Geschichten die das Leben schrieb: fussballphilosophische Betrachtungen, die nichts mit Fußball zu tun haben (Folge 2)

Es ist mal wieder gemeinsamer Fußballabend angesagt. Da die Liebste entschieden hat, dass bis zum Urlaub im August kein Alkohol mehr getrunken wird, ein fast esoterisches Event bei Kräutertee und Duftkerze.

Das Spiel beginnt und Aussehen und Outfits der Spieler werden kritisch unter die Lupe genommen.

Die Frau so, beim Anblick von Sabitzer: „Wie sieht der denn aus?! Der könnte echt bei irgend so einem österreichischen Krimi mitspielen… aber als Verbrecher!“

Ich: „Hm, ja.. ich muss sagen, rein von der Optik her spielen bei der Türkei die attraktiven Männer als bei den Österreichern.“

Die Frau nickt zustimmend.
„Die Ösis sehen halt alle Scheiße aus“, sagt sie kategorisch bzw. kategorisierend.

Ich frage: „Hast du noch nie einen österreichischen Lover gehabt?“

Sie: „ Um Gottes willen! ich bin doch nicht bescheuert!“

Ich: „Naja, der Singsang, den die da unten sprechen, der klingt doch ganz sexy…“

Sie, gewohnt logisch: „Ja, das nützt mir aber nichts, wenn die nicht sexy aussehen..“

Jetzt wird der österreichische Torwart Pentz eingeblendet. „Boah, selbst der Torwart sieht scheiße aus!“ läßt sich die Liebste vernehmen.

Dann ist das Spiel aus, die Türkei hat ein wenig überraschend, aber verdient gewonnen, und meine Herzdame – die zu Beginn des Matches noch die Österreicher favorisiert hatte – freut sich mit den begeisterten Fans des Teams mit dem besser ausschauenden Männermaterial über den ehrlich erkämpften Einzug ins Viertelfinale. „Ich bleib noch ein bißchen auf und guck mir das an“, verkündet sie, „die feiern so schön!“

Geschichten die das Leben schrieb: Mein Freund Gernot im Bardo

Mit Gernot Hergenröder verbindet mich eine sehr lange, mindestens vierzigjährige Freundschaft und viele Jahre gemeinsamer Arbeit im Garten- und Landschaftsbau. Seit ich nicht mehr in Langen lebe oder gelegentlich mal dort zu Besuch bin, haben wir kaum noch Kontakt gehabt – doch vor einer Woche ungefähr erschien der plötzlich in meinen Gedanken und ich nahm mir vor, ihn endlich mal wieder anzurufen und zum treffen.

Das war genau der Zeitpunkt, an dem er gestorben ist. Am 26. Juni 2024 hat Gernot diese Welt verlassen und seine Reise durch den Zwischenzustand angetreten, auf den er sich hoffentlich in seiner buddhistischen Praxis der vergangenen zwanzig Jahre oder so gut vorbereitet hat.

Es fühlt sich so an, als wäre ein Verwandter gestorben.

Ambrosia der Götter Marke „Toter Fisch“

Ein ganzer Brocken Ambrosia der Götter, Marke toter Fisch, liegt am Rheinufer: unwiderstehlicher Anziehungspunkt für jeden Hund.

Diesmal allerdings war ich schneller. Da der weiß leuchtende Fischkadaver schon von weitem sichtbar war, konnte ich den Hund davon abhalten, sich genüsslich darin zu wälzen.

Und während ich mich noch freute, war er ein paar hundert Meter weiter gelaufen und hat den nächsten stinkenden Kadaver gefunden, mit dem er sich ausgiebig einparfümieren konnte.


Edit:
Zuhause gleich in die Wanne und den Kumpel drei Durchgängen mit Mandarinenshampoo unterzogen. Jetzt riecht er wie toter Fisch in Mandarinendressing.

