Erster und zweiter Schlaf

Once, men and women did not sleep as we do now. The notion of “eight hours straight” was foreign. In the Middle Ages, the night unfolded in two distinct breaths: the first sleep and the second sleep.

As the sun dipped below the horizon and the sky turned to dark velvet, people would retire early, surrendering to the hush of night. After four or five hours, their eyes would open—not from anxiety or disruption, but from rhythm. This pause in the night was a quiet, secret world.

By candlelight, they prayed, leafed through worn books, or sipped spiced wine. Some crossed the street to knock on a neighbor’s door, while others lingered in the kitchen, telling stories to their children, hands wrapped around warm cups. It was the heart of the night, and yet life moved gently—intimate, unhurried, profound.

When the invisible clock of darkness signaled, they returned to bed. The second sleep carried them to dawn, when the rooster’s crow marked the beginning of the day.

For centuries, this was the rhythm of rest—recorded in diaries, stories, even medical manuals. But the 19th century arrived with street lamps, factories, and the clamor of urban life. The middle hours of the night lost their enchantment, and people began to sleep “all in one go.”

By the 20th century, the memory of segmented sleep had faded. What was once a natural rhythm became misunderstood. Today, we might call it insomnia.

Then… it was simply the most human way to live in harmony with the night.

Deutscher Vizepenner zu Besuch in China

Schwer vorstellbar, dass Klingbeil NICHT absichtlich den Besoffener-Penner-Look zum Antrittsbesuch bei den extrem protokollbewussten Chinesen gewählt hat.

Der Mann ist Minister und Vizekanzler der BRD, hat also genügend Leute bei der Hand, die ihn briefen können (und müssen!) über grundlegende diplomatische Gepflogenheiten im Umgang mit auswärtigen Amtsinhabern, insbesondere mit den Vertretern einer 5000-jährigen Zivilisation und Weltmacht, von der die BRD in mancherlei Hinsicht abhängig ist.

Der muss einen GRUND dafür gehabt haben, dort wie ein Penner aufzukreuzen. Womöglich wollte er seinen Gastgeber mit seinem Auftritt signalisieren, wie wenig er auf Gepflogenheiten Wert legt und wie egal ihm sein Äußeres ist. Das allerdings hätten ihm seine Asien- und Chinaexperten vorher stecken können, das so etwas in China ganz ganz schlecht ankommt.

Die andere Möglichkeit ist, dass der Mann einfach dumm wie Brot ist, dass in seiner Umgebung und Entourage ebenfalls keinerlei Experten mehr vorhanden sind und dass die gesamte deutsche Politik auf dem kulturellen und intellektuellen Niveau von Schulhofrüpeln aus Problemvierteln angekommen ist.

How to argue with Pro-Capitalist Cultists

Jeder, der schon einmal mit Marktwirtschaftsgläubigen diskutiert hat, wird die Erfahrung gemacht haben, dass diese mit oft religiöser Inbrunst die kapitalistische Ideologie, die kapitalistisch beherrschten Verhältnisse verteidigen. Und zwar auch Leute, die eher die Geschädigten dieser Ökonomie sind.

Der nachfolgende Artikel des Filmemachers Peter Joseph ist eine interessante und praktische Handreichung für die Argumentation mit denjenigen kapitalismusgläubigen Zeitgenossen, die sich vielleicht noch einen Restfunken von Kritikfähigkeit erhalten haben (was zugegebenermaßen bei Gläubigen sehr selten ist).

Aber man darf ja die Hoffnung nicht aufgeben – oder vielleicht doch, dann wie ein schlauer Mensch einmal sagte: „Hoffnungslosigkeit ist eine Kampfposition“.

„Wir haben eine der zerstörerischsten Kräfte, die die Menschheit je geschaffen hat, normalisiert und zu unserem Gott gekrönt: die wettbewerbsorientierte, gewinnorientierte Marktwirtschaft. Sie ist so tief verinnerlicht, dass Kritik daran als Blasphemie aufgefasst wird. Und wie alle Religionen verteidigen ihre Anhänger sie nicht mit Beweisen, sondern mit Glauben – dem Glauben, dass ihre unsichtbare Hand über eine magische Weisheit verfügt, dass ihr Chaos sich irgendwie „selbst reguliert“ und dass ihre Anreize auf natürliche Weise zum sozialen Wohl beitragen. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Ein ehrlicher Blick auf die Welt um uns herum sollte ausreichen, um dies zu beweisen.

(…)

Die Tragödie besteht nicht nur in Unwissenheit. Es ist ein tiefgreifender Mangel an Systemkompetenz und eine kulturelle Psychologie, die Kritik am Markt mit einem Angriff auf die persönliche Identität gleichsetzt. Die meisten Menschen wurden darauf konditioniert, die Marktstruktur als natürlich, ewig und gleichbedeutend mit Freiheit zu betrachten. Sie erkennen nicht, dass sie eine Maschine verteidigen – eine Maschine, die sie ebenso ausbeutet wie die Biosphäre.

Auf der anderen Seite steht ein kultähnliches Glaubenssystem, das die Menschen an der Mythologie der Märkte festhalten lässt, selbst wenn alle verfügbaren Beweise dem widersprechen. Dieser Artikel skizziert diese Struktur, erklärt, warum sie fortbesteht, und schlägt vor, wie man mit denen argumentieren kann, die sie mit religiöser Inbrunst verteidigen.“

https://open.substack.com/pub/peterjoseph/p/how-to-argue-with-pro-capitalist

Geschichten die das Leben schrieb: Der Extremismus der Mitte – die mentale Mobilmachung ist bei den Gassirunden angelangt


Seit über einem Jahr bin ich bei den Spaziergängen mit meinem Hund ein bis zweimal die Woche in Begleitung seines besten Kumpels und dessen Halterin.

Die beiden Hunde hatten sich am Rhein kennen gelernt, und der liebenswerte hyperaktive schwarze Mops war sofort von meinem Zottelhippiehund so begeistert, dass er überhaupt nicht mehr von ihm lassen wollte.

Seitdem sind die beiden dickste Freunde, best buddies, zwei wie Pech und Schwefel, und es ist rührend und witzig, sie zusammen umherstrolchen und Abenteuer bestehen zu sehen.

