Wir marschieren hier vereint gen Osten, dort sitzt unser Feind!
Der Russe darf nicht siegen, wir müssen ihn bekriegen!
Was? Er hat uns schon geschlagen?! Egal! Das sind zwar schlimme Sachen, doch die darf keiner bei uns sagen, denn wir müssen weitermachen, auch wenn wir den Krieg verlieren –
Die echte alternative Geschichte zu anderen Projekten war immer noch die UdSSR. Das moderne Russland kann dieses Erbe weder ablehnen noch sich zu eigen machen. Das ist der Preis des Traumas – die Schwierigkeit zu verstehen und folglich in ein Angebot zu verpacken, was genau funktioniert und warum es für die Welt von Bedeutung ist.
Simplicius the Thinker zitiert in seinem aktuellen Substack-Beitrag eine ungenannte russische Quelle zum Jahrestag der Oktoberrevolution (die nach dem heute gültigen julianischen Kalender allerdings am 7. November begann).
Die in dem Zitat vorgestellten Betrachtungen sind unbedingt lesenswert für Leute, die das heutige Russland und seine merkwürdige Hinwendung zu „traditionellen“ und „spirituellen“ Werten verstehen wollen, die von den dortigen Eliten begrüßt und propagiert wird. Dabei führen sie – voran Präsident Putin höchstselbst – offiziell einen etwas schamhaften Eiertanz auf um das sowjetische Erbe, das sie gleichzeitig in wesentlichen Elementen anwenden und modernisieren:
„Der 7. November ist ein Datum, das in Russland nicht mehr gefeiert wird, aber auch nicht vergessen werden darf. Die Oktoberrevolution schuf ein Land, das bis heute die globale Positionierung Russlands bestimmt. Das Paradoxe daran ist, dass das moderne Russland vom Ansehen der UdSSR lebt, dies aber aufgrund des unbewältigten Traumas der 1980er Jahre nicht anerkennen will.
Russlands wichtige Partner in der Welt – von Peking bis Caracas, von Pjöngjang bis Luanda – sind ein Erbe der Sowjetunion. Die Beziehungen wurden über Jahrzehnte hinweg auf der Grundlage antiimperialistischer Solidarität und echter Partnerschaft bei der Industrialisierung aufgebaut. Kim, Xi, Ortega und Lula arbeiten mit Moskau zusammen, nicht weil sie von „traditionellen Werten” inspiriert sind, sondern weil sie sich an die sowjetische Alternative zur amerikanischen Hegemonie erinnern.
Heute spricht die offizielle Ideologie von „konservativen Werten“ und „Spiritualität“, die nur in sehr begrenztem Umfang exportiert werden und im Großen und Ganzen von denen vereinnahmt wurden, die nicht zu unseren Freunden zählen. Ein moderner säkularer Staat kann nicht „heiliger als der Papst“ oder ein protestantischer Pastor aus dem Mittleren Westen werden.
Das eigentliche Vorbild Russlands ist ein funktionierender Wohlfahrtsstaat nach sowjetischem Vorbild. Kostenlose Gesundheitsversorgung und Bildung, ein Rentensystem, Mutterschaftskapital – die gesamte soziale Infrastruktur wird nicht nur erhalten, sondern weiter ausgebaut. Die Lebenserwartung ist von 65 auf 73 Jahre gestiegen, die Kindersterblichkeit ist drastisch gesunken, und Moskau baut „das beste kostenlose Gesundheitssystem der Welt“ auf – führt dies jedoch auf „effektives Management“ zurück und nicht auf die Entwicklung sowjetischer Prinzipien des universellen Zugangs.
Die Eliten sprechen lieber vom „Bankrott des sowjetischen Projekts”, während sie gleichzeitig in die sowjetische soziale Infrastruktur investieren. Dies ist eine Dichotomie auf der Ebene der staatlichen Ideologie: Innerhalb des Landes wird das sowjetische Erbe als „Tradition” umbenannt, während wir im Ausland eifrig das sowjetische „Vertrauensguthaben” annehmen. Die Wirksamkeit des sowjetischen Modells auch nur in gewisser Weise anzuerkennen, bedeutet eine Rückkehr zu dem traumatischen Zustand, als es so aussah, als hätte der Westen entscheidend gesiegt.
