Geschichten die das Leben schrieb: die heilige Pfanne

Nach einem wieder mal erlesenem Mittagsmahl, aufs Professionellste erstellt und angerichtet von der Liebsten – als Meister-Hobbyköchin eine Kategorie für sich – mache ich mich in satter Zufriedenheit, und um haushaltsmäßig guten Willen zu demonstrieren, ans Abräumen.

Die Pfanne nur in die Spüle! Kein Spüli rein! Lass nur Wasser reinlaufen, den Rest mach ich nachher!“ ertönt es leicht alarmiert in meinem Rücken, während ich mit den benutzten Küchengerätschaften hantierte.

Die Hi-End-Edelstahlpfanne, de facto eine Mischung aus Pfanne und Topf, mit weltraumtauglicher Nanobeschichtung versehen und von der Gattin für einen Preis erstanden, bei dem mir schwindlig wurde, ist nämlich das zentrale Kultobjekt ihrer Küchenreligion; es wird von ihr verehrt wie ein Sakralgegenstand und gehütet wie ein rohes Ei. Laien wie ich dürfen sich dieser heiligen Kulinarikhardware nur mit Ehrfurcht und unter Einhaltung größter Behutsamkeit nähern.

Weiss ich doch“, antworte ich mit lässiger Selbstverständlichkeit, „ich kenn‘ doch die eisernen Küchenregeln, die hier gelten… auch wenn ich es nicht immer schaffe, sie einzuhalten!“

Die Frau so (im Ton definitiver Faktizität): „Nie.“

Artikel 14 Grundgesetz: idealisierte Gewaltverhältnisse

Ich muss immer schmunzeln, wenn Anhänger der bürgerlichen Gesellschaft die in der Verfassung festgelegten GEWALTVERHÄLTNISSE idealisieren und sie sogar in Anschlag bringen gegen diejenigen Entscheidungen der staatlichen Gewalt, die ihnen gerade nicht passen.

Natürlich wollen sie nichts davon wissen, dass ihr viel beschworenes Grundgesetz die Gewalt, auf der Macht- und Eigentumsverhältnisse im Kapitalismus gründen, lediglich philosophisch (als angeblich dem Menschen innewohnende Eigenschaften) überhöht und kodifiziert – und NICHT eine einzige Beschreibung großartiger menschennatürlicher Wesensart ist.

Diese Leute haben die Verfassung, die sich der deutsche Imperialismus als BRD gegeben hat, entweder nicht richtig gelesen oder. – meine Vermutung – nicht richtig verstanden.

„Artikel 14. (1) Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet.“

Spät, eher beiläufig und äußerst wortkarg wird den Bürgern dann noch etwas erlaubt: das Haben im Allgemeinen. Die Kategorie des Eigentums, die nur benannt, nicht erläutert wird, setzt den Gebrauchsartikel, der nur einmal konsumiert werden kann, mit Dingen (Immobilien, Ländereien, Fabriken) gleich, die mit individuellem Gebrauch überhaupt nichts zu tun haben.

Die Selbstverständlichkeit, dass man die Mahlzeit haben muss, die man isst, wird in Anspruch genommen für etwas gar nicht Selbstverständliches: das Haben von Besitztümern, die man selbst nicht benutzt und gar nicht individuell benutzen kann, und das seinen Nutzen für den Besitzer nur durch den Ausschluss anderer von ihrer Benutzung bzw. durch den Tribut entfaltet, den er von denen fordern kann, die auf die Benutzung seines Eigentums angewiesen sind. Beides stellt das Grundgesetz unter den gleichen Schutz des Staates.

