
Geschichten aus dem Pflegeheim: Der Herbst steht auf der Leiter, wir malen Blätter an







Der Jahreszeit angemessen gibt es diesmal in der Mal- und Kreativrunde ein lustiges Blätterdrucken. Das heisst, Herbstblätter, die ich vorher in der Umgebung der Einrichtung eingesammelt habe, werden in Acrylfarbe getunkt und dann auf Papierbögen gepresst. Das ist nach dem Geschmack meiner Leute, schon weil es unmittelbare Resultate bringt. Allerdings ist die Handhabung eine Herausforderung für die teilweise haptisch limitierten und dementen Teilnehmer: die dünnen Blätter müssen am besten am Stiel angefaßt werden und beginnen sich sofort einzurollen, sobald sie Farbe aufgenommen haben. Trotzdem schafft es jede(r) – mit etwas Hilfe – seine Blätter zu färben und aufs Papier zu pressen.
Die Farbe drücken wir aus der Tube in flache Glasschälchen, ohne sie gross zu mischen, damit die unterschiedlichen Farbtöne sich auf den Blättern wiederfinden können. Frau S., die auf den ersten Blick den Eindruck einer freundlich-resoluten Dame macht, sich stets schick kleidet und der man ihre Demenz nur anmerkt, wenn man sich länger mit ihr unterhält, legt gleich freudig los. Sie rührt aber die drei oder vier verschiedenen Farben im Schälchen vor ihr so wüst durcheinander, dass ein matschiges Braun heraus kommt. Sie ist enttäuscht, dass ihre Blätter nicht so schön bunt sind wie die ihrer Nachbarin, aber als ich ihr neue Farben in das Schälchen drücke und zeige, wie man diese höchstens minimal ein bißchen mit dem Pinsel verteilt, ist alles wieder gut.
Als nächstes wende ich mich Frau P. und Herrn M. zu, die die Aufgabe klasse finden, aber Schwierigkeiten haben bei der mentalen Verarbeitung der einzelnen Schritte des Vorganges. Frau P. hat sich eine Handvoll Blätter von dem Tablett gegriffen, auf die ich die Herbstblätter gelegt habe und legt diese nun auf ihren Papierbogen. Sie ruft mich herbei, ist ganz stolz auf ihr Werk und sagt: „Gut, oder?“ Da kann ich nicht widersprechen, denn buntes Herbstlaub sieht natürlich auch im natürlichen Zustand gut aus. Nachdem ich ihr aber noch einmal erklärt habe, dass wir ein Bild machen wollen, auf dem die Blätter NOCH BUNTER als in echt sind, fällt der Groschen bei ihr. Da sie haptisch und motorisch sehr eingeschränkt ist, muss ich ihr die Blätter einfärben. Anschließend platziere ich die Blätter dorthin, wo Frau P. hindeutet, so dass sie das Gefühl hat, dass dies ihre Kreation ist.
Herr M. sitzt derweil ziemlich ratlos vor seinem Papierbogen. Er scheint sehr zu schätzen, was er bei den anderen entstehen sieht und will nun auch so etwas herstellen, aber er kann nicht nachvollziehen, wie er vorgehen muss. Ich zeige es ihm und er freut sich über die bunten Abdrücke auf dem Papier. Immer wieder aber versucht er, „leere“ (also nicht eingefärbte) Blätter aufs Papier zu pressen und ist dann verwundert, dass nichts passiert. Hier ist also Eins-zu-eins-Betreuung angesagt und ich bleibe erstmal bei Herrn M., bis sein Papierbogen keinen Platz mehr hat für weitere Blätterabdrücke.
Schließlich sind alle fertig und wir zeigen unter vielen „Als“ und Ohs“ die sechs Werke in der Runde herum. Die simple Methodik (gar nicht so simpel für Menschen mit physischen oder psychischen Einschränkungen!) und die schönen bunten Ergebnisse sind im Grunde geeigneter für dieses Gruppenangebot als „anspruchsvollere“ Aufgaben wie das Zeichnen konkreter Gegenstände, nach Bildvorlagen oder ähnliches. Es gibt auch Teilnehmer, die mit viel Geduld und Ausdauer an solchen Bildern arbeiten (wollen) – heute aber habe ich vier Menschen mit Demenz in einer Runde von sechs Aktiven (und einigen Bewohnern, die wie üblich einfach nur dabei sitzen, um zuzugucken). Flugs ist eine Ausstellung auf dem Podium der Cafeteria organisiert und alle sind stolz wie Bolle auf ihre Bilder – und auf die anerkennende Würdigung durch Bewohner und Gäste, die sich in der Cafeteria aufhalten oder dort hineinkommen und die neue Ausstellung bewundern.