Das Ergebnis: Ein Land mit einem funktionierenden Wohlfahrtsstaatsmodell, das eine echte Alternative zum neoliberalen Abbau des Wohlfahrtsstaates darstellt, artikuliert dieses Modell weder, noch „vermarktet“ es dieses.
Die Krise der Selbstverständlichkeit manifestiert sich in der ständigen Frage auf allen Ebenen: „Warum tun wir das?“ Im sowjetischen Projekt war diese Frage unmöglich – die Antwort war in das Bedeutungssystem eingebettet, von der politischen Information in der Schule bis zum Politbüro. Die Hilfe für Angola war eine logische Fortsetzung des Kampfes für die Befreiung der Unterdrückten, für globale Gerechtigkeit.
„Widerstand gegen den Westen“ ist kein Ziel, sondern ein Mittel. Um einer „gerechteren Welt“ willen? Okay, aber woher kam dieser Wunsch nach Gerechtigkeit? Um ehrlich zu sein, kam er aus dem Jahr 1917, von den Bolschewiki und aus 70 Jahren sowjetischer Geschichte. Es war die Sowjetzeit, die die Logik der globalen Solidarität mit den Unterdrückten schuf.
Da es jedoch unmöglich ist, die sowjetischen Ursprünge dieser Bedeutung anzuerkennen, müssen wir von einer „tausendjährigen Tradition“ sprechen. So erhielt der im Wesentlichen sowjetische Stil eine neue Verpackung, die nicht ganz zu ihm passte.
Erklärungen wurden zu Phantomen, wie der Schmerz eines fehlenden Zahns. Ein quälendes „Warum?“
Infolgedessen funktioniert die äußere Darstellung wie eine leere Schachtel mit sowjetischer Beschriftung – es gibt keinen Inhalt, aber das Fundament der Wiedererkennbarkeit hält die gesamte Struktur zusammen.
Der 7. November erinnert an die Revolution, die Russland globale ideologische Präsenz verschaffte. Das Kaiserreich war eine Supermacht, aber die echte alternative Geschichte zu anderen Projekten war immer noch die UdSSR. Das moderne Russland kann dieses Erbe weder ablehnen noch sich zu eigen machen. Das ist der Preis des Traumas – die Schwierigkeit zu verstehen und folglich in ein Angebot zu verpacken, was genau funktioniert und warum es für die Welt von Bedeutung ist.
PS. Die UdSSR schuf ihren eigenen internen Orientalismus: Von den Parteiführern der „nationalen Republiken” wurde erwartet, dass sie einen unverwechselbaren Stil annahmen – übertriebene Lobeshymnen auf Moskau, Treueeide, emotionale Intensität, die künstlichen Schnörkel in Leonid Solowjows Büchern über Hodscha Nasreddin, die für lebende Sprachen untypisch sind.
Die heutigen zentralasiatischen Führer reproduzieren mit Trump dasselbe Modell, das ihre Vorgänger mit Breschnew verwendet haben. Sogar die Sprache bleibt dieselbe – gestern im Weißen Haus sangen die meisten Teilnehmer Trumps Lobeshymnen auf Russisch.“
Vor langer Zeit, als die Tiere noch sprechen konnten, lebten im Südwald drei Freunde: der Bär Bruno, der Fuchs Fredo und der Hase Hugo. Das Ungewöhnliche an ihrer Freundschaft war nicht nur, dass sie überhaupt Freunde wurden – denn normalerweise jagt der Bär den Fuchs und der Fuchs den Hasen. Das Besondere an ihrer Freundschaft war, dass alle drei, so oft sie konnten, zusammen Ausflüge und Wanderungen machten, denn sie waren neugierig, was in Wald und Welt so vor sich ging. Der Fuchs, der der Schlaueste von ihnen war, sagte gerne „Wenn wir immer nur im Wald bleiben, werden wir alle selber Blätter, verfärben uns im Herbst und vergammeln schließlich auf dem Waldboden!“. Das verstanden die anderen beiden zwar nicht, aber es hörte sich sehr klug an, und sie bewunderten den Fuchs dafür.
