Waldkommunismus: Der Besuch des Kängurus


Eines Tages machten sich Bär, Fuchs und Hase auf zu einer Inspektionsreise durch den Nordwald. Sie sollten im Auftrag des Obersten Rates der Freien Tierrepublik untersuchen, wie die Beschlüsse der Großen Tierversammlung umgesetzt wurden und wie die Waldtiere damit zurechtkamen. In der Großen Tierversammlung diskutierten nämlich alle Waldtiere die Anliegen des Waldes und seiner Bewohner und dachten sich neue gute Ideen aus, um das Waldleben noch besser und einfacher zu machen. 

Der neugierige Hase sollte die Waldtiere befragen und alles notieren. Der Fuchs als der Schlaueste von allen Tieren konnte am besten Fragen beantworten und den anderen Tieren die Vorzüge der Tierrepublik erklären. Der Bär war dabei, weil er der stärkste war und eingreifen konnte, wenn Gefahren auftauchten. Zum Beispiel von Menschen, die eigentlich nichts mehr im Nordwald zu suchen hatten, aber immer noch versuchten, Jagd auf die Tiere zu machen und sie zu schwerer Sklavenarbeit in ihren Häusern und Höfen zu verpflichten. 

Besonders auf den Bären hatten sie es abgesehen, denn er war einer der seltenen Buschelbären, so genannt wegen der buschigen langen Rute, die den Buschelbären zu eigen ist. Normale Bären haben bekanntlich nur einen kurzen Stummelschwanz. Schon mehrfach hatten Fangtrupps der Menschen versucht, den Bären einzufangen, um ihn auf ihren Volksfesten zur Belustigung der Besucher zum Tanzen zu zwingen und ihn allerlei Kunststücke aufführen zu lassen.

Außerdem umflatterte sie noch Peter der Rabe, ein Kumpel vom Bären. Peter der Rabe war ein etwas seltsamer Geselle, der meistens in Reimen sprach, weshalb viele sich über ihn lustig machten. Aber das machte ihm gar nichts aus. Im Gegenteil, er lachte dann und freute sich darüber, dass er andere zum Lachen bringen konnte.

Er machte sogar Spottverse über sich selber, wie diesen hier:

Jedenfalls waren Bär und Rabe unzertrennlich und gemeinsam waren sie die besten Beschützer, die man sich denken konnte: der Bär mit seiner Kraft und der Rabe mit seiner Fähigkeit, hoch in die Luft zu fliegen und alle Gefahren schon von weitem zu erkennen.

Als die Gefährten durch das Waldgebiet der Feen und Elfen kamen, rief der Bär seine Kameraden zu Wachsamkeit und Vorsicht auf, denn dort konnte es einem widerfahren, dass man, wenn man vom Weg abkam,  in eine der Magie- und Schabernackzonen geriet und in etwas ganz anderes verwandelt wurde oder dass irgendetwas sehr Seltsames passierte. Aber da war es schon zu spät, der Rabe hatte mit einem seiner Flügel eine solche Zauberzone gestreift und schon stand er still und stumm wie ein Fisch in der Luft, obwohl Fische ja nicht fliegen können.

Auch den Hasen hatte es erwischt, mit seinem Rumgehoppel war er wohl ebenfalls in den Wirksamkeitsbereich des Feenzaubers geraten. Zum Glück blieb er nicht still und stumm an einer Stelle stehen, sondern konnte sich noch bewegen, aber nur rückwärts. Solche Scherze waren typisch für die Waldelfen, die sich einen Spaß daraus machten, unschuldige Wanderer zu foppen und sich darüber scheckig zu lachen. Sie meinten es aber nicht böse, und ihre Zaubersprüche und magischen Feenstaub-Kreise hielten immer nur etwa zehn Minuten lang, dann war alles wieder wie immer.

So konnten unsere Freunde ihre Reise fortsetzen und wollten gerade zwei Eulen, die am Waldrand saßen, befragen, wie sie in der neuen Tierrepublik so zurechtkamen. Die Eulen gelten nämlich, neben den Füchsen, als die weisesten aller Tiere und die Reisenden versprachen sich von einem Eulen-Interview solide und konkrete Informationen.