Als ginge es um die Ergänzung der Bürgerfreiheit um ein Spielfeld ihrer äußeren Betätigung, um den Umgang mit Dingen, wird so das juristische Gewaltverhältnis eingeführt, das in dieser Gesellschaft den Umgang der Menschen miteinander umfassend determiniert; um das sich deshalb das gesamte ökonomische Leben dreht: Eigentum zu erwerben ist lebensnotwendig, es zu haben verleiht Macht über andere, es nicht zu haben verdammt zum Dienst an fremden Interessen. Das Grundgesetz erklärt es zu einem Menschenrecht, das Reichen wie Armen gleichermaßen zusteht.

Und als ob es dasselbe wäre oder weil es eben dasselbe ist, wird das Erben gleich mit „gewährleistet“. Dieses Menschenrecht reicht über den Menschen hinaus; das Eigentum überlebt den Eigentümer, geht als rechtliche Institution auf Nachfolger über und verewigt sich. So wird dann schon merklich, dass die Verfassung von dem für den Kapitalismus konstitutiven Rechts-Institut ‚Eigentum‘ und nicht von einem unschuldigen Umgang mit Sachen handelt.“

https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/grundgesetz-satzung-staates (Artikel derzeit noch nicht frei verfügbar)

Geschichten die das Leben schrieb: WACHSTUM war sein letztes Wort, dann trugen ihn die Pfleger fort

Ich komme vormittags vom Einkaufen nach Hause. Die Frau, im Homeoffice, sitzt am Schreibtsch und lauscht – einer Ansprache? Einem Vortrag? Einer Wahlkampfrede?

Die Stimme aus dem PC klingt wie ein Berufspolitiker, der – wichtig, wichtig – irgendwelche bedeutsamen Ankündigungen an die Untertanen macht, jedenfalls an Leute, die in irgendeiner Weise von ihm bzw. seinen Beschlüssen abhängig sind.

Beim Auspacken dringen Wortfetzen aus dem Arbeitszimmer an mein Ohr:

Wir haben die Digitalisierung der Arbeitswelt hinter uns gebracht… Partnerschaft… um im Privatkundengeschäft zu wachsen, im Gewerbekundengeschäft zu wachsen… wachsen…. wachsen…. wachsen.. Nachhaltigkeit… klimaneutral zu werden, in einigen Bereichen sogar klima-positiv zu werden… wachsen… wachsen… wachsen… Wachstumsquote… Kommasieben… wachsen… nachhaltig… Erfolg… gemeinsam… großes Potential… das Wachstum…“

Ich ahne, wer hier so unglaublich aufmerksamkeits- und gleichzeitig gehorsamsheischend daherschwallt, frage aber trotzdem mal nach: „Hörst du dir hier Politikerreden an oder was ist das für ein wichtigtuerisches Gesülze?“

Die Frau macht eine abwinkende Handbewegung.

Vorstand!“, ist ihr einziger Kommentar. Der Redner ist also der Vorstandsvorsitzende ihres finanzkapitalistischen Arbeitgeberkonzerns. Sie steht auf, macht mit der Hand die Schnatternder-Schnabel-Geste und gesellt sich zu mir in die Küche.

Müsst ihr euch das anhören?“, will ich wissen.

Ja. Das ist die Strategiekonferenz. Ganz ehrlich: das ist sowas von peinlich… ich lass das nebenher laufen.“

Der schiere Irrsinn der Ansprache dieses Führungsbourgeois lässt mich einerseits froh sein, dass ich mittlerweile das Alter und die meditative Gelassenheit erreicht habe, wo ich nicht mehr fürchte, an dem Irrsinn der Welt selber irre zu werden.

Andrerseits zeigen die Floskeln und Sprechblasen dieses unternehmerischen Lieblingsbürgers eines anständig akkumulierenden Kapitalstandortes, wie hervorragend WACHSTUM sich mit einem modernen grünen Kapitalismus mit Klimaneutralität – sogar Klimapositivität! – und „Nachhaltigkeit“ vereinbaren läßt.

