Warenfetisch, Eigentumsbegriff, die kapitalistische und „echte“ Religion

Der Ausgangspunkt:

How to Argue with Pro-Capitalist Cultists
PETERJOSEPH.SUBSTACK.COM


Kommentar des Genossen J. aus B.

Einerseits sind Freiheit, Demokratie und Markt die dreifaltige Heiligkeit im bürgerlichen Pantheon. Scharen bildungsbürgerlicher Priester verkünden deren frohe Botschaft, diesen sei zu huldigen, weil auf der anderen Seite des Styx das Böse lauert: die Diktatur und die Unfreiheit der (nicht funktionierenden) Planwirtschaft.

Und natürlich predigt der politische Teil der Messe, dass man diesen Gottheiten die Füße küssen soll und man die Volksfeinde daran erkennt, dass sie es nicht tun. Selbstredend muss man fleißig arbeiten und auch in den Krieg ziehen, wenn die über allem thronende Hauptgottheit Nation nach himmlischen Heerscharen ruft.

Die naturwüchsige Basis dieses Glaubensedikts aber hat Ketzer Joseph zumindest im Zitat nicht erwähnt. Die Erzählung vom weisen Markt nämlich braucht an ihrer ideellen Basis die Deutung von alltäglich Erlebtem als „zweite Natur“, darin den Warenfetisch, also den Glauben, es sei naturgegeben, dass alles einen Preis hat und ge- bzw. verkauft werden muss.

Dass Produkte nur als Waren erscheinen, ist nicht nur sichtbare Gegebenheit, sondern auch Gegenstand täglicher Sorge, wie zum Kauf das nötige Geld zu erlangen sei oder eben, ob die Geschäfte gut laufen werden. Es ist Inhalt des täglichen Klarkommens, dem man sich in der Eigentumsordnung stellen muss. Und Eigentum als pantheistische Göttermutter wird daher eher gefühlt als gewusst.

Dieses Ideologiegebäude bildet sich quasi von selbst, wie auch die Stellung zu sich selbst als konkurrierendes Eigentümersubjekt, als Bürger, der ohne gewaltliche Inrechtsetzung keiner ist.



Meine zwei Pfennig dazu:

So naturwüchsig diese Basis auch sein mag (der Warenfetisch, der unhinterfragte Eigentumsbegriff), so geläufig ist dem Bürger und Marktwirtschaftsuntertanen aber auch deren wenigstens ideelle Aufhebung in den Gospeln der offiziellen Religionen.

Mehr allerdings in den östlichen Lehren von Überwindung des „Ichs“ und der Geringschätzung „weltlichen Erfolgsstrebens“ als im Christentum, das als „westliche“ Religion viel Zeit und Gelegenheit hatte, vom Kapitalismus von dessen Entstehung an absorbiert und zu seinen Zwecken umgemodelt zu werden (Calvinismus z.B.)

Das Jesuswort, dass man „so werden solle wie die Kinder“, um ins „Himmelreich“ einzukehren (Matthäus 18:2-4) deutet ja bereits in die kommunistische Richtung: keinem Kind leuchten automatisch die Eigentumsgesetze einer kapitalistischen Gesellschaft ein, und erst recht nicht die Tatsache, dass jedes Ding auf der Welt ein Preisschild aufkleben hat (unsichtbar oder sichtbar). Das müssen die lieben Kleinen erst beigebracht kriegen, damit sie in der kapitalistischen Realität eine Chance haben, zu funktionieren.

Der Buddhismus geht weiter und macht das Durchschauen der „Naturwüchsigkeit“ des Eigentums-, also des Ich-Begriffs, zum Kern seiner Botschaft. Er ist insofern die kommunistischste aller Religionen, jedenfalls was die Theorie betrifft. Schaut man sich die Realität an, beispielsweise den tibetischen Sklavenhalter- und Leibeigenenstaat bis 1951, wird man schnell eines Anderen belehrt.

Umgekehrt lässt sich vom Christentum sagen, dass dessen ausgesprochen soziale, mitmenschliche Orientierung am ehesten einer Ordnung entspricht, die sich die Solidarität unter den Leuten zum Ziel setzt und nicht die Bereicherung der Rücksichtslosesten und Gerissensten.

Bleibt aber alles graue Theorie und taugt bestenfalls als inneres Trostpflaster zur Gewissenberuhigung für Einzelne, der religiöse Zinnober. Wir kommen nicht drum herum, die Verhältnisse in der Welt, in der wir leben (müssen), so zu gestalten, das sie ein ständiges Leben für alle hergeben. Und das heiß nach Lage der Dinge: Abschaffung des Privateigentums n Produktionsmitteln wo erforderlich und Entmachtung der Kapitalisten als Klasse (nicht als Organisatoren der gesellschaftlichen Reichtumsproduktion, sofern das unter der strengen Kontrolle der Gesellschaft erfolgt, siehe China).

Soweit die religions- und gesellschaftspolitische Erörterung während des ersten Kaffees am Sonntagmorgen.

Unsichtbare Grüße.