Mein neuestes Hobby ist die Nutzung von KI-Tools für kleine Animationsfilmchen. Ich wollte schon immer die Bilder, die in meinem Inneren entstehen, visualisieren. Vor allem diejenigen, die einem im Traum erscheinen, weil diese eine seltsame, irreale Magie haben, die sie – komischerweise gerade deswegen – sehr real macht. Jedenfalls als komplementärer Teil einer Erfahrungswelt, die meistens auf den Wachzustand und dessen oft unangenehme Erfordernisse reduziert ist: Geld verdienen, Nahrung aufnehmen und ausscheiden, dem Fortpflanzungstrieb gehorchenden Nistbau und Brutpflege treibend, sich mit der barbarischen Idiotie der kapitalistischen Ordnung der Dinge abplagen usw.
Als Kind genügten mir Papier und Buntstifte. Die Welten, die ich damit erschuf, strahlten dieselbe Faszination für mich aus wie heutige KI-Animationen. Je weiter ich in die Sache einsteige, umso länger werden die Filmchen. Inzwischen bin ich schon bei knapp vier Minuten angekommen, was in der Herstellung Stunden und Tage benötigt, vor allem was die akustische Bearbeitung betrifft. Natürlich wäre das alles zehnmal professioneller, wenn ich richtige Profitools nutzen könnte, statt meiner paar frei verfügbaren und der ein-zwei bezahlten Softwarewerkzeuge. Aber das kann ich mir nicht leisten.
Trotzdem finde ich die Resultate auch so schon ganz ansehnlich, weil sie meinen inneren Bildern ziemlich nahe kommen und weil sie dem irrealen, entrückten Traumzustand entsprechen, in dem man die absonderlichsten und den Naturgesetzen widersprechendsten Dinge erleben kann ohne das man sie in Frage stellen würde. Im Traum ist alles Realität. Und umgekehrt?
Gestern fand ein weihnachtliches Treffen des Sozialen Dienstes meiner Arbeitsstätte statt. Vordergründig sollte es die marktwirtschaftlichen Ansprüche an „Teambildung“, Stiftung von Zusammenhalt und persönlicher Kontaktpflege und dergleichen mehr erfüllen, in der Praxis ist es einfach die Gelegenheit, die vom Unternehmen für solche „Events“ zur Verfügung gestellten 25 Euro pro Kopf auf denselben zu hauen.
Mein Erscheinen stieß auf Verwunderung, denn in den vergangenen Jahren hatte ich mich von solchen Treffen ferngehalten. Ich erklärte den anderen, dass ich mich entschieden hätte, einmal zu schauen, was Erdlinge anlässlich solcher Zusammenkünfte so treiben würden – eine Auskunft, die nicht gelogen war und die die Kollegen zufriedenstellte, denn sie bestätigte ihnen das Bild vom schrulligen Teamsenioren mit dem Künstlertick, das sie von mir haben.
Als ich anschließend nach Hause fuhr, stand ich noch ganz unter dem Eindruck der dort stattgefundenen Interaktionen: man gab sich kollegial und kommunikativ, aber die Kommunikation beschränkte sich auf Anekdoten rund ums Trinken und auf die Art von lustigen Episoden und Ereignissen, die der Smalltalk solcher Treffen erfordert.
Heikle Themen v.a. politischer Art wurden – wie auf der Arbeitsstelle – bewusst vermieden. In den Gesprächen herrschte die vorsichtige Rede von Menschen, die seit einigen Jahren in einer gesellschaftlichen Realität leben, wo falsche Meinungen nicht nur geächtet, sondern mit spürbaren Nachteilen verbunden sind. Die Verhältnisse sind so, dass konträre Standpunkte nicht mehr diskutiert werden, sondern in der Regel sofort zu Streit und moralischer Verurteilung führen, sofern der geäußerte Standpunkt abweicht von der offiziell verkündeten regierungsseitig und medial verbreiteten Sichtweise.
Dabei sind die Kollegen allesamt sympathische und patente Menschen (wie man sie überdurchschnittlich häufig in den sozialen Berufen findet) und im direkten Gespräch durchaus in der Lage, den sozialen und politischen Niedergang des Landes, Kriegskurs, Verarmung und Arbeiterverarsche zu erkennen und zu kritisieren (besonders meine russische Kollegin, die natürlich immun ist für die allgegenwärtige russophobe Hysterie). In der Gruppe aber, in der Öffentlichkeit der Arbeitsstelle oder solch semi-privater Treffen, ist jede(r) bemüht, Vorsicht walten zu lassen, nichts „Falsches“ zu sagen und bei kontroversen Themen nicht anzuecken.
Diese die gesellschaftliche Debatte durchdringende Begrenzung und Einengung reicht in die Arbeitskollektive und bis in die Familien und Beziehungen hinein. Jedenfalls war die heutzutage übliche Zurückhaltung, ja Angst, etwas Falsches zu sagen, sich vielleicht sogar als Abweichler vom politischen und medialen Mainstream zu outen, in der Runde zum Greifen spürbar. Dadurch war das Ganze geprägt von einer gewissen Oberflächlichkeit und Beliebigkeit, in der jede(r) darauf achtete, der Fassade zu entsprechen, die er oder sie sich fürs Zurechtkommen in der rauer werdenden Welt aufgebaut hat.