Die Halterin des Kumpels ist eine wohlbestallte Oberkasseler Bürgerin: kultiviert, gebildet, eloquent, kunstsinnig, überdies auch noch schlank, gut aussehend und angetan mit jenen Kleidungsstücken der Frauen der gehobenen Mittel- bis Oberschicht, denen man das teure Understatement ansieht. 

Sie könnte vom Alter her meine Tochter sein und hat sich auf den gemeinsamen Gassirunden als angenehme Gesprächspartnerin mit einem sympathischen Sinn für Humor und Absurdität erwiesen. Unsere Gespräche drehten sich im Wesentlichen um Hunde – und um Hochbetagte, nämlich um ihre ca. 70km entfernt lebende Oma, um deren Angelegenheiten sie sich kümmert und die sie regelmäßig besucht, sowie um meine Schützlinge im Pflegeheim. 

Wenn wir mal – selten genug – das Politische streiften, war schnell zu merken, dass jede Abweichung vom amtlich und mainstreammedial kolportierten Narrativ über die Verhältnisse auf der Welt meine Begleiterin stutzig machte und sie zu verunsichern schien – eine Reaktion, die irgendwie nicht passte zu dem Bild der aufgeschlossenen, intellektuell beweglichen Frau von Welt, das sie erkennbar zu vermitteln bemüht war. 

Ich führte dies zurück auf einen Umstand, mit dem sie mich eine Weile nach Beginn unserer gemeinsamen Hunderunden bekannt gemacht hatte: ihre gesundheitliche Gesamtsituation ist von der Art, die selbst schicksalsgeprüfte ältere Menschen nicht ohne weiteres wegstecken. Sie aber ließ sich nichts davon anmerken, erwähnte nur gelegentlich, wieviel Kraft sie ihr Alltag kostete und wieviel Mühe sie sich geben müsse, den Eindruck funktionierender Normalität zu erwecken. Jedenfalls war klar, dass meine Hunderundenpartnerin ein Päckchen tragen musste, das es in sich hatte.

Für mich erklärte sich damit auch der etwas ambivalente Eindruck, den sie, vor allem in der Kommunikation, auf mich machte: nämlich den einer Person, die aufgrund äußerst labiler und instabiler Gesundheit sich umso rigidere („stabilere“, wenn man so will) Überzeugungen oder innere Haltungen zugelegt hat – vielleicht aus der subjektiv verspürten Notwendigkeit, ohne eine solche Haltung schnell von ihren diversen gesundheitlichen Problemen und Einschränkungen überrollt zu werden. Meine Liebste, die meine Gassibegleiterin kennengelernt hatte, gelegentlich mit ihr smalltalkte und sie sympathisch fand, brachte diesen Eindruck wie folgt auf den Punkt: „Die ist ja echt nett, die Francis*, aber die ist bestimmt auch ganz schön schwierig und anstrengend!“.

* Name geändert

Vergangenen Dienstag nun gingen wir wie üblich eine ausgiebige Runde am Rhein mit unseren beiden Vierbeinern, besuchten noch zusammen den Wochenmarkt und verabschiedeten uns mit den Worten „Bis übermorgen!“. 

Am Tag danach erhielt ich abends folgende WhatsApp-Nachricht von ihr: 

„Hallo Kay,

ich habe in den letzten Tagen viel über unsere Gespräche und den Kontakt nachgedacht. Mir ist dabei klar geworden, dass unsere politischen Ansichten einfach zu unterschiedlich sind und mich das zunehmend belastet. Vor allem deine Haltung in politischen Themen, sowohl was den Nahostkonflikt betrifft als auch deine Sichtweise auf Putin, ist für mich ehrlich gesagt grenzwertig und nicht vereinbar mit meinen Werten.

Ich merke, dass ich mich so nicht mehr wohlfühle, auch weil du deine Haltung sehr offen nach außen zeigst. Es tut mir wirklich leid, auch im Hinblick auf die Hunde, aber ich habe für mich entschieden, den Kontakt zu beenden. Ich respektiere, dass du deine Meinung hast, aber ich kann und möchte sie für mich so nicht mittragen oder weiterhin in dieser Spannung stehen.

Ich wünsche dir trotzdem alles Gute und hoffe, du nimmst mir die Entscheidung nicht übel.“

Was war passiert? Die Anzahl der Erwähnungen irgendwelcher im weitesten Sinne „politischen“ Sachverhalte auf den gemeinsamen Hunderunden lassen sich an den Fingern einer Hand abzählen. Über den russischen Präsidenten mag ich bei Gelegenheit gesagt haben, dass es ihm zu verdanken ist, wenn Europa bisher noch keine umfassende Kriegszone ist. Der israelische Völkermord in Palästina war meiner Erinnerung nach nie Thema, allerdings trage ich einen Anstecker mit der palästinensischen Flagge an meiner Jacke.

Andrerseits mache ich natürlich aus meinem Herzen keine Mördergrube, wenn es um Eigentumsfrage und Klassengesellschaft geht. So erinnere ich mich, in einem Gespräch über dubiose Nebenkosten-Nachzahlungen erwähnt zu haben, dass in meiner Sicht niemand mehr Wohnraum besitzen sollte, als er selber nutzen könnte. Ich weiß noch, dass meine Begleiterin mit der Aura erkennbarer Missbilligung reagierte, auch wenn sie nichts dazu sagte. Später fiel mir ein, dass sie und ihr vermögender Gatte nicht nur eine schicke Eigentumswohnung in unserem Edelviertel bewohnen, sondern eine weitere in der Nähe besitzen, die sie vermietet haben. 

All das aber erklärte für mich noch nicht die selbstauferlegte plötzliche Kontaktsperre. Meine Vermutung: sie hat im Internet, in dem ich zahllose Spuren staats- und imperialismuskritischer Art hinterlassen habe, Dinge von mir oder über mich gefunden, die – wie sie so unnachahmlich formuliert – „nicht mit ihren Werten vereinbar sind“. Möglicherweise Berichte über den Strafprozess wegen „Befürwortung eines völkerrechtswidrigen Angriffskrieges (der gängige Euphemismus der imperialistischen Ideologen für den Stellvertreterkrieg ihres Kiewer Regimes gegen Russland), den die kriegführende Staatsmacht aufgrund einer Denunziation gegen mich anstrengt hatte – und verlor. Das würde den Hinweis auf „Putin“ erklären. Aber der „Nahostkonflikt“ (auch schon wieder so ein schönes Wording, mit dem ethnische Säuberung und  Genozid an der einheimische Bevölkerung des okkupierten Landstriches durch eine von jeder Rücksichtnahme befreite Besatzungsmacht als irgendwie unverständliche Rempelei zweier rauflustiger Rabauken dargestellt wird)? Dieses Thema wurde meines Wissens nach nie in unseren Unterhaltungen erwähnt.

