Die Krise hat die Urlaubsorte erreicht: Ein ganz merkwürdiges Jahr

Seit wir vor einer knappen Woche in unserem Urlaubsort in der holsteinischen Probstei, wo wir seit sieben Jahren unseren Jahresurlaub verbringen, angekommen sind, fällt uns auf, dass es hier seltsam leer ist.

Viele Ferienwohnungen sind gar nicht belegt, das Hotel neben unserem Ferienhaus, in dessen Restaurant man morgens die Gäste frühstücken sieht, hat kaum Urlauber im Frühstückssaal, der Strand wirkt selbst am Wochenende geräumig und keineswegs so voller Badegäste wie sonst. Das ist einerseits angenehm, weil man mehr Platz am Strand hat und der Ort nicht so quirlig und belebt ist wie sonst – andrerseits wirkt es mitten in der Sommersaison sehr ungewohnt.

Heute, beim ersten Gang mit dem Hund, unterhalten wir uns über dieses Phänomen. „Ich schätze, die haben hier einen Rückgang von 20 – 25% im Tourismus, so wie das hier aussieht“, sage ich. Die Liebste hält das noch für untertrieben: „Nee, guck doch mal, hier ist doch kaum einer – das müssen um die 40% weniger Leute sein!“

Nun sind solche subjektiv empfundenen Veränderungen natürlich keine Erhebung mit belastbaren Zahlen, aber klar ist, dass deutlich weniger los ist als in den Vorjahren. Wir beschließen, eine zuverlässige Quelle zum Thema zu befragen und begeben uns zum einzigen Supermarkt des Örtchens, dem legendären „Edeka Alpen“. Dort sitzt morgens seit Jahr und Tag eine Rentnerin auf der Bank vor dem Markt, trinkt ihren Kaffee, den sie ab und zu in der angeschlossenen Bäckerei nachschenken lässt und raucht sich eine (manchmal auch mehrere).

Die Dame ist eine wettergegerbte Camperin aus Hamburg, die ihren Wohnwagen das ganze Jahr über auf dem Campingplatz „Grasbleek“ stehen hat und dort von Mai bis September residiert. Sie ist ca. achtzig Jahre at, kommt schon seit über zwanzig Jahren hierher und zählt im Grunde als Einheimische – jeder kennt sie, sie kennt jeden und von ihrem Platz vor dem „Edeka Alpen“ kommentiert sie mit verschiedenen Sitznachbarn schonungslos die Lage und die Leute.

Ich setze mich neben sie, während die Liebste im Markt ein paar Einkäufe erledigt. „Kommt mir das nur so vor, oder ist es hier tatsächlich viel leerer geworden?“ frage ich sie nach dem üblichen Austausch der Begrüßungs- und Höflichkeitsfloskeln (die aus einem kurzen „Moin!“ bestehen).

„Ja, ist wirklich so. Dieses Jahr ist das ganz merkwürdig. Das ist beinah nur halb so viel sonst.“ Sie weist auf den großen leeren Parkplatz, auf den wir gucken. „Kein einziges Auto. Der war sonst voll um diese Jahreszeit. Es ist Hochsaison und kaum jemand ist da. Die leben ja vom Tourismus hier – das werden die zu spüren kriegen!“

Auf Nachfrage berichtet sie, dass es auf ihrem Campingplatz ähnlich ist. Am Wochenende kämen immer noch ein paar Einheimische aus der Umgebung, aber ansonsten ist ein enormer Rückgang an Besuchern zu verzeichnen. „Ich war noch nie so viel alleine in meinem Wohnwagen wie dieses Jahr. Ganz merkwürdig.“

„Die Leute haben kein Geld mehr. Die Alten, die die immer da waren, die sterben weg. Aber die Jungen? Die müssen arbeiten… wenn sie Arbeit haben!“ fügt sie hinzu. „Das ist ein ganz merkwürdiges Jahr“, wiederholt sie noch einmal und zündet sich noch eine Zigarette an.

Ja, es ist ein merkwürdiges Jahr. Finde ich auch.