
Freundlichkeit und Mitgefühl sind entscheidend zum Verständnis der conditio humana. Wer nicht die eigenen Begrenzungen versteht, kann nicht die Begrenzungen von anderen verstehen.
Gerade Kommunisten sollten sich nicht wie moralische Scharfrichter aufführen, sondern müssen zunächst einmal jedem zugestehen, dass er oder sie nun mal im Rahmen und nach Maßgabe der jeweils eigenen Prägungen, Konditionierungen und Fehler agiert.
Ich erlebe manche kommunistischen Freunde als beleidigte Leberwürste, die zornig und ausfallend werden, sobald man ihre Vorstellungen oder Erwartungen nicht erfüllt. Anstatt zu berücksichtigen, dass in dieser Welt jeder sein eigenes Päckchen zu tragen hat und schon deshalb Verständnis und Solidarität verdient, führen sie sich auf wie Richter, wie Priester der kommunistischen Rechtschaffenheit, die dem anderen zu erklären befugt sind, was er falsch macht.
Wir sollten uns alle mal daran erinnern, dass hier keiner die Weisheit mit Löffeln gefressen hat. Und dass wir bei aller Verschiedenheit nur den ehrenwerten kommunistischen Anliegen nützlich sein können, wenn wir diese eitlen, wichtigtuerischen, besserwisserischen Rechthabereien mal beiseite lassen – und uns zuerst und ganz grundsätzlich gegenseitig als die begrenzten, unperfekten, manchmal irrenden, manchmal richtig liegenden Menschen akzeptieren können, die wir sind.
Nicht das Ideal kann der Maßstab für Freundschaft und Verständnis sein, sondern die Wirklichkeit.