Geschichten, die das Leben schrieb: von der Nützlichkeit und der Hausarbeit

Ich sitze mit dem iPad auf dem Bett (meine offizielle Lagerstätte wegen grippalen Infektes) und fertige ein paar Illustrationen an für die Düsseldorfer DKP, die ihre Flyer zur Unterstützung des Arbeitskampfes im Pflegebereich ein bißchen aufpeppen will.

Die Frau so, nachdem sie sieht, was ich zeichne und nachgefragt hat, für wen das ist: „Und alles mal wieder umsonst, oder?“

Ich so: „Ja klar. Wer soll mich denn dafür bezahlen? Die Kollegen, die streiken, um ein paar Euro mehr am Monatsende, einen besseren Personalschlüssel usw. zu haben? Du kannst Fragen stellen…. Ich unterstütze gerne mit meinen überschaubaren Talenten den Kampf der Kollegen für anständige Arbeitsbedingungen.“

Das beeindruckt die Liebste wenig: „Du solltest lieber mal im Haushalt deine Talente einbringen und deine Frau unterstützen statt die Kommunisten!“

Nur gut, dass ich keinerlei Talent zur Hausarbeit habe.

Geschichten aus dem Pflegeheim: WLAN zum Skypen? Zu teuer für Alte.

Die meisten „Bunten Runden“ sowie die Arbeit in der „Tagesgruppe Demenz“ bestreite ich mit reichlich Improvisation, Spontaneität, viel Quatsch mit Soße sowie jeder Menge Bildern, Geschichten und Musik. Für die letzten beiden, besonders aber für die Musik, benötige ich Internetverbindung. Damit kann ich in Sekundenschnelle jedes Lied aufrufen und spielen, das im Hin- und Her der Interaktion mit den Bewohnern auftaucht, mir einfällt oder von meinen Zuhörern gewünscht wird.

Dass ich hierzu meine eigene Hard- und Software, also iPad und Apple Music Abo, verwende, ist die eine Sache (einen Bluetooth-Lautsprecher konnte ich immerhin der Einrichtungsleitung abtrotzen, nachdem ich zwei Jahre lang meinen eigenen mit ins Heim gebracht hatte). Das Internet läuft über das hauseigene WLAN, das mittels zusätzlicher WLAN-Verstärker auch in den Räumen abseits der zentralen WLAN-Quelle gut verfügbar ist. Auch die wenigen Bewohner, die Internet nutzen (maximal eine halbe Handvoll der 74 Leute), haben einen solchen Verstärker – vom Heim zur Verfügung gestellt – auf ihrem Zimmer.

Seit etwa zwei Wochen jedoch beobachte ich, dass die Endgeräte zwar alle mit dem WLAN-Verstärker verbunden sind und dieser auch Empfang anzeigt, doch die Signalstärke nicht ausreicht, um IRGENDWELCHE Websites oder -portale aufzurufen, geschweige denn Musik zu streamen. Frau L., eine Bewohnerin, die regelmäßig mit ihrer Verwandtschaft in Übersee skyped und dafür auf eine stabile und ausreichende Verbindung angewiesen ist, berichtet mir von demselben Phänomen: alle Endgeräte verbunden, Verstärker zeigt Funktionsfähigkeit an, aber kein Internetzugriff.

Als am Freitag der zuständige IT-Mann zu seiner wöchentlichen Visite ins Heim kommt, schnappe ich ihn mir und lege ihm das Problem dar. Ich vermute nämlich, er hat irgendwas an der Konfiguration der WLAN-Routers geändert, ein neues Passwort vergeben, das Heimnetz umbenannt oder so etwas.