WAS da wächst, nämlich bestimmt nicht die Löhne und Gehälter derjenigen, die die Befehle aus den Konzernzentralen auszuführen haben, muß man überhaupt nicht wissen. Das magische Wort WACHSTUM hat zu reichen als conditio sine qua non einer Ordnung, die längst keinerlei Rechtfertigung mehr benötigt.

Der Imperialismus mag Mensch, Tier, Natur, Umwelt und den gesamten Planeten als Brennstoff der kapitalistischen Bereicherung verheizen – es ist egal, jeder hat die Gültigkeit des irrationalen Götzen WACHSTUM verinnerlicht und versteht, dass damit nicht ein Wachstum seines eigenes beschränkten finanziellen Spielraums aus der Einkommensquelle Lohnarbeit gemeint ist, sondern das Wachstum derjenigen Werte, auf die es wirklich ankommt: das in Geld gemessene, als Kapital fungierende Vermögen, das in den Umsätzen und Gewinnen der Konzerne, der Unternehmen und der Superreichen erzeugt wird.

Das zu kapieren und hinnehmen zu müssen, daran kann man schon irre werden. Oder Kommunist.

Demokratie und Freie Wahlen: einfach das Größte in der Welt der Freiheit

Es ist so klasse, dass wir jetzt wieder wählen durften und jetzt endlich alles besser wird! Leider hat die „Linke“ ja voll vergeigt, so dass die tollen Forderungen noch fairen Löhnen, bezahlbaren Mieten und guter Pflege nicht mit Bartsch und Wissler verwirklicht werden können.

Aber zum Glück haben die anderen Parteien genau dasselbe im Programm! Stand jedenfalls auf all ihren Wahlplakaten drauf. Löhne, Renten, Gesundheit, Wohnen – überhaupt das ganze Leben in dieser schönen Demokratie sollte wunderbar, bezahlbar und irgendwie für alle ganz toll werden, wenn man die Partei (egal welche) wählt.

Auch um das schwer populäre Thema „Klima!!“ braucht man sich rein gar keine Sorgen machen, weil wirklich alle Politiker aller Parteien die Sache dynamisch, entschlossen und mit entschiedener Sachkenntnis der Sachzwänge angehen werden. An dieser Stelle also volle Entwarnung!

Da Schönste also an diesem Hochamt der Demokratie: es war völlig egal, wen man wählt, weil ja alle dasselbe versprachen!

Jetzt brechen also grandiose Zeiten an, und die demnächst anstehenden Lohnerhöhungen, die Entspannung des Wohnungsmarktes mit sinkenden Mieten und Wohnraum für alle, die fantastischen Aussichten im Gesundheits- und Pflegebereich mit ausreichendem Personalschlüssel und anständiger Bezahlung – all das wird den Bürger wieder mal bestätigen, dass Demokratie das einzig Senkrechte und freie Wahlen das Nonplusultra eines Lebens in marktwirtschaftlicher Freiheit ist.

Und das ist doch einfach gut zu wissen.

Zensur? Gibt’s nur beim Feind, also in Russland und China. Bei uns ist es Schutz vor Falschinformationen

Egal wie es um die „Medienfreiheit“ nach bürgerlichem Maßstab in Russland bestellt ist: selbstverständlich ist die Zensur der Youtube-Kanäle ein Eskalationsschritt im Informationskrieg gegen Russland.

Wird mal interessant zu beobachten, welche Verdrehungen und Verrenkungen die Fans der besten aller Welten jetzt vornehmen, um auch diese klare Zensurmaßnahme passend zu machen für ihr heiles Weltbild von Freiheitundmarktwirtschaft. Die Kommentarspalten der Staatsmedien z.B. sind bereits voll von Lob, Verständnis, Rechtfertigungen und Forderungen nach weitergehenden Schritten u.a. gegen chinesische Medien.