Woher der überraschende Kontaktabbruch kommt, ist letztlich auch egal. Zwei Aspekte scheinen mir zu seinem Verständnis erwähnenswert:

Einmal die psychische Anspannung, in die sich meine Hunderundenbegleiterin durch das bloße Wissen (oder den Verdacht) versetzt sieht, dass es sich bei meinen „politischen Ansichten“, die ich auch noch „sehr offen nach außen zeige“ um einen Fall von Putinismus oder „Antisemitismus“ handelt. Sie schreibt von „zunehmender Belastung“ und dass sie nicht „weiterhin in dieser Spannung stehen“ möchte. Das ist die subjektiv „reale“ Seite, also die negativen Gemütszustände, die in manchen Zeitgenossen durch die Konfrontation mit als „grenzwertig“ definierten Standpunkten ausgelöst werden – und die das betreffende Individuum instinktiv, so wie jede andere negative Emotion, vermeiden und abblocken will.

Zum zweiten scheint mir dieses Verhalten symptomatisch für das geistige Klima der totalen mentalen Mobilmachung hierzulande. Konträre Standpunkt, abweichende Meinungen, Einspruch, Widerspruch, Dissens werden nicht als Gelegenheit zur Diskussion gesehen, vielleicht sogar begrüßt als Ausgangspunkt faktischer Ergründung eines Sachverhaltes. Nein, sie werden als GEFAHR betrachtet und ausgegrenzt, ohne auf ihren Inhalt auch nur einzugehen.

Dieses Muster zieht sich durch alle öffentlichen (und in ihrem Gefolge auch privaten) Debatten in einer Gesellschaft, die nach dem Willen der Regierenden und den hinter diesen stehenden Eliten für den kommenden Krieg gegen Russland ertüchtigt und willig gemacht wird.

Es wird nicht mehr diskutiert, es wird befohlen. Widerspruch wird ausgegrenzt und bestraft, sofern er staatlichen Stellen auffällt. Im privaten Bereich bleibt es (noch) bei der Ausgrenzung. 

Wenn einmal der Luftzug der Realität in ihre wohl geordnete Welt von Besitz und Privilegien dringt, stecken bürgerliche Gemüter schnell die gut frisierten Köpfe in den Sand ihrer Ideologie (die sie niemals so nennen würde, denn Ideologen sind für sie immer nur die Kritiker der als „gegeben“ empfundenen Verhältnisse, in denen sie sich so komfortabel eingerichtet haben). 

Kann man ihnen das vorwerfen? Kann man, macht aber wenig Sinn. Dass jeder Insasse eines kapitalistisch geführten Staatswesens immerzu versuchen muss, in den vorgefundenen Umständen zurechtzukommen, ist nunmal so. Dass die inhärente Inhumanität und Verlogenheit einer Welt, in der die Armut der vielen die Bedingung des Reichtums der wenigen ist, leichter zu ertragen ist, wenn man sich lauter gute Gründe dafür zurechtlegt oder einleuchten lässt, ist auch verständlich. Intelligent ist es nicht. 

Man versteht das Schutzbedürfnis des individuellen Verstandes vor dem ungeheuren Zynismus, vor der rücksichtslosen Brutalität der privatwirtschaftlich eingerichteten Welt. Heute, 2025, scheinen alle selbst im westlichen Kapitalismus bisher geltenden Gesetze einer im Sinne der Besitzenden geordneten politischen Ökonomie dort außer Kraft gesetzt, wo sie für die Herren der Welt keinen Vorteil versprechen oder deren Zielen im Weg stehen: Erpressung, Korruption, schrankenlose Gewalt, extralegale Morde, staatlich erlaubte und gedeckte Serienvergewaltigungen, Folter, Kriege, Genozid: die „Shining City on the Hill“, der Hort der Freiheit und westlichen Liberalität – ob in Washington oder London, ob in Berlin oder Jerusalem, in Kiew oder Paris – hat sich in eine dystopische Zone von Terror, Überwachung, Verfolgung und Lüge verwandelt. 

Gleichzeitig wird die Transformation zur technokratischen Diktatur, die prä-diktatorische Herrschaftsform, in der sich die westlichen Demokratien momentan befinden, begründet mit dem Schutz der Freiheiten, die gerade sukzessive abgeschafft werden. “Unsere westliche Lebensweise”, die „von Putin bedroht“ wird, wie die westlichen Machthaber nicht müde werden zu verkünden, wird verstanden als (und reduziert auf) die Machtsicherung der globalistischen Eliten, der Oligarchie und ihrer ideologischen Hofprediger. 

Die von Sonntagsrednern und Kriegstüchtigkeitstrommlern beschworenen Vorzüge dieser Lebensweise jedoch, sofern sie für die normalen Bürger der westlichen Konkurrenzgesellschaften relevant sind (funktionierende Infrastruktur, bezahlbarer Wohnraum, gutes Bildungs- und Gesundheitssystem, Löhne von denen man leben kann…) gibt es nicht mehr oder sie schwinden schnell dahin.

Man kann die Hilflosigkeit nachvollziehen, die der Einzelne angesichts  dieser deprimierenden Zustände empfindet. Vermutlich kennt sie jeder von sich selbst. Vermischt sich diese Hilflosigkeit mit dem Gefühl, in die Enge gedrängt zu sein, bedroht zu werden vom Verlust der bisher gewohnten Lebensweise (und das heißt vor allem: der gewohnten Einkommensgrundlage, sofern diese ausreichend genug ist für ein gutes Leben) – dann wird‘s oft häßlich. Schnell ist dann menschlicher Anstand, Freundlichkeit, Verständnis für andere Sichtweisen, Einfühlungsvermögen, schnell sind die zwischenmenschlichen Umgangsformen, die gesellschaftliches Miteinander einfacher machen (wenn nicht erst ermöglichen) vergessen. 

