Geschichten die das Leben schrieb: Weihnachten, Familienidylle und der Weinschlauch

Weihnachten! Das Fest der Liebe und der familiären Harmonie! Die Heilige Zeit von Eintracht, Gemütlichkeit und gemeinsamer Besinnlichkeit! Einklang bei Speis‘ und Trank unterm Tannenbaum und am Gabentisch! Einmal im Jahr wenigstens Friede, Freude, Fröhlichkeit!

Seit dem ersten Weihnachtsfeiertag klingelt bei uns mehrfach am Tag das Telefon und die Sippschaft der Liebsten, vorrangig meine 86jährige Schwiegermutter, meldet sich mit den neuesten

Berichten zu dem wunderbaren Fest, das alle wieder mal gehabt haben und noch haben. Sie vermeldet, wie sehr „sich die Kinder gefreut haben“, wie (nach einigen kritischen Phasen) gelungen der Sauerbraten war und wie er allen geschmeckt hat, wie rundum schön also alles wieder war.

Überflüssig zu erwähnen, dass sämtliche Geschichten, die sie erzählt, zum Großteil Fake News sind, denn die extrem gut situierte Verwandtschaft meiner Frau ist ein streitsüchtiger Haufen cholerischer Bourgeois – ich selbst bin dort einst aus guten Gründen als unsicherer kommunistischer Kantonist mit Hausverbot belegt worden, und ziehe es auch nach offizieller Aufhebung dieser mir höchst willkommenen Maßnahme vor, mich komplett von dem ganzen Verein fernzuhalten.

Neben dem ausführlichen Eigenlob der Schwiegermutter, das ca. drei Viertel ihrer Reportagen von der Weihnachstfront einnimmt, erfährt man aber auch Begebenheiten vom Fest, die für diese bürgerlichen Charaktermasken anscheinend untrennbar dazugehören: wer sich mit wem wieder wie laut gestritten hat, welches Geschenk komplett fehl am Platze und Auslöser für weiteren Streit war, und dergleichen mehr.

Aktuell gibt es ein Riesendrama um eine der Enkelinnen, die das Auto ihrer Eltern in ein anderes gecrasht hat, ohne in die Versicherungspolice eingeschlossen zu sein. Da meine Herzdame nicht nur hochkarätige Assekuranzfachfrau ist, sondern in solchen Situationen stets Nüchternheit, Übersicht und kühlen Kopf bewahrt, ist sie einen Nachmittag lang quasi die telefonische Auskunftszentrale für ihre Sippe.

Ich selbst bin Zweit- oder Drittkonsument all dieser Informationen, denn auch vom häuslichen Festnetzanschluß halte ich mich wohlweislich konsequent fern. Wenn das Festnetztelefon klingelt, kann es nämlich nur die Verwandtschaft der Frau sein. Letztere allerdings setzt mich gelegentlich ins Bild über die wüsten Vorkommnisse und Insider-Reports aus dem Familiensumpf – weniger, weil es mich interessieren würde als um selber Dampf abzulassen und sich eine Atempause zu verschaffen.

Diesmal stürmt sie entnervt in die Küche, nachdem sie sehr hörbar den Hörer zurück auf die Station befördert hat. „Alkohol!“, lautet ihr Stoßseufzer, obwohl sie mal wieder der Figur wegen (unnötig) und überhaupt (erst recht unnötig) zumindest bis zum Jahresende drogenfrei leben wollte. Sie informiert mich, dass „die alle irre sind“ und es „kein Wunder ist, wenn man sein Leben auf der Überholspur lebt und sich in der Realität nicht auskennt“. Sie beendet ihre Ausführungen mit der bildhaften Schilderung ihres Bedürfnisses, Gehörtes und Restfamilie seelisch zu verarbeiten: „Die sind alle so gestört, dass es nicht zu fassen ist. Und dann rufen sie MICH an, wenn sie in ihrem Irrsinn wieder Scheiße gebaut haben. Ich brauch‘ jetzt kein Glas Wein, ich könnte mich direkt unter einen Weinschlauch legen…“

Einen solchen haben wir zwar nicht vorrätig, aber ihrem Wunsch kann auch auf andere Weise entsprochen werden, denn das Weinregal ist gut gefüllt und der Abend jung. Nach der abendlichen Hunderunde stoße ich gerne mit ihr an – auf den Umstand, dass wir uns aus weihnachtlichen Zusammenkünften dieser Art raushalten. 