Die kognitive Dissonanz westlicher Parteigänger ist inzwischen so ins kollektive und individuelle Unterbewußtsein eingebettet, dass jeder weitere Schritt in Richtung Schleifung grundlegender Rechte, Zensur, Überwachung und staatlicher Gewalt- und Zwangsmaßnahmen (sowie deren Antizipation und botmäßige Ergänzung durch private IT-Multis) als Schutz der Freiheit vor Falschinformationen begrüßt wird.

Die vorgeschobene Begründung – RT hätte medizinische Falschinformationen publiziert – ist erkennbar an den Haaren herbeigezogen: als ob YouTube ein Team von Wissenschaftlern, Medizinern und Virologen beschäftigen würde, welches die auch in der medizinischen Community kontrovers debattierte Corona-Thematik definitiv in „wahr“ und „unwahr“ einteilen könnte.

In Wahrheit handelt es sich um den Schutz der verführbaren westlichen Bürgerseelen vor abweichenden Meinungen; solche Unbill mag der Staat und die von seiner Ordnung profitierenden BigTec-Konzerne seinen Insassen nicht zumuten – was umgekehrt eine interessante Auskunft ist über den Grad an Mündigkeit, den die Verfechter der wertewestlichen Weltsicht ihren Bürgern zutrauen: nämlich gar keine.

https://de.rt.com/europa/124954-rt-chefin-nennt-loschung-von/

Geschichten die das Leben schrieb: die Partei hat immer recht

Wahlgelaber in den Staatskanälen. Die Spitzenkandidaten der Bundestagsparteien hauen sich ihre Sprechblasen um die Ohren.

Beim Thema „China“ muss ich leider der AfD-Tante recht geben, die als Einzige das wohlfeile hysterische China-Bashing ein bisschen ausbremst.

Ansonsten, aus bürgerlicher Sicht, ist der SPD-Kandidat der „Glaubwürdigste“ bzw. staatsmännisch solideste.

Meine Herzdame, die heute anscheinend ihren politischen Tag hat, lässt sich mit dieser Bemerkung vernehmen:

“SchatzI, ich geh in die Politik! Als neue Partei!”

Ich bin erstaunt: “Als was? Und wofür willst du da eintreten?”

Die Frau so: “Für soziale Interessen und Wohnungen zu bezahlbaren Mieten! Wie findest du das?“

Darauf gibt’s natürlich nur eine Antwort: „Also, meine Stimme hast du!“

Geschichten die das Leben schrieb: Zeichen und Wunder an der heimischen Basis!

Meine Liebste, ansonsten eher dem seichten Vorabend-Fernsehprogramm, “Tatort”-Folgen und der Perfektionierung von Haushalt und Küche zugetan, hat sich vor der Mediathek niedergelassen und eine höchst umsturzverdächtige Konserve vom NDR aufgerufen.

Während ich am Rechner sitze und mit halbem Ohr hinhöre, glaube ich meinen Ohren nicht zu trauen. “Was guckst DU denn da??” frage ich überrascht. “‘Wie endet der Kapitalismus?’ – Hauptsache er ENDET überhaupt!” kann ich mir nicht verkneifen zu bemerken.

“Das will ich jetzt mal sehen! Das ist interessant!” erhalte ich zur Antwort. Meine Gattin ist allerdings aufs Empörteste sensibilisert, seit sie vor ein paar Tagen eine Reportage über den Wohnungsmarkt sah, in dem zahlreiche Normalverdiener vorgestellt wurden, die aufgrund der marktwirtschaftsüblichen Immobilienspekulation sich die Miete nicht mehr leisten können.

Seit geraumer Zeit beobachte ich eine zunehmend kritischere Einstellung meiner Herzdame zu allerlei Phänomenen, die – wie schlaue Kommunisten wie ich natürlich wissen – ihre Ursache im Ausbeutersystem und der imperialistischen Barbarei haben. Allerdings halte ich mich mit Einflußnahme so gut ich kann zurück und versuche, wenn (zu meiner Freude) doch mal das Gespräch auf politökonomische und gesellschaftstheoretische Themen kommt, so sachlich und faktisch wie möglich zu argumentieren.