Er hört sich meinen Report an, schaut mich traurig an und sagt:

Nein, das Einzige was ich geändert habe, ist dass ich das Datenvolumen drosseln musste. Anweisung vom Vorstand. Denen war die letzte Telefonrechnung zu hoch. Wir haben einen Businesskunden-Rahmenvertrag mit O2 für die gesamte Diakonie – und der Businesstarif ist teurer als der Privatkundentarif. Eigentlich müsste wir einen neuen Vertrag aushandeln. Jedenfalls musste ich alles drosseln und beschränken, um unter dem Datenlimit zu bleiben…

Ich bin erstmal sprachlos über den schäbigen, kleinlichen Geiz einer Institution, die mehrere Pflegeheime betreibt, wo jeder Bewohner mit bis zu 4000 Euro monatlich zur Kasse gebeten wird und die bekanntermaßen keine arme Einrichtung ist. Außerdem weiß ich, dass das Bereitstellen eines ausreichendem Internetzuganges zur Grundversorgung eines Pflegeheimes gehört, also behördlich gefordert ist. Das bestätigt mir auch der IT-Kollege, der einen schwachen Versuch macht, sich mit der Interessenlage seines Arbeitgebers zu identifizieren: „Ja, schon… die Rechnung war aber 6000 Eurohoch, das ist ganz schön happig. 60 GigaByte kosten 500 Euro, das ist wirklich teuer… und das geht halt schnell drauf für diverse Leute im Home Office.“

Ich erfahre noch, dass dieser Rechnungsbetrag für sämtliche Einrichtungen der Diakonie gilt, nicht bloß für unsere. Ich entgegne ihm: „Sag mal, spinnen die? Unsere Arbeit, jedenfalls die des Sozialen Dienstes, hängt teilweise davon ab, dass wir Internetzugang haben. Ich nutze jetzt schon seit Wochen mein eigenen Datenvolumen.. .Noch schlimmer ist, das Frau L. jetzt nicht mehr mit ihrer Tochter in USA skypen kann, weil die Herren vom Vorstand beschlossen haben, dass sie an uns und an den Bewohnern sparen..“

Der Kollege findet die Situation auch nicht schön. Er muß mir versprechen, wenigstens für den von Frau L. genutzten WLAN-Verstärker das Datenvolumen wieder hochzusetzen. Das reicht mir aber noch nicht und ich gehe erst mal bei den im Hause zuständigen Stellen rumstänkern über die neueste Fiesheit der so frommen wie kostenbewussten diakonischen Geschäftemacher. Zum Glück erfahre ich sowohl beim Sozialen Dienst wie bei der Einrichtungsleitung Verständnis und Unterstützung. Kollege B., der unseen Sozialen Dienst organisiert, schaut mich konsterniert an und bemerkt nur „Das ist echt schäbig. Die Diakonie ist reich genug!“ und vom Einrichtungsleiter höre ich „Grad vorhin war der Vorstand hier, schade das ich erst jetzt davon erfahre!“.

Es besteht also Hoffnung, dass die Knickerigkeit des lohn- und kostendrückenden Diakonie-Managements korrigiert wird. Trotzdem überlege ich kurz, ob ich die Zeichnungen vom gestrigen „Tagesgruppen“-Vormittag nicht plakativ zweckentfremden soll für eine satirische Botschaft gegen Geiz, Knauserigkeit und Schäbigkeit auf Kosten der Ärmsten und Bedürftigsten – wir kamen nämlich am Vortag aus irgendwelchen Gründen auf den Begriff „Ekel“ und sprachen über die Tiere, die uns am meisten Ekel einflößen.

Da ich aber nicht kurz vor der Rente noch gekündigt werden will, unterlasse ich das dann lieber. Eklig ist es aber allemal.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Das Katzentaxi

Seit Anfang November gibt es wieder die „Tagesgruppe Demenz“ für die Mehrzahl derjenigen Bewohner des Wohnbereiches (plus zwei weitere von anderen Wohnbereichen), die eine „offizielle“ Demenzdiagnose haben. Die Leute freuen sich darüber, wieder in der familiären Atmosphäre der vertrauten kleinen Runde gesellig und gemütlich Zeit zu verbringen und „etwas geboten“ zu kriegen.