Geschichten die das Leben schrieb: Home Sweet Home

Gestern fand ein weihnachtliches Treffen des Sozialen Dienstes meiner Arbeitsstätte statt. Vordergründig sollte es die marktwirtschaftlichen Ansprüche an „Teambildung“, Stiftung von Zusammenhalt und persönlicher Kontaktpflege und dergleichen mehr erfüllen, in der Praxis ist es einfach die Gelegenheit, die vom Unternehmen für solche „Events“ zur Verfügung gestellten 25 Euro pro Kopf auf denselben zu hauen.

Mein Erscheinen stieß auf Verwunderung, denn in den vergangenen Jahren hatte ich mich von solchen Treffen ferngehalten. Ich erklärte den anderen, dass ich mich entschieden hätte, einmal zu schauen, was Erdlinge anlässlich solcher Zusammenkünfte so treiben würden – eine Auskunft, die nicht gelogen war und die die Kollegen zufriedenstellte, denn sie bestätigte ihnen das Bild vom schrulligen Teamsenioren mit dem Künstlertick, das sie von mir haben.

Als ich anschließend nach Hause fuhr, stand ich noch ganz unter dem Eindruck der dort stattgefundenen Interaktionen: man gab sich kollegial und kommunikativ, aber die Kommunikation beschränkte sich auf Anekdoten rund ums Trinken und auf die Art von lustigen Episoden und Ereignissen, die der Smalltalk solcher Treffen erfordert.

Heikle Themen v.a. politischer Art wurden – wie auf der Arbeitsstelle – bewusst vermieden. In den Gesprächen herrschte die vorsichtige Rede von Menschen, die seit einigen Jahren in einer gesellschaftlichen Realität leben, wo falsche Meinungen nicht nur geächtet, sondern mit spürbaren Nachteilen verbunden sind. Die Verhältnisse sind so, dass konträre Standpunkte nicht mehr diskutiert werden, sondern in der Regel sofort zu Streit und moralischer Verurteilung führen, sofern der geäußerte Standpunkt abweicht von der offiziell verkündeten regierungsseitig und medial verbreiteten Sichtweise.

Dabei sind die Kollegen allesamt sympathische und patente Menschen (wie man sie überdurchschnittlich häufig in den sozialen Berufen findet) und im direkten Gespräch durchaus in der Lage, den sozialen und politischen Niedergang des Landes, Kriegskurs, Verarmung und Arbeiterverarsche zu erkennen und zu kritisieren (besonders meine russische Kollegin, die natürlich immun ist für die allgegenwärtige russophobe Hysterie). In der Gruppe aber, in der Öffentlichkeit der Arbeitsstelle oder solch semi-privater Treffen, ist jede(r) bemüht, Vorsicht walten zu lassen, nichts „Falsches“ zu sagen und bei kontroversen Themen nicht anzuecken.

Diese die gesellschaftliche Debatte durchdringende Begrenzung und Einengung reicht in die Arbeitskollektive und bis in die Familien und Beziehungen hinein. Jedenfalls war die heutzutage übliche Zurückhaltung, ja Angst, etwas Falsches zu sagen, sich vielleicht sogar als Abweichler vom politischen und medialen Mainstream zu outen, in der Runde zum Greifen spürbar. Dadurch war das Ganze geprägt von einer gewissen Oberflächlichkeit und Beliebigkeit, in der jede(r) darauf achtete, der Fassade zu entsprechen, die er oder sie sich fürs Zurechtkommen in der rauer werdenden Welt aufgebaut hat.

Um all diese unerfreulichen Umstände möglichst wenig ins Bewusstsein dringen zu lassen, sprach man in unterschiedlichem Umfang gekauften und selbstgebrannten alkoholischen Getränken zu, die einige Kollegen stolz zur Verkostung mitgebracht hatten. Auch ich kostete von Himbeerschnaps und Honigmet und fand nichts zu bemängeln an den hochprozentigen Privatbränden meiner Kollegen. Dieser Umstand mag dazu beigetragen haben, dass ich spätabends bei meiner Rückkehr eine höchst seltsame Szene beobachten konnte, die sich direkt vor meinem Zuhause abspielte:

Ein überdimensionierter Hund spazierte alleine und in aller Seelenruhe die D***-Straße entlang, schnüffelte an den Bäumen und schien sich recht gut auszukennen. Ich hatte mich noch nicht von meiner Verwunderung erholt, als es endgültig bizarr wurde: ein gigantischer Kaffeebecher folgte dem Hund auf dem Fuße und zwinkerte mir schelmisch zu. Inzwischen war ich überzeugt, entweder zu halluzinieren oder mal wieder einer Verschiebung des Raum-Zeit-Kontinuums beizuwohnen, mittels derer kurzzeitig Phänomene aus den diversen Quantenrealitäten in unsere Welt gelangen können.

