Geschichten aus dem Pflegeheim: Der Herbst steht auf der Leiter, wir malen Blätter an

Der Jahreszeit angemessen gibt es diesmal in der Mal- und Kreativrunde ein lustiges Blätterdrucken. Das heisst, Herbstblätter, die ich vorher in der Umgebung der Einrichtung eingesammelt habe, werden in Acrylfarbe getunkt und dann auf Papierbögen gepresst. Das ist nach dem Geschmack meiner Leute, schon weil es unmittelbare Resultate bringt. Allerdings ist die Handhabung eine Herausforderung für die teilweise haptisch limitierten und dementen Teilnehmer: die dünnen Blätter müssen am besten am Stiel angefaßt werden und beginnen sich sofort einzurollen, sobald sie Farbe aufgenommen haben. Trotzdem schafft es jede(r) – mit etwas Hilfe – seine Blätter zu färben und aufs Papier zu pressen.

Die Farbe drücken wir aus der Tube in flache Glasschälchen, ohne sie gross zu mischen, damit die unterschiedlichen Farbtöne sich auf den Blättern wiederfinden können. Frau S., die auf den ersten Blick den Eindruck einer freundlich-resoluten Dame macht, sich stets schick kleidet und der man ihre Demenz nur anmerkt, wenn man sich länger mit ihr unterhält, legt gleich freudig los. Sie rührt aber die drei oder vier verschiedenen Farben im Schälchen vor ihr so wüst durcheinander, dass ein matschiges Braun heraus kommt. Sie ist enttäuscht, dass ihre Blätter nicht so schön bunt sind wie die ihrer Nachbarin, aber als ich ihr neue Farben in das Schälchen drücke und zeige, wie man diese höchstens minimal ein bißchen mit dem Pinsel verteilt, ist alles wieder gut.

Als nächstes wende ich mich Frau P. und Herrn M. zu, die die Aufgabe klasse finden, aber Schwierigkeiten haben bei der mentalen Verarbeitung der einzelnen Schritte des Vorganges. Frau P. hat sich eine Handvoll Blätter von dem Tablett gegriffen, auf die ich die Herbstblätter gelegt habe und legt diese nun auf ihren Papierbogen. Sie ruft mich herbei, ist ganz stolz auf ihr Werk und sagt: „Gut, oder?“ Da kann ich nicht widersprechen, denn buntes Herbstlaub sieht natürlich auch im natürlichen Zustand gut aus. Nachdem ich ihr aber noch einmal erklärt habe, dass wir ein Bild machen wollen, auf dem die Blätter NOCH BUNTER als in echt sind, fällt der Groschen bei ihr. Da sie haptisch und motorisch sehr eingeschränkt ist, muss ich ihr die Blätter einfärben. Anschließend platziere ich die Blätter dorthin, wo Frau P. hindeutet, so dass sie das Gefühl hat, dass dies ihre Kreation ist.

Herr M. sitzt derweil ziemlich ratlos vor seinem Papierbogen. Er scheint sehr zu schätzen, was er bei den anderen entstehen sieht und will nun auch so etwas herstellen, aber er kann nicht nachvollziehen, wie er vorgehen muss. Ich zeige es ihm und er freut sich über die bunten Abdrücke auf dem Papier. Immer wieder aber versucht er, „leere“ (also nicht eingefärbte) Blätter aufs Papier zu pressen und ist dann verwundert, dass nichts passiert. Hier ist also Eins-zu-eins-Betreuung angesagt und ich bleibe erstmal bei Herrn M., bis sein Papierbogen keinen Platz mehr hat für weitere Blätterabdrücke.

Schließlich sind alle fertig und wir zeigen unter vielen „Als“ und Ohs“ die sechs Werke in der Runde herum. Die simple Methodik (gar nicht so simpel für Menschen mit physischen oder psychischen Einschränkungen!) und die schönen bunten Ergebnisse sind im Grunde geeigneter für dieses Gruppenangebot als „anspruchsvollere“ Aufgaben wie das Zeichnen konkreter Gegenstände, nach Bildvorlagen oder ähnliches. Es gibt auch Teilnehmer, die mit viel Geduld und Ausdauer an solchen Bildern arbeiten (wollen) – heute aber habe ich vier Menschen mit Demenz in einer Runde von sechs Aktiven (und einigen Bewohnern, die wie üblich einfach nur dabei sitzen, um zuzugucken). Flugs ist eine Ausstellung auf dem Podium der Cafeteria organisiert und alle sind stolz wie Bolle auf ihre Bilder – und auf die anerkennende Würdigung durch Bewohner und Gäste, die sich in der Cafeteria aufhalten oder dort hineinkommen und die neue Ausstellung bewundern.