Imagine all the people sharing all the world

Mein Freund Sudeva fragt:

„Can you imagine all the world uniting the inner male and female, embracing also the dark and the light? That’s a new line for John Lennon😉“

Sudevas Frage hat eine ganze Reihe Reflexionen ausgelöst, die meine nicht unerhebliche Imagination betreffen. Ich werfe einen Blick zurück bis ans Ende des Erinnerungstunnels, als ich schätzungsweise vier oder fünf Jahr alt war. Von dort ausgehend schaue ich mir den Ablauf eines Lebens an, das von genau dieser Vorstellungskraft BESTIMMT ist. 

So unterhaltsam Einbildungskraft und Kreativität für mich selber waren und sind, so nützlich beide für meinen Job als Kunstgeragoge sind, so wenig taugen sie zu einem Verständnis der Realität, welches mehr ist als die Projektion des Beobachters auf die Leinwand des Beobachteten.

Im Grunde habe ich immer, mein ganzes Leben lang, von der Einbildung gelebt, inklusive der diversen spirituellen Unternehmungen und der absolut ernst gemeinten Selbsterforschung. In meiner Einbildung war immer alles so strahlend und großartig, wie die Schriften und Gurus es versprachen; die Erleuchtungskarotte baumelte in goldenem Schein, zum Greifen nah, vor meiner Nase und in meiner Vorstellung passte ich meine Erfahrungen an dieses Ideal an.

JEDE Art von innerer Utopie, Zustandsbeschreibung, feuilletonistische Ausschmückung, romanhafte Illustration menschlicher Erfahrung fällten einem imaginationskräftigem Verstand wie dem meinen auf fruchtbaren Boden und wird als eigene Sicht aufgegriffen und integriert.

Damit kann man ein guter Karikaturist, Künstler, Kunstgeragoge werden, aber ein Begreifen der gesellschaftlichen Zusammenhänge folgt daraus nicht. Eher wird es schwieriger gemacht, weil die imagination einen stets einen Ausweg aus den allzu ungemütlichen Hörten des realen Lebens anbietet.

Die Stille hinter dem Lärm der Erscheinungen ist mir bekannt, der Rhythmus, in dem Atome und Galaxien sich bewegen, ebenfalls. Auch ist mir die Leere in und hinter allen Formen vertraut. Kurzum: ich kenne mich aus mit Nabelschau und respektiere den ernstzunehmenden Aspekt davon, die Notwendigkeit einer klaren Sicht auf die Funktionsweise des menschlichen Geistes.

Esoteriker und “spirituelle Leute” machen hier halt – und das ist ein Fehler. Es ist die Rationalisierung des eigenen Mitmachen, der eigenen Kollaboration mit der Gewalt der Verhältnisse, der Kompromiss mit einer Welt von Ausbeutung und Krieg.

Egal wie erleuchtet du zu sein glaubst, du bleibst immer den Umständen unterworfen, die – in der realen Welt – andere bestimmen. Für das ganz normale menschliche Dasein und die für menschliche Gesellschaften erforderliche Reproduktion ist nicht entscheidend, ob die einzelnen Teilnehmer einer gegebenen Gesellschaft „ihre männlichen und weiblichen Anteile in sich integriert“ haben. Entscheidend ist die Frage: wem gehört das ganze Zeug, mit dem die gesellschaftliche Reproduktion erst möglich wird? Wer bestimmt über Produktion, Waren, Dienstleistungen und deren Verteilung?

Ohne ein Verständnis der politischen Ökonomie einer Gesellschaft bleibt man ein ahnungsloses Blatt im Wind, ein soziales Atom, dessen Verhalten vom Erhitzungs- oder Abkühlungsgrad der Umgebung definiert wird. Die Beendigung der infantilen Barbarei kapitalistischer Produktion – kollektive Wertschöpfung, private Aneignung – und der Abhängigkeit der Masse der Menschen von Konkurrenz- und Profitabilitätserwögungen der privaten Eigentümer der Produktionsmittel ist nötig, wenn die Menschheit überleben will. Sie wird möglich durch den Zusammenschluß der Mehrheit gegen die kleine Minderheit der Mächtigen – deren Macht in der Eigentumsordnung begründet liegt. Aber sie IST möglich, und das ist die gute Nachricht. 

Dazu muss man sich Kenntnisse aneignen, die über Nabelschau und Psychologie hinausgehen (ohne diese zu vernachlässigen) und ein klares Verständnis der Macht-, der Eigentums- und zu guter Letzt der KLASSENverhältnisse erwerben. Denn darauf läuft‘s hinaus in der Klassengesellschaft. All das Zeug, was ALLE zum Existieren benötigen, gehört einer winzigen Schicht von privaten Eigentümern. Ohne die Eigentumsfrage zu stellen, bleibt der Mensch und die Gesellschaft, die er erschafft, ein blindes, dem Zufall und dem Belieben anderer unterworfen.

Der Ausbruch der Menschheit aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit ist erst möglich, individuelle Freiheit ist erst vollständig, wenn es gelingt, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (Karl Marx)

„And in the end
The love you take
is equal to the love
you make“