Der Kaffeebecher schwankte also vorüber, aber was dann kam, war noch merkwürdiger in dieser an merkwürdigen Erscheinungen reichen Szenerie vor meiner Haustür. Zunächst hüpfte ein Känguruh vorbei und ließ sich dabei auch nicht von vorüberfahrenden Autos stören (noch rätselhafter: die Autofahrer umgekehrt auch nicht von dem erstaunlich großen australischem Beuteltier).

Dann kam eine Ameise gemächlich anspaziert, aber eine von der Größe eines Pferdes. Nicht nur ihr Körper war um ein Hundertfaches vergrößert im Vergleich zu normalen Ameisen, sondern auch die Laute, die sie vernehmen ließ. Zum ersten Mal hörte ich die Geräusche, die „Sprache“ der Ameisen – eine Art schabendes Krächzen, eindeutig insektoid und ein bißchen unheimlich.

Es wurde dann aber noch unheimlicher. Gevatter Tod selbst erschien, diesmal aus der entgegengesetzten Richtung, und eilte einigermaßen zielstrebig einem – wie ich vermutete – „Kunden“ zu. Er war fast an mir vorüber, als der angstvolle Ausruf eines von dem Anblick erschrockenen nächtlichen Passanten ihn ablenkte und zum Innehalten veranlaßte. Der Passant allerdings hatte sich blitzartig verkrümelt und ich blieb als einziger Zeuge der heiklen Situation übrig.

Ich hatte keine Lust auf ein Gespräch mit dem Sensenmann, meine Zeit war meiner Auffassung nach noch lange nicht gekommen (aber das denkt sicher jeder, dem Freund Hein seine Aufwartung macht). Er hatte mich jedoch schon bemerkt, wandte mir sein Knochengesicht zu und kam immer näher, wie um mich genauer in Augenschein zu nehmen (wenn er denn Augen gehabt hätte). Es war klar, dass ich keinerlei Chance zur Flucht mehr hatte, und außerdem war ich paralysiert wie in einem jener Träume, in denen man angesichts drohender Gefahr kein Glied und keinen Muskel mehr bewegen kann.

Dann aber geschah etwas so Unerklärliches, dass mein Verstand aussetzte und selbst der einfache Vorgang der Wahrnehmung dessen, was sich vor meinen Augen abspielte, mir kaum noch möglich war – so absurd und abrupt war es. Unter der schwarzen Kutte des Knochenmannes nämlich verwandelte sich sein gräßlicher Totenschädel in ein pralles und properes Babygesicht. Das Kleinkind – oder was immer das jetzt war – lächelte mich freundlich, vielleicht auch etwas spöttisch, an und war fast im selben Moment verschwunden, und mit ihm der ganze Spuk auf der D***-Straße.

Ich befand mich plötzlich in meiner Wohnung im oberen Stockwerk, wo mich der Hund schwanzwedelnd begrüßte und alles wie immer wirkte.

Wo die Erft den Rhein begrüßt

Neuss! Das Elend an der Erft!
Neuss! Die Stadt, die jeden nervt,
der im Schrank noch alle Tassen,
hat und nicht vollendet blöde
ist und es nicht fassen
kann, dass dieser Ort der Öde
überhaupt sich „Stadt“ benennt!

Neuss, das nur Misere kennt!
Ein Ort, so langweilig und grässlich,
dessen Innenstadt so hässlich,
dass ein Laden nach dem andern
sich entscheidet abzuwandern
und der hier verblieb‘ne Rest
gezwungen ist, beim Schützenfest
– misslingt‘s ihm, vorher wegzulaufen –
drei Tage lang sich zu besaufen.