Geschichten die das Leben schrieb: Mi sono innamorato di Marina
Noch eine Animation einer Zeichnung, die ich vor einigen Jahren angefertigt habe und die immer zu meinen Favoriten zählte.
Jedenfalls hatte ich das Gefühl, Rocco Granatas „Marina“ würde als Begleitmusik gut dazu passen. Die beschwingte alte Schnulze handelt von einer dunkelhaarigen Schönheit namens Marina, die der Sänger aufs Inbrünstigste anschmachtet. Während er im ersten Vers noch von ihr zurückgewiesen wird, gibt sie ihm im nächsten einen Kuss und er will sie sofort heiraten..
Naja, der Text dürfte egal sein, Hauptsache irgendwas mit Liebe und Romantik. Auf die Melodie kommt‘s an. Die kann, weil sie klare Ohrwurmqualität hat, jeder mitsingen, -summen oder -pfeifen.
Als ich genau das tue, während ich an dem Filmchen arbeite, werde ich von der Liebsten streng zur Ordnung gerufen: „Mach das aus! Hör auf zu singen! Solche Musik kann ja keiner aushalten!“
Doch, ich schon – aber der Troubadour gilt halt nichts in den eigenen vier Wänden.
„Nutzungsbedingungen“ der xAI

Ein Blick in die Nutzungsbedingungen der Bezahlversion von „Grok“, der künstlichen Intelligenz von X. Nach ein paar einleitenden Wohlfühlworten über die „Mission“ dieses im Bundesstaat Nevada ansässigen Unternehmens –
„We are guided by our mission to advance our collective understanding of the universe. As part of our mission, we have developed “Grok,” a conversational generative AI powered by xAI’s large language models.“
– folgen Passagen, die es in sich haben:
„Unsere Nutzung von Benutzerinhalten.
Sie gewähren xAI ein unwiderrufliches, unbefristetes, übertragbares, unterlizenzierbares, gebührenfreies und weltweites Recht, Ihre Benutzerinhalte und davon abgeleitete Werke für beliebige Zwecke zu nutzen, zu kopieren, zu speichern, zu ändern, zu verbreiten, zu reproduzieren, zu veröffentlichen, in öffentlichen Foren anzuzeigen, Informationen darüber aufzulisten, davon abgeleitete Werke zu erstellen und diese zu aggregieren, einschließlich, aber nicht beschränkt auf:

(i) die Aufrechterhaltung und Bereitstellung des Dienstes; (ii) zur Verbesserung unserer Produkte und des Dienstes sowie für unsere anderen geschäftlichen Zwecke, wie z. B. Datenanalyse, Kunden- und Marktforschung, Entwicklung neuer Produkte oder Funktionen oder Identifizierung oder Anzeige von Nutzungs- oder Nutzerinhalts-Trends; und (iii) zur Durchführung anderer Maßnahmen zur Durchsetzung dieser Bedingungen, zur Einhaltung unserer Datenschutzrichtlinie, zur Einhaltung geltender Gesetze oder zur Gewährleistung der Sicherheit unseres Dienstes.
Automatisierte Systeme, die Ihre Nutzung des Dienstes und der Benutzerinhalte analysieren, können für geschäftliche, sicherheitsrelevante und Compliance-Zwecke eingesetzt werden. Eine begrenzte Anzahl unserer autorisierten Mitarbeiter kann Ihre Nutzung des Dienstes und Ihrer Benutzerinhalte für bestimmte geschäftliche Zwecke überprüfen, einschließlich der Verbesserung von Produktfunktionen, der Untersuchung von Sicherheitsvorfällen und potenziellen Missbräuchen unseres Dienstes sowie der Einhaltung unserer gesetzlichen Verpflichtungen.“
Politische Bildung in Bewegtbildern: Wie man KRIEGSTÜCHTIGKEIT herstellt

Es erscheint verwunderlich, WARUM alle Medien bei der KRIEGSTÜCHTIGKEIT mitziehen und aus allen Rohren zum Angriff blasen (auf wen, muss man gar nicht erst fragen, das ist in Deutschland sowieso seit mindestens neunzig Jahren klar). Warum wabert mentaler Pulverdampf und von „Experten“ sachlich vorgetragene Hate Speech voller Feindbilder, Falschbehauptungen und Angstmacherei durch den öffentlichen (und teilweise auch durch den privaten) Informationsraum?