Wie in jeder Familie gibt es natürlich auch in unserer Runde unterschiedliche Charaktere, die nicht immer miteinander harmonieren, die aber irgendwie unter einen Hut gebracht werden müssen, damit die Gruppe „funktioniert“.

Eine Teilnehmerin aus dem Wohnbereich 1, Frau B., hat in der langen „Tagesgruppen“-Pause anscheinend zunehmend begonnen, mit ihrem körperlichen und mentalen Schicksal zu hadern. An buchstäblich jedem Vormittag kann man sie spätestens ab 10:00 klagen hören, dass sie „nach Hause möchte“ und „nicht mehr kann“.

Nun ist das bei dementiell veränderten Menschen nichts Ungewöhnliches; das Bedürfnis, die innere Verlorenheit und fortschreitende Auflösung der Gedächtnisinhalte kompensieren zu wollen, drückt sich sehr häufig in der Sehnsucht nach dem Ort in Zeit und Raum aus, an dem noch alles in Ordnung war: zuhause eben. Das Pflegeheim, das faktisch ja das jetzige Zuhause ist, wird von keinem meiner Leute als „zuhause“ empfunden. Einem dementen Menschen braucht man gar nicht erst mit „Aber Frau Sowieso, Sie sind doch jetzt HIER zuhause!“ und ähnlichen Floskeln zu kommen. Neben verständnislosen Blicken erntet man auf solche Versuche mitunter Bemerkungen wie „Nee, ZUHAUSE meine ich, da wo meine Eltern sind…“

Frau B. jedenfalls ist alle zwei bis drei Minuten mit dem Satz zu vernehmen „Ich kann nicht mehr!“, ersatzweise „Ich will nach Hause“. Dass diese Stoßseufzer keine konkreten, zielgerichteten Wünsche sind, merkt man daran, dass Frau B. – wenn man ihr anbietet, sie zurück in ihren Wohnbereich zu bringen – entschieden ablehnend reagiert. Sie weiss ziemlich genau, dass die Alternative zur „Tagesgruppe“ in langweiligem Alleine-im-Zimmer-sitzen besteht, und das will sie auf gar keinen Fall. Außerdem ist sie, entgegen dem äußeren bzw. hörbaren Anschein, sehr gerne in der Gesellschaft der anderen und braucht geradezu die Aufmerksamkeit, die ihr durch ihr Dauerlamento zwangsläufig zuteil wird.

Heute allerdings überspannt sie den Bogen deutlich. Ihre Sitznachbarin Frau Sch., ansonsten als ostpreußische Landsmännin eine geschätzte Gesprächspartnerin, wendet sich entnervt ab und murmelt gelegentlich „Das hält ja keiner aus…“ oder „Wie oft will die das denn noch sagen??“.

Frau Sch. jedoch ist eine zurückhaltende, freundliche Person; Frau H. dagegen, die Frau B. gegenüber sitzt, nimmt erstens selten ein Blatt vor den Mund und fühlt sich zweitens massiv in ihrer – wohl medikamentös verursachten – vormittäglichen Schläfrigkeit gestört.

Es entspinnt sich, nachdem Frau B. zum gefühlt fünfzigsten Male „Ich will nach Hause!“ gestoßseufzt hat, folgender Dialog:

Frau H.: „Jetzt halten Sie doch mal endlich die Klappe!“

Frau B. (unbeeindruckt): „Ich kann nicht mehr, ich will nach Hause…“

Frau H.: „Geben Sie doch mal Ruhe! Oder GEHEN sie nach Hause! Gehen Sie zu Fuß oder nehmen Sie sich `n Taxi…“

Frau B. (verdutzt): „ Ne Katze??“

Frau H.: „Ja!“

Frau B.: „Ne Katze? Ich bin doch nicht bescheuert!“

Frau H. „Doch, sind Sie!“

Inzwischen haben alle gebannt den Schlagabtausch mitverfolgt und müssen über das akustische Missverständnis lachen. Die halbe Stunde bis zum Mittagessen überbrücke ich mit einer Ordensverleihung an Frau B.: sie hat sich nach unser aller Auffassung den IKNM („Ich kann nicht mehr“)-Orden am laufenden Band redlich verdient und erhält ihn in einer kleinen Zeremonie mit Malerkreppband an die Bluse geheftet.