An einem gemütlichen Herbsttag machten sie sich auf, um zunächst ihre gemeinsame Patentante Edda die Eule zu besuchen. Edda war waldweit bekannt für ihre Weisheit, die sie gerne mit jedem teilte, der zu ihr kam und sie um Rat frage. Aber die drei Freunde wollten nicht um Rat fragen, sondern bei der Patentante lecker essen und trinken. Edda war nämlich, mehr noch als für ihre eulenmäßige Weisheit, für ihre Kochkunst und ihre Kekse berühmt. Das lag daran, dass viele Eulen weise sind (eigentlich die meisten), aber nur wenige können richtig gut kochen und backen.
Nach einer langen Wanderung durch den herbstlichen Wald kamen die drei Freunde schließlich am Haus der Eule an. Es war gerade Vollmond, und darum flogen alle möglichen Hexen und Gespenster umher und wollten die Wanderer erschrecken. Aber diese lachten nur, denn Gespenster können GAR NICHTS machen, weil sie keinen Körper haben. Selbst wenn sie direkt durch einen durchfliegen, spürt man höchstens einen kühlen Luftzug und das war‘s. Und die Hexen waren erst recht ein Witz, denn jeder im Südwald wusste, was es mit dem Besenritt der Hexen auf sich hatte: sie konnten nur mit FURZ-ANTRIEB fliegen. Damit erzeugten sie den Rückstoß, der sie in der Luft hielt und mit dem sie manövrierten. Sie mussten extra deswegen ständig nur Linsen und Bohnen essen und pupsten im Grunde ohne Unterlaß. Weil den Hexen das selber ziemlich peinlich war, zischten sie immer nur in der Luft hin und her, aber landeten erst, wenn sie wieder zu Hause waren und schnell aufs Klo konnten.
Edda die Eule begrüßte die Wanderer und wedelte mit der Speisekarte rum, auf der all die leckeren Sachen aufgeschrieben waren, die es gleich geben sollte. „Esst erst mal was, ihr müsst doch hungrig wie die Bergziegen sein!“ sagte sie. Das ließen sich Bruno, Fredo und Hugo nicht zweimal sagen. Im Handumdrehen saßen sie am gedeckten Tisch und hauten rein, dass es eine Art hatte – sogar die Rucksäcke vergaßen sie abzulegen, so hungrig waren sie. „Tante Edda, das ist so lecker, davon wird sogar eine Bergziege satt!“, brummte Bruno der Bär zufrieden. Und Fredo der Fuchs wischte sich die Schnauze und sagte: „Lieber eine Mahlzeit auf dem Tisch als eine Speisekarte in der Pfote!“, was wieder mal ein Beweis seiner Klugheit war. Hugo der Hase aber sagte gar nichts; er konnte nicht mehr sprechen, so pappsatt war er.
Jedenfalls spachtelten die drei, bis sie nicht mehr konnten und Tante Edda freute sich, dass es allen so gut schmeckte. Zum Schluss waren sie so vollgefressen, dass sie sich kaum noch bewegen konnten und ganz schön müde wurden. „Müd und satt, wie schön is dat!“ konnte Bruno der Bär, dem vor lauter Müdigkeit immer wieder die Augen zufielen, gerade noch grunzen. Das ist bei Bären nichts Seltenes, weil Bären eigentlich immer müde sind, besonders wenn’s in Richtung Herbst und Winter geht, wo sie am liebsten nichts anderes als Winterschlaf machen. Aber vorher schlagen sie sich den Bauch richtig voll, denn so will es das Bärengesetz.
Tante Edda hatte das natürlich kommen sehen, denn sie kannte ihre Pappkartons, wie man bei den Tieren sagt. Die kuscheligen Betten waren schon gemacht und schwups! lagen die drei Wanderer müde und zufrieden unter warmen Decken. Es stellte sich aber heraus, dass der Tag und das Erlebte viel zu aufregend und spannend war, als dass sie gleich einschlafen konnten, und so unterhielten sie sich noch über die Abenteuer, die sie erlebt hatten und noch erleben wollten, erzählten sich Witze und und lachten und alberten herum.