Die staatlich kontrollierten Sendeanstalten erfüllen natürlich den politischen Auftrag: Der Russe ist mal wieder fällig, Krieg muss her, Deutschland und Europa kann sich nur mit gigantischem Rüstungs- und Kriegsvorbereitungsprogramm gegen den Angriff des östlichen Untermenschenreiches stemmen. Das muss speziell deutschen Staatsbürgern nicht näher erläutert werden, es reichen allgemeine Hinweise auf die expansionistische Natur des Russen und den „hybriden Krieg“, den er bereits gegen uns führt – schon sind alle Härten gerechtfertigt, die die BRD-Führer ihrem Volk ungefragt spendieren.
Aber warum marschieren Konzernmedien und selbst „unabhängige“ Medien weitgehend im ideologischen Gleichschritt zur russophoben Melodie? Warum fühlen sich „Kulturschaffende“ bemüßigt und ermächtigt, ihren eigenen Eimer Scheiße in die Jauchegrube der offiziellen Kriefspropaganda und Russophobie zu entleeren? Weil es so einfach ist, auf den alten Feindbildern aufzubauen? Weil man weiß, dass das Publikum dafür ansprechbar ist? So einfach ist das nicht.
Die Besitzer der privaten Medienhäuser lassen sich an den Fingern einer Hand abzählen. Wenige Oligarchen bestimmen die Zeitungs- und Fernsehlandschaft und die darin verbreiteten „Narrative“ – einfach weil ihnen die Unternehmen, die Konzerne GEHÖREN.
Der finanzkapitalistische Umbau der BRD
Die Personen und Familien, deren Reichtum durch den privaten Besitz dieser Unternehmen gemehrt werden soll, verlassen sich gerade in Zeiten struktureller Krisen (z.B. der Zeitungsbranche) und dem globalen Niedergang des westlichen Kapitalismusmodells nicht auf ihre Anteile an Medienhäusern. Sie diversifizieren, sie sind auf vielfältige Art und Weise mit den übrigen Revenuequellen eines anspruchsvollen Kapitalstandortes wie Deutschland verbandelt. Insbesondere in den vielversprechend lukrativen Renditemöglichkeiten des finanzkapitalistischen Umbaus der BRD sehen die maßgeblichen Teile der herrschenden Eliten „Potenzial“. Dieser Umbau wird in Deutschland, passend und sachgerecht, direkt von einem vormaligen Blackrock-Statthalter angeleitet:
„(Friedrich Merz) steht für die endgültige Eroberung des deutschen Staates durch die Finanzklasse. Für diese Gruppe ist ein energieintensives Produktionswerk im Ruhrgebiet keine Quelle nationaler Stärke, sondern ein unterdurchschnittlich rentables Vermögen. Der unerbittliche Druck auf die Renditen der Aktionäre, der durch die künstlich herbeigeführte Energiekrise noch verstärkt wird, liefert den perfekten Vorwand für die Verlagerung der Produktion ins Ausland und die Umleitung von Kapital in Aktienrückkäufe und Investitionen in weniger greifbare, margenstärkere Sektoren wie Technologie und Finanzen.“
(https://open.substack.com/pub/ceinewsletter/p/germanys-deindustrialisation-is-a)
So wie der Blackrock-Kanzler sind fast alle Mitglieder der politischen, ökonomischen und kulturellen Eliten in der Wolle gefärbte Transatlantiker. Viele von ihnen haben die einschlägigen Institute, Kurse, Förderprogramme und Think-Tanks durchlaufen, mit denen die imperialistische Vormacht aus Übersee dafür sorgt, dass die europäischen Vasallen unabdingbar auf amerikanische Interessen ausgerichtet sind und bleiben. (Als Resultat werden der deutschen Bevölkerung bizarre Humunkuli als politische Führungsfiguren vorgesetzt, Leute wie Özdemir, Nouripour, Gabriel, Göring-Eckart, Röttgen und ähnliche Charaktermasken; Sprechpuppen der Macht, deren Nützlichkeit für den US-Imperialismus darin besteht, dass sie die Interessen des BRD-Imperialismus nur im Rahmen des Primats der Agenda ihrer Washingtoner Meister sehen und denken können – was in Zeiten der Trump-Administration keine einfache Aufgabe ist.)