Der Applaus der anderen Teilnehmer stimmt sie etwas milder und wir hören, bis die Teller auf dem Tisch stehen, nur noch etwa fünf oder sechs Mal eine ihrer beiden Wehklagen.

Geschichten die das Leben schrieb: der menschliche Störfaktor im Küchen-Reinraum

Hungrig von der Arbeit heimgekehrt, organisiere ich mir in der Küche die Zutaten fürs Abendbrot und bereite mir einen Teller allerleckerster „Bütterchen“, wie der Rheinländer sagt.

Nebenher fahre ich den Rechner hoch – als Niedriglöhner brauche ich die Einnahmen aus diversen kleinen Web- und Grafik-Nebenjobs, die ich nach und neben der regulären Lohnarbeit auf die Reihe zu kriegen versuche.

Als ich in die Küche zurückkomme, hat sich die Frau neben der Spüle aufgebaut und betrachtet mißbilligend meinen Abendbrotteller. Ihr kritischer Blick wandert vom Teller zur Spüle und wieder zurück. Sie sagt kein Wort. Allerdings ist ihr in unsichtbarer Leuchtschrift „Kannst du deine Krümel nicht wegmachen?!“ auf die Stirn tätowiert.

Im Geiste hat sie wahrscheinlich schon die genaue Anzahl der Krümel bestimmt und den Aufwand berechnet, den deren Beseitigung kosten würde – MICH, nicht sie, denn laut ihrer küchenhygienischen Perfektionistenphilosophie ist es erstens ein Leichtes, jedwede Küchenaktivität zu vollziehen ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen, wobei zweitens diese Aufgabe nicht nur unmittelbar NACH irgendwelchen Koch-, Spül- oder Brotschmiervorgängen zu erledigen ist, sondern PARALLEL zu den Tätigkeiten, zu deren Erledigung man sich in die Küche begibt.

Ich fühle, dass ich jetzt mal etwas Grundsätzliches loswerden muss und erkläre: „Hast du eigentlich auch noch irgendwelche menschlichen Regungen in dir? Ist dir klar, dass dies eine KÜCHE ist, in der Menschen normalerweise sich um ihre Nahrungszubereitung kümmern und zu diesem Zweck mitunter Brote schneiden, die aufgrund ihrer Beschaffenheit dann auch mal KRÜMELN können? Manchmal hab ich das Gefühl, du nimmst mich nicht nicht als Mensch wahr, sondern bloß als Störfaktor, der Dreck verursacht!…“

Weit entfernt davon, sich von diesem leicht pathetischen Plädoyer beeindrucken zu lassen, antwortet die Gattin zuckersüß: „Hm, das trifft aber leider zu. Du hast dich selber sehr gut beschrieben. Du BIST nun mal ein dreckverursachender Störfaktor!“

Zum Glück verrät mir ihr Grinsen, dass sie damit gut leben kann und jedenfalls momentan und gnadenhalber bereit ist, sich auf meine überschaubare Kompetenz beim Aufräumen der Küche zu verlassen.

Geschichten, die das Leben schrieb: vom Proletariat in die Mittelschicht und zurück. Und wieder zurück.

Ich komme aus einer Familie der Arbeiterklasse, deren vorletzter Sproß (mein Vater) einen bemerkenswerten sozialen Aufstieg in die ersten Vorhöfe der Oberschicht hinlegte: vom Dekorateurs-Lehrling brachte er es zum Vorstandsvorsitzenden eines Versicherungsunternehmens. Damit konnte er im Laufe der Zeit seiner Familie ein gutes Leben in materieller Sicherheit gewährleisten.