Der „Extremismus der Mitte“, die Radikalisierung der selbsternannten amtlichen Demokratieschützer, die die Demokratie verteidigen wollen, indem sie sie sukzessive abbauen, ist zwar noch nicht mal (mehr) „die Mitte“, die er zu sein beansprucht (so wie die „Volksparteien“ längst keine solchen mehr sind), er behauptet aber von sich, die Mehrheitsgesellschaft zu repräsentieren (rein legalistisch gesehen, ausweislich des Ergebnisses der letzten Bundestagswahl, stimmt das sogar). Die unerbittliche Verschärfung der Zensurgesetze, die Aushöhlung der bürgerlichen Freiheiten, die Verfolgung von Kritik, das ganze politische Walten von moralisch selbstgerechten staatlichen Tugendwächtern (einer Tugend, die sie selbst definieren und bei deren Durchsetzung sie sich zu Anklägern, Richtern und Vollstreckern in einem machen) kennzeichnet diesen Extremismus, der sich in machtbewußtem Selbstbetrug als Bollwerk gegen Extremismus sieht. 

Ausgrenzung sagt jedenfalls immer mehr über den Ausgrenzenden als über die ausgegrenzte Sichtweise oder Person. Im privaten Bereich ist so etwas verletzend, aber verkraftbar. Im öffentlichen Bereich  kann es im Extremfall tödlich sein. Der Schritt vom privaten zum öffentlichen Bereich ist ein sehr kleiner: die Feedbackschleife des staatlich erwünschten Feindbilddenkens bestätigt immer wieder die bestehenden (Vor-)Urteile der entsprechend propagandisierten Individuen, und wenn diese Individuen Ämter und Positionen innehaben, die ihnen die Macht geben, das als störend empfundene Denken auszugrenzen, dann Gute Nacht. 

Sie machen es ja bereits: 

Das „Deine Haltung in politischen Themen (…) ist für mich (…) grenzwertig und nicht vereinbar mit meinen Werten“ meiner Hundegassi-Freundin ist ja bereits offizielle Politik der Staatsmacht. Nach innen mit Polizei und Justiz, nach außen mit Rüstung und Krieg (vorerst noch durch Stellverteterarmeen, demnächst wohl durch die Bundeswehrmacht selber) machen die Machthaber in Berlin und Brüssel klar, dass und wie sehr ihre „Werte“ unvereinbar sind mit Kriegsgegnern und jeglicher fundamentaler Kritik an ihrer Herrschaft.

Sie pissen auf uns und erzählen uns, es regnet

Der Blackrockkanzler hat ein Privatvermögen von ca. 12 Millionen Euro, zwei Privatflugzeuge und besitzt mehrere Immobilien, darunter eine Villa am Tegernsee. Lebt er „über seine Verhältnisse“?

Natürlich nicht, er hat sich alles hart erarbeitet. Wenn imperialistische Charaktermasken von „WIR“ reden, meinen sie selbstverständlich nicht sich, sondern UNS.

WIR müssen geradestehen mit unseren Einkommen, unseren Löhnen, unseren LEBEN (ja, das ist der Plan!) für die Verhältnisse die Merz & Co einrichten:



Deutsche Militärausgaben

2014: 35 Milliarden Euro
2024: 87 Milliarden Euro (2%-Anteil am BIP)
2025: 95 Milliarden Euro
2026: 123 Milliarden Euro
2027: 130 Milliarden Euro
145 Milliarden Euro
162 Milliarden Euro
ca. 300 Milliarden Euro (5%-Anteil am BIP)

Schulden für Bundeswehr und die Ukraine:
können in Höhe und Zeitdauer unbegrenzt gemacht werden

Schulden für militärische Zwecke 2025: 1.547 Mrd Euro

Staatsschuldenquote
2025: 62% (2,7 Billionen Euro)
2035: 92% (5,7 Billionen Euro)

Ausgaben laut Verpflichtungsermächtigungen 2026 – 2041:
Luftwaffe: 63,64 Milliarden Euro
Marine : 56,68 Milliarden Euro

Ausgaben für Militarisierung des Weltraums bis 2030:
35 Milliarden Euro

Beschaffungsausgaben für Fernmeldetechnik, Satelliten, Digitalisierung, Logistik etc.: 94,3 Milliarden Euro

Ausgaben für neue Waffen und Ausrüstung insgesamt 2026 – 2041:

416 Milliarden Euro

Alle Zahlen: Workshop von Lühr Henken auf dem 32. Bundesweiten Friedensratschlag in Kassel
(https://www.unsere-zeit.de/deutsche-hochruestung-und-us-raketenstationierung-4809148/)

Nachrichten aus der Welt der Kriegstüchtigkeit: Desinformation macht nur der Feind (und der ist wie immer der Russe)

Am 12. November kam der „Menschenrechtsausschuss“ des Bundestags zusammen und befasste sich mit einem Phänomen, das staatliche Akteure und ihr mediales Habitat immer nur bei der Gegenseite nicht bloß vermuten, sondern definitiv feststellen: Desinformation!

Die Gegenseite des westlichen Kriegsbündnisses ist im Prinzip jeder, der die mittlerweile ziemlich ungeregelte „regelbasierte Ordnung“ von NATO, G7, EU und USA in Frage stellt, also der Rest der Welt, im speziellen und ganz besonders heimtückisch aber mal wieder DER RUSSE.

Um den Ausschußmitgliedern den Sachverhalt zu verdeutlichen, hatte der Ausschuss eine Reihe „Fachleute“ eingeladen, deren Aufgabe in der Erklärung und Einordnung des Phänomens für die Volksvertreter bestand.

Die Einzelheiten dazu kann man u.a. einem hervorragenden Artikel von Dagmar Henn entnehmen, dessen Lektüre ich jedem empfehle. Nicht nur wegen ihrer kritischen Würdigung der Stellungnahmen der „Fachleute“ und Dagmars übrigen Schilderungen und Einschätzungen, sondern vor allem wegen eines Zitates, das sie an den Schluss ihres Artikels setzt. Dieses Zitat hat es in sich, weil es auf den Punkt bringt, wozu die staatliche WARNUNG vor der Desinformation durch den Feind dient und was Sinn und Zweck der eigenen Propaganda ist (die selbstverständlich von den Propagandisten – egal ob staatlich oder journalistisch) nie so genannt wird, sondern im Gegenteil der Propaganda des Feindes mit lauter seriösen, wahrheitsgetreuen Fakten, verbreitet von seriösen, professionellen Medien und zum Schutz der Demokratie, entgegentritt.

