 Euro Miete. Ich will meine Wohnung nicht verlieren. Ich komme jeden Tag aus Bochum hier nach Düsseldorf, weil hier das Geld ist. Hier sind die Leute reich.“

Ich frage, wieviel sie am Tag auf diese Weise erwirtschaftet und erhalte zur Antwort:

„Also, 15 Euro so etwa…“

Ich verstehe zunächst „Fünfzig“, aber sie erklärt, dass das Betteln ein hartes Geschäft ist und dass sie sich mehr Abfuhren und dumme Kommentare anhören muss als dass sie an freigiebige Leute gerät.

Natürlich frage ich sie auch, ob sie nicht Wohngeld beantragen oder die Grundsicherung für Rentner in Anspruch nehmen kann. Sie läge mit ihrer Rente oberhalb irgendwelcher Bemessungsgrenzen, erklärt sie mir, und hätte von dieser Seite nichts zu erwarten.

Diese Rentnerin kommt also beinahe täglich von Bochum in die reiche Landeshauptstadt (per Anhalter, erzählt sie mir, „die Fahrkarte könnte ich mir gar nicht leisten“) um zu betteln, damit sie sich das Leben leisten kann – Kapitalstandort Deutschland 2017.

Ich gebe ihr noch einen Fünfer, damit sie schneller ihr selbstgestecktes 15-Euro-Minimalziel erreicht, und sie verabschiedet sich mit einer Umarmung und dem Wunsch für ein frohes Weihnachtsfest.

Ich brauch erst mal eine Zigarette; da kommt schon der nächste Bedürftige, diesmal dem Eindruck nach ein obdachloser älterer Mann in immerhin warmer, aber schäbiger Kleidung. Er will aber kein Geld: „Haste mal ne Zigarette für mich?“

Wir rauchen zusammen unsere Zigaretten und betrachten schweigend die Menschenmassen auf dem Bahnsteig.

Geschichten die das Leben schrieb: Beobachtungen aus der Klassengesellschaft im Regionalzug nach Sylt

Im RegionalExpress nach Sylt. Eine Dame in teuren Klamotten steigt zu und setzt sich mir gegenüber. Sie ist groß, blond, etwa Mitte bis Ende 60. Louis-Vuitton-Tasche; leicht protzige, aber nichtsdestotrotz kostbar aussehende Ringe an den Fingern – die ganze Frau strahlt Aura und Habitus der Oberschicht aus.

Eben die Art Angehörige der Bourgeoisie, die auch mit fast 70 noch ansehnlich aussehen, weil sie ihr Leben lang nicht wirklich arbeiten mussten sowie Geld und Muße hatten, sich hinreichend zu schonen und zu pflegen.

Kaum hat sie sich gesetzt, schon klingelt ihr iPhone, eindeutig die neueste Version. Eine Verwandte scheint dran zu sein, denn der Tonfall ist sofort vertraulich und familiär. Sprache und Ausdrucksweise sind die der Hamburger feinen Gesellschaft: eine hauchfeine norddeutsche Tönung ist noch im Sprachrhythmus und manchen Ausdrücken enthalten, aber die Sätze perlen akkurat, gewählt und annähernd makellos aus ihrem Mund ins Ohr der Anruferin, offensichtlich eine Tochter.

“Ich sitze im Zug nach Westerland; das Auto hab ich am Bahnhof gelassen. Ich will mir da doch eine Wohnung kaufen; ich will das Geld vom Konto weghaben…. Ich hab keine Nerven mehr für das ständige Auf und Ab der Börsen. Ich kauf mir jetzt diese Wohnung und gebe die dann in die Vermietung; das ist eine sichere Sache.”

Die Tochter fragt irgendwas; scheinbar nach der Größe der Immobilie und ob es nur eine Wohnung oder ein Haus sei.

Die Mutter winkt ab: “Nee, da zahlst du ja für ein Reihenhaus schon um die drei Millionen. Es ist eine Wohnung. So sechshundert etwa.”