Seine Herkunft aus einfachen Verhältnissen vergaß er trotzdem nie. Er war zwar überzeugter Anhänger des Kapitalismus, wollte diesen aber „gerecht“ und „sozial ausgewogen“ wissen. Bis zur Rente blieb er SPD-Mitglied. Mit der Kanzlerschaft Schröders und der „Agenda 2010“ allerdings reichte es ihm; er trat aus der SPD aus („Das ist nicht mehr meine Partei!“) und war in seinen letzten Lebensjahren ATTAC-Mitglied.

In meiner Kindheit, als mein Vater seinen „Weg nach oben“ begann, war unsere soziale Lage für mich noch deutlich spürbar: Wohnsituation, städtisch gesponserte Ferienspiele und Sozialtickets für kinderreiche Familien, vor allem aber die liebevollen, doch eher bescheidenen Verhältnisse der Großeltern machten deutlich, welcher Klasse wir angehörten. Sie machten es deutlich, ohne dass es meinem kindlichen Verstand bewusst war. Es war einfach so. Ich erinnere mich an gelegentliche Besuche bei Schulkameraden aus „besseren Verhältnissen“, die z.B. in Eigenheimen wohnten: dass so wenig Leute soviel Platz bewohnen konnten und dies alles ihnen gehörte – statt wie wir mit 7 Leuten in einer engen Mietwohnung zu leben – war für mich ein tiefgreifender Eindruck.

Meine Jugend bis zur Volljährigkeit verbrachte ich dann in dem sorglosen Wohlstand einer Mittelschichtsfamilie. Auslandsreisen, Gymnasium, Abitur, Studium usw. waren möglich; Geld war vorhanden und wurde – jedenfalls bei entsprechender Gegenleistung in Form von schulischen und universitären Leistungen – auch gerne gegeben. Auch sonst ließ sich mein Vater nicht lumpen und half allen seinen Kindern mit Geld aus, wenn es mal knapp war.

Durch allerlei Umstände und einen höchst wechselvollen Lebensweg landete ich dann doch wieder bei den proletarischen Familienwurzeln und muss seit ca 2010 mit verschiedenen Niedriglohnjobs über die Runden kommen. Ich konnte jahrelang praktisch erfahren, was Armut bedeutet, was es heisst, am Monatsende gerade genug Geld für Miete und nicht verschiebbare Zahlungen zu haben.

Ich musste oft aus Geldmangel im Pflegeheim (meinem Arbeitsplatz) mitessen, da zuhause keine warme Mahlzeit drin war. Ausgaben über 50 EURO stellten mich vor Probleme. Die Angst, dass Waschmaschine oder Auto kaputt gehen oder eine Reparatur benötigen könnten, begleitete mich ständig. Offizielle Schreiben, die ja in der Regel meist Rechnungen und Mahnungen sind, öffnete ich nur mit Grausen. Das Auto musste ich schliesslich abschaffen, weil ich es mir nicht mehr leisten konnte – zum Glück war der Arbeitsplatz In der Nähe.

Die 10 – 15 Euro, die ich Sonntags rituell im Weimarer „Caféladen“ auszugeben pflegte, waren Gegenstand sorgfältiger Planung und Berechnung. Als ich meine Wochenstunden von 30 auf 35 erhöhte, um etwas mehr Geld übrig zu haben, wurde mir prompt das Wohngeld gestrichen, da ich mit mehr Wochenarbeitszeit oberhalb irgendwelcher Bemessungsgrenzen lag. Urlaub war ein Wort, das ich zwar kannte, aber das für mich lohnarbeitsfreie Zeit zuhause bedeutete.

Kurzum, Schmalhans war Küchenmeister und jeder Euro musste centweise mehrfach umgedreht werden.