Gerade meine Frau ist eine hervorragende Trainingspartnerin für solide und nüchterne kommunistische Überzeugungsarbeit ohne Missionierungseifer und emotionale Agitation. Sie ist von Persönlichkeitsstruktur und Herkunft typisches Kind westdeutscher Wohlstandsverhältnisse. Beruflich ist sie, als studierte Betriebswirtin, seit Jahrzehnten bei einem finanzkapitalistischen Konzern beschäftigt, hat also einen ziemlich nüchternen Blick auf finanzielle und ökonomische Dinge.

Wenn sogar jemand wie sie anlässlich der anstehenden Bundestagswahlen verkündet, dass sie obwohl sie eigentlich nicht wählen wollte, “diesmal die Kommunisten” wählt, kann ich mir das ein wenig auch als eigenes Verdienst anrechnen, da ich aus meinen politischen Sympathien (ebenso wie aus meiner Meinung zu bürgerlichen Wahlen, btw) kein Hehl mache – andrerseits sind die Verhältnisse anscheinend mittlerweile so, das viele Leute von selbst drauf kommen, dass Kapitalismus eben schon als Kind scheisse war.

Vorläufig hat mein Schatz aber andere Probleme mit der politischen Weiterbildung: da die Mediathek übers Internet auf den Fernsehschirm gelangt und heute wohl die Verbindung etwas instabil ist, fällt zu ihrer Verärgerung immer wieder mal der Videostream aus. Scheinbar immer an ähnlichen Stellen, jedenfalls höre ich sie fluchen:

“Immer wenn ich höre, dass die Reichen noch reicher werden, fällt das Internet aus! Vielleicht soll ich gar nicht wissen, dass die Reichen noch reicher werden…”

Das ganze Elend bürgerlicher Wahlen und der um die Macht konkurrierenden Standortpolitiker in zwei kurzen Sätzen

„Es geht doch um die Frage: Wollen wir, dass Deutschland endlich besser regiert wird? Und dafür treten wir Grünen an, dafür trete ich als Kanzlerkandidatin an.“ (Annalena Baerbock auf einer Wahlveranstaltung; hätte aber von jedem beliebigen Machthaber-Aspiranten kommen können)

BESSER REGIEREN, also HERRSCHEN über die, die die Politiker per Wahl zur Herrschaft ermächtigen. WAS da eigentlich nach welchen Maßstäben regiert wird, braucht weder potentielle Machthber noch Wähler zu interessieren, da es erstens ohnehin klar ist und zweitens nie im Leben Zuspruch Wahl steht: die kapitalistische Eigentumsordnung und der Staat, der sie in Kraft setzt und garantiert.

Geschichten die das Leben schrieb: Buchhandlungen regen mich immer zu gedanklichen Höhenflügen an

Freiheit als Herrschaftsform bedeutet neben und vor allem anderem, dass aus allem und jedem ein Geschäft gemacht werden kann – sofern sich zahlungsfähige Nachfrage danach findet. Für die „CRIME“-Hefte der Zeitschrift „Stern“, die hier einen ganzen Drehständer in der Bahnhofsbuchhandlung einnimmt, scheint das der Fall zu sein.

Kenner- und genießerisch zelebrieren Dutzende von Ausgaben die ganze spannende Welt des Verbrechens – von den „13 schlimmsten Serienmördern aller Zeiten“ bis zu Einzelausgaben besonders fieser Meuchelmörder und Kapitalverbrecher.