Edda die Eule, die ja schon etwas älter und strenger war, aber ein gutes Herz hatte, hörte sich das alles an und lachte sogar manchmal mit. Da sie nicht nur weise war, sondern in ihrem langen Leben auch ein bisschen Zauberei gelernt hatte, sprach sie hinter vorgehaltenem Flügel einen Flugzauber über die Rucksäcke aus, so dass diese sich erhoben und durch den Raum zu schweben begannen.
Da staunten die drei Freunde nicht schlecht; sie konnten gar nicht mehr aufhören zu kichern, weil sie ja ohnehin schon am Rumalbern waren. „ Ich glaub, mein Rucksack fliegt!“ rief Fredo, und Hugo entgegnete „Ich glaub, mein Rückflug sackt!“. Darüber musste Bruno so lachen, dass er sich verschluckte. Als er sich wieder eingekriegt hatte, wollte er selber auch etwas Witziges sagen und begann „Ich glaub’……äh…. Ich glaub mein Flugzeug ruckelt!!“ und das war für Bärenverhältnisse so brillant, dass er selber ganz beeindruckt war von seiner Witzigkeit. Aber da plumpsten die Rucksäcke alle wieder zu Boden, denn der Flugzauber hielt nur wenige Minuten an, mehr Zauberei beherrschte die Eule nicht.
„Jetzt wird aber mal geschlafen!“, sagte Edda. Das war eigentlich überflüssig, denn die Kameraden wurden nach und nach jetzt so richtig müde. Bruno der Bär versuchte zwar noch, ein Auge aufzuhalten, und Fredo der Fuchs wollte noch einen Witz erzählen, aber er verlor vor Müdigkeit den Faden, und Hugo der Hase war schon eingeschlafen. Auf einmal begann es mitten im Raum zu funkeln und zu glitzern, was von alters her ein Zeichen dafür ist, dass das Sandmännchen im Landeanflug ist. Und richtig, da war es auch schon; es verstreute seinen glitzernden Enschlafsand und im Handumdrehen waren alle tief und fest eingeschlafen, sogar die Eule, die ja eigentlich ein Nachtvogel ist. Aber wenn das Sandmännchen sein Schlafpulver verstreut, hat man keine Chance: man muss einschlafen.
Am nächsten Morgen mit dem ersten Krähengekrächze waren alle wieder putzmunter. Hastdunichtgesehen waren sie auf den Beinen und in den Klamotten. Schnell waren die Rucksäcke umgeschnallt und die drei Freunde verabschiedeten sich von ihrer Patentante, die gar nicht erst fragte, ob sie nicht frühstücken wollten – denn nach dem ganzen Gefresse vom Vorabend waren alle noch satt wie die Walfische nach der Hochzeit.
Natürlich hatten die Waldtiere noch nie im Leben einen Walfisch gesehen und wussten gar nicht, was Walfische essen, schon mal gar nicht bei einer Hochzeit. Aber dass der Walfisch das größte und schwerste aller Tiere war, DAS wussten sie. Fredo der Fuchs, als der Schlaueste unter ihnen, sagte sogar, dass Walfische gar keine Fische wären, aber das konnten die übrigen Waldtiere nur schwer glauben, denn – so der Einwand des Wildschweins – „Wenn sie keine Fische sind, warum heißen sie dann so?“ Zwar galt das Wildschwein bei den anderen Tieren als etwas doof, aber an dieser Stelle waren sie geneigt, ihm Glauben zu schenken, weil selbst der schlaue Fuchs keine Antwort darauf hatte.
Bruno, Fredo und Hugo brachen also auf, denn der Besuch bei Edda der Eule sollte nur ein Zwischenstopp sein auf dem Weg in noch größere Abenteuer: Die Freunde wollten diesmal bis zum Rand des Südwaldes und darüber hinaus wandern, und – wenn das Schicksal es so wollte – in die Menschenwelt gelangen, um dort Neues zu lernen. Damals waren die Menschen den Tieren noch freundlich gesonnen, und noch heute erinnern Sätze wie „Ich hab Hunger wie ein Bär!“ oder „Sei doch kein Angsthase!“ an die lange Verbundenheit mit den Tieren.