Neuss, du weißt, ich spreche wahr.
“Ich grüße dich, Novesia!“

Geschichten die das Leben schrieb (bzw. zeichnete): Belsenplatz

Direkt bei mir um die Ecke liegt der Belsenplatz, ein Verkehrsknotenpunkt in Oberkassel, an dem Busse und Straßenbahn aus allen Richtungen halten, sich umschauen und auf Fahrgäste warten, um anschließend weiterzufahren nach Neuss, Krefeld, rüber in die Innenstadt oder in andere unbekannte, rätselhafte und seltsame Gefilde. 

Wenn man in die falsche – manche sagen „in die richtige“ – Straßenbahn einsteigt, gerät man gelegentlich in eine Art Zeitdilatation, die einen in eine parallel Realität befördert, wo sich Häuser bewegen, Menschen fliegen und generell Dinge nicht das sind, was sie zu sein scheinen.

Wer das Glück hat, Zeuge dieser erstaunlichen Begebenheiten zu werden, darf sich als Gesegneter des Daseins bezeichnen. Aber er kann’s auch lassen und wieder nach Hause gehen.

Einfach fühlen (statt denken)

Ein Plakat, das einem derzeit in Düsseldorf häufig begegnet. Es bewirbt ein Benefizkonzert, das wohl alle Jahre wieder veranstaltet wird. Interessant in diesem Zusammenhang ist weniger die Veranstaltung selber als der Slogan des Veranstaltungsortes, der renommierten Düsseldorfer Tonhalle: „Einfach fühlen“ soll man das Dargebotene, was immer das auch gerade ist.

Und das scheint mir symptomatisch für den gesamten gefühligen Zeitgeist, der sich freiwillig vom Denken, erst recht vom Nachdenken, verabschiedet hat, um ganz im Hier und Jetzt, im Moment, im Genuss des Augenblicks aufzugehen (im Grunde einer Losung von Esoterikern und sonstig spirituell Bewegten).

„Einfach fühlen“ – das Leben ist hart genug! Die Zumutungen, die von allem Seiten auf einen einstürmen, multiplizieren sich ständig, es wird immer schwieriger über die Runden zu kommen. Krieg liegt in der Luft und gerade hier wird von Staat und Regierung gefordert, das Denken einzustellen und sich ganz aufs Gefühl, nämlich die Moral, zu verlassen. Wie die geht, buchstabiert einem die Regierung vor: „Der Russe ist böse und darum brauchen wir Krieg.“

Das sollen wir „einfach fühlen“. Leider – aus Regierungssicht – tun das immer noch viel zu wenige Deutsche, wodurch es an der geforderten Kriegsbereitschaft mangelt. Dem abzuhelfen, haben Staat, Kapital und Nation die botmäßigen und willfährigen Medien eingespannt, bzw.. diese kommen freiwillig und mit (Geschütz-)Feuereifer herbei geeilt, um die Bundesbürger entsprechend zu bearbeiten.

„Einfach fühlen“, dann wird’s schon mit dem Endsieg.

Mein Oberkassel

Als Wohnstandort ist Oberkassel äußerst beliebt, da es hier viele der in Düsseldorf begehrten großen Altbauwohnungen gibt und der Stadtteil zugleich eine gute und gehobene Infrastruktur bietet. Die in Rheinlage liegenden Wohnungen bieten zum Teil schöne Ausblicke auf die Düsseldorfer Skyline und gehören zu den teuersten Wohnlagen der Landeshauptstadt. Oberkassel hat, wie das benachbarte Niederkassel, einen hohen Anteil an japanischen Einwohnern. Die Japaner machen in dem Stadtteil mit 23,5 % die mit Abstand größte Ausländergruppe aus. Die starke, auch internationale Nachfrage nach Oberkasseler Wohnimmobilien führte in den letzten Jahrzehnten zu einem starken Preisanstieg mit einhergehender Gentrifizierung. Dies führte dazu, dass Oberkasseler Immobilien nicht nur zu den teuersten in Düsseldorf, sondern teilweise auch zu den teuersten Immobilien Deutschlands zählen.  (Wikipedia)

Als ich in Weimar lebte, dachte ich, ich hätte meinen endgültigen Platz in Deutschland gefunden. Den ersten, der mich auf gewisse Weise mit dem Aufenthalt und dem Leben in Deutschland versöhnt. Erstens weil das Territorium der DDR auch Jahrzehnte nach der Annektion sehr viele mentale Vibrationen der vier Jahrzehnte Sozialismus aufwies, hauptsächlich natürlich in den Interaktionen mit den Arbeitskollegen und Leuten, die von dort stammten. 

Zweitens auch, weil die Dichotomie des deutschen Daseins nirgendwo so deutlich zu Tage zu treten scheint wie ausgerechnet in Weimar, der Stadt Goethes, Schillers, Herders, Bachs und all der anderen Geistesgrößen und Künstler, die noch heute das kaum kriegsversehrte Städtchen zu einem lebendigen Museum der höchsten Gipfel des Denkens und der Kunst machen. Auf der anderen Seite das direkt vor den Toren der Stadt, auf der Rückseite vom Ettersberg, gelegene Konzentrationslager Buchenwald. Man hat hier sozusagen die höchsten Höhen und die tiefsten Höllen der menschlichen Erfahrung beieinander. Und zwar dicht beieinander.

In Düsseldorf ist das anders. Hier ist alles Oberfläche, alles Schein, alles Glitzer und Tand, allerdings im linksrheinischen Stadtteil Oberkassel veredelt und mit der Patina behaglicher Bürgerlichkeit versehen, ausgestrahlt von den eleganten, schönen Altbauten, wo kein Haus wie das andere aussieht, wo man sich nicht sattsehen kann an der gepflegten, kreativen und abwechslungsreichen Bürgerarchitektur vom Beginn des 20. Jahrhunderts.

Die Höllenbereiche, die Abgründe der conditio humana lauern hier nicht so offensichtlich gleich um die Ecke. Sie werden nicht quasi auf dem Silbertablett präsentiert wie in Weimar/Buchenwald, sondern verbergen sich hinter der schnöselig-routinierten Abgeklärtheit der Wohlstandsbürger, der betuchten und gutverdienenden Einwohner dieses Stadtteils, in ihrem Gehabe, in den flüchtigen Gesprächsfetzen, die man beim Einkaufen oder Spazierengehen aufschnappt, in den Hipster-Läden, in den die Young Urban Professionals ihr reichlich bemessenes Spielgeld verplempern, in den vollen Restaurants – überall spürt man, gerade jetzt, im beschleunigten Niedergang der kapitalistischen Reichtumsproduktion, den Tanz auf den Vulkan, der hier stattfindet.

Man schaut mit dem Röntgenblick historisch-materialistischer Bildung (sowie der Kenntnis der aktuellen politökonomischen Verhältnisse) in die Abgründe von Ausbeutung, Gewalt und Verlogenheit, die den Reichtum der wirklich Reichen und die immer noch stattlichen Brosamen für die gehobene Mittelklasse und die Erfüllungsgehilfen der Bourgeois-Eliten möglich machen, und man merkt die Fadenscheinigkeit dieses Zustandes, den die Wohlstandsscheuklappen der Oberkasseler ihren Trägern als „Normalität“ suggerieren.

Man spürt allenthalben, in den zunehmend gereizten Reaktionen auf Kleinigkeiten, in Gesprächen und im Stimmungsklima auf Straßen und Plätzen, dass Leute, die etwas zu verlieren haben – und davon gibt’s hier im Viertel mehr als anderswo – schnell ihre bürgerliche Contenance verlieren, wenn‘s ans Eingemachte geht. Das Eingemachte sind die Vermögenswerte, der Einkommenszufluss, die ganze gehobene und bequeme Situation von „Besserverdienern“, deren Welt wenig zu tun hat mit dem immer härter werdenden Daseinskampf der übrigen lohnarbeitenden Klasse. Technisch gesehen ist auch die Mehrheit der Bewohner Oberkassels der Kategorie „Lohnarbeit“ zuzurechnen, minus den Anteil an Freiberuflen, Selbständigen und Unternehmern, die es hier ebenfalls überdurchschnittlich häufig gibt. Nur heißt der Lohn bei ihnen „Gehalt“ und beläuft sich auf ein Vielfaches der Bezüge einer Verkäuferin, einer Pflegekraft oder eines Kellners.

Die Mehrheit dieser Zeitgenossen wird jeden Angriff auf ihr „Eingemachtes“ als Anschlag auf ein als selbstverständliches empfundenes Privileg wahrnehmen und ihren Status mit Zähnen und Klauen zu verteidigen suchen. Bzw. diejenigen politischen Kräfte unterstützen und ermächtigen, die die Kontinuität dieses schönen Lebens versprechen.

Dudeismus in Düsseldorf

Der Film „The Big Lebowski“ (1998) von den Coen Brothers hat im Laufe der Zeit nicht nur Kult-Status erlangt, sondern eine Religion gestiftet, die den herkömmlichen Sekten in nichts nachsteht – ja, sie meiner Ansicht nach weit übertrifft:

„Dudeismus ist eine satirische Weltanschauung, die auf der Filmfigur “The Dude” aus dem Film The Big Lebowski basiert und eine entspannte, fatalistisch-entspannte Lebensweise propagiert. Inspiriert vom chinesischen Taoismus und den Gedanken Epikurs, fordert der Dudeismus dazu auf, “es leicht zu nehmen” (Take it easy) und sich dem Fluss des Lebens hinzugeben. Die Bewegung wurde 2005 gegründet und hat eine weltweite Gemeinschaft von registrierten Anhängern, die sich selbst als “Dudisten” bezeichnen. (…)

Ob Dudeismus als vollwertige Religion anzusehen ist, ist ungeklärt. Es gibt derzeit über 800.000 Benutzer, die sich auf der Dudeismus-Website als „Priesterinnen und Priester“ (offizielle Anhänger) registriert haben (…). 

Die zentrale Schrift ist The Tao Dude Ching / The Dude De Ching (2009), in dem das Tao Te Ching mit Dialogen und Handlungssträngen aus dem Film The Big Lebowski verbunden wird.Es finden auch regelmäßige Treffen von Anhängern des Dudeismus (Dude / Lebowski Fests) statt.

Seit 2018 besteht die Website „Abide University“ mit dem Ziel, „vernünftige und pragmatische Ansätze zum guten Leben“ zu erarbeiten.“

Das hört sich insgesamt so solide an, dass auch ich mich ab sofort zum Dudeismus bekenne, natürlich in seiner kommunistischen Variante.

Zum Welttag des Hundes: Ein Besuch in der Düsseldorfer Innenstadt

Anlässlich des Welttages des Hundes, der am heutigen 10. Oktober begangen wird (keine Ahnung, wer sich das wieder ausgedacht hat), begab ich mich mit meinem treuen Vierbeiner in die Düsseldorfer Innenstadt, um dort an einer Demonstration gegen Leinenpflicht und für mehr Tierliebe teilzunehmen. Oder so etwas ähnlichem. Die genauen Losungen und Parolen der Demo gingen irgendwie im Gebell der zahlreichen Tölen und Köter unter.

Das erstaunliche war jedoch der klaftertiefe Schlund, der sich inmitten der Düsseldorfer Einkaufspassage in der Innenstadt auftat und in den die Passanten reihenweise hineinstolperten und -stürzten. Am Grund des Schlunds standen von hämisch grinsenden Teufeln gewartete Kessel für die Unglücklichen, in denen die Gefallenen zu einer Art Hirsebrei verkocht wurden, der anschließend an grotesk muskulöse Höllenhunde verfüttert wurde. Scheinbar hatten also auch die Dämonen der Hölle ihren eigenen „Welttag des Hundes“.

Am Merkwürdigsten war allerdings die völlige Ignoranz der Wochenendeinkäufer und Spaziergänger, die allesamt gar nicht bemerkten, welche Gefahr da direkt vor ihren Augen lauerte und sie zu verschlucken drohte. Sie gingen alle ihren verschiedenen Geschäftigkeiten nach und selbst wenn einer von ihnen in den Höllenschlund fiel, registrierte es niemand und alles lief weiter wie gewohnt.

Zu Glück hatte mir irgendjemand ein Glas exzellenten Rotweines gereicht, so daß ich mir das Treiben einigermaßen entspannt anschauen konnte, ohne selbst Gefahr zu laufen, in diesen Schlund zu fallen. Mein Hund zerrte an der Leine und wollte erkennbar weg von dieser merkwürdigen Szenerie, die für seinen Hundeverstand eindeutig zu absurd und ungewohnt war, um sie in seiner gewohnten Weltordnung unterbringen zu können. Da es ja nun mal „Welttag des Hundes“ war und es keinen „free re-fill“ des bemerkenswert edlen Tropfens gab, beschloss ich, mit der U75 nach Hause zu fahren und das Gesehene zu vergessen.