Mittlerweile lebe ich, dank einer gut verdienenden Gattin und nach Umzug in die Alt-BRD, ein Mittelschichtsleben wie meinen Eltern nach erfolgtem sozialen Aufstieg. Autoreparaturen und Anschaffungen von Haushalts- oder IT-Geräten sind (zwar nicht andauernd, aber bei Bedarf) möglich, Urlaub ist kein Problem und Ausgaben unter 100 Euro kann man einfach so mal eben machen, ohne lange zu überlegen. Selbst die derzeitige Teuerung auf allen Gebieten, die absehbaren massiv erhöhten Energiekosten usw. lassen sich mit unserem soliden kumulierten Familieneinkommen vergleichsweise locker wegstecken.

Und das bringt mich zum Kern des Pudels bzw. zur Butter bei den Fischen: es ist ein Riesenunterschied, ob man genügend Geld übrig hat für die diversen kleinen Kosten des Lebens im Kapitalismus (inklusive Dinge, die man sich einfach nur kauft, weil man Spaß dran hat; inklusive „soziale Teilhabe“ wie Konzerte, kulturelle Veranstaltungen usw.) oder ob man all das nicht kann, weil das Reich der Freiheit nur den Niedriglohnsektor oder das Hartz4-Regime für einen vorgesehen hat.

Die Gemeinheit, Menschen in Armut leben zu lassen, indem man sie schlecht bezahlt; indem man sie von elenden staatlichen Transferleistungen zu leben zwingt; indem man ihnen auferlegt, dass ihr (Über-)Leben vollständig eine abhängigen Konstituente der Berechnungen anderer (nämlich von Staat und Kapital) ist: das ist ein recht widerlicher Zug dieses allseits gepriesenen Freiheitsladens.

Armut macht nämlich krank. Ich erinnere mich gut an den permanenten Stress, ob das Geld ausreicht, wo ich einsparen muss usw. Die Unterströmung dieser Daueranspannung ist armen Leuten ein fester Begleiter. Sowas geht über kurz oder lang auf die Gesundheit. Laut Statisten werden Arme schneller krank und sterben früher.

Darum ist das so eklig. Nicht, weil „das doch gar nicht nötig wäre in einem so reichen Land wie unserem“, sondern WEIL es nötig ist, um diesen Kapitalismus erfolgreich zu machen. Armut ist nicht das Zeichen, dass der Kapitalismus versagt, sondern im Gegenteil der Beleg dafür, WIE GUT er funktioniert. Ohne Armut kein Reichtum, ohne Verarmung der Leute keine Akkumulation von Geld und Kapital auf der Seite derjenigen, deren Einkommensquelle die Arbeit anderer ist.

DARUM gehört der Dreckskapitalismus abgeschafft. Nicht „gerechter“ gestaltet. „Gerechtigkeit“ ist was für Leute, die das, was sie „Ungerechtigkeit“ nennen als conditio sine qua non der Gesellschaft akzeptiert haben und nun ein bißchen Wohltätigkeit für die „sozial Schwachen“ spendiert haben möchten. Die Forderung nach „Gerechtigkeit“ ist Bittstellertum, Adressat ist die Obrigkeit.

Nachsatz: wer immer mir jetzt kommt mit „Jeder ist doch seines Glückes Schmied!“ und „Das hat sich doch jeder selbst ausgesucht; man kann doch einen Beruf ergreifen, in dem man viel bzw. genug Geld verdient!“, der wird zur Stunde seines Abschieds aus dieser Welt stantepede in die schlimmste aller Höllen befördert, die neoliberale Poesiealbumssprüche-Hölle.

Dort werden die Delinquenten in riesige Fässer voller Erfolgsmenschen-Achselschweiß getaucht und müssen sich tagein-tagaus Christian Lindner- und Annalena Baerbock-Reden anhören. Wenn sie aus den Fässern auftauchen zum Luftschnappen, kriegen sie von jeweils einem Dutzend freigesetzter Arbeiter, Niedriglöhner und Erwerbsloser eine Abreibung nach Maß verpaßt (deren blaue Flecken vor dem nächsten Tauchgang sofort wieder verschwinden).