Inzwischen waren die Drei schon ein gutes Stück vorangekommen und vermißten nun doch ein gutes Frühstück. „Mann Mann Mann, sind wir blöd gewesen!“ seufzte der Bär. „Wir hätten ja wenigstens einen Kaffee trinken können bei Tante Edda…“ – „Jetzt mach mir bloß keine lange Nase! Mir läuft schon das Wasser in der Schnauze zusammen, wenn ich nur dran denke!“ ließ sich der Fuchs vernehmen und leckte sich die Lippen.
„Haha, du hast doch sowieso schon eine lange Nase…“ kicherte der Hase, der sich nichts aus Kaffee machte und lieber Karottensaft trank. Das fand der Bär schon wieder so witzig, dass er sich fast verschluckte, aber da kamen sie an den Rand des Waldes und der Blick auf die Menschenwelt öffnete sich.
Die Freunde blieben eine Weile stehen und bewunderten den Anblick. Sie schauten sich an und waren stolz, dass sie es so weit geschafft hatten. Jetzt würden Abenteuer auf sie warten, deren Großartigkeit alles bisher Erlebte und Erzählte in den Schatten stellen würde, sogar die Hochzeit der Amsel mit der Drossel, die immerhin so berühmt war, das sogar die Menschen darüber Lieder machten. Das lag freilich nicht an Allerweltsvögeln wie Amsel und Drossel, sondern an einem Vorkommnis, das im ganzen Südwald und darüber hinaus nur als „Der Finkenskandal“ bekannt war. In der betreffenden Zeile des Menschenliedes, das über diese Ereignisse gesungen wird, heißt es etwas unklar „Die Finken, die Finken, die gaben der Braut zu trinken…“.
Aber WAS sie der Braut zu trinken gaben, darüber sagt das Lied aus gutem Grunde nichts. Es hat jedenfalls etwas mit dem „Fiderallala“ zu tun, von dem ebenfalls in dem Lied die Rede ist, aber das ist eine andere Geschichte, und wenn die drei Freunde ihr auf den Grund gegangen sind, werden sie, wenn wir Glück haben, uns davon berichten.
Als Wohnstandort ist Oberkassel äußerst beliebt, da es hier viele der in Düsseldorf begehrten großen Altbauwohnungen gibt und der Stadtteil zugleich eine gute und gehobene Infrastruktur bietet. Die in Rheinlage liegenden Wohnungen bieten zum Teil schöne Ausblicke auf die Düsseldorfer Skyline und gehören zu den teuersten Wohnlagen der Landeshauptstadt. Oberkassel hat, wie das benachbarte Niederkassel, einen hohen Anteil an japanischen Einwohnern. Die Japaner machen in dem Stadtteil mit 23,5 % die mit Abstand größte Ausländergruppe aus. Die starke, auch internationale Nachfrage nach Oberkasseler Wohnimmobilien führte in den letzten Jahrzehnten zu einem starken Preisanstieg mit einhergehender Gentrifizierung. Dies führte dazu, dass Oberkasseler Immobilien nicht nur zu den teuersten in Düsseldorf, sondern teilweise auch zu den teuersten Immobilien Deutschlands zählen. (Wikipedia)
Als ich in Weimar lebte, dachte ich, ich hätte meinen endgültigen Platz in Deutschland gefunden. Den ersten, der mich auf gewisse Weise mit dem Aufenthalt und dem Leben in Deutschland versöhnt. Erstens weil das Territorium der DDR auch Jahrzehnte nach der Annektion sehr viele mentale Vibrationen der vier Jahrzehnte Sozialismus aufwies, hauptsächlich natürlich in den Interaktionen mit den Arbeitskollegen und Leuten, die von dort stammten.