Dass diese wichtige Freiheit, nämlich das lesende Publikum mit den gesetzübertreterischen Gruselgeschichten aus der kapitalistischen Wirklichkeit zu unterhalten, eine ganz essentielle ist, wird unterstrichen durch die nebenan platzierten Hefte über geschichtliche Gestalten und Politiker: der Name des schwarzweißen Schnurrbartträgers, den jeder kennt (auch wenn hier ein vergleichsweise sympathisches Jugendfoto des „Stählernen“ als Titelbild ausgewählt wurde), wird in kyrillisch anmutenden Buchstaben geschrieben, darunter das entscheidende Stichwort „Tyrann“.

DIESER Bursche, so viel weiß jeder Insasse unserer freiheitlichen Demokratie, war garantiert KEIN Befürworter solcher wesentlichen Freiheiten wie derjenigen, mit den Opfern und Verbrechern des wunderbaren wertewestlichen Freiheitsladens ein anständiges Geschäft zu machen; sowieso und im Grunde genommen – so schließt sich der Kreis – war der Mann ja selber ein Verbrecher, wie man ausweislich der beachtlichen Anzahl von Toten während seiner Regierungszeit schon in der Schule gelernt hat.

Dass die gewaltige Mehrzahl dieser Leichenberge dem Mann und seinem Land von außen aufgezwungen wurden und das Resultat der seinerzeitigen Versuche war, das bolschewistischer Rußland zur wertewestlichen FREIHEIT zu bekehren, spricht wiederum nicht für ihn und sein Tyrannentum, sondern belegt nur die tyrannische Natur des sowjetischen Anführers und seines menschen- und sittenwidrigen Unrechtsystems: all die Opfer hätte er seinem Land schließlich durch freiwilligen Rücktritt und Selbstaufgabe seiner sozialistischen Tyrannei ersparen können!

Gottseidank hat ja letztendlich unser Mann in Moskau, Michael Friedensheld Gorbatschow, diesen Job erledigt und das gesamte Reich des Bösen in unsere regelbasierten Weltordnung von Freiheit und Geschäft überführt. Deswegen ist so ein bißchen Grusel über Stalin und andere Verbrecher ganz angebracht, vor allem wenn es in Zeiten branchenüblicher Schwierigkeiten des Verlagswesens etwas zusätzliche Auflage und Umsätze bringt.

Geschichten die das Leben schrieb: alte Teenager

Eine Gruppe älterer Herrschaften, alles Männer, im Alter zwischen 60 und 70 (peinlicherweise also meine Altersgruppe) nimmt im ICE von Hamburg nach Düsseldorf Platz. Die grau- bis weißhaarigen leger gekleideten Jungsenioren beginnen die Fahrt gleich mit dem Entleeren der mitgebrachten Kühltaschen und widmen sich quasi ab sofort, kaum dass der Zug anrollt, ihrem offensichtlichen Reisezweck: mit einer Menge kühlen Bieren hart daran zu arbeiten, so viel „Spaß“ wie möglich zu haben.

Ich ahne, was mir in diesem Abteil bevorsteht und verschwinde unter meinen Kopfhörern. Trotzdem dringen immer wieder die lauten Sprachfetzen der Rentnergruppe an mein Ohr, vor allem aber das noch lautere, völlig aufgesetzte und künstliche Lachen, mit dem sie jede launige Bemerkung eines der ihren quittieren.

Sie steigern sich immer mehr in ihre todernste Bereitschaft hinein, unter allen Umständen eine „gute Zeit“ haben zu wollen und erinnern mich damit an die Teenagergruppen, die sich in der Öffentlichkeit genauso laut, indezent und auffällig aufführen. Im Gegensatz zu den älteren Männern drei Sitzreihen vor mir haben Teenager allerdings die beste denkbare Entschuldigung für derart fremdschämintensives Verhalten: ihre Jugend.

Bislang war ich froh, dem Teenager- und Best-Ager-Alter glücklich entronnen zu sein; jetzt sehe ich, dass der Fortschritt der Jahre keineswegs Garantie für Dezenz und edle Haltung als Ausdruck gereifter Gelassenheit ist.

Noch ein Strich auf meinem Misanthropie-Konto.