Wo ist die ideologische und materielle Schnittstelle zu den Kapitalinteressen der BRD-Oligarchie? Sowohl in der gemeinsamen Einbettung in die transatlantische Ausrichtung, die die BRD-Eliten wie ein klebriger Brei umhüllt, wie vor allem in der Erwartung, durch Beteiligung am Ukraine-Projekt zu Einfluss und Reichtum zu kommen. Das Ukraine-Projekt der Vereinigten Staaten (egal unter welchem Präsidenten), in Wahrheit ein Projekt zur strategischen Ausschaltung Russlands, ist die Vorstufe zum Krieg gegen China, den das US-Imperium als Entscheidungsschlacht betrachtet – zwischen dem eigenen Anspruch auf globale Dominanz und dem Aufbegehren der von China und Russland angeführten globalen Mehrheit.
Hinter dem imperialen Anspruch und Sendungsbewusstsein der westlichen Supermacht, in berechnender Unterordnung geteilt von den abhängigen europäischen US-Vasallen, steckt die Anmaßung der weißen Kolonialmächte des Alten Europas, als Zivilisationsbringer und Modernisierer dem braun-, schwarz-, rot- und gelbhäutigen rückständigen Rest der Welt die Bedingungen seiner Entwicklung diktieren zu wollen und zu dürfen. Dass es inzwischen mit der Zivilisation und Modernität nicht mehr weit her ist in USA und Europa, dass der westliche Block im Vergleich zu China (aber auch zu anderen BRICS-Ländern) mittlerweile ziemlich alt aussieht, ist für imperialistische Weltpolitiker in Washington, London, Paris und Berlin nur Anlass und Ermunterung, ihre schwindende Vorherrschaft erst recht mit Zähnen und Klauen, also mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Gewaltmitteln, zu verteidigen.
Der Kriegsvirus verwandelt das Land in ein dystopisches Irrenhaus
Zurück zum medial-kulturellen Überbau und zur anscheinend uneingeschränkten Lust der Sender und Blätter, der Publizisten und Autoren, sich in Anti-Putin-Rage und einen immer fanatischeren (und gleichzeitig absurderen) Kriegsrausch zu schreiben:
Beim Staatsfunk muss man nicht lange fragen, warum. Es liegt auf der Hand, dass das Prinzip „Wie der Herr, so‘s Gescherr“ bei den weisungs- und meinungsgebundenen Journalisten dieser Medien zur Anwendung kommt.
Im privaten Sektor, bei den Konzernmedien und bei den meisten „unabhängigen“ Medien in Privatbesitz liegen die Dinge ähnlich: die Lohnschreiber werden sich in der Regel hüten, Dinge zu schreiben und Meinungen zu äußern, die sie den Job kosten können. Wie schnell das geht, dafür kennt jeder inzwischen genug Beispiele aus der Mediasphäre und dem Kulturbetrieb. Hinzu kommt, dass die Staatsmacht in Form von Anzeigen, Strafprozessen, Hausdurchsuchungen usw. JEDEM deutlich macht, wohin abweichende Meinungen führen können.
Und so erleben wir die Verwandlung des Landes in ein dystopisches Irrenhaus, dessen maßgebliche Vertreter in Politik und Medien vom Kriegsvirus befallen zu sein scheinen. An sich gemütliche Zeitgenossen werden beim Stichwort „Ukraine“ und „Putin“ zu geifernden Propagandisten rücksichtsloser Gewalt, gepaart mit einem irrationalen, wütenden Hass auf Russland und alles Russische, der sprachlos macht. Sie wirken mitunter, als könnten sie‘s kaum erwarten, dass endlich wieder eine deutsche Armee gen Osten marschiert – als ob die Wut über die Niederlage von 1945 nur geschlummert hatte, betäubt war vom Nachkriegswiederaufbau- und wohlstand (und von gewissen Tabus, die es ein paar Jahrzehnte lang verboten, allzu laut und frech dem Militärischen zu frönen und sich erneut dem zu widmen, was Operation Barbarossa und Weltkrieg erst hervorgebracht hatte: dem deutschen Anspruch auf Weltgeltung, auf Vormachtstellung in Europa und – vor allem – auf die Unterwerfung Russlands).
Man lügt besser, wenn man die Lügen selber glaubt
Verständige Menschen fragen sich, wie im Grunde vernünftige Zeitgenossen aus den medialen Berufen es fertigbringen, so umstandslos auf Kriegskurs einzuschwenken. Die naheliegende Begründung ist, dass jeder mit seinem bißchen Lebensunterhalt, seinen Kreditraten, seinen Hypotheken, den Ausbildungskisten seiner Kinder, seinem ganzen Lebensstandard zu 100% abhängig ist vom regelmäßigen Gehalts- oder Honorareingang.
Aber vielleicht ist das noch gar nicht alles. Möglicherweise ist die Kriegspropaganda, die Feindbildpflege und das mentale Säbelrasseln journalistisch und feuilletonistisch einfacher durchzuhalten, wenn man es selber glaubt. Vielleicht halten die zahlreichen medialen Verkünder der Regierungspropaganda – die Talk-Show-Hosts, die Nachrichtensprecher, die Magazin-Moderatoren, die Leitartikler – ihre Rolle als Papageien der Macht, als Hausierer des Kriegskurses, nur aus, weil sie die Lügen, die sie erzählen (müssen), selber für wahr halten.
Ursache…

… und Wirkung:



Russlands Trauma: Zum Jahrestag der Oktoberrevolution

Die echte alternative Geschichte zu anderen Projekten war immer noch die UdSSR. Das moderne Russland kann dieses Erbe weder ablehnen noch sich zu eigen machen. Das ist der Preis des Traumas – die Schwierigkeit zu verstehen und folglich in ein Angebot zu verpacken, was genau funktioniert und warum es für die Welt von Bedeutung ist.
Simplicius the Thinker zitiert in seinem aktuellen Substack-Beitrag eine ungenannte russische Quelle zum Jahrestag der Oktoberrevolution (die nach dem heute gültigen julianischen Kalender allerdings am 7. November begann).
Die in dem Zitat vorgestellten Betrachtungen sind unbedingt lesenswert für Leute, die das heutige Russland und seine merkwürdige Hinwendung zu „traditionellen“ und „spirituellen“ Werten verstehen wollen, die von den dortigen Eliten begrüßt und propagiert wird. Dabei führen sie – voran Präsident Putin höchstselbst – offiziell einen etwas schamhaften Eiertanz auf um das sowjetische Erbe, das sie gleichzeitig in wesentlichen Elementen anwenden und modernisieren:
„Der 7. November ist ein Datum, das in Russland nicht mehr gefeiert wird, aber auch nicht vergessen werden darf. Die Oktoberrevolution schuf ein Land, das bis heute die globale Positionierung Russlands bestimmt. Das Paradoxe daran ist, dass das moderne Russland vom Ansehen der UdSSR lebt, dies aber aufgrund des unbewältigten Traumas der 1980er Jahre nicht anerkennen will.
Russlands wichtige Partner in der Welt – von Peking bis Caracas, von Pjöngjang bis Luanda – sind ein Erbe der Sowjetunion. Die Beziehungen wurden über Jahrzehnte hinweg auf der Grundlage antiimperialistischer Solidarität und echter Partnerschaft bei der Industrialisierung aufgebaut. Kim, Xi, Ortega und Lula arbeiten mit Moskau zusammen, nicht weil sie von „traditionellen Werten” inspiriert sind, sondern weil sie sich an die sowjetische Alternative zur amerikanischen Hegemonie erinnern.
Heute spricht die offizielle Ideologie von „konservativen Werten“ und „Spiritualität“, die nur in sehr begrenztem Umfang exportiert werden und im Großen und Ganzen von denen vereinnahmt wurden, die nicht zu unseren Freunden zählen. Ein moderner säkularer Staat kann nicht „heiliger als der Papst“ oder ein protestantischer Pastor aus dem Mittleren Westen werden.
Das eigentliche Vorbild Russlands ist ein funktionierender Wohlfahrtsstaat nach sowjetischem Vorbild. Kostenlose Gesundheitsversorgung und Bildung, ein Rentensystem, Mutterschaftskapital – die gesamte soziale Infrastruktur wird nicht nur erhalten, sondern weiter ausgebaut. Die Lebenserwartung ist von 65 auf 73 Jahre gestiegen, die Kindersterblichkeit ist drastisch gesunken, und Moskau baut „das beste kostenlose Gesundheitssystem der Welt“ auf – führt dies jedoch auf „effektives Management“ zurück und nicht auf die Entwicklung sowjetischer Prinzipien des universellen Zugangs.
Die Eliten sprechen lieber vom „Bankrott des sowjetischen Projekts”, während sie gleichzeitig in die sowjetische soziale Infrastruktur investieren. Dies ist eine Dichotomie auf der Ebene der staatlichen Ideologie: Innerhalb des Landes wird das sowjetische Erbe als „Tradition” umbenannt, während wir im Ausland eifrig das sowjetische „Vertrauensguthaben” annehmen. Die Wirksamkeit des sowjetischen Modells auch nur in gewisser Weise anzuerkennen, bedeutet eine Rückkehr zu dem traumatischen Zustand, als es so aussah, als hätte der Westen entscheidend gesiegt.
Das Ergebnis: Ein Land mit einem funktionierenden Wohlfahrtsstaatsmodell, das eine echte Alternative zum neoliberalen Abbau des Wohlfahrtsstaates darstellt, artikuliert dieses Modell weder, noch „vermarktet“ es dieses.
Die Krise der Selbstverständlichkeit manifestiert sich in der ständigen Frage auf allen Ebenen: „Warum tun wir das?“ Im sowjetischen Projekt war diese Frage unmöglich – die Antwort war in das Bedeutungssystem eingebettet, von der politischen Information in der Schule bis zum Politbüro. Die Hilfe für Angola war eine logische Fortsetzung des Kampfes für die Befreiung der Unterdrückten, für globale Gerechtigkeit.
„Widerstand gegen den Westen“ ist kein Ziel, sondern ein Mittel. Um einer „gerechteren Welt“ willen? Okay, aber woher kam dieser Wunsch nach Gerechtigkeit? Um ehrlich zu sein, kam er aus dem Jahr 1917, von den Bolschewiki und aus 70 Jahren sowjetischer Geschichte. Es war die Sowjetzeit, die die Logik der globalen Solidarität mit den Unterdrückten schuf.
Da es jedoch unmöglich ist, die sowjetischen Ursprünge dieser Bedeutung anzuerkennen, müssen wir von einer „tausendjährigen Tradition“ sprechen. So erhielt der im Wesentlichen sowjetische Stil eine neue Verpackung, die nicht ganz zu ihm passte.
Erklärungen wurden zu Phantomen, wie der Schmerz eines fehlenden Zahns. Ein quälendes „Warum?“
Infolgedessen funktioniert die äußere Darstellung wie eine leere Schachtel mit sowjetischer Beschriftung – es gibt keinen Inhalt, aber das Fundament der Wiedererkennbarkeit hält die gesamte Struktur zusammen.
Der 7. November erinnert an die Revolution, die Russland globale ideologische Präsenz verschaffte. Das Kaiserreich war eine Supermacht, aber die echte alternative Geschichte zu anderen Projekten war immer noch die UdSSR. Das moderne Russland kann dieses Erbe weder ablehnen noch sich zu eigen machen. Das ist der Preis des Traumas – die Schwierigkeit zu verstehen und folglich in ein Angebot zu verpacken, was genau funktioniert und warum es für die Welt von Bedeutung ist.
PS. Die UdSSR schuf ihren eigenen internen Orientalismus: Von den Parteiführern der „nationalen Republiken” wurde erwartet, dass sie einen unverwechselbaren Stil annahmen – übertriebene Lobeshymnen auf Moskau, Treueeide, emotionale Intensität, die künstlichen Schnörkel in Leonid Solowjows Büchern über Hodscha Nasreddin, die für lebende Sprachen untypisch sind.
Die heutigen zentralasiatischen Führer reproduzieren mit Trump dasselbe Modell, das ihre Vorgänger mit Breschnew verwendet haben. Sogar die Sprache bleibt dieselbe – gestern im Weißen Haus sangen die meisten Teilnehmer Trumps Lobeshymnen auf Russisch.“
Politische Bildung in Bewegtbildern: DER GESETZGEBER
Seltsame Wesenheiten bevölkern den Sprachraum der bürgerlichen Welt. Unter den verbalen Superhelden des Bourgeoiversums gibt es zum Beispiel den rätselhaften GESETZGEBER, von dem jeder nur spricht wie von einer unparteiischen, etwas unheimlichen übergeordneten Instanz, die gottgleich über den Irrungen und Wirrungen der Gesellschaft schwebt. Ab und zu (genau genommen ziemlich häufig) „gibt“ diese Instanz „Gesetze“, die dann für alle verbindlich sind.
Die Gesetze gelten unbedingt und für alle. Hinterfragen ist nutzlos und das Sich-dran-halten wird erzwungen, indem Verstöße sanktioniert werden. Das ist gut und für das Gemeinwesen nützlich, weil ohne GESETZE Mord und Totschlag herrschen würden. MIT Gesetzen zwar auch, aber wenigstens in geregelten Bahnen, und Gesetzesübertreter werden bestraft.
„So will es das Gesetz!“

Im bürgerlichen Sprachgebrauch ist DER GESETZGEBER ein im wahrsten Sinne des Wortes gesetztes Faktum, bei dessen Nennung schon gar nicht mehr gefragt oder begründet wird, WER diese merkwürdige Wesenheit ist, warum sie die Macht hat, Gesetze zu erlassen oder, Gipfel der Ketzerei, welche Interessen mit diesen Gesetzen festgeschrieben und gefördert werden.
Nein, das alles muss man nicht wissen. Es genügt zu wissen, dass DER GESETZGEBER irgendwie die absolute Macht ist. Man kann und muss nur hoffen, dass die Gesetze, die DER GESETZGEBER der Bevölkerung gibt, nicht zu schädlich für die eigenen Interessen sind oder diesen im Idealfall entsprechen. Das ist alles, was man über den GESETZGEBER wissen muss.
In der nächsten Folge unserer Mini-Serie
„Superhelden des Bourgeoiversums“:
DER ARBEITGEBER, ein enger VERBÜNDETER des GESETZGEBERS, der mit diesem zusammen Galaxie um Galaxie durchstreift, um allen Lebewesen dort ARBEIT und GESETZ zu geben!
Westmedien wieder voll auf der Höhe der faktischen Objektivität
Endgame Ukraine:
Europäische und amerikanische Bürger wie immer akkurat, sachlich, neutral und faktenchecker-geprüft informiert!
Geschichten aus dem Pflegeheim: “Bewegung mit Senioren“
Heute war der erste Tag der jährlichen Rezertifizierungs-Fortbildung, die für Pflegeheimmitarbeiter im Sozialen Dienst obligatorisch ist. Thema diesmal „Bewegung mit Senioren“.
Es war unsäglich öde und langweilig, die Referentin nicht vollständig inkompetent, aber unprofessionell bis zur Schmerzgrenze und der Inhalt für die Anwendung im Pflegeheim unergiebig und zum größten Teil unpraktisch. Ich musste mich deshalb zwangsweise mit dem Karikieren des Gehörten beschäftigen (Filme 1-3)
Anschließend das Ergebnis der Aufgabe, die die Teilnehmer zum Abschluss absolvieren sollten: ein eigenes Bewegungs-Angebot für Senioren zu konzipieren und vorzustellen.
Während die anderen Gruppen sich die Köpfe heiß redeten und endlose Konzepte aufschrieben, um sie hinterher mehr oder weniger gekonnt vorzustellen, machten meine Lieblingskollegin und ich kurzen Prozess beziehungsweise ein paar Zeichnungen, animierten diese – und das war’s für uns.
Das Ganze nannten wir Rhythmische Schunkelgymnastik und fanden in aller Selbstbescheidenheit, dass es auf jeden Fall das niedrigschwelligste Angebot der ganzen Runde war (bis auf die Fischbrötchen jedenfalls) 🙂

































































