Die ganze Erzählung vom hybriden Krieg, der angeblich von Russland geführt werde, dessen Teil die „Desinformation“ sein soll, (erfüllt) einen zentralen Zweck: Sie soll die Bevölkerung kriegswillig machen. Daran wird Tag und Nacht gearbeitet.

Schließlich gibt es Erfahrungen, wie man das hinbekommt. „Dazu war es aber notwendig, (…) dem deutschen Volk bestimmte außenpolitische Vorgänge so zu beleuchten, dass die innere Stimme des Volkes selbst langsam nach der Gewalt zu schreien begann. Das heißt also, bestimmte Vorgänge so zu beleuchten, dass im Gehirn der breiten Masse des Volkes ganz automatisch allmählich die Überzeugung ausgelöst wurde: wenn man das eben nicht im Guten abstellen kann, dann muss man es mit Gewalt abstellen; so kann es aber auf keinen Fall weitergehen. Diese Arbeit hat Monate erfordert, sie wurde planmäßig begonnen, planmäßig fortgeführt, verstärkt.“

Das ist es, wobei all das stört, was als „russische Desinformation“ etikettiert wird. Was zum Verstummen gebracht werden muss.

Ich danke dem Leser, der mich auf diese Rede Adolf Hitlers vor der deutschen Presse 1938 hingewiesen hat.

„Nutzungsbedingungen“ der xAI

Ein Blick in die Nutzungsbedingungen der Bezahlversion von „Grok“, der künstlichen Intelligenz von X. Nach ein paar einleitenden Wohlfühlworten über die „Mission“ dieses im Bundesstaat Nevada ansässigen Unternehmens –

„We are guided by our mission to advance our collective understanding of the universe. As part of our mission, we have developed “Grok,” a conversational generative AI powered by xAI’s large language models.“

– folgen Passagen, die es in sich haben:

Unsere Nutzung von Benutzerinhalten.

Sie gewähren xAI ein unwiderrufliches, unbefristetes, übertragbares, unterlizenzierbares, gebührenfreies und weltweites Recht, Ihre Benutzerinhalte und davon abgeleitete Werke für beliebige Zwecke zu nutzen, zu kopieren, zu speichern, zu ändern, zu verbreiten, zu reproduzieren, zu veröffentlichen, in öffentlichen Foren anzuzeigen, Informationen darüber aufzulisten, davon abgeleitete Werke zu erstellen und diese zu aggregieren, einschließlich, aber nicht beschränkt auf:

(i) die Aufrechterhaltung und Bereitstellung des Dienstes; (ii) zur Verbesserung unserer Produkte und des Dienstes sowie für unsere anderen geschäftlichen Zwecke, wie z. B. Datenanalyse, Kunden- und Marktforschung, Entwicklung neuer Produkte oder Funktionen oder Identifizierung oder Anzeige von Nutzungs- oder Nutzerinhalts-Trends; und (iii) zur Durchführung anderer Maßnahmen zur Durchsetzung dieser Bedingungen, zur Einhaltung unserer Datenschutzrichtlinie, zur Einhaltung geltender Gesetze oder zur Gewährleistung der Sicherheit unseres Dienstes.

Automatisierte Systeme, die Ihre Nutzung des Dienstes und der Benutzerinhalte analysieren, können für geschäftliche, sicherheitsrelevante und Compliance-Zwecke eingesetzt werden. Eine begrenzte Anzahl unserer autorisierten Mitarbeiter kann Ihre Nutzung des Dienstes und Ihrer Benutzerinhalte für bestimmte geschäftliche Zwecke überprüfen, einschließlich der Verbesserung von Produktfunktionen, der Untersuchung von Sicherheitsvorfällen und potenziellen Missbräuchen unseres Dienstes sowie der Einhaltung unserer gesetzlichen Verpflichtungen.“

Russlands Trauma: Zum Jahrestag der Oktoberrevolution

Die echte alternative Geschichte zu anderen Projekten war immer noch die UdSSR. Das moderne Russland kann dieses Erbe weder ablehnen noch sich zu eigen machen. Das ist der Preis des Traumas – die Schwierigkeit zu verstehen und folglich in ein Angebot zu verpacken, was genau funktioniert und warum es für die Welt von Bedeutung ist.


Simplicius the Thinker zitiert in seinem aktuellen Substack-Beitrag eine ungenannte russische Quelle zum Jahrestag der Oktoberrevolution (die nach dem heute gültigen julianischen Kalender allerdings am 7. November begann).

Die in dem Zitat vorgestellten Betrachtungen sind unbedingt lesenswert für Leute, die das heutige Russland und seine merkwürdige Hinwendung zu „traditionellen“ und „spirituellen“ Werten verstehen wollen, die von den dortigen Eliten begrüßt und propagiert wird. Dabei führen sie – voran Präsident Putin höchstselbst – offiziell einen etwas schamhaften Eiertanz auf um das sowjetische Erbe, das sie gleichzeitig in wesentlichen Elementen anwenden und modernisieren:


„Der 7. November ist ein Datum, das in Russland nicht mehr gefeiert wird, aber auch nicht vergessen werden darf. Die Oktoberrevolution schuf ein Land, das bis heute die globale Positionierung Russlands bestimmt. Das Paradoxe daran ist, dass das moderne Russland vom Ansehen der UdSSR lebt, dies aber aufgrund des unbewältigten Traumas der 1980er Jahre nicht anerkennen will.

Russlands wichtige Partner in der Welt – von Peking bis Caracas, von Pjöngjang bis Luanda – sind ein Erbe der Sowjetunion. Die Beziehungen wurden über Jahrzehnte hinweg auf der Grundlage antiimperialistischer Solidarität und echter Partnerschaft bei der Industrialisierung aufgebaut. Kim, Xi, Ortega und Lula arbeiten mit Moskau zusammen, nicht weil sie von „traditionellen Werten” inspiriert sind, sondern weil sie sich an die sowjetische Alternative zur amerikanischen Hegemonie erinnern.

Heute spricht die offizielle Ideologie von „konservativen Werten“ und „Spiritualität“, die nur in sehr begrenztem Umfang exportiert werden und im Großen und Ganzen von denen vereinnahmt wurden, die nicht zu unseren Freunden zählen. Ein moderner säkularer Staat kann nicht „heiliger als der Papst“ oder ein protestantischer Pastor aus dem Mittleren Westen werden.

