Dr. Arthur Kachikian war heute bei Pascal Lottaz zu Gast. Kachikian ist in der armenischen Sowjetrepublik aufgewachsen und bezeichnet sich selber als Liberalen, als Anhänger des westlichen Liberalismus, der nun allerdings sehen muss, das all seine Ideale, alles woran er geglaubt hat, sich als Schwindel erweisen.
Das gesamte Gespräch ist äußerst hörenswert; ich habe hier mal die Passagen übersetzt, die sich mit der Ent-Täuschung der liberalen Lebenslüge befassen, dass die imperialistische Weltordnung irgendetwas anderes wäre als eine nützliche Maskerade der stinknormalen kapitalistischen Ausbeutungsverhältnisse:
„Es ist ziemlich gefährlich, dies als einen Religionskrieg darzustellen. Was ich sagen möchte, Pascal, ist, dass wir gerade Zeugen eines Erdbebens sind. Dies ist ein internationales Erdbeben von globalem Ausmaß.
Dies ist das Ende des Völkerrechts, der internationalen Legitimität, der internationalen öffentlichen Meinung, der internationalen Organisationen, des UN-Systems und der Weltordnung nach 1945. Tatsächlich ist es das Ende jeglicher Weltordnung. Es ist das Ende der gesamten Idee des Gleichgewichts, der gemeinsamen europäischen Sicherheit, der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Es ist das Ende der gesamten Architektur der Rüstungskontrolle. (…)
Wir haben jetzt so gut wie nur noch den umfassenden Teststoppvertrag, der mehr oder weniger eingehalten wird. (…) Das gesamte System der Rüstungskontrolle ist also zusammengebrochen. Die gesamte Philosophie, Frieden durch gegenseitiges Verständnis, Kompromisse und Gleichgewicht zu erhalten, ist über Bord geworfen worden.
Wir haben das Ende des liberalen Traums erlebt. Das ist das Ende des Liberalismus.
In den letzten 400 Jahren haben uns englische, französische, niederländische, amerikanische und andere Autoren erzählt, dass die ideale Form der menschlichen Gesellschaft die liberale Demokratie sei. Dass Demokratien friedlich miteinander leben. Dass sie sich nicht gegenseitig angreifen. Und dass dies die ideale Form sowohl für die Innen- als auch für die Außenpolitik sei. Angefangen bei Thomas Hobbes über John Locke, John Stuart Mill, Jean-Jacques Rousseau, Montesquieu, Adam Smith bis hin zu Voltaire. All diese Menschen sind nun irrelevant geworden.
Wir sind 400 Jahre zurückgegangen. 400 Jahre liberalen Denkens. Eine führende Demokratie verhält sich seit 25 Jahren auf diese Weise. Die Leute werden mir sagen: Arthur, du übertreibst. Das ist nur eine Person. Es ist nicht nur eine Person. Fukuyama kann also zurück in die 90er Jahre gehen und sein Buch noch einmal schreiben. Das ist das Ende, aber nicht das Ende der Geschichte.
Das ist das Ende der liberalen Demokratie. Das ist das Ende der westlichen liberalen Demokratie, denn alles, was wir über die westliche liberale Demokratie wussten, ist über Bord geworfen worden. Die Pressefreiheit ist am Ende. Die Kraft, die Macht der öffentlichen Meinung ist verschwunden. Liberale Werte – man spricht von liberalen Werten, tötet 165 Kinder und redet nicht einmal darüber – sind verschwunden. Wirtschaftliche Verflechtung, institutionelle Zwänge, all diese Elemente der liberalen Theorie sind einfach auseinandergefallen. Und wir wandeln nun auf einem Friedhof der Weltordnungen und Ideale.“