Womit sie natürlich 600.000,00 Euro meint und deutlich macht, dass ihresgleichen an einem x-beliebigen Wochentag mal eben ein Geld auszugeben in der Lage ist, dass ein Lohnarbeiter in einem halben oder ganzem Arbeitsleben nicht zusammensparen kann.

Das Gespräch wendet sich dann familiären Themen zu; offensichtlich hat ein Verwandter massive Schwierigkeiten mit dem Finanzamt und müsse jetzt unbedingt einen möglicherweise anstehenden “ganz großen Auftrag” an Land ziehen, womit er “wieder in die Puschen kommen und die Sache mit dem Finanzamt erledigen” könne.

Desweiteren wird der neue Boyfriend einer Enkelin besprochen. Dieser sei zwar sensibel und schüchtern, ansonsten aber ein guter Mensch, weshalb die Enkelin auch schrecklich verliebt in ihn sei. Es wäre ihm auch ganz egal, wie die Freundin sich anziehe, “ob sie sich anmalt oder nicht” usw. – eine Haltung, die umgekehrt leider auch an ihm selbst zu konstatieren sei, er gäbe bedauerlicherweise nicht viel auf sein Äußeres. “Aber da können wir ja noch korrigierend eingreifen”, bemerkt mein Sitzgegenüber an dieser Stelle. “Ich hatte auch mal eine Hippie-Phase, aber wenn man älter wird, geht man back to the Roots. Das ist so.”

Inzwischen fühle ich mich bestens unterhalten und bedauere ein wenig, dass das Gespräch wegen der Ankunft am Zielbahnhof beendet werden muss.
Die elegante Dame steckt ihr iPhone in die Louis Vuitton-Tasche, schaut mich an und sagt: “Entschuldigen Sie bitte – die Familie…!”

Ich versichere ihr, dass ich mich nach Kräften bemüht habe, wegzuhören (was glatt gelogen ist) und gehe vergnügt meines Weges.

So kann´s gehen/Anekdoten aus der Marktwirtschaft

Blick auf den Kalender: Heute letzter Arbeitstag des Monats, Erster Mai fällt auf einen Sonntag. Schon bin ich alarmiert: Miete! Strom- und Gasversorger! Internetprovider! Alle werden sich heute noch Geld bei mir holen wollen. Schneller Kontocheck: erstens der lachhafte Niedriglohn schon fast aufgebraucht, zweitens hat eine Kundin noch nicht bezahlt, ein Geldeingang mit dem ich fest gerechnet hatte. Sehe mich schon beim Vermieter katzbuckeln und um Aufschub bitten.

Was tun? Nein, Genosse Lenin, den Umsturz krieg ich bis Montag nicht hin. Also Bank anrufen: “Leute, die und die Lage, Kohle kommt!”. Bank so: “Tut uns leid, zu kurzfristig, da können wir leider gar nichts machen”.

Kundin anrufen! Kundin (leicht träge): “Oh, die Rechnung… ja, hab ich noch nicht Zeit für gefunden…” Ich so: “Ja dann aber mal hurtig!”

Drei Stunden später: Kundin ruft an. “Habe Ihnen gerade das Geld überwiesen. Schicke Screenshot des Überweisungsbeleges in der Email”. Außerdem fühle sie sich mit der neuen Software doch unsicher und will einen Wartungsvertrag für ein Jahr. Und ihre Kollegin mache sich gerade selbstständig und bräuchte ebenfalls ganz dringend meine Dienstleistungen…

Alles wieder gut? Der Canossagang zum Vermieter wird mir nicht erspart bleiben und Kapitalismus ist und bleibt scheisse. Aber immer wieder schön, wie schnell Erscheinungen, Zustände und “Fakten” sich abwechseln und wie schlecht beraten man ist, auch nur eins davon ernst zu nehmen.