Das eigentliche Vorbild Russlands ist ein funktionierender Wohlfahrtsstaat nach sowjetischem Vorbild. Kostenlose Gesundheitsversorgung und Bildung, ein Rentensystem, Mutterschaftskapital – die gesamte soziale Infrastruktur wird nicht nur erhalten, sondern weiter ausgebaut. Die Lebenserwartung ist von 65 auf 73 Jahre gestiegen, die Kindersterblichkeit ist drastisch gesunken, und Moskau baut „das beste kostenlose Gesundheitssystem der Welt“ auf – führt dies jedoch auf „effektives Management“ zurück und nicht auf die Entwicklung sowjetischer Prinzipien des universellen Zugangs.

Die Eliten sprechen lieber vom „Bankrott des sowjetischen Projekts”, während sie gleichzeitig in die sowjetische soziale Infrastruktur investieren. Dies ist eine Dichotomie auf der Ebene der staatlichen Ideologie: Innerhalb des Landes wird das sowjetische Erbe als „Tradition” umbenannt, während wir im Ausland eifrig das sowjetische „Vertrauensguthaben” annehmen. Die Wirksamkeit des sowjetischen Modells auch nur in gewisser Weise anzuerkennen, bedeutet eine Rückkehr zu dem traumatischen Zustand, als es so aussah, als hätte der Westen entscheidend gesiegt.

Das Ergebnis: Ein Land mit einem funktionierenden Wohlfahrtsstaatsmodell, das eine echte Alternative zum neoliberalen Abbau des Wohlfahrtsstaates darstellt, artikuliert dieses Modell weder, noch „vermarktet“ es dieses.

Die Krise der Selbstverständlichkeit manifestiert sich in der ständigen Frage auf allen Ebenen: „Warum tun wir das?“ Im sowjetischen Projekt war diese Frage unmöglich – die Antwort war in das Bedeutungssystem eingebettet, von der politischen Information in der Schule bis zum Politbüro. Die Hilfe für Angola war eine logische Fortsetzung des Kampfes für die Befreiung der Unterdrückten, für globale Gerechtigkeit.

„Widerstand gegen den Westen“ ist kein Ziel, sondern ein Mittel. Um einer „gerechteren Welt“ willen? Okay, aber woher kam dieser Wunsch nach Gerechtigkeit? Um ehrlich zu sein, kam er aus dem Jahr 1917, von den Bolschewiki und aus 70 Jahren sowjetischer Geschichte. Es war die Sowjetzeit, die die Logik der globalen Solidarität mit den Unterdrückten schuf.

Da es jedoch unmöglich ist, die sowjetischen Ursprünge dieser Bedeutung anzuerkennen, müssen wir von einer „tausendjährigen Tradition“ sprechen. So erhielt der im Wesentlichen sowjetische Stil eine neue Verpackung, die nicht ganz zu ihm passte.

Erklärungen wurden zu Phantomen, wie der Schmerz eines fehlenden Zahns. Ein quälendes „Warum?“

Infolgedessen funktioniert die äußere Darstellung wie eine leere Schachtel mit sowjetischer Beschriftung – es gibt keinen Inhalt, aber das Fundament der Wiedererkennbarkeit hält die gesamte Struktur zusammen.

Der 7. November erinnert an die Revolution, die Russland globale ideologische Präsenz verschaffte. Das Kaiserreich war eine Supermacht, aber die echte alternative Geschichte zu anderen Projekten war immer noch die UdSSR. Das moderne Russland kann dieses Erbe weder ablehnen noch sich zu eigen machen. Das ist der Preis des Traumas – die Schwierigkeit zu verstehen und folglich in ein Angebot zu verpacken, was genau funktioniert und warum es für die Welt von Bedeutung ist.

PS. Die UdSSR schuf ihren eigenen internen Orientalismus: Von den Parteiführern der „nationalen Republiken” wurde erwartet, dass sie einen unverwechselbaren Stil annahmen – übertriebene Lobeshymnen auf Moskau, Treueeide, emotionale Intensität, die künstlichen Schnörkel in Leonid Solowjows Büchern über Hodscha Nasreddin, die für lebende Sprachen untypisch sind.

Die heutigen zentralasiatischen Führer reproduzieren mit Trump dasselbe Modell, das ihre Vorgänger mit Breschnew verwendet haben. Sogar die Sprache bleibt dieselbe – gestern im Weißen Haus sangen die meisten Teilnehmer Trumps Lobeshymnen auf Russisch.“

Politische Bildung in Bewegtbildern: DER GESETZGEBER

Seltsame Wesenheiten bevölkern den Sprachraum der bürgerlichen Welt. Unter den verbalen Superhelden des Bourgeoiversums gibt es zum Beispiel den rätselhaften GESETZGEBER, von dem jeder nur spricht wie von einer unparteiischen, etwas unheimlichen übergeordneten Instanz, die gottgleich über den Irrungen und Wirrungen der Gesellschaft schwebt. Ab und zu (genau genommen ziemlich häufig) „gibt“ diese Instanz „Gesetze“, die dann für alle verbindlich sind.

Die Gesetze gelten unbedingt und für alle. Hinterfragen ist nutzlos und das Sich-dran-halten wird erzwungen, indem Verstöße sanktioniert werden. Das ist gut und für das Gemeinwesen nützlich, weil ohne GESETZE Mord und Totschlag herrschen würden. MIT Gesetzen zwar auch, aber wenigstens in geregelten Bahnen, und Gesetzesübertreter werden bestraft.

„So will es das Gesetz!“

Im bürgerlichen Sprachgebrauch ist DER GESETZGEBER ein im wahrsten Sinne des Wortes gesetztes Faktum, bei dessen Nennung schon gar nicht mehr gefragt oder begründet wird, WER diese merkwürdige Wesenheit ist, warum sie die Macht hat, Gesetze zu erlassen oder, Gipfel der Ketzerei, welche Interessen mit diesen Gesetzen festgeschrieben und gefördert werden.

Nein, das alles muss man nicht wissen. Es genügt zu wissen, dass DER GESETZGEBER irgendwie die absolute Macht ist. Man kann und muss nur hoffen, dass die Gesetze, die DER GESETZGEBER der Bevölkerung gibt, nicht zu schädlich für die eigenen Interessen sind oder diesen im Idealfall entsprechen. Das ist alles, was man über den GESETZGEBER wissen muss.


