Geschichten die der Klassenkampf schrieb: Tragisches Ende einer Revolution und Warnung

Die Revolutionäre hatten sich in einem abhörsicheren Keller versammelt, um die nächsten Schritte zu planen. Die Stunde der Entscheidung rückt immer näher.

Während die werktätigen Massen millionenfach auf den Straßen und in den Arbeitsstätten entschlossene erste Schritte zur Rätedemokratie und Volksherrschaft einleiteten, beriet die illegale Führung der Partei angesichts der überall mobilisierten Polizei- und Armeekräfte des Klassenfeindes über den richtigen Weg, ein Blutvergießen zu vermeiden. Ausserdem sollte auf Antrag des Parteibuchhalters diskutiert werden, warum alle Plakate und Losungen der Partei auf Russisch, in kyrillischer Schrift, verbreitet wurden und ob das nicht die Verankerung der proletarischen Vorhut unter den an lateinische Buchstaben gewöhnten Massen negativ beeinflussen würde.

Eben dieser Klassenfeind hatte, wie die erfahrenen, im Kampf gestählten Genossen natürlich wussten, in punkto Ränke und Schliche noch einiges in petto, was den revolutionäre Prozess sabotieren und schlimmstenfalls verhindern konnte und sollte.

Als mitten in den intensiven Beratungen über die Fortführung des begonnenen revolutionären Prozesses sich plötzlich eine etwa 30 cm hohe manierliche Maus im rosa Tütü auf dem Tisch manifestierte und zu tanzen begann, hatten die Vertreter des Proletariats naturgemäß sofort die Machenschaften der in ihrer Klassenherrschaft tödlich bedrohten Bourgeoisie im Verdacht.

War nicht der unerfahrene junge Genosse W., den das Zentralkomitee früher am selben Tag zum Einkaufen in den Supermarkt geschickt hatte, mit einem Wein zurückgekehrt, den er bei einem dubiosen Straßenverkäufer erstanden hatte? Und hatte derselbe Junggenosse nicht zur Erklärung etwas von „Zuverlässiger Genosse, absolut überzeugt von der Sache! Eigenes Weingut, schwört auf den Stoff – richtet revolutionäre Grüße an alle!!“ gemurmelt?

Und hatte nicht Altkader B., der zukünftige Volkskommissar für das Theaterwesen, schon beim ersten Toast auf die Erhebung der werktätigen Massen den merkwürdig aromatischen, herb-süßen Geschmack des Rebensaftes kritisch kommentiert?

All dies reflektierten die Revolutionäre, dialektisch geschult und messerscharf analysierend, und beschlossen per Akklamation, der bourgeoisen Tanzmaus keiner weitere Aufmerksamkeit zu widmen. Das war allerdings gar nicht so einfach, denn die Maus begann,  schwingend und sich wiegend hin und her zu schunkeln und dabei mit durchaus angenehmer Stimme ein kleines Lied zu singen:

„Müht euch doch nicht so ab
ihr  kleinen roten Racker!
Seid doch nicht so strenge
Ko-Ko-Korinthenkacker,

,Lasst doch endlich auch mal
Fünfe grade sein,
gießt euch stattdessen lieber
noch ein Gläschen ein!“

Die verdutzten Revolutionäre sahen er sich erst gegenseitig und dann die Maus an. Ein paar Sekunden lang herrschte erstauntes und befremdetes Schweigen. Dann begann die sonst am orthodoxesten argumentierende Genossin H. zu kichern und merkte leise an: „Also, eigentlich hat sie doch recht…“

Schon wollte sie die unterm Tisch stehende Weinflasche hervorholen und einen tiefen Schluck direkt aus der Flasche tun, als Parteiideologe G. nach seiner Baretta griff, Genossin H. anzischte „Genau doch das will die doch, merkst du das denn nicht?!“ und kurzerhand die Maus erschoss.

Das erwies sich allerdings als fataler Fehler, denn aufgrund der Tatsache, dass es sich bei der Tanzmaus um eine drogeninduzierte Halluzination handelte, erwischt die Kugel Genossin H. – zum Glück nur am Arm, aber die Notwendigkeit der medizinischen Versorgung der blutenden Schusswunde unterbrach die strategische Diskussion der Genossen. 

Dadurch verzögerten sich die nächsten Schritte der extrem volatilen revolutionären Situation, die sich im ganzen Lande zu entfalten begann, bzw. fanden überhaupt nicht mehr statt – inzwischen begann die ganz offensichtlich dem Wein beigemischte Droge, sich auf Wahrnehmung, Konzentrationsfähigkeit und logisches Denken der anderen Anwesenden auszuwirken, das für den Erfolg der Revolution unabdingbare koordinierte Vorgehen zur Konsolidierung der Volksmacht brach zusammen, es fand kein – jedenfalls kein sinnvoller – Austausch mehr statt zwischen Parteiführung, Kadern und Volksmassen. So ergab sich, dass die revolutionäre Situation kam, vorüberging und schließlich scheiterte.

Was, nüchtern betrachtet, erneut belegt, dass auch auf kleinste Details geachtet werden muss, dass leichtfertiges Vertrauen in scheinbare „Freunde“ oder „Sympathisanten“ nicht angebracht ist und dass der berüchtigte Schmetterlingseffekt auch vor gesamtgesellschaftlichen Umwälzungen (und gerade vor diesen) nicht halt macht.