Kunst, KI und Kommunismus

Tom Böhner, Hochenergiephysiker an der Uni Bonn, erläutert in einem faszinierenden und extrem kenntnisreichen Vortrag auf der Mitgliederversammlung der DKP im März 2026 Grundlagen, Definitionen, Anwendungsgebiete und wissenschaftlich-ethische Fragen von Künstlicher Intelligenz, die sich bekanntlich immer rasanter entwickelt.

Spoiler-Alert: noch besteht keine Gefahr, dass unbelebte KI auch nur die Stufe 5 (von 8) – selbstwahrnehmende Intelligenz – erreicht. Jeder Wurm, jeder biologische Organismus hat diese Stufe erreicht, weil er sonst nicht (über-)leben würde. Dazu könnten zukünftige neuromorphe Systeme in der Lage sein:

Noch sind neuromorphe Systeme und Quantencomputer nicht sonderlich intelligent. KI-Systeme, die einen hohen rationalen IQ benötigen, wie beispielsweise ChatGPT, AlphaZero oder das frühere IBM Watson, sind digitale Systeme, bei denen die Intelligenz algorithmisch erzeugt wurde, weil das schlichtweg viel leichter zu realisieren ist. Diese Systeme können zwar kein Bewusstsein ausprägen, aber man braucht es dort auch nicht. Systeme mit Bewusstsein benötigt man erst, wenn reale Wahrnehmungsprozesse implementiert werden sollen, weil sich die Systeme in natürlicher Umgebung aufhalten sollen und nicht nur in digitalen Big-Data-Umgebungen.

Für mich natürlich am nachvollziehbarsten sind konkrete Beispiele aus den Anwendungsgebieten der KI, die mit Kunst zu tun haben

Was unterscheidet KI von NI (Natürlicher Intelligenz)

Auch heutige technische KI-Systeme können kreativ sein, allerdings nur fast. Bekannt geworden ist beispielsweise das Ölbild „Edmond de Belamy“, das durch eine KI erstellt wurde. Dieses KI-System hatte vorab Tausende Ölporträts „gesehen“ und konnte daraufhin eigene Ölporträts „malen“, also Ölbilder, die es vorher noch nicht gegeben hatte.

An diesem Beispiel kann man auch die Schwachstellen der KI gegenüber Menschen erkennen: Ein solch trainiertes KI-System kann nun zwar Ölporträts malen, aber zum Beispiel keine Formel-1-Autos. Ein menschlicher Maler kann das. Ein Künstler, der sein Handwerk gelernt hat, kann extrapolieren, sein Handwerk also auf beliebige Kunstwerke erweitern. Eine KI kann das nicht. Hier fällt der Unterschied zwischen einer Simulation (von Kreativität) und dem Original (der echten Kreativität) bereits auf. Menschen sind echt kreativ, KI-Systeme pseudokreativ. Bis heute ist noch nichts wirklich Neues durch eine vollautonome KI entstanden, das auch funktioniert.

Das erste Kunstwerk, das mithilfe künstlicher Intelligenz geschaffen wurde und jemals unter den Hammer kam, „Portrait of Edmond de Belamy“ (2018), übertraf heute Vormittag bei Christie’s in New York alle Erwartungen, als es nach einem lebhaften Bieterwettstreit, der mehr als sechs Minuten dauerte, für 350.000 Dollar zugeschlagen wurde.

Der Endpreis belief sich inklusive Aufgeld auf 432.500 Dollar – eine satte Steigerung von 4.320 Prozent gegenüber der höchsten Schätzung vor der Auktion von 10.000 Dollar. Der intensive Wettbewerb zwischen Bietern am Telefon, im Saal und online trieb den Preis des Werks rasch über die Schätzung von 7.000 bis 10.000 Dollar hinaus. Erst als der Preis 200.000 Dollar überschritt, ließ die Spannung etwas nach. Ein anonymer Telefonbieter gewann das Los nach einem Bietergefecht zwischen zwei Telefonbietern, einem Online-Teilnehmer in Frankreich und einem Mann im Saal.

Laut der Beschreibung im Christie’s-Katalog gehört das Gemälde – „wenn man das so nennen kann“ – zu einer Gruppe von Porträts der fiktiven Familie Belamy, die von einer KI geschaffen wurden, die von Obvious, einem in Paris ansässigen Kollektiv, trainiert wurde. Dessen Mitglieder – Hugo Caselles-Dupré, Pierre Fautrel und Gauthier Vernier – erforschen die Bereiche Kunst und künstliche Intelligenz mithilfe einer Reihe von Algorithmen, die unter dem Akronym GAN bekannt sind, was für „generative adversarial network“ steht.

Quelle: https://news.artnet.com/market/first-ever-artificial-intelligence-portrait-painting-sells-at-christies-1379902

Das Fazit Böhners, am Schluß seiner Einleitung, lautet jedenfalls:

Die Tech-Gurus, die einst vor der Weltherrschaft der KI warnten, sind jetzt selbst in einem wahnwitzigen Rennen um die Herrschaft über diese KI. Chips und Rechenleistung, wer das hat, der beherrscht die KI. Wie das funktioniert, verstehen sie. Der Rest der Welt ist Rohstoff für Profit, und vor dieser Welt ängstigen sie sich so, dass sie am liebsten auf den Mars fliehen würden. Hier liegt unser Potential. Als Kommunist:innen können wir die Welt verstehen und wir wollen sie verstehen. Und wir wollen sie auch verändern. Deshalb müssen wir sie verstehen