In der nächsten Folge unserer Mini-Serie
„Superhelden des Bourgeoiversums“:
DER ARBEITGEBER, ein enger VERBÜNDETER des GESETZGEBERS, der mit diesem zusammen Galaxie um Galaxie durchstreift, um allen Lebewesen dort ARBEIT und GESETZ zu geben!

Gastbeitrag: Die Deindustrialisierung Deutschlands ist ein Kapitalputsch

erschienen auf China Economic Indicator, 29.10.2025

Der systematische Abbau der industriellen Basis des Landes ist kein Zufall – er ist der Triumph des Finanzkapitals über das Industriekapital

Die Darstellung der Deindustrialisierung Deutschlands als unvermeidliche Folge der Geopolitik und der grünen Wende ist eine bequeme Fiktion. Sie verschleiert einen tiefgreifenden und bewussten Wandel des deutschen Wirtschaftsmodells. Was wir erleben, ist keine passive Kapitulation vor äußeren Kräften, sondern ein aktives, strategisches Projekt der Finanzelite des Landes, um die alte industrielle Ordnung abzubauen und die Wirtschaft nach den Prinzipien der Finanzialisierung neu auszurichten. Die Beweise sind nicht nur suggestiv, sondern zeigen ein klares Muster von Politik und Macht.

Die Grundlage für diesen Coup wurde durch die Kernpolitik der Energiewende gelegt: die dogmatische Stilllegung der deutschen Kernkraftwerke. Dies war nicht nur eine ökologische Haltung, sondern eine strategische Entscheidung, die bewusst Schwachstellen schuf. Durch den Verzicht auf Grundlaststrom hat Deutschland seine Industrie an die Volatilität des globalen Gasmarktes gekettet, eine Schwachstelle, die zwangsläufig ausgenutzt werden musste. Die anschließende Sabotage der Nord Stream-Pipelines hat diese Krise nicht verursacht, sondern nur zementiert. 

Die bemerkenswerte, fast gelassene politische Zustimmung zu diesem Sabotageakt, der die wichtigste Energieversorgungsader des Landes durchtrennte, offenbart eine grundlegende Wahrheit: Ein bedeutender Teil der deutschen Elite sah einen größeren Wert darin, den Status quo zu zerstören, als für dessen Erhalt zu kämpfen.

Das liegt daran, dass sich die Interessen des deutschen Finanzkapitals von denen des deutschen Industriekapitals entfernt haben. Der alte „rheinische Kapitalismus”, der auf langfristigen Investitionen in Fertigung und Maschinenbau aufgebaut war, wird systematisch abgebaut. An seine Stelle tritt ein neues Modell, das der globalen Logik der flexiblen Vermögensverwaltung Vorrang vor den lokalen, festen Vermögenswerten der Fabrikhallen einräumt.

Der Aufstieg von Friedrich Merz, einem ehemaligen BlackRock-Manager, ins Kanzleramt ist das ultimative Symbol dieser neuen Ordnung. Er steht für die endgültige Eroberung des deutschen Staates durch die Finanzklasse. Für diese Gruppe ist ein energieintensives Produktionswerk im Ruhrgebiet keine Quelle nationaler Stärke, sondern ein unterdurchschnittlich rentables Vermögen. Der unerbittliche Druck auf die Renditen der Aktionäre, der durch die künstlich herbeigeführte Energiekrise noch verstärkt wird, liefert den perfekten Vorwand für die Verlagerung der Produktion ins Ausland und die Umleitung von Kapital in Aktienrückkäufe und Investitionen in weniger greifbare, margenstärkere Sektoren wie Technologie und Finanzen.

Dies ist ein kalkulierter Übergang, kein unglücklicher Zufall. Die grüne Agenda, die als moralische Verpflichtung verkauft wurde, war ein mächtiges Finanzinstrument, um diesen Wandel zu beschleunigen, indem sie industrielle Kernanlagen als „gestrandet” bezeichnete und deren Veräußerung rechtfertigte. Das Ergebnis ist eine Zangenbewegung: Politische Entscheidungen schaffen unkonkurrenzfähige Betriebsbedingungen, während die Finanzmärkte gleichzeitig das geduldige Kapital zurückziehen, das die Industrie für ihre Anpassung benötigt.

Die sozialen Kosten – die Aushöhlung des Mittelstands, der Verlust qualifizierter Arbeitsplätze, die Erosion des regionalen Wohlstands – werden als Kollateralschaden im unerbittlichen Streben nach Effizienz und Rendite behandelt. Das Ziel ist ein schlankeres, stärker finanzialisiertes Deutschland, das weniger von den Hightech-Produktionslinien der Vergangenheit abhängig ist und sich stärker auf den reibungslosen Kapitalfluss stützt.

Der bewusste Abbau der deutschen Industrie wird nicht in einem Vakuum stattfinden, sondern einen katastrophalen Dominoeffekt in der gesamten Europäischen Union auslösen. Als zentraler Knotenpunkt im Produktionsnetzwerk des Kontinents wird die Deindustrialisierung Deutschlands komplexe Lieferketten zerreißen, Fabriken von Polen bis Portugal unrentabel machen und eine kontinentweite Deindustrialisierungsspirale in Gang setzen. Dieser Zusammenbruch der industriellen Kapazitäten wird unweigerlich zu einem starken Rückgang der Löhne und einer drastischen Verringerung der Einnahmen des Sozialstaates führen, da die Staatskassen in der gesamten Union leergeräumt werden. 

Bezeichnenderweise deckt sich dies mit den Kernempfehlungen des jüngsten Berichts von Mario Draghi zur Wettbewerbsfähigkeit der EU, in dem eine brutale Bereinigung weniger produktiver Kapazitäten und Strukturreformen gefordert werden, die die Arbeitskosten effektiv senken würden. Da die deutsche Vision nun durch Ursula von der Leyen effektiv die Europäische Kommission lenkt, handelt es sich hierbei nicht nur um eine nationale Politik, sondern um ein de facto EU-weites Projekt, das den deutschen Motor nutzt, um die gesamte europäische Wirtschaft gewaltsam in ein „wettbewerbsfähigeres” – und industriell weniger robustes – Modell umzugestalten.