Geschichten die das Leben schrieb: die zerrissene Bettdecke und die Zumutungen der Lohnarbeit

Der Hund hat ein Loch in die Bett-Überdecke gekratzt. Wenn er es sich bequem machen will, kratzt er meistens hundemäßig mit den Vorderpfoten an seinem beabsichtigten Liegeplatz herum (manche sagen, das seien canine Instinkte aus Zeiten, als die wilden Hunde ihre Schlafstellen in der Natur von gefährlichen Insekten und ähnlichem befreien mussten).

Nichts Dramatisches, sicherlich stopfbar von einem geschickten Schneider (zum Beispiel dem sympathischen, freundlichen Türken um die Ecke, zu dem ich alle durchlöcherten Hosen und sonstige reparaturbedürftigen Klamotten bringe) aber die Frau ist aufs äußerste aufgebracht, gereizt und missmutig ob des Schadens:

„Also, du erlaubst dem Hund wirklich alles! Was soll der denn noch alles kaputtmachen?!“

Ich sage gar nichts, denn die Liebste kommt nach einem anstrengenden Tag von der Arbeit und hat gerade die letzten anderthalb Stunden in überfüllten, unklimatisierten öffentlichen Verkehrsmitteln verbracht. Wer hätte da kein Mitgefühl mit einer Lohnarbeitskraft, die zwar ausbildungs- und einkommensmäßig zur gehobenen Mittelschicht zählt, aber dennoch wie der letzte Hilfsarbeiter jedem Befehl ihres Arbeitgebers zu folgen hat – zum Beispiel der völlig unsinnigen Order, die ausschließlich am PC verrichtete Arbeit ein- bis zweimal pro Wiche physisch in einem 60 km entfernten Großraumbüro statt im heimischen Home Office zu verrichten.

Ich bleibe also gelassen sitzen, während aus dem Schlafzimmer weiteres verärgertes Schimpfen und Zetern zu vernehmen ist. Mein Schweigen wird mir jetzt allerdings als Komplizenschaft, wenn nicht sogar Mittäterschaft ausgelegt. „Für dich ist das alles egal, oder wie?“ kriege ich zu hören. „Nur ein bißchen Kratzi-Kratzi? Macht nichts? Sollen wir hier leben wie die Asozialen, mit lauter kaputten und geflickten Sachen?? Und dann deine Ruhe dabei! Du sitzt da einfach und sagst nichts…!!“

Ich überlege kurz, ob ich jetzt aufspringen und eine schauspielerische Einlage hinlegen soll, bei der ich in lautes und intensives Wehklagen über die eingerissene Tagesdecke einstimme. Ich entscheide mich dagegen, um nicht Öl ins Feuer zu gießen und versuche es stattdessen mit Diplomatie: „Das kann man doch stopfen! Ich nehme die Decke morgen mit zum Schneider, wenn ich meine Jeans abhole…“

Zu spät! „Ich hab die Scheissdecke jetzt ganz zerrissen!!“, höre ich vom anderen Ende der Wohnung. Die entnervte Liebste hat tatsächlich aus Ärger und Daffke die Decke endgültig terminiert, während sich der eigentlich Schuldige, mein zotteliger Kratzi-Kratzi-Kumpel, vorsichtshalber in seine bei uns so bezeichnete „Sprich-mich-nicht-an“-Hundehütte verkrochen hat.

Wobei, der EIGENTLICHE eigentlich Schuldige schein doch eder ich zu sein, denn ich hab‘s ja nicht verhindert. Was all solche Vorkommnisse, jedenfalls aber die emotional herausfordernde Reaktion darauf, mit dem Ausbeutersystem und dessen unerbittlichen Anforderungen an die Arbeitskräfte zu tun haben, was sie mit dem erbarmungswürdigenZustand des öffentlichen Nahverkehrs i. Deutschland und mit der Tatsche zutun hat, dass Leute wenige Jahre vor ihrer Verrentung in kaum zu bewältigende Arbeitsumgebungen gezwungen werden- all das spreche ich vielleicht mal zu einem geeigneten Zeitpunkt an, momentan aber auf gar keinen Fall.

Ich will schließlich in Ruhe heute abend Fußball gucken.