
Vor kurzem habe ich durch Zufall entdeckt, wie gut seemännische Sagen und Gruselgeschichten bei meinen betagten Schützlingen in der Pflegeeinrichtung ankommen. Heute bot sich die Gelegenheit, Seemannsgarn mit der Mal- und Kreativrunde zu koppeln bzw. den Begriff vom Seemannsgarn auf eine praktisch-kreative Ebene zu transportieren:
Beamer aufgebaut, bei YouTube Brandungswellen und Meeresrauschen in Dauerschleife aufgerufen, „Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen von Heinrich Smidt“ (lizenzfrei bei „Projekt Gutenberg“) geöffnet – schon war stimmungsmäßig alles für einige Piraten-, Geister- und Klabautermanngeschichten vorbereitet.
Fehlte noch das Handwerkszeug für die kreative Betätigung. Da ich den Leuten Seemannsgarn erzählen beziehungsweise vorlesen und sie gleichzeitig in irgendeine Art künstlerisch-kreativen Prozess begleiten wollte, tat ich das Naheliegende: ich ließ die Assistentin beim gegenüberliegenden TEDI dünne Hanfschnüre, faserige Schnurrollen, grobe Wollknäuel u.ä. besorgen. Damit hatten wir echtes Seemannsgarn, das zusammen mit Aquarellpapier und ein paar Tuben Tempera- und Acrylfarben unsere Grundausstattung für die Begleitbilder zu den Geschichten ergab.



Das Prinzip ist fürchterlich einfach: man taucht die Schnüre und Fäden mithilfe eines Pinsels oder ähnlichem in die Farbe ein und zieht sie dann auf beliebige Art und Weise über das Papier, so dass sich – soweit die Theorie – interessante Muster und Bildeffekte ergeben. Die Praxis bestätigte die Theorie, alles klappte bestens; allerdings funktioniert selbst dieser extrem niedrigschwellige Ansatz bei alten Menschen, die teilweise haptisch und dementiell eingeschränkt sind, nur mit Assistenz.
Einige konnten es nach kurzem Hinsehen aber auch selber machen. Denn schwierig ist es ja wirklich nicht. Die Ergebnisse jedenfalls sprechen für sich. Einige der so entstandenen Bilder sieht man so oder ähnlich, kostbar gerahmt, in irgendwelchen Hotelfluren oder Arztpraxen, vermutlich für teuer Geld in irgendeiner Kunsthandlung erworben.









Die Kombination aus Seemannsgarn vorlesen und selber mit Seemannsgarn mehr oder weniger abstrakte Bilder zu erstellen kam jedenfalls sehr gut an. Aus kunst- und kulturgeragogischer Sicht werden hier mehrere Aspekte abgedeckt, nämlich die der kreativen Betätigung, der kulturellen Bildung (wenn man Seefahrer – und Klabautermann Geschichten dazu zählen will) und das gemeinschaftliche multimediale Erlebnis einer virtuellen Seefahrt mitten im Hochsommer. Zusätzlich zu den „Mighty Ocean Waves“ in 4K Dauerschleife hatten wir natürlich auch die unvermeidlichen Seemannslieder parat, die alle kennen und gerne mitsingen.
Beim Ablauf ist darauf zu achten, dass nicht mehr als eine Betätigung/ein Input gleichzeitig passiert. Die Erstellung der Bilder erfolgte zum Beispiel als Unterbrechung der Vorlese-Einheiten. Das Angebot selbst dauerte etwa eine Stunde – davon entfielen jeweils etwa 25 Minuten aufs Vorlesen bzw. auf die kreative Betätigung/aufs Bilder erstellen. Der Rest bestand in der gemeinsamen Betrachtung der Bilder und dem Austausch über die Geschichte.
Sollte es jemals zu einer Neuauflage von Heinrich Smidts Buch „Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen“ kommen, wären die heute entstandenen Bilder jedenfalls geeignete Illustrationen für eine hochklassige Neuausgabe!