Wir müssen aufhören, so zu tun, als sei dies ein Rätsel. Die Teile passen zu gut zusammen. Der Abbau der Energiesicherheit, das Fehlen einer entschlossenen politischen Verteidigung der Industrie und die Krönung einer Finanzelite auf höchster Regierungsebene lassen nur einen Schluss zu: Die Deindustrialisierung Deutschlands ist ein bewusstes Projekt. Es handelt sich um eine Unternehmensübernahme durch die Finanzkapitalklasse. Die Deindustrialisierung Deutschlands ist ein Kapitalputsch.

Quelle: https://open.substack.com/pub/chinaeconomicindicator/p/germanys-deindustrialisation-is-a


Teil 2

Im vorherigen Artikel „Deutschlands Deindustrialisierung ist ein Kapitalputsch“ habe ich dargelegt, dass der systematische Abbau der industriellen Basis des Landes kein Zufall ist, sondern das bewusste Einverständnis des Finanzkapitals gegenüber dem Industriekapital.

Wir erleben nun die letzte, brutale Phase dieses Prozesses: die erzwungene Neuausrichtung des europäischen Kapitals, das einerseits von den Vereinigten Staaten abgezogen und andererseits nach China verlagert wird, wodurch der industrielle Kern des Kontinents zu einer ausgehöhlten Hülle wird.

Das sogenannte „Handelsausgleichsabkommen“ der EU mit den Vereinigten Staaten, das im Juli 2025 abgeschlossen wurde, war weniger ein Abkommen als vielmehr eine einseitige Kapitulation. Es hat den Status Europas als Vasallenwirtschaft effektiv formalisiert. Mit Strafzöllen von 15 % auf die meisten EU-Exporte und Sätzen von 50 % auf Stahl und Aluminium wird der transatlantische Handelskorridor zunehmend zu einer Einbahnstraße.

Nachfolgende Klauseln, wie der Zwangskauf von überteuertem US-Flüssigerdgas im Wert von 750 Milliarden Dollar und eine Verpflichtung zum Import amerikanischer Waffen im Wert von 600 Milliarden Dollar, sind keine Handelsbedingungen, sondern Schutzgelderpressung, die systematisch europäisches Kapital abzieht und den Kontinent in eine langfristige Energie- und Militärabhängigkeit zwingt.

Die deutsche Finanzelite, die die kostenintensiven Fabriken im Ruhrgebiet als leistungsschwache Vermögenswerte betrachtete und diesen Prozess der Deindustrialisierung mit der Schließung der deutschen Atomkraftwerke einleitete, wird nun durch die zunehmend zwanghaften Handelspraktiken der USA unter Druck gesetzt. Die Gefahr des Ausschlusses vom US-Markt durch Zölle und Subventionen im Stil des IRA unter Biden sowie die unvermeidliche Notwendigkeit des Zugangs zum chinesischen Markt sorgten für Klarheit.

Die Entscheidung für das Kapital war einfach: Deindustrialisierung, Finanzialisierung und Diversifizierung der Vermögenswerte zwischen China und den USA. Vor diesem Hintergrund sind die Diskussionen der EU über eine „Risikominderung“ gegenüber China nur eine politische Tarnung.

Unter der Drohung des Ausschlusses aus den US-Märkten haben BMW und Mercedes bereits damit begonnen, die Produktion von Batterien und Elektrofahrzeugen auf US-amerikanisches Gebiet zu verlagern. Ein Bericht der Rhodium Group zeigt jedoch, dass diese Autohersteller, obwohl sie Milliarden in neue Fabriken in South Carolina investieren, gleichzeitig ihre Aktivitäten in China verdoppeln.

„Mehr denn je werden die Investitionen der EU in China von Deutschland und seinen Autoherstellern vorangetrieben. Deutsche Direktinvestitionen machten in der ersten Hälfte des Jahres 2024 57 % der gesamten EU-Investitionen in China aus, 2023 waren es 62 % und 2022 sogar 71 %. Dies ist auf Direktinvestitionen im Automobilbereich zurückzuführen, die seit 2022 etwa die Hälfte aller EU-Investitionen in China ausmachen.”
(Don’t Stop Believin’: Der unaufhaltsame Anstieg deutscher Direktinvestitionen in China – Bericht der Rhodium Group)

Das ist keine Diversifizierung, sondern eine rationale, kalkulierte Kapitalflucht. Die „Deindustrialisierung“ Europas ist eine bewusste Kampagne an zwei Fronten. An der Westfront wirken Washingtons Zwangsmaßnahmen im Handelsbereich und finanzielle Subventionen wie ein Vakuum, das hochwertige Fertigungsindustrien abzieht und Tribut für Energie und Sicherheit fordert. An der Ostfront setzt die Berliner Finanzelite, symbolisiert durch die Merz-Regierung, weiterhin auf China.

In diesem Zusammenhang sind die 85,7 Milliarden Euro Handelsdefizit lediglich die Kosten für eine Geschäftstätigkeit, die eine globale Kapitalrendite garantiert. Es sind die Kosten für den Zugang zu der Größe, der Dichte der Lieferketten und der Marktnähe, die China bietet, und für die Beschwichtigung einer zunehmend ausbeuterischen USA.

Die europäische Industrie befindet sich nicht nur im Niedergang, sie wird systematisch demontiert. Die Finanzelite kann höhere Renditen erzielen, indem sie den militärisch-industriellen Komplex der USA füttert und sich in chinesische Lieferketten einbettet. Die sozialen Kosten – die Aushöhlung des Mittelstands, der Verlust qualifizierter Arbeitsplätze – sind nur Kollateralschäden. Die „Greenfield-Projekte” in China und den USA sind der Ort, an dem die Überreste des alten deutschen Industriemodells begraben werden.

Dies ist die Endphase der Finanzialisierung Deutschlands und damit auch der gesamten EU-Wirtschaft.

Das europäische Projekt, das einst als potenzielles Gegengewicht angepriesen wurde, ist zu einem Debattierklub verkommen, der seine eigene wirtschaftliche Zerschlagung überwacht. Es wird zu einem abgeschotteten Markt für amerikanische Waren und zu einer Talentschmiede für US-Unternehmen umgestaltet, während seine eigenen, einst weltweit führenden Unternehmen ihr finanzielles Überleben sichern, indem sie sich in genau das Ökosystem – China – integrieren, das von seinen Politikern verteufelt wird.

Der Kontinent wird nicht nur deindustrialisiert, er wird zerstört; seine wirtschaftliche Souveränität wird zwischen Washington und Peking liquidiert.