Pilzgericht

Ich wollte ja nicht mehr in den Wald mit dem Hund. Daran hab ich mich auch gehalten, und gehe seit geraumer Zeit nur noch durch die Parks oder an den Rhein.

Heute, kurz nach dem Mittagessen – frische Pilze mit Sahne und Salat – machte ich mich also auf, um den Hund auszuführen. Alles ging soweit gut; wir spazierten durch einen kleinen Park, der ohne unser Dazutun bzw. ohne dass wir den Übergang bemerkten, auf einmal zu einem merkwürdig leuchtenden Wald wurde, in dem sich allerlei absonderliche Dinge abspielten.

Ich verfluchte meine Leichtsinnigkeit, mir ohne Nachdenken ein Gericht aus „frischen Pilzen“ einzuverleiben – es ist ja noch nicht mal Pilzsaison! Jetzt war es zu spät, die Muster auf der Netzhaut wurden immer bunter und wilder, von überall klang Musik, die sich allerdings anhörte, als würden sphärische Gesänge unter Wasser abgespielt werden; nur dem Hund schien das alles nichts auszumachen: er schnüffelte wie gewohnt an jeder Ecke herum, erleichterte sich auf Hundeart und war ganz der vertraute Kumpel, als den ich ihn kannte und kenne.

Genau das war meine Rettung, denn da ich inzwischen jede Orientierung verloren hatte und weder oben von unten noch hinten vor vorn (und erst recht nicht innen und außen) unterscheiden konnte, hielt ich mich einfach an den zotteligen Kameraden, der wohl den Weg genau kannte.

Tatsächlich gelangten wir auf diese Weis zurück nach Hause, jedoch wirkte es so, als ob der Wunderwald uns begleiten würde: wo ich auch hinschaute, wuchsen Pilze aus dem Boden, schauten absonderliche Wesen aus dichtem Blattwerk hervor, bewegten sich die Moleküle und Atome jedes belebten und unbelebten Körpers rhythmisch zu einer jenseitigen Musik, die ich nicht mit den Ohren, sondern mit anderen, mir bis dato unbekannten Sinnesorganen zu hören schien.

Nun sitze ich hier spät in der Nacht und weiß nicht, wie lange der Zustand noch andauern wird. Vielleicht für immer?

Waldspaziergang III

Ich wollte es ja eigentlich nicht mehr machen, aber der Dauerregen hat mich und den Hund heute wieder in den Wald getrieben.

Diesmal war es noch ominöser als sonst; wir mussten uns im dichten Unterholz einen Weg durch den tropfnassen Wald bahnen und stießen zu unserer nicht gelinden Überraschung auf eine verfallene Villa, die in besseren Tagen wohl hohen Herrschaften aus der feinen Gesellschaft eine standesgemäße Bleibe geboten hatte. Wer aber auf die Idee gekommen sein mochte, mitten im Wald eine Villa zu errichten, entzog sich meinen Erklärungsversuchen.

Wir stöberten ein bißchen in der unmittelbaren Umgebung des etwas spukhaften Gebäudes umher, fanden aber außer einigen sehr alten Weinpokalen und Bruchstücken von uralten Schnupftabakdosen nichts Erwähnenswertes. Bei all dem fühlten wir uns auf unangenehme Weise irgendwie beobachtet. Wie sich herausstellte, lauerte auf dem Dachfirst eine monströse Echse, die sich zu unserer Erleichterung jedoch alsbald in eine Art Zeppelin verwandelte, das am regnerischen Himmel verschwand.

Etwas benommen und unschlüssig, welchen Reim wir uns auf das soeben Erlebte machen sollten, eilten wir zügig zurück zum Waldparkplatz, auf dem ich das Auto geparkt hatte.

Zuhause gab’s erstmal lecker zu essen und einen starken Kaffee.

Geschichten die das Leben schrieb: Man wird nicht jünger

Ich glaube, ich werde wunderlich. Meine Kräfte lassen nach, ich hangele mich meisten von einem Tag zum nächsten. Morgens tun mir alle Knochen weh und ich bin froh, wenn ich mittags schlafen kann und nicht zur Arbeit muss. Abends geht’s besser, meistens mit Hilfe von Wein, Whisky und anderen Drogen.

Ich beobachte Wortfindungsschwierigkeiten, ein nachlassendes Namensgedächtnis, sowie eine allgemeine Müdigkeit oder Unwilligkeit, mich überhaupt noch mit den Belangen der hoffnungslosen weltlichen Angelegenheiten zu befassen. Der Irrsinn, der einem aus Medien und Politikermündern von allen Seiten anspringt, ist einfach zu gewaltig als dass man gegen diese Windmühlenflügel anrennen möchte wie ein moderner Don Quichotte der Aufklärung.

Immer öfter fühle ich mich, als ob sich in meinem Schädel eine Gehirnschmelze vollzieht; jedoch kommt es mir so vor, also ob – während das Erzeugen klarer, strukturierter und wissenschaftlicher Gedanken schwieriger wird und die Konzentrationsfähigkeit nachläßt – sich ein Raum von Weite und Tiefe auftut, der zwar Details nicht so präzise erfasst, dafür aber das Gesamtbild in seinen Konturen und seinen Entwicklungstendenzen um so klarer hervortreten lässt.

In diversen Internetformaten sehe ich junge Menschen, die intelligent und überzeugt wirken, die ihren Platz in der düsteren Dystopie des 21. Jahrhunderts gefunden zu haben scheinen bzw. die Welt wohl gar nicht als dystopischen Ort wahrnehmen. Oder wenn, dann mit jugendlichem Elan daran glauben, dass man aus ihr einen angenehmen, für alle erträglichen Ort machen kann und muß. Und das möchte ich gerne mit ihnen glauben.

Die massenhafte Proteste der Studenten und andere junger Menschen gegen den Völkermord in Gaza stimmen mich hoffnungsvoll. Der aktive militärische Einspruch der Russischen Föderation gegen den ukrainischen und NATO-Faschismus stimmt mich hoffnungsvoll. Die unaufhaltsame Herausbildung der multipolaren Welt außerhalb des US-Imperiums stimmt mich hoffnungsvoll. Mein Hund, der mir wie ein Schatten folgt und jeden Morgen aufs Neue guter Dinge einem Tag voller Abenteuer entgegenzusehen scheint, stimmt mich hoffnungsvoll.

Meine beiden direkten blutsverwandten Vorgänger, Vater und Großvater väterlicherseits, starben beide jeweils mit Anfang Siebzig. Nach dieser Tradition hätte ich noch etwa fünf Jahre. Ich dachte immer, ich könnte diese merkwürdige Familiensitte durchbrechen und Achtzig oder älter werden. Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Mein neues Ziel ist, noch solange zu leben, wie der Hund voraussichtlich leben wird, also noch ca. 7 – 10 Jahre. Man wird bescheidener.

Wie gesagt: Ich glaube,  ich werde wunderlich. Ich fange an, mich über mich selbst zu wundern. 

Vielleicht werde ich aber bloß alt.