Um all diese unerfreulichen Umstände möglichst wenig ins Bewusstsein dringen zu lassen, sprach man in unterschiedlichem Umfang gekauften und selbstgebrannten alkoholischen Getränken zu, die einige Kollegen stolz zur Verkostung mitgebracht hatten. Auch ich kostete von Himbeerschnaps und Honigmet und fand nichts zu bemängeln an den hochprozentigen Privatbränden meiner Kollegen. Dieser Umstand mag dazu beigetragen haben, dass ich spätabends bei meiner Rückkehr eine höchst seltsame Szene beobachten konnte, die sich direkt vor meinem Zuhause abspielte:
Ein überdimensionierter Hund spazierte alleine und in aller Seelenruhe die D***-Straße entlang, schnüffelte an den Bäumen und schien sich recht gut auszukennen. Ich hatte mich noch nicht von meiner Verwunderung erholt, als es endgültig bizarr wurde: ein gigantischer Kaffeebecher folgte dem Hund auf dem Fuße und zwinkerte mir schelmisch zu. Inzwischen war ich überzeugt, entweder zu halluzinieren oder mal wieder einer Verschiebung des Raum-Zeit-Kontinuums beizuwohnen, mittels derer kurzzeitig Phänomene aus den diversen Quantenrealitäten in unsere Welt gelangen können.
Der Kaffeebecher schwankte also vorüber, aber was dann kam, war noch merkwürdiger in dieser an merkwürdigen Erscheinungen reichen Szenerie vor meiner Haustür. Zunächst hüpfte ein Känguruh vorbei und ließ sich dabei auch nicht von vorüberfahrenden Autos stören (noch rätselhafter: die Autofahrer umgekehrt auch nicht von dem erstaunlich großen australischem Beuteltier).
Dann kam eine Ameise gemächlich anspaziert, aber eine von der Größe eines Pferdes. Nicht nur ihr Körper war um ein Hundertfaches vergrößert im Vergleich zu normalen Ameisen, sondern auch die Laute, die sie vernehmen ließ. Zum ersten Mal hörte ich die Geräusche, die „Sprache“ der Ameisen – eine Art schabendes Krächzen, eindeutig insektoid und ein bißchen unheimlich.
Es wurde dann aber noch unheimlicher. Gevatter Tod selbst erschien, diesmal aus der entgegengesetzten Richtung, und eilte einigermaßen zielstrebig einem – wie ich vermutete – „Kunden“ zu. Er war fast an mir vorüber, als der angstvolle Ausruf eines von dem Anblick erschrockenen nächtlichen Passanten ihn ablenkte und zum Innehalten veranlaßte. Der Passant allerdings hatte sich blitzartig verkrümelt und ich blieb als einziger Zeuge der heiklen Situation übrig.
Ich hatte keine Lust auf ein Gespräch mit dem Sensenmann, meine Zeit war meiner Auffassung nach noch lange nicht gekommen (aber das denkt sicher jeder, dem Freund Hein seine Aufwartung macht). Er hatte mich jedoch schon bemerkt, wandte mir sein Knochengesicht zu und kam immer näher, wie um mich genauer in Augenschein zu nehmen (wenn er denn Augen gehabt hätte). Es war klar, dass ich keinerlei Chance zur Flucht mehr hatte, und außerdem war ich paralysiert wie in einem jener Träume, in denen man angesichts drohender Gefahr kein Glied und keinen Muskel mehr bewegen kann.
Dann aber geschah etwas so Unerklärliches, dass mein Verstand aussetzte und selbst der einfache Vorgang der Wahrnehmung dessen, was sich vor meinen Augen abspielte, mir kaum noch möglich war – so absurd und abrupt war es. Unter der schwarzen Kutte des Knochenmannes nämlich verwandelte sich sein gräßlicher Totenschädel in ein pralles und properes Babygesicht. Das Kleinkind – oder was immer das jetzt war – lächelte mich freundlich, vielleicht auch etwas spöttisch, an und war fast im selben Moment verschwunden, und mit ihm der ganze Spuk auf der D***-Straße.
Ich befand mich plötzlich in meiner Wohnung im oberen Stockwerk, wo mich der Hund schwanzwedelnd begrüßte und alles wie immer wirkte.
Direkt bei mir um die Ecke liegt der Belsenplatz, ein Verkehrsknotenpunkt in Oberkassel, an dem Busse und Straßenbahn aus allen Richtungen halten, sich umschauen und auf Fahrgäste warten, um anschließend weiterzufahren nach Neuss, Krefeld, rüber in die Innenstadt oder in andere unbekannte, rätselhafte und seltsame Gefilde.
Wenn man in die falsche – manche sagen „in die richtige“ – Straßenbahn einsteigt, gerät man gelegentlich in eine Art Zeitdilatation, die einen in eine parallel Realität befördert, wo sich Häuser bewegen, Menschen fliegen und generell Dinge nicht das sind, was sie zu sein scheinen.
Wer das Glück hat, Zeuge dieser erstaunlichen Begebenheiten zu werden, darf sich als Gesegneter des Daseins bezeichnen. Aber er kann’s auch lassen und wieder nach Hause gehen.