
In meiner Wahrnehmung wechselt sich die Präsenz abgrundtiefer Sinnlosigkeit ab mit derjenigen der schier unglaublichen Schönheit der natürlichen Welt um mich herum.
Ein simpler Spaziergang im Park lässt mich der filigranen und unerklärlichen Erhabenheit von Bäumen und Gras, der Wolken am Himmel, des Bellens der Hunde und des Gekrächzes der Krähen gewahr werden. Man muss nicht im Himmel oder nach dem Tod nach einem Gott suchen, wenn man diese überwältigende Schönheit der Erscheinungsformen rings um sich hat. Gleichzeitig ist das alles extrem zerbrechlich, vergänglich und flüchtig, und vielleicht ist es genau das, was in mir den Eindruck einzigartiger harmonischer Glorie auslöst.
Man möchte durch das Wunder dieser Welt schreiten, behutsam wie durch einen phantastischem Traum, mit dicken, weichen Pantoffeln an den Füßen, um nichts zu zerstören. Und auch, um nicht ins Nichts zu fallen, wenn sich die scheinbare Festigkeit der Welt auflöst in ihre molekularen, atomaren, sub-atomaren und Quantenstrukturen – was gefühlt in jedem Moment passieren könnte. Es gab irgendeinen theoretischen Physiker, ich glaube es war Heisenberg, der die subatomare Realität erforschte und von den gewaltigen Räumen und Distanzen zwischen Atomkernen und den sie umkreisenden Elektronen so beeindruckt war, dass er das Gefühl entwickelte, jederzeit in die Leere dazwischen fallen zu können – er schlurfte daraufhin nur noch mit dicken Filzpantoffeln durchs Haus, erzählt man sich. Jedenfalls ist es das, was bei mir von der Anekdote hängengeblieben ist.
Mir fehlt heute die Faszination, der intellektuelle Genuss, die ich früher bei solchen Geschichten und Erkenntnissen empfunden habe. Die Wahrnehmung ist direkter und nimmt keinen Umweg über den Intellekt, laienhaft ausgedrückt. Natürlich ist mir klar, dass Gefühl und Verstand nicht zu trennen sind und dass die auf Wahrnehmung beruhende Einordnung und Benennung einer Sache bereits ein intellektueller Vorgang ist.
Ich glaube, früher habe ich versucht, alle Erfahrungen in Bezug zu meinem Bedürfnis nach Erklärung und Erleuchtung zu setzen. Danach, nach dem Ziel „Höchste Erkenntnis“ bzw. „Wahrheitsfindung“, habe ich sie bewertet und absortiert; auf diese Weise wurden alle Erfahrungen und Erlebnisse (innen wie außen) zu Futter und Brennmaterial für das Streben nach Erkenntnis, nach Erleuchtung. Auf deutsch: sie wurden einem Konzept untergeordnet, und passend gemacht, wenn sie dem Konzept widersprachen. Ich hätte eher die Erfahrungen bezweifelt als das Konzept.
Und heute? Die Konzepte haben ausgedient, die Erfahrungen bleiben. Das ist häufig unangenehm und verwirrend. Wenn man von der Empfindung von galaktischer Sinn- und Aussichtslosigkeit, von bodenloser schwärzester Irrelevanz ALLER Erscheinungen und Phänomene niedergedrückt wird und keine Erklärung spiritueller, psychologischer, religiöser oder anderer konzeptioneller Art dafür hat, manifestiert sich die ganze Wucht dieses Zustandes im Gemüt. Darauf hab ich keinerlei Antwort, keinen Trick, keine Methode, keinen Rat, nichts.
Diese Empfindung scheint jedoch so etwas zu sein wie die andere Seite der Empfindung mysteriöser und kaum zu glaubender Schönheit, die sich an anderer Stelle einstellt. Möglicherweise muss man sich als Inhaber eines menschlichen Körper-Geist-Organismus daran gewöhnen, dass dies eben der Stand der Dinge, die Lage der Nation, die Conditio humana bzw. der Henkel des Bechers ist. Damit leben muss man (also ich) ja sowieso, ob man (also ich) will oder nicht.
Marxisten kämen mir jetzt vermutlich mit „Dialektik, mein Junge, Dialektik!“, Esoteriker mit dem Verweis auf das tiefe dunkle Tal, das auf dem Weg zum Licht zu durchschreiten ist. Am Ende haben sie alle recht und am allerletzten Ende sind auch das alles nur Konzepte, mit denen sich der Verstand abmüht. Oder grämt, oder frustriert, oder unterhält, je nachdem. Der Abgrund ultimativer Sinnlosigkeit lauert an jeder Ecke und hinter jedem Grashalm und umgibt einen auf einmal wie ein kalter Windhauch, der eben noch nicht da war. Und während man noch schauert und sich eventuell selbst bedauert, wird man ebenso unerwartet der gloriosen Schönheit und der zerbrechlichen Harmonie der lebendigen Natur gewahr, die man für eine SEHR kurze Weile das Privileg hat, mit ansehen zu dürfen.
„Soon we all will die.“