Geschichten aus dem Pflegeheim: der Frühling kommt

Die wöchentliche Mal und Kreativrunde gibt es seit 2017 , als ich meinen Dienst bei der Diakonie in Neuss antrat. Viele Bewohner, Kurzzeitpflegegäste und sonstige Interessierte haben reingeschaut, mitgemacht, haben ausprobiert, ob das Angebot etwas für sie ist und etliche sind geblieben. Mit der Zeit hat sich ein fester Kern von etwa sechs bis acht Leuten herausgebildet, die die Runde schätzen und die die kreative Inspiration, die sie dort finden bzw. die dort gefördert wird, als wichtigen Teil ihres Heimalltags schätzen.

Da es in der Natur der Sache liegt, dass in einem Pflegeheim die Fluktuation der Teilnehmer ziemlich hoch ist – in einer solchen Einrichtung wird nun mal mehr gestorben als im Rest der Bevölkerung – ist es schon ein kleines Wunder, dass fünf oder sechs Leute seit über sieben oder acht Jahren dabei geblieben sind. All diese Stammgäste sind in den letzten vier Wochen verstorben. Die jährliche Grippewelle ist durch die Einrichtung gefegt wie ein Wintersturm, der die schwachen Bäume entwurzelt und ihr Leben beendet.

Die Mal- und Kreativrunde musste also einen Neustart hinlegen, ein Relaunch war fällig, neue Teilnehmen mussten gefunden und in die Gruppe integriert werden. Nun kenne ich meine Altpappenheimer, und kenne die bei den meisten vorhandene Neigung, schon aus lauter Bequemlichkeit – oft aber auch aufgrund der Tatsache, dass den allermeisten Kunst und Kreativität vom schulischen Kunstunterricht vermiest und versaut worden ist – zuerst mal mit der Standardbemerkung „Nee, Malen ist nichts für mich, das konnte ich noch nie…“ das Angebot abzulehnen.

Bisher war das kein Problem, da wir im Laufe der Zeit die Gruppe für genau diese Leute geöffnet haben: Bewohner, die einfach dabei sein wollten, ohne jeden Zwang dabei saßen, den anderen zuschauten, Musik hörten, sich gut unterhielten und froh waren über die ein bis zwei Stunden Abwechslung im langweiligen Heim Alltag. nach einer Weile erhielt diese Gruppe eine eigene kleine Sitzgruppe, die wir „Die gemütliche Ecke“ nannten. Das wurde so populär, dass häufig in der „Gemütliche Ecke“ mehr Leute saßen als an den Tischen, wo das Kreativ-Angebot stattfindet.

Diesmal wollte ich es anders machen und versuchen, ein paar der „Gemütlichen“ zu „Kreativen“ zu machen! „Niedrigschwelligkeit“ ist das Zauberwort: das Angebot muss so einfach und gleichzeitig so verführerisch sein, dass auch chronische „Ich kann nicht malen!“-Kandidaten sich an die Kreativtische trauen. Das geht logischerweise am besten, wenn gar nicht gemalt (oder gezeichnet) wird, sondern mit einfach zu handhabenden Elementen wie Aufklebern, Bastelkram, Deko-Federn und -Blättern und dergleichen gearbeitet wird. Natürlich darf das Wort „Arbeit“ dabei nicht fallen, sondern das Ganze muss verkauft werden als einzigartige Gelegenheit, zusammen Spaß und Unterhaltung zu haben.

Zusammen mit meiner Assistentin tauche ich also erstmal in die Tiefen unseres Mal-Schrankes, wo sämtliche Werkzeuge und Utensilien aufbewahrt werden, die wir im Laufe der Jahre angeschafft haben. Tatsächlich können wir unglaubliche Mengen an nie benutzten Bastelmaterialien hervorholen, die natürlich nicht alle für unseren heutigen Zweck tauglich sind, aber sehr viel davon häufen wir einfach auf den Tischen auf.

Wir rühren auf den Wohnbereichen ein bisschen die Werbetrommel, versichern den Leuten, dass heute eine echte Überraschung und eine schöne Abwechslung zum Neustart der Mal- und Kreativrunde ansteht und haben schließlich acht Teilnehmer im Angebot sitzen von denen nur ein oder zwei jemals aktiv teilgenommen haben. Vier oder fünf weitere Beeohner haben es dich in der „Gemütlichen Ecke“ bequem gemacht und schauen von dort aus zu.

Wir legen noch einmal eine kurze Gedenkminute ein und tauschen Erinnerungen aus an die bekanntesten und populären kürzlich verstorbenen Mitglieder der Gruppe, die mittlerweile an anderer Stelle ihrer Kreativität fröhnen:

Dann erkläre ich der Gruppe, dass wir heute mit all dem Material, das vor uns auf den Tischen liegt, einfach nur rumspielen, es ausprobieren und auf die bereit gelegten grauen Pappen legen wollen, und dass jeder die Möglichkeit hat, sich aus dem reichhaltigen Angebot von Materialien, Stickern, Blättern und all dem anderen Bastel- und Dekozeug zu bedienen. Als einziges Motto gilt heute „So bunt und fröhlich wie möglich, damit wir die Wiederkehr des Frühlings angemessen feiern können“.

Das finden alle gut, denn dass das Wetter in den nächsten Tagen fast bis zu 20° warm werden soll, haben alle irgendwo gehört und es schon ausgiebig am Mittagstisch besprochen. Wir legen also los. Die Niedrigschwelligkeit in Bezug auf Material, Haptik und Thema ist das eine – die praktische Umsetzung (besonders das Abpulen von Stickern von ihrer Unterlage oder das Aufkleben von Blättern und anderen Elementen) das andere.

Die Assistentin und ich sind während der gesamten Runde im Dauereinsatz und versuchen, jedem einzelnen mit seinem Bild genüge zu tun, gerecht zu werden, seine Ideen um zu setzen und nachzuhelfen, wenn einer trotz aller Niedrigschwelligkeit und Einfachheit der Aufgabe ratlos vor seinem Kartonbogen sitzt. Das kommt (nicht nur) bei dementen Menschen häufig vor, und heute haben wir vier oder fünf Demente in der Runde. Andere sind fasziniert von all den schönen bunten Sachen, die wir auf den Tischen ausgebreitet haben und fangen von alleine an, ihre Bilder zu konzipieren, indem sie beginnen, verschiedene Sachen auf den Kartonpappen zu sammeln, zu arrangieren usw.

Tatsächlich kriegen alle ihre Mixed-Media-Collage in den anderthalb Stunden fertig, die die Runde dauert. Die Stimmung ist gut und fokussiert kreativ – und durchweg so fröhlich wie die Farben und Bildkombinationen, die die Leute vor sich haben. Dazu trägt wie immer auch unsere Standard-Playlist von Schlagern der 1940er bis 1970er Jahre bei, deren Hits viele Teilnehmer mitsingen. Alle sind positiv angetan von den Resultaten ihrer Tätigkeit. Um diese erste „Neue Mal- und Kreativrunde“ würdig zu beenden und den Teilnehmern abschließend noch einmal Ihre Werke gesamthaft vor Augen zu führen, beschließen wir eine spontan Ausstellung der gesammelten Mixed Media Collagen.

Gesagt, getan, und als alles aufgebaut und auf dem Podium in der Cafeteria arrangiert ist, halten die Teilnehmer auf dem Rückweg in ihre Wohnbereiche noch einmal davor an, bestaunen die Werke und freuen sich, was sie wieder Tolles geschaffen haben. „Das war richtig toll heute!“, „Vielen Dank, das war sehr schön !“ sagen einige zum Abschied.