China will continue to prioritize ecological conservation and pursue a green and low-carbon path to development

In westlichen Propagandamedien wie der „Tagesschau“ werden in Berichten über COP26 die VERURSACHER der globalen Naturzerstörung und der Ausbeutung jeglichen lebenden und unbelebten Inventars des Planeten, also westliche Anführer wie Johnson, Merkel und Biden, als Lichtgestalten der Klimapolitik dargestellt: voll des guten Willens, schwer entschlossen, ganz viel Verantwortung für eine ökologische Zukunft zu übernehmen und deswegen auch sehr betrübt, dass „Putin und Xi Jinping“ leider so gar nicht mitziehen bei diesem edlen Ziel der Menschheitsrettung, dem sie – die Anführer der Freien Welt – sich da verschreiben.

Der Durchschnittsuntertan, der diese Medien konsumiert, wird in den Glauben versetzt, dass „der Westen“ sich mal wieder ganz freiheitlich und demokratisch ernsthaft der Aufgabe Weltrettung und Klimakrisenbewältigung annimmt, während die Bösen Autokraten und Diktatoren wie immer nicht mitziehen und unsere gemeinsamen grundguten Anstrengungen nur sabotieren.

Währenddessen Präsident Xi per Video an die COP26-Teilnehmer:

Guided by the vision of a community of life for man and nature, China will continue to prioritize ecological conservation and pursue a green and low-carbon path to development. We will foster a green, low-carbon and circular economic system at a faster pace, press ahead with industrial structure adjustment, and rein in the irrational development of energy-intensive and high-emissions projects.

We will speed up the transition to green and low-carbon energy, vigorously develop renewable energy, and plan and build large wind and photovoltaic power stations.

Recently, China released two directives: Working Guidance for Carbon Dioxide Peaking and Carbon Neutrality in Full and Faithful Implementation of the New Development Philosophy, and the Action Plan for Carbon Dioxide Peaking Before 2030.“

https://socialistchina.org/2021/11/01/xi-jinpings-remarks-at-cop26-world-leaders-summit/?fbclid=IwAR3DEwYsEdG2KRev5Jr-x4Q0s8t6oIuQ5NGaXPCdaqAhjZogbhJ41E1DsQY

Philosophische Herbstgedanken

Ähneln alle, ich und du,

Nicht im Grunde diesem Schuh?

Alt, alleine, wartend nur,

Einsam, auf die Müllabfuhr?

Dieser Weg ist auch der deine:

Ohne Arme, ohne Beine,

Ohne Körper, ohne Geist,

Wirst du ins Jenseits eingespeist.

Und machst du dann die Augen zu,

Bleibt am Ende nur ein Schuh.

(Wenn du Glück hast)

Geschichten aus der Parallelrealität besserverdienender Leistungsträger: Selbstliebe für 10 Euro

Jetzt neu im Zeitschriftenregal:

„I am – Das Magazin für deine persönliche und spirituelle Weiterentwicklung“. Das ist kein Satireblatt, sondern offensichtlich ernst gemeint.

Für nur 10 Euro kann ich meinen “Weg zur Selbstliebe” und “neue Motivation” für meine „Träume und Ziele“ auffrischen bzw. erstmal entdecken – falls mein Niedriglohnjob, explodierende Energiekosten oder meine überteuerte Wohnung mich an der Stelle ein bißchen ins Defizit gebracht haben sollten.

Aber für Leute wie mich sind solche Erbauungspostillen nicht gemacht; eher schon für die Oberkasseler grünwählende Mutti, die ihre Kinder mit dem SUV die 500 Meter zum Geigenunterricht und in die Öko-Kita fährt, ehe sie ihre gleichermaßen und wortwörtlich gutbetuchten Freundinnen bei einer Vernissage zugunsten armer Negerkinder oder zur Rettung des Weltklimas trifft.