Da aber raschelte es im Unterholz und ein Tier kam heraus gehüpft, wie die Wanderer noch nie eines gesehen hatten. Die Hüpfer dieses Tieres, das entfernt an einen Hasen erinnerte, waren schon keine Hüpfer mehr, sondern riesig weite Sprünge, die es mit seinen großen Hinterbeinen vollführte.

Das Hüpf-Tier stellte sich als „Känguru“ vor und erklärte, es käme von der anderen Seite der Welt. „Aus dem Südwald etwa?“ fraget der Bär, denn das war das Weiteste, was er außerhalb des Nordwaldes, seiner Heimat, kannte.

„Nein, von der anderen Seite der WELT!“ 

Das konnte sich der Bär aber nun überhaupt nicht vorstellen, dass es eine andere Seite der Welt geben sollte, denn seine Welt war wie gesagt der Wald. Aber der Fuchs, weil er sehr schlau und belesen war, verstand genau, was das Känguru meinte, denn er hatte einmal, als er durch das Fenster einer menschlichen Behausung schaute, einen Globus gesehen und sofort verstanden, was das war.

„Wenn du aber von so weit her kommst, wie hast du dann diese gewaltige Entfernung zurückgelegt?“, wollte er wissen. „So weit ich sehen kann, hast du ja keine Flügel, sondern nur dicke Hinterbeine. Und auch wenn du damit sehr schnell springen kannst, würde es doch Jahre brauchen, bis du hier zu uns in den Nordwald gelangst!“

„Hm“ machte das Känguru und kratzte sich am Kopf. „Das weiß ich nicht mehr! Wir Kängurus haben ein SEHR kurzes Gedächtnis, deswegen bewahren wir alle möglichen Zettel in unserem Beutel auf, auf denen alles aufgeschrieben steht, was wir tun und besorgen müssen!“

Das leuchtete den drei Nordwaldkameraden ein, und der vierte von ihnen, Peter der Rabe, hüpfte von der Buschelrute des Bären auf dessen Kopf und begann, ihm die Kopfhaut zu kratzen. Das machte er immer, wenn der Buschelbär nachdenken musste, denn das beschleunigte die Gedanken des Bären, die normalerweise ziemlich langsam waren und hauptsächlich um Honig und um Schlaf kreisten. Jetzt aber, angeregt vom „Kritze-Kratze“ der scharfen Rabenkrallen, kam dem Bären die Erleuchtung und er platzte heraus: „Ich hab‘s! Du bist bestimmt von euren Feen und Elfen verzaubert worden und auf diese Weise hierher gekommen!“

Mit dieser Erklärung waren alle zufrieden. Nun griff das Känguru in seinen Beutel und holte einen Stapel Bücher hervor, die es als Geschenk für die Nordwaldtiere mitgebracht hatte. Es waren aber lauter Bücher mit gewichtigen, komplizierten Themen, schwer zu lesen und schwer zu begreifen – deshalb fielen sie bei der Übergabe an den Hasen erstmal zu Boden. 

Aber aus den Augenwinkeln hatte der Hase einen der Titel gelesen: „Physikalische und Mathematische Grundlagen der Känguru-Sprungtechnik: Wissenschaftliche  Studie und  Praktischer Leitfaden“ und war wie elektrisiert, den obzwar er ein ziemlich schneller Läufer und auch ein recht guter Hüpfer war – an die Geschwindigkeit und Weite der Känguru-Sprünge kam er bei weitem nicht heran. Schon stellte er sich vor, wie er mit dem Wissen und den Kniffen aus diesem Buch seine Sprungtechnik so verbessern könnte, dass er der ungekrönte König der Hasenwelt sein würde. Mit der Hasenwelt meinte er natürlich vor allem die Welt der Hasendamen, in der die Heiratschancen der Hasenmänner stiegen, je größer und eleganter ihre Sprünge waren.

Die Freunde nahmen die Gastgeschenke dankend an und revanchierten sich mit einer Ausgabe der NORDWALD-FIBEL, dem Manifest der Freien Tierrepublik des Nordwaldes, in dem die Prinzipien und Ziele der Tierrepublik beschrieben wurden.

Das vergeßliche Känguru fand in seinem Beutel sogar noch den Zettel, auf dem der Grund seines Besuches stand, und las den Freunden die Grußadresse der Tiere von der anderen Seite der Welt vor:

„Die Kunde eures erfolgreichen Aufstandes gegen die Tyrannei der Menschen ist zu uns gedrungen! Wir Tiere von der anderen Seite der Welt freuen uns mit euch und für euch, und wünschen eurer Republik alles Gute und immer genug zu essen!

Hier bei uns gibt es sehr wenig Wald, dafür aber ganz viel Wüste und Grasland, und viele Millionen Rinder und Schafe. Wie ihr wißt, sind die ziemlich dumm und glauben den Menschen alles, was die ihnen erzählen. Darum haben wir wohl noch einen langen Marsch vor uns, bis es auch bei uns Freiheit für die Tiere gibt.

Hurra dem vollen Bauch!
Hurra der sicheren Höhle!
Hurra der Tierrepublik Nordwald!
Hurra der Tier-Freundschaft!“

Das fanden die anwesenden Tiere von dieser Seite der Welt richtig klasse, und man verabschiedete sich unter großem Hallo und Hurra, denn das Känguru musste sich auf den Weg machen, sonst wäre der Reisezauber verflogen und es hätte für immer im Nordwald bleiben müssen. 

Nach dieser erstaunlichen Begebenheit hatten unsere Freunde keine große Lust mehr auf weitere Befragungen und Interviews, außerdem neigte sich der Tag seinem Ende zu. Alle hatten inzwischen Durst und Hunger wie ein Bär, obwohl ja nur einer von ihnen ein Bär war. Nur der Hase wollte noch etwas bleiben und in dem Buch lesen, damit er bald so große Sprünge wie das Känguru machen konnte. „Komm doch mit, Hase!“, versuchte ihn der Bär zu überzeugen , „wir gehen in die Waldschänke und lassen uns prächtig auftischen!“

„Geht nur vor!“ antwortete der Hase, „Ich komme später, ich kann das Buch noch nicht weglegen!“

Aber wenig später wurde es zu dunkel zum Lesen und bald darauf fand sich auch der Hase in der berüchtigten Waldschänke „Zur Blauen Eule“ ein. Die Schänke hieß so, weil die Wirtin einmal Streit mit einem Zauberer bekam und dieser ihr aus Rache das Gefieder blau einfärbte. Was der dumme Zauberer nicht wusste, war, dass die Eulenwirtin sowieso schon immer blau sein wollte. Blau war nämlich ihre Lieblingsfarbe, weil ihr Schatz ein Blauwal war. Natürlich verriet sie das dem Zauberer nicht. So wurde sie immer an ihren Schatz den Blauwal erinnert, wenn sie sich im Spiegel sah, denn wie man weiß, lebt der Blauwal im Meer und ist nebenbei das größte Tier der Erde, so dass er garnicht in die Waldschänke hineingepasst hätte. Darum sahen sich die beiden so gut wie nie, aber ihre Liebe war frisch wie am ersten Tag. Vielleicht gerade deswegen!

Klar, dass es sehr spät wurde, denn die Ereignisse des Tages mussten wieder und wieder erzählt werden, jedem fielen andere und neue Details ein, und mit jedem Mal schien den Freunden das Erlebte seltsamer und zauberhafter, so dass sie am Ende nicht mehr wussten, ob sie es wirklich erlebt hatten oder ob alles eine Auswirkung des Feenzaubers in der magischen Zone des Waldes gewesen war. Da sie aber Tiere waren, war ihnen das herzlich egal. Sie lachten und tranken, und lachten noch etwas mehr und bestellten sich noch eine Runde zu trinken, und wann das Gelage geendet hat, wusste am nächsten Morgen niemand zu sagen.