Allgemeines Feiertagsgehunzel wo man hinguckt. Die Telegram-Gruppe des Arbeitskollektivs wird mit Poesiealbumsbildchen und -sprüchlein geflutet, die „euch und euren Lieben“ jede Menge Glück, Gesundheit, Frieden usw. an den Hals wünschen.
Dabei weiß ich zufällig, dass Grüßende wie Gegrüßte in ihrem Arbeits- und Privatleben hauptsächlich damit beschäftigt sind, vor dem Kriegskurs ihrer Obrigkeit fest die Augen zu verschließen. Amtierende und konkurrierende Kriegsherren werden beim nächsten Mal erneut zum Herrschen ermächtigt, ansonsten versucht jeder, auch und erst recht in diesen ungemütlichen Zeiten, als der Untertan über die Runden zu kommen, zu dem er/sie sich immer wieder macht und machen lässt.
All das hält die Weihnachtsfeierer nicht davon ab, scheint sie im Gegenteil erst recht dazu zu bringen, angestrengt die so dringend benötigte „Stille Zeit“ der Harmonie, der familiären Eintracht und der Besinnlichkeit zu beschwören – mit aller Kraft, die nach einem arbeitsreichen Jahr noch übrig ist, mit vollem Einsatz und nach Maßgabe der finanziellen Möglichkeiten, die für die meisten weniger geworden sind.
Verbissen wird der Gemütlichkeit hinterher gehechelt, bitterernst wird am Frohsinn gearbeitet, und für die familiäre Harmonie muss scharf darauf geachtet werden, dass nur kein Dissens innerhalb der anwesenden Sippschaft aufkommt. Sonst gerne, aber auf keinen Fall an diesem hochheiligen Abend. Streit und Ärger unterm Tannenbaum ist der Bürgerseele das ultimative Desaster.
Auf der abendlichen Hunderunde wirkt das Stadtviertel wie ausgestorben, jedenfalls auf den Straßen. Gelegentlich eilt ein mit Tüten und Taschen voller Geschenke beladener Festgast an einem vorbei, im Gesicht eher einen gestressten als einen freudigen Ausdruck.
Ist das Geschenk passend für die Mutter, den Onkel, den Neffen, den Schwiegervater? Hat man das Passende ausgesucht, hat man sich vielleicht vergeblich all die Mühe gemacht und sich umsonst in Unkosten und in den Stress des weihnachtlichen Einkaufsrummels gestürzt? Der Einzelhandel meldet unbefriedigende Umsatzzahlen für dieses Jahr. Die Leute geben weniger Geld aus als in den Vorjahren, eine „Kaufzurückhaltung“ sei spürbar. Woran das wohl liegen mag?
Durch die beleuchteten und geschmückten Fenster blickt man in gemütliche, hübsch dekorierte Weihnachtsstuben, auf Tannenbäume mit (fast immer) elektrischen Kerzen. Könnte man in die Köpfe der Leute gucken, sähe es dort wahrscheinlich weniger gemütlich aus. Das macht natürlich die Fassade umso wichtiger und nötiger.
Aus der Innenfläche der Häuserzeilen, in denen sich unsere Wohnung befindet, dringt jetzt weihnachtliches Liedgut, in welchem Stille Nächte, Himmlische Heere und immer wieder ein gewisses „Christkind“ besungen wird. Die Aktion hat sich seit einigen Jahren als nachbarschaftliches Ritual etabliert und wurde zu Beginn jeweils mit Wurfzetteln in jeden Briefkasten unseres und der angrenzenden Straßenzüge angekündigt. Inzwischen ist das nicht mehr nötig, die Bewohner wissen, dass an Heiligabend „Weihnachtssingen“ ist.
„Ich mach mal das Küchenfenster auf, die singen jetzt!“, sagt die Liebste. Ich bin in diesem Jahr zum ersten Mal seit Jahren nicht im Dienst im Pflegeheim und bin neugierig und erwartungsvoll, mir die schrägen Stimmen der nachbarlichen Weihnachtsmusikanten anzuhören. Zu meiner Enttäuschung aber werden einfach nur irgendwelche Weihnachtslieder von irgendeiner Playlist abgespielt, ein Lautsprecher beschallt die ziemlich große Innenfläche von vier Straßenzeilen.
„Kannst das Fenster wieder zumachen!“, bescheide ich die Liebste. „Wenn ich Weihnachtsmusik hören will, stell ich das Radio an, wegen dem Geplärre müssen wir uns nicht die Bude auskühlen…“
„Dieses Weihnachten ist so eine Scheisse, ich bin froh, wenn das vorbei ist“, lässt sich die Frau jetzt vernehmen. „Ich brauch auch gar keine Geschenke“, fügt sie hinzu. „Ich weiß gar nicht, ob ich dieses teure Parfum zum Geburtstag haben will…“
Jetzt werde ich aufmerksam, dann das luxuriöse Wässerchen aus dem Hause „Profumo Roma“ kostet 300 Euro pro 100ml. „Aber das passt so gut zu mir!“, ergänzt meine Herzdame, die wenige Tage nach Weihnachten ihren Geburtstag begeht. Da weiß ich, was die Stunde geschlagen hat und wofür ich beizeiten Geld auf die Seite gelegt habe. Denn womit ist der Sache der Revolution und des Kommunismus besser gedient als mit einem individuellen Wohlgeruch, der Anwender und Umgebung gleichermaßen olfaktorisch umschmeichelt und erfreut?
Da dies jetzt geklärt ist, kann ich mich wieder meinem Abendprogramm widmen, das auch an Weihnachten dasselbe ist wie (fast) immer: Gegeninformation aus Podcasts und Blogs konsultieren und an neuen KI-Animationen basteln.
In diesem Sinne: Communism wins!
„Oh du Elende, oh du Quälende
Streitsucht fördernde Weihnachtszeit!
Kirche ist erschie-hienen
dem Mammon brav zu die-hienen –
kaufet euch, verkaufet euch
Ihr dummen Leut!“