Zweitens auch, weil die Dichotomie des deutschen Daseins nirgendwo so deutlich zu Tage zu treten scheint wie ausgerechnet in Weimar, der Stadt Goethes, Schillers, Herders, Bachs und all der anderen Geistesgrößen und Künstler, die noch heute das kaum kriegsversehrte Städtchen zu einem lebendigen Museum der höchsten Gipfel des Denkens und der Kunst machen. Auf der anderen Seite das direkt vor den Toren der Stadt, auf der Rückseite vom Ettersberg, gelegene Konzentrationslager Buchenwald. Man hat hier sozusagen die höchsten Höhen und die tiefsten Höllen der menschlichen Erfahrung beieinander. Und zwar dicht beieinander.
In Düsseldorf ist das anders. Hier ist alles Oberfläche, alles Schein, alles Glitzer und Tand, allerdings im linksrheinischen Stadtteil Oberkassel veredelt und mit der Patina behaglicher Bürgerlichkeit versehen, ausgestrahlt von den eleganten, schönen Altbauten, wo kein Haus wie das andere aussieht, wo man sich nicht sattsehen kann an der gepflegten, kreativen und abwechslungsreichen Bürgerarchitektur vom Beginn des 20. Jahrhunderts.
Die Höllenbereiche, die Abgründe der conditio humana lauern hier nicht so offensichtlich gleich um die Ecke. Sie werden nicht quasi auf dem Silbertablett präsentiert wie in Weimar/Buchenwald, sondern verbergen sich hinter der schnöselig-routinierten Abgeklärtheit der Wohlstandsbürger, der betuchten und gutverdienenden Einwohner dieses Stadtteils, in ihrem Gehabe, in den flüchtigen Gesprächsfetzen, die man beim Einkaufen oder Spazierengehen aufschnappt, in den Hipster-Läden, in den die Young Urban Professionals ihr reichlich bemessenes Spielgeld verplempern, in den vollen Restaurants – überall spürt man, gerade jetzt, im beschleunigten Niedergang der kapitalistischen Reichtumsproduktion, den Tanz auf den Vulkan, der hier stattfindet.
Man schaut mit dem Röntgenblick historisch-materialistischer Bildung (sowie der Kenntnis der aktuellen politökonomischen Verhältnisse) in die Abgründe von Ausbeutung, Gewalt und Verlogenheit, die den Reichtum der wirklich Reichen und die immer noch stattlichen Brosamen für die gehobene Mittelklasse und die Erfüllungsgehilfen der Bourgeois-Eliten möglich machen, und man merkt die Fadenscheinigkeit dieses Zustandes, den die Wohlstandsscheuklappen der Oberkasseler ihren Trägern als „Normalität“ suggerieren.
Man spürt allenthalben, in den zunehmend gereizten Reaktionen auf Kleinigkeiten, in Gesprächen und im Stimmungsklima auf Straßen und Plätzen, dass Leute, die etwas zu verlieren haben – und davon gibt’s hier im Viertel mehr als anderswo – schnell ihre bürgerliche Contenance verlieren, wenn‘s ans Eingemachte geht. Das Eingemachte sind die Vermögenswerte, der Einkommenszufluss, die ganze gehobene und bequeme Situation von „Besserverdienern“, deren Welt wenig zu tun hat mit dem immer härter werdenden Daseinskampf der übrigen lohnarbeitenden Klasse. Technisch gesehen ist auch die Mehrheit der Bewohner Oberkassels der Kategorie „Lohnarbeit“ zuzurechnen, minus den Anteil an Freiberuflen, Selbständigen und Unternehmern, die es hier ebenfalls überdurchschnittlich häufig gibt. Nur heißt der Lohn bei ihnen „Gehalt“ und beläuft sich auf ein Vielfaches der Bezüge einer Verkäuferin, einer Pflegekraft oder eines Kellners.
Die Mehrheit dieser Zeitgenossen wird jeden Angriff auf ihr „Eingemachtes“ als Anschlag auf ein als selbstverständliches empfundenes Privileg wahrnehmen und ihren Status mit Zähnen und Klauen zu verteidigen suchen. Bzw. diejenigen politischen Kräfte unterstützen und ermächtigen, die die Kontinuität dieses schönen